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Ausgabe:

1891

Spalte:

657-658

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ansprachen für Evangelische Arbeiter-, Bürger-

Titel/Untertitel:

Volks- und Männervereine 1891

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Seite 1

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657 Theologifche Literaturzeitung. 189T. Nr. 26. 658

apokryphen acta Pilati enthalten viel Sagenhaftes, aber
über feine Abftammung enthalten fie nichts. Eufebius
erzählt, Pilatus habe fich, nach Vienna verbannt, dort
felbft entleibt {//ist. eccl. II'7); aber über feine Abftammung
weifs auch er nichts. Der Tod des Pilatus wurde
dann legendenhaft ausgefchmückt; aber die erfte Nachricht
über feine Abftammung finden wir in einem deut-
fchen Gedicht aus dem 12. Jahrhundert, deffen Hand-
fchrift 1870 in Strafsburg verbrannt ift; diefelbe Sage
wird in einer Pergamenthandfchrift erzählt, welche zu
München bewahrt wird und ebenfalls aus dem 12. Jahrh.
flammt (vgl. Mone: Anzeiger für Kunde der deutfchen
Vorzeit 1835, P-424, 1838 p. 526). Darnach war Pilatus
der uneheliche Sohn eines Königs Tyrus zu Mainz und
einer Müllerstochter Pyle; geboren wurde er zu Perleich
bei Babenberg und kam früh als Geifel nach Rom. Es
mag fein, dafs diefe Legende älter ift, als das Gedicht;
aber irgendwelche gefchichtliche Unterlage hat fie nicht.
So gehört die germanifche Abftammung des Pilatus der
dichtenden Phantafie an; kein verftändiger Menfch hat
fie je für gefchichtlich genommen.

Endlich müffen wir noch des Verf.'s Anficht hören
über das Verhältnifs des Chriftenthums zum Judenthum.

,Das Judenthum betrachtet das Chriftenthum als
Tochterreligion, welche vom Judenthum als erfter
Apoltel in die Welt gefchickt worden ift, um den
wefentlichen Inhalt des Judenthums unter den Heiden
zu verbreiten . . . glaubt aber, dafs das Chriftenthum
nothwendigerweife, um bei dem Heidenthum
Eingang zu finden, von diefem manches angenommen
hat. Diefe Beimifchung fremder Elemente wird die
Tochterreligion mit der Zeit in ihre Schranken bringen
und fich dadurch wieder ihrem Urfprung nähern' (p. 271),
d. h. das Judenthum ift die vollkommenfte Religion, das
Chriftenthum ift eine Abart des Judenthums und das
Ziel der Entwickelung wird fein, dafs die Chriften wieder
Juden werden. Auch hier befchränke ich mich auf zwei
Bemerkungen: das altteft. Judenthum eignet fich nicht
zur Weltreligion um des ihm eigenthümlichen Cerimo-
nialwefens willen. Verf. felbft klebt an Befchneidung
und mofaifchen Speifegefetzen, die doch religiös werthlos
find. Will man aber dem Judenthum fein Gefetz
nehmen, dann bleibt nur die abftracte Idee des höchften
Gottes. Hier ift das Chriftenthum freier und deshalb dem
Judenthum überlegen: es kennt kein Gefetz, fondern nur
einen neuen Geift, der von Gott kommt und uns in alle
Wahrheit und Sittlichkeit leitet. Sodann Hellt das Chriftenthum
ein höheres Ziel auf als das Judenthum: der Jude
ift Gottes Knecht, der durch Wohlverhalten fich das
ewige Leben zu verdienen bemüht; der Chrift ift Gottes
Kind, welches das ewige Leben hat und in feiiger Ge-
meinfchaft mit dem Vater lebt in Zeit und Ewigkeit.
Dafs diefe Idee das jüdifche Ideal übertrifft, kann kein
Zweifel fein; dafs fie aber wahr ift, das freilich kann
nicht andemonftrirt werden, das erfährt nur der, welcher
durch Jefum Chriftum mit dem heiligen Geift erfüllt wird.
Auf diefe Erfahrung kommt alles an, wer fie nicht macht,
dem wird das Chriftenthum ein unverftändliches Geheim-
nifs, die Perfon Chrifti ein Räthfel bleiben, ein Räthfel,
das er entweder als Aergernifs bekämpft oder als Thor-
heit verachtet.

Bonn. Sachfse.

Ansprachen für Evangelische Arbeiter-, Bürger-, Volks- und
Männer-Vereine, zufammengeftellt von Pfr. Lic. Weber-
M.-Gladbach. Gütersloh, C. Bertelsmann, 1891. (VIII,
584 S. gr. 8.) M. 4. —; geb. M. 4. 80.

Je häufiger in unferen Tagen an den ev. Geiftlichen
die Aufforderung herantritt, in Vereinen, welche der Abwehr
des Socialismus oder des Ultramontanismus und
der Pflege des Patriotismus gewidmet find, das Wort zu
ergreifen, um fo erwünfchter wird es vielen fein, ein

I Buch zu kennen, welches ebenfo einen mannigfaltigen
j Stoff für derartige Reden, wie Mutter volksthümlicher,
von der ,Kanzelfprache' fich emancipirender Anfprache
bietet. Der verdiente rheinifche Vorkämpfer, Lic. Weber,
hat eine reichhaltige Sammlung folcher ,Anfprachen' hier
zufammengetragen. Eine Reihe älterer und jüngerer
Theologen, die fich in diefer Form der Rede praktifch
geübt haben — neben Stöcker und Weber felbft feien
befonders Naumann, v. Schubert, Jöfting genannt —
haben Beiträge geliefert, Aber der Herausg. hat auch
im Intereffe der Mannigfaltigkeit aus Sonntagsblättern
und Büchern, aus Hirtenbriefen und Flugblättern vieles
zufammengetragen, theils mehr im Intereffe der Stoffdarbietung
— fo aus Schürmann-Windmöller, Lehr- u.
Lefebuch für Fortbildungsfchulen, Auffätze über wirth-
fchaftliche Themata, und aus Luthardt, die modernen
Weltanfchauungen, die Ausführungen über die Social-
demokratie —, theils um volksthümliche Behandlung
eines Thema's zu zeigen. Die drei Ueberfchriften ,Aus
dem Gebiete der focialen Frage', ,Aus dem Gebiete der
Welt- und Zeitgefchichte', ,Anfprachen aus der Kirchen-
gefchichte' zeigen, was für ein bunter Inhalt hier vereinigt
ift. Selbft eine Sammlung von Sinnfprüchen und
Sprichwörtern, die in Reden über die fociale Frage nach
Belieben verwendet werden können, fehlt nicht. Gewifs
ift das Unternehmen löblich und vielen erwünfeht, es ift
auch recht viel fachlich Brauchbares, auch manches
Stück darunter, in dem der Ton gut getroffen ift. Aber
das Ganze macht in mancher Beziehung den Eindruck
desUeberhafteten,eiligftZufammengerafften. Warum z.B.
einen Vortrag des Herausgebers felbft nur nach einem
Zeitungsreferat: ,Der Himmel Deutfchlands fei gegenwärtig
mit einem blutrothen Scheine übergoffen . . . .
Redner erinnert nur an . . . / u. f. f.? Man erwartet gerade
von dem Herausgeber die Proben voller, die Unmittelbarkeit
des lebendigen Wortes des Volksredners bietender
Reden. Mufste doch auch gleich naeh dem Erfcheinen
des Buches der Herausg. fich öffentlich entfchuldigen,
dafs er aus Verfehen unfertige Concepte, die ihm gar
nicht zum Zweck des Abdrucks zugegangen waren, hier
ungeprüft, dem betr. Verfaffer zum gröfsten Verdrufs,
mitgedruckt hatte! Er fagt in der Vorrede, das Werk
fei ihm ,verhältnifsmäfsig leicht geworden'; er hätte auch
fagen können, dafs er es fich unverhältnifsmäfsig leicht
gemacht habe. Denn wie er die Manufcripte nicht gründlich
geprüft hat, fo kann er auch nicht einmal um den
Druck fich felber gekümmert haben. Sonft würden wir
nicht S. 480 den fchnurrigen Satz lefen, dafs in Nürnberg
gewiffe Gewerbe im idealften Zufammenhang mit
dem Humor (lies: der Kunft) geblieben, nicht S. 476
j von einer kaiferlichen Stelz (1. Pfalz), nicht S. 483 von
dem berühmten Humaniften Fickheimer (1. Pirkheimer)
hören, wir würden auch nicht in der Erzählung von der
Zerftörung Jerufalems durch einen verrückten ,Jelüs,
Mariä (1. Ananiä) Sohn' S. 452 beunruhigt werden —
von anderen Correcturverfehen, die auf die Beihülfe
eines theologifch-ungebildeten Gehülfen bei der Herausgabe
fchliefsen laffen, zu fchweigen. Wir begrüfsen den
Gedanken einer folchen Sammlung mit Freuden und
find dankbar für vieles, was hier gefammelt erfcheint;
um fo mehr möchten wir im Intereffe der Reputation
von Publicationen, an denen fo viele geachtete evangel.
Theologen betheiligt find, bitten, es mit den Pflichten
eines Herausgebers ernfter zu nehmen.

Kiel._____G. Kawerau.

Bibliographie

von Bibliothekar Dr. Johannes Müller.

Herlin W., Opernplatz, Königt, Bibliothek.

£cutfdic Literatur.
Jahrbuch, kirchliches, f. den Kanton Bern. 1892. In Verbindg. m. Freunden
hrsg. v. H. Rettig. Bern, [Huber & Co.]. (III, 32 S. m. Ab-
bildgn. 8.) 1, 80