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Ausgabe:

1891 Nr. 2

Spalte:

47-50

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Monrad, D.G.

Titel/Untertitel:

Aus der Welt des Gebets 1891

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 2.

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faffung einer Agende beauftragte Chytraeus fchreibt, dafs
der letztere durch nichts fo lehr in feinem Vorfatz, den
Lutheranern die von ihnen gewünfchte und theilweife
fchon gewährte Glaubensfreiheit zu beftätigen, gehindert
werde, als durch deren eigene innere Streitigkeiten. Für
die Verfchiebung des Glaubensbegriffs, welche hier und
anderwärts diefer Streitfucht zu Grunde lag, giebt es kaum
einen charakteriftifcheren Ausdruck als die bei Einreichung
einer Petition um Gewährung der Peligionsfrei-
heit gegebene Erklärung (S. 12): ,Da unfer Anliegen
nicht blofs das zeitliche Wohl, fondern auch jedermanns
Gewiffen und Seligkeit, die Ehre des Allmächtigen und
die Verföhnung feines gerechten Zornes berührt, und
Gott nur durch die Förderung feiner reinen heilfamen
Lehre, durch wahrhaft chriftliche Ceremonien und durch
den rechten Genufs des hochwürdigen Sacraments ver-
föhnt werden kann, fo gedenken wir mit Gottes Hülfe
in dem Erkenntnifse der wahren Religion der Augs-
burgifchen Confeffion zu verharren, dabei zu genefen
und zu fterben.' Bei einer folchen Auffaffung begreift es
fich, dafs nicht nur jede Gemeinfchaft mit den ,irrigen
Secten der Widertäufer, Schwenkfeldifchen, Zwinglifchen
und Calvinifchen' abgelehnt wird, fondern auch innerhalb
der lutherifchen Kirche felbft, welche die Freiheit für
fich fordert, die Ausfchliefslichkeit und der Glaubenszwang
in der widerlichften Weife fich geltend machen
(vgl. S. 58. 60), aber ebenfo auch, dafs ein folcher Glaube
der jefuitifchen Gegenreformation Angriffspunkte genug
darbieten mufste, die ihren Sieg über ihn erleichterten.

Bafel. R. Staehelin.

Tobien, Dr. W., Kirchengeschichte von Schwelm bis ins
17. Jahrhundert. Nach den Berichten der Zeitgenoffen
im Archiv der lutherifchen Kirche zu Schwelm. Mit
1 Schrifttaf. Schwelm, Scherz, 1890. (VII, 92 S. 8.)
M. 1. 50.

Die Schrift ift im Wefentlichen eine Berichterftattung
über die auf die Kirche von Schwelm und namentlich
ihre Pfarrer fich beziehenden Urkunden und geht, fowie
auch die von S. 64 an im Anhang mitgetheilten Docu-
mente, nur feiten über das localgefchichtliche Intereffe
hinaus.

Bafel. R. Staehelin.

Monrad, D. G., Aus der Welt des Gebets. Nach der 5. Aufl.
übertragen v. Paff. J. Peterfen. Dresden, Brandner,
1890. (VII, 197 S. 8.) M. 1. 50; geb. M. 2. 40.

Diefe neue Ueberfetzung des unter uns längft bekannten
und gefchätzten Buches ift durch die Abficht
des Verlegers, durch Veranftaltung einer billigen Ausgabe
feine Verbreitung in möglichft weite Kreife zu
fordern, veranlafst. Sie unterfcheidet fich aufserdem von
der früheren von Michelfen durch gröfsere Treue gegen
das Original, ohne dafs dadurch, wie bezeugt werden
darf, der Eigenart deutfcher Ausdrucksweife Eintrag ge-
fchehen wäre. Das Buch verdankt fein Anfehen feinen
unleugbaren grofsen Vorzügen und Schönheiten. Es
redet darin zu uns ein Mann, der in der ,Welt des Gebets
' daheim ift und fie fowohl aus eigener hirfahrung,
wie aus der des Herrn Jefu, feiner Apoftel und der
Frommen aller Zeiten kennt. Feines pfychologifches
Verftändnifs, tiefe Herzenskenntnifs, reiche Lebenserfahrung
, ein weiter Blick und ein nüchternes gefundes
Urtheil befähigen ihn in hohem Mafse, in diefer fchwie-
rigen und verwickelten Frage des inneren Seelenlebens
das Wort zu ergreifen und feelforgerliche Anleitung zu
geben. Er thut dies, indem er zuerft in einer Einleitung
die ,Welt des Gebets' im Allgemeinen in ihrer Eigenart
befpricht und die Bedeutung des Gebetes für die Entfaltung
des inneren Lebens in's Licht ftellt, dann in drei

weiteren Abfchnitten das Vorbild Chrifti und feiner
Apoftel behandelt (II. Die Nachfolge Chrifti. III. Der
betende Chriftus. IV. Die Gebete der Apoftel), in V und
VI (Die Bereitung des Gemüths; Die Hindernifse des
Glaubens) zu einer dem Gebet vorausgehenden und es begleitenden
pädagogifchen Behandlung der Seele anleitet,
in VII und VIII Inhalt und Art des Gebets darlegt, um
nach einer Warnung vor ,Täufchung im Gebet' (IX) mit
Erörterungen über die Frage der Gebetserhörung und
das Gebet im Namen Jefu (X) zu fchliefsen. In allen
diefen Abfchnitten ift eine Fülle von feinen und wahren
Gedanken und Beobachtungen niedergelegt, und wer in
den Kämpfen und Anfechtungen feines inneren Lebens
hier Troft und Rath fucht, wird manche treffliche An-
weifung und einen kräftigen Anftofs für feinen Willen
finden. Ganz befonders find hier die fchönen Schilderungen
des Gebetslebens Jefu und feiner Apoftel hervorzuheben
. Voll feelforgerlicher Weisheit im Einzelnen ift,
was von den Hindernifsen des Gebets ausgeführt wird.
Auch der .Inhalt des Gebets' wird im Ganzen echt
biblifch dargelegt.

Diefen grofsen Vorzügen fleht freilich ein Grund-
fchade gegenüber, dafs es nämlich an einer klaren und
fcharfen Antwort auf die Frage, worin das Wefen des
chriftlichen Gebets befteht, und wie es zu Stande kommt,
fehlt. Schon das mufs von vornherein auffallen, dafs
das ,Gebet im Namen Jefu' erft am Schlufs fleht, ftatt
am Anfang, und dort nur in Verbindung mit der Gebetserhörung
behandelt wird. Der Verf. verfugt ja über die
richtige Erkenntnifs, dafs ein Gebet, das nicht im Namen
Jefu gefchieht, kein chriftliches Gebet ift. Aber diefe
Erkenntnifs wird nicht fo in den Mittelpunkt feiner Anleitung
zum Beten geftellt, wie es fein müfste. Es ift ja
iicher fehr richtig und für die feelforgerliche Betrachtung
auch fehr zu beachten, dafs, wie der Verf. in der Einleitung
ausführt, das Gebet ein Mittel ift, uns in der
Gotteserkenntnifs zu fördern, und dafs die Stärkung im
Glauben eine Frucht des Gebetes ift. Wichtiger aber
wäre es gewefen, die Verföhnung mit Gott durch
Chriftum, und den Glauben, in dem fie in uns zur Wirklichkeit
wird, als die eigentliche Wurzel des Gebetes aufzuweiten
. Dann hätte fich ergeben, dafs das Wefen
unferes Chriftenftandes in der durch Chriftus wiederher-
geftellten Gemeinfchaft mit Gott im Glauben befteht,
und dafs wir darum des Umgangs mit Gott in jeder
Aeufserung unferes Chriftenlebens, nicht blofs im ausdrücklichen
Gebetswort, pflegen, dafs demgemäfs das
Gebet nicht eine befondere Function unferes Chriftenlebens
ift, fondern nur eine befondere Form unferes
Umgangs mit Gott, deren Verhältnifs zu anderen Formen
individuell bedingt ift. Dann erft gewänne das fchöne
Wort von der ,Welt des Gebetes' einen fcharf geprägten
Sinn, während es hier ein geiftreich fchillernder Begriff
ift, mit dem man jeden Augenblick eine andere Bedeutung
verbinden mufs. Der Verf. meint damit zunächft den
regelmäfsigen Gebetsumgang mit Gott und die darin zu
machenden Erfahrungen. Da es aber in der That nicht
angeht, den Gebetsverkehr mit Gott von den übrigen
Aeufserungen des Glaubenslebens zu trennen, fo fchreibt
er fort und fort dem Gebetswort zu, was in diefem Sinne
nur dem gefammten Glaubensleben und dem darin geübten
Umgang mit Gott zukommt. Diefer Fehler hängt
aber wiederum damit zufammen, dafs der Verf. nicht
fcharf genug den evangelifchen Begriff des Glaubens als
vertrauensvolle Hinwendung des Willens zu Gott unterfcheidet
von den theoretifchen Vorausfetzungen und
Folgerungen des Glaubens. Ihm fehlt das rechte Verftändnifs
nicht, und er verwendet es fort und fort. Aber
dann fchiebt fich ihm doch immer wieder die falfche
Auffaffung unter, als handle es fich beim Glauben um
das Purwahrhalten gewiffer Thatfachen, Lehren, Wahrheiten
, und als fei das Mafs des Glaubens das gröfsere
oder kleinere Quantum folcher Wahrheiten. Als Beifpiel