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Ausgabe:

1891 Nr. 2

Spalte:

650-653

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolfsgruber, Cölestin

Titel/Untertitel:

Christoph Anton Migazzi, Fürstbischof von Wien 1891

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

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649

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 26.

von des Menfchen Elend, Erlöfung, Rechtfertigung, Heiligung
auch keineswegs, als ob fie davon noch nie etwas
gehört hätten (lebten doch Aquila und Priscilla in Rom
16,3), aber er trägt ihnen diefe Lehren noch klarer, zu- I
fammenhängender und ausführlicher vor. Es war nicht I
irgend ein Uogma, das ihnen noch mangelte (—), fondern j
die Gabe der Klarheit und darum Sicherheit und Fertigkeit
der Erkenntnifs mangelte ihnen noch. S. 272 zu 7,1:
Kenntnis des Gefetzes durfte er ja bei allen Gemeindegliedern
, auch den heidenchriftlichen, vorausfetzen, fintemal
die Anagnofe des alten Teftaments die Baus des
chriftlichen Gottesdienftes bildete. S. 361: Diejenigen
Judenchriften, die in der römifchen Gemeinde fich befanden
, müffen alle wie Aquila und Priscilla auf paulinifchem
Standpunkte geftanden haben. S. 404 werden die Schwachgläubigen
wohl richtig als Heidenchriften beurtheilt, das
Wählen der Tage S. 406 als ftrenges Betonen felbftge-
fchaffener chriftlicher Ordnung. Capitel 16 wird durchaus
als echtes Stück des Römerbriefes angefehen, die
Doxologie ift die eigene Unterfchrift des Paulus.

Manche einzelne Ausführungen legen von Fleifs und
Scharffinn des Verfaffers rühmliches Zeugnis ab, fo
z. B. die Ausführung über die fchwierige Stelle
7, 1—4. Oefters fpürt man aber auch an Ebrards Ausführungen
, dafs er, wie fo viele andere, den Römerbrief
nicht als Brief fondern als Abhandlung beurtheilt, nach
S. 362 als eine apologetifche Darlegung der Wahrheit
der chriftlichen Lehre. Ereilich kann Ebrard auch hier
und da diefe Betrachtungsweife zurücktreten laffen |
Z. B. fagt er S. 399 zu Capitel 13: Es ift nicht eine allgemeine
Staatsrechtstheorie, welche Paulus aufftellt, am
wenigften find es Regeln für chriftliche Obrigkeiten, fondern
aus der damaligen Lage der römifchen (und fon-
ftigen) Chriften heraus giebt er Ermahnungen, wie fie für
diefe Lage pafsten und nöthig waren.

Bei der Ungleichmäfsigkeit der Bearbeitung ift kaum
zu erwarten, dafs diefer Commentar anderswo Lefer
findet, als unter den perfönlichen Freunden feines Verfaffers
und in dem Gelehrtenkreife, der von Berufs wegen
dazu verpflichtet ift.

Giefsen. Oscar Holtzmann.

luvenci, Gai Vetti Aquilini, Evangeliorum libri quattuor.

Recensuit et commentario critico inftruxit Johs-
Huemer. (Corpus scriptorum ecclesiasticorum latino-
rum, vol. XXIV.) Wien, Tempsky, 1891. (XLVI,
176 S. gr. 8.) M. 7.20.

Juvencus ift, foviel wir wiffen, der erfte der
chriftlichen Dichter, die fich die biblifchen Stoffe als
Gegenftände ihres poetifchen Schaffens gewählt haben,
der erfte jedenfalls, den wir zeitlich genauer beftimmen
können. (Hieron. Chronic, ad. Olymp. 278; vgl. auch
Juvencus, lib. IV, 806 f.) Aus diefem Grunde und weil
er fein Thema nicht ohne dichterifche Begabung behandelt
hat, ift er für die Folgezeit ein Mufter gewefen.
Das zeigen die zahlreichen Citate aus ihm (Juvenc. ed.
Arevalus, Proleg. c. IV. ed. Huemer, Proleg. p.
IX ff.) fowie feine Benutzung bei den Späteren (die Lifte
bei Huemer p. IX; nachzutragen Cyprianus Gallus).
Das Intereffe für Juvencus ift während des ganzen Mittelalters
rege geblieben: das bezeugt die grofse Zahl von
Handfchriften, deren ältefte aus dem 7. Jahrh. (tammt.
Es ift auch in der neueren Zeit nicht erlofchen: das
bezeugt die Zahl der Ausgaben (die letzte 1886 von
Marold). Nun liegt Juvencus auch in dem fcmucken
Gewände der Wiener Ausgabe vor in der Bearbeitung
von J. Huemer. Dem Herausgeber war infofern feine
Arbeit wefentlich erleichtert, als fchon Marold die kri-
tifchen Grundfätze für die Conftituirung des Textes fettge-
ftellt und bei feiner Ausgabe angewandt hatte. Die
beiden Texte weichen daher auch nicht Itark von einander
ab (auf 100 Verfe kommen durchfchnittlich drei
Varianten, meift Unwefentliches betreffend). Das Haupt-
verdienft der neuen Ausgabe konnte alfo naturgemäfs
hier nicht liegen. Es kam vielmehr darauf an, die
Ausgabe durch ausreichenden Apparat, Prolegomena,
ein Regifter und fonftige Zugaben zum Text praktifch
und nutzbar für die Wiffenfchaft zu machen. Das ift
leider in keiner Hinficht erreicht. Nothdürftig genügend find
eigentlich nur die Prolegomena, welche über Zeit, Benutzung
und Hff. das Wefentliche beibringen, fich allerdings dabei
auch auf die Vorarbeiten von Arevalo und Marold
ftützen konnten. Unzuverläffig ift der Apparat und das
Regifter und die nöthigften Beigaben zum Text fehlen.
1) der Apparat ift, wie eine Vergleichung mit Marold
und Arevalo, deffen Angaben über die vaticanifchen
Codices Tj und V2 zuverläffig zu fein fcheinen, ergiebt,
nicht vollftändig. 1,96 lieft M nach Marold rcpendlt;

I, 8s lieft Vn affamine mitRafur 11,685 läfstA nach Marold
in aus; 11,621 lieft nach Arevalo Vx und V2 dissicet

II, 627 hat V2 nach Areval. das urfprüngliche relinqui in
rcmitti corrigirt. 11,784 fehlen alle Bemerkungen
(f. Marold!) III, 57 lieft auch AT nach Marold ltisitlll,g fehlt
R: cenaHum III, 142 fehlt die Angabe der Text-LA dictis,
u. f. f. u. f. f. Diefen Mängeln gegenüber hätte man
gern auf die Verzeichnung blofs orthographifcher Varianten
(I, 83 menbra für membra I, 87 foetum und factum
u. f. w.) verzichtet, wie auch auf die Einfälle Th. Poel-
mann's, deren Aufnahme doch nur mit einem äufserft
fragwürdigen Argumente gerechtfertigt wird (,accurate
notavi editionis Poelmanni letiones cum ex Iis maximc
perspiciatur, quam Studiosi Ii am Ines medii aevi (1528!)
docti fuerint sermonls Iuvcnciani proprictatcs tollendi vel
minuendi', was doch auch ohne dies nicht ganz unbekannt
war). 2) Der Index ift ebenfalls unzuverläffig.
Ich habe die erften dreifsig Artikel genauer verglichen
— abgefehen habe ich von den grammatikalifchen Zu-
fammenftellungen — und dabei Folgendes gefunden:
bei aberro fehlt II, 621; bei abrutnpere 1,397- III, 318;
II,59i; bei acccndo II, 593; 111,43; bei accitos III, 739
vgl. accita plebe IV, 52; bei accutnen 11,747; 111,393; bei
accumulare 111,42; bei adhaerere 1,659; bei aditum I, 507.
IV, 77. 633; bei adsisterell, 770. 111,323. IV, i82;be'aeger
1,546.631. Das genügt! 3) Bei einer Ausgabe, die doch nun einmal
im Wefentlichen von Theologen benutzt wird, hätte man
die Beifügung der betreffenden evangelifchen Paralellen
wohl verlangen dürfen; erlt dadurch gewinnt die Ausgabe
praktifche Brauchbarkeit. Der Herausgeber, der die
Parallelen aus Ovid, Vergil u. f. w. beigefetzt hat, was ja
an fich dankenswerth ift, hat es doch nicht für nöthig
gefunden, die biblifchen Parallelen zu verzeichnen. Auch
fehlt bei den Seitenüberfchriften die Angabe der Verfe.
Alles zufammen genommen kann die Ausgabe nicht als
eine den Anforderuugen der Wiffenfchaft entfprechende
bezeichnet werden, was um fo mehr zu bedauern ift, als
fie wohl für längere Zeit die abfchliefsende fein wird.
Der Druck ift correct (p. 33 ift in den Noten ftatt 627
z. 1. 628; p. 90 mufs es in der Note zu V. 265 bei cum.
ftatt V2 heifsen V2; p. 148 unter adfectus ift ftatt III, 545
z. 1. 546); die Ausftattung ift gut.

Berlin. E. Preufchen.

Wolfsgruber, Geiftl.-R. Dr. Cöleftin, O. S. B., Christoph
Anton Migazzi, Fürsterzbischof von Wien. Mit dem Porträte
Migazzi's und einem Facfimile feiner Handfchrift.
Saulgau, Kitz, 1891. (XX, 908 S. gr. 8.) M. 15.— ;
geb. M. 18.—

Chr. A Migazzi, geb. 23. Nov. 1714, aus einer adeligen
Familie im Veltlin flammend, im deutfchen Colleg zu
Rom gebildet, wurde 1745 zum öfterreichifchen Uditore
der Rota, 1751 zum Coadjutor des Erzbifchofs von
Mecheln ernannt und 1752 als Gefandter nach Madrid

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