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Ausgabe:

1891

Spalte:

653-657

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dubois, Friedr.

Titel/Untertitel:

Das Buch der Religionen 1891

Rezensent:

Sachsse, Eugen

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653

das Buch, noch feine merkwürdigen Schickfale kennt
(Reufch, Index 2, 763). J. B. Thiers, der S. 460 als ,ein
franzöfifcher Scribenf bezeichnet wird, war ein fehr ge-

führlich erzählt; dann folgt die Gefchichte des Judenthums
bis auf unfere Tage. Die Verfolgungen der Juden
von Seiten der Chriften, die Erneuerung des Judenthums

lehrter Theologe (f 1703, Reufch 2, 420;. Ueber die j durch M. Mendelsfohn und die endlich erlangte bürger
S. 161 erwähnte ,Beantwortung von acht wichtigen auf : lieh Gleichberechtigung werden befonders berückfichtigt.
eine Abänderung des Abftinenzgebotes abzweckenden j Dann folgt die Darftellung der jüdifchen Religion. Das
Fragen', — es ift der ungenau wiedergegebene Titel < Judenthum kennt nur ein Dogma: den Glauben an den
einer Schrift des Mainzer Exjefuiten Joh. Jung, — f. : einigen Gott und Schöpfer der Welt. Der Ifraelit foll
Reufch 2, 1005. j nach fittlicher Vollkommenheit ftreben, indem er die

Dafs W. von den .unnützen Brofchürenfchmierern', Pflichten gegen Gott, die Pflichten gegen den Nächften
wie fie Jofeph II. nannte (S. 577), im allgemeinen nicht i erfüllt und die Cerimonialgebote beobachtet. Pflichten
mehr fagt, ift nicht zu tadeln; aber von den direct gegen gegen Gott find die Anbetung, die Sabbatsfeier und die
Migazzi gerichteten Schriften und den Gegenfchriften er- [ Befchneidung; Pflicht gegen den Nächften ift die Liebe;
wartet man in einer Monographie von 900 Seiten ge- 1 aber auch die Cerimonialgefetze find fehr wichtig, wenn-
nauere Auskunft, als S. 578 und 657 gegeben wird. I gleich hier das Judenthum den Zeitverhältnifsen Rech-
gonn p pj Reufch nung trägt. Deshalb haben die Juden den Opferdienft

abgefchafft, als der zweite Tempel zerftört war, und Gebet
, Betrachtung und Belehrung als die einzige Gottesverehrung
anerkannt. .Diefe Thatfache ift eine Errungen-
fchaft des Judenthums und hat fleh deshalb auch voll-

Dubois, Friedr., Das Buch der Religionen. 10 Lfgn. Stuttgart
, Brennwald, 1890. (XVI, 777 S. gr. 8.) ä M. 1.—

Verf. beklagt im Vorwort, dafs Millionen fleh ein Ur- < kommen nur denjenigen Religionen mitgetheilt, welche
theil über die Religionen des Alterthums und der Gegen- , aus dem Judenthum hervorgegangen find', fagt Verf.
wart bilden, ohne fie zu kennen. Er will daher durch j p. 389. Sollte Verf. wirklich bezweifeln, dafs Jefus fchon
fein Werk Jedermann, fowohl den wiffenfehaftlich Ge- j 40 Jahre früher die Anbetung Gottes im Geift und in der

' Wahrheit als das Wefentliche von allem Cerimonialwefen
gefchieden hat? dafs fein gröfster Apoftel bereits im
Jahre 58 an die Galater gefchrieben hat: ihr habt Chriftum
verloren, wenn ihr durch das Gefetz gerecht werden wollt?

bildeten wie auchAndern Gelegenheit geben, ein gereiftes
Urtheil über das Wefen der einzelnen Religionen fleh
zu bilden. Nach diefer Ankündigung erwartet man eine
objective Darftellung der Religionen vom Standpunkte

der modernen Wiffenfchaft; in diefer Erwartung wird (Gal. 5, 4). Durch den neuen Geift "waren in der chrift-
man beftärkt durch die Angabe der Quellen, aus denen ; liehen Gemeinde längft Opfer, Befchneidung, Sabbat und
er gefchöpft hat: Baur, Münfcher, Hagenbach, Baum- alle Cerimonien für unverbindlich erklärt worden, ehe

garten-Crufius, Giefeler, Neander, Hafe, Ranke, Ernefti,
Woltmann, Böhme, Mathefius, Schleiermacher, Vatke,
Luthardt, Zöckler, Curtius, Schloffer, Freitag, Petiskus,
Subhadra Bikfchu, Herzheimer, von Bohlen, Delitzfch,
Knobel, Grätz, A. Franz, Ewald, Kurtz, Weil, Sprenger
und Kremer find feine Gewährsmänner, die er auf der

der Tempel zerftört wurde, während das Judenthum noch
lange auf Wiederherftellung des Tempels und des Opfer-
dienftes hoffte. Diefen Fortfchritt des Chriftenthums
hat Verf. nicht mitgemacht, er ift im Cerimoniendienft
hängen geblieben. Zwar dafs die talmudifchen Speife-
gefetze bei uns eingeführt werden, empfiehlt er nicht

erften Seite namhaft macht. Um fo mehr wird man j aus religiöfen, fondern aus Rückfichten der Gefundheit
uberrafcht, wenn fich das Werk erweift als eine Ge- ! (p. 392). Aber wenn er mit grofsem Fleifs unterfucht,
fchichte der Religionen vom Standpunkte des ortho- ; was doch Mofes mit dem Gebot wolle: Koche ein Böck-

doxen Judenthums. Diefer Standpunkt ift aus dem Titel
und aus der Vorrede in keiner Weife zu erfehen, erft im
zweiten Drittel der Arbeit tritt er hervor. Eine derartige
Irreführung wirktverftimmendauf den Lefer, dennTitelund
Vorwort follen doch deutlich machen, was man zu erwarten

chen nicht in der Milch feiner Mutter! [Exod. 23, 19) und
zu dem Refultat kommt: man dürfe überhaupt nicht
Böckchen in Milch kochen (p. 395), — wenn er weiter
die Frage ftellt, ob man nur die Spannader des Hinterviertels
nicht effen dürfe oder das ganze Hinterviertel und

hat. Wenn wir aber uns erinnern, dafs das Buch an die 1 fie in erfterem Sinne beantwortet (p. 396) — fo zeigen

.Millionen gerichtet ift, welche ein unrichtiges Urtheil 1 diefe Beifpiele, wie tief er noch im vorchriftlichen, reli-

über die Religionen haben und ihnen zu einem gereiften I giös werthlofen Cerimoniendienft fteckt. Hier wäre etwas

Urtheil verhelfen will, dann muls ich eine folche vorläu- j mehr Aufklärung, etwas mehr Freiheit am Platze. Schliefs-

fige Verfchleierung des Standpunktes für unzuläffig er- lieh werden die Millionen Unwiffenden noch aufgeklärt,

klären: fie täufcht den Lefer, um ihn anzulocken. Diefe j was es mit den Tephillin (Gebetsriemen), Mefufa (Perga-

Praxis fchlechter Miffionstraktate ift weder aufrichtig 1 mentftreifen) und Zizith (Schaufäden im Gebetsmantel)

noch wirkfam. Eine kurze Inhaltsangabe wird dies Ur- j auf fich habe.

theil beftätigen. Im 4. Buche wird die Gefchichte und die Lehre

In den beiden erften Büchern werden die Religionen der [ der chriftlichen Religion dargeftellt. Zwar eine Gefchichte

alten Deutfchen, der Aegypter, der Phönizier, der Grie- ' Chrifti und feiner Apoftel fuchen wir vergebens, die Ge-
chen und Römer, der Perfer, der Indier, der Chinefen
dargeftellt; die Gefchichte wird berührt, foweit es erforderlich
ift. Die Darftellung ift kurz, notizenartig, wie
man fie in einem Converfationslexikon erwartet. Im dritten
Buche wird ausführlich auf 270 Seiten die Gefchichte

und Religion des Judenthums befchrieben. Verf. ift über- I Im Anfchlufs an den Orden der Effäer wird in einem

fchichte fängt erft an mit der Zerftörung Jerufalem's und
den Verfolgungen der heidnifchen Kaifer; bis dahin war
das Chriftenthum nur eine jüdifche Secte. So wird doch
die Gefchichte Chrifti und feiner Apoftel innerhalb der
jüdifchen Gefchichte Raum finden? Allerdings, aber wie?

zeugt, dafs die Propheten von Abraham bis Esra vom
Geilte Gottes erleuchtet waren und dafs die biblifchen
Bücher des A. Teft.'s zuverläffige Gefchichtsquellen find.
Die P*rage, ob Mofes felbft den ganzen Pentateuch ver-
fafst oder ob Esra ihm die letzte Redaction gegeben
hat, kann nicht mehr entfehieden werden (S. 325). Die

Abfchnitt die Entftehung des Chriftenthums erzählt. Das
Leben Jefu Chrifti wird auf drei Seiten abgethan, von
diefen find zwei dem Nachweis gewidmet, dafs die
jüdifche Obrigkeit unfchuldig am Tode Jefu war. Alfo
in Wahrheit wird das Leben Jefu auf einer Seite abgethan
, das Leben feiner Apoftel gar auf einer halben

Wunder des A. Teft. werden, foweit dies möglich ift, Seite. Später (p. 666) wird noch eine halbe Seite der
aus natürlichen Urfachen erklärt; wo dies nicht angeht, I Lehre Jefu, eine weitere halbe Seite der Lehre feiner
werden fie als unerklärliche Thatfachen anerkannt. Verf. Apoftel gewidmet. Und das ift alles, was der Verf. über
giebt nun ausführlich die Gefchichte des alten Bundes, ; das erfte Jahrhundert des Chriftenthums und feine
fogar die Gefchichte des Jona und des Tobias wird aus- ! fchöpferifchen Geifter zu fagen weifs: einige blutleere,