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Ausgabe:

1891 Nr. 26

Spalte:

645-646

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

König, Xavier

Titel/Untertitel:

La priere dans l‘enseignement de Jésus. Ètude exégétique 1891

Rezensent:

Weiffenbach, Wilhelm

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 26.

646

örtert H. noclimals die Abfaffungszeit und fucht nicht
blofs die Abhängigkeit des 3. Capitels von Jer. 20, 14 ff.,
fondern auch die des Prologs (1, 6 ff. und 2, 1 ff.) von
Sach. I, 9 ff. und 3, 1 ff. zu erweifen. ,Uer Ankläger',
die Gelegenheitsrolle eines Engels, fei eine Erfindung
ad hoc des Sacharja (vom Dichter des Hiob fomit entlehnt
), wie ,der Geilt der Lüge' 1 K. 22, 22 und die
D'VnS ,die Räucherer' Jef. 6 eine ebenfolche des Micha
und des Jefaia feien. Auch Hiob 31, 36 habe nur an
Sach. 6, 11 ein genaues und motivirtes Vorbild; für 42, 10
foll Sach. 9, 12 die Vorlage bilden. In die Zeit kurz
vor oder um 500 paffe auch die fchriftftellerifch bewufste
Kunft, die der des Sacharja I—14 ähnlich fei. Die Ara-
maismen feien damals allen gewohnt gewefen und werde
durch ihre Häufung die fpäte Zeit beftätigt.

Referent hätte zu mehreren diefer Sätze ein ftarkes
Fragezeichen zu machen, mufs fich aber befcheiden,
um wenigftens noch ein Wort über die Ueberfetzung beizufügen
. Er hat diefelbe mit grofsem Intereffe gelcfen
und vielfach auch da von ihr gelernt, wo er den text-
kritifchen oder exegetifchen Vorausfetzungen des Ver-
faffers nicht beizuftimmen vermochte. Uebrigens offenbart
fich fowohl in der Textkritik, wie in der Stellung
zur exegetifchen Ueberlieferung bei aller Selbftändigkeit
im Ganzen ein confervativer Zug; um fo mehr Anfpruch
hat der Verfaffer, dafs man feine Abweichungen von dem
Hergebrachten in forgfältige Erwägung ziehe. Aufgefallen
ift dem Referenten u. a. 2, 4. 6 ,Seele' ftatt J.eben',
4, 16 ,ich vernehme Schweigen und Laut zugleich';
13, 4 .Götzenflicker'; 38, 19 ,oie Hahn, die bewohnte
das Licht'; 39, 9 ,die Antilope'; fprachlich unhaltbar
oder zu künftlich erfcheint mir u. a. die Ueberfetzung von
4, 19. IO, 21. 12, 5. 14, 4. 15, 24. 16, 20. 19, 26. 22, 29.
— Der Druck ift höchft correct; nur 1. S. 44, Z. 2 in/.,
nnb*, S. 60, Z. 4 in/, ■ns'n und S. 89, Z. 9 ,Rind',
ftatt ,Kind'.

Halle a. S. E. Kautzfeh.

König, Kavier, La priere dans lenseignement de Jesus. Etüde
exegetique. Paris, Fischbacher, 1888. (49 S. gr. 8.)

Diefe fehr anfprechende exegetifche Studie giebt
zunächft in einer ,Einleitung' (p. 5—11) Rechenfchaft
über die benutzten unmittelbaren und mittelbarenQuellen
fowie über die Methode der Behandlung. Koenig
fchliefst fich im Wefentlichen an die Synoptiker (von
denen übrigens Lucas den kanonifchen Matthäus nicht
gekannt habe, p. 6) an, da das 4. Evangelium zwar vom
Apoftel Johannes verfafst fein werde, aber — bei aller
feiner hohen Bedeutung für die Gefchichte des reli-
giöfen Gedankens — nahezu bedeutungslos fei (und
doch: apoftolifch?) ,pot(r la reconstitution de la person-
tialite vivante de Jesus' (p. 6). Unter den benutzten
Schriften werden, aufser den Commentaren und den
Artikeln ,Gebet' in den verfchiedenen Encyklopädien und
Handwörterbüchern, noch genannt: Kamphaufen, ,Das
Gebet des Herrn' und in auszeichnender Weife: Schürer
, Gefchichte des jüdifchen Volkes u. f. w., Bd. II,
Keim, Gefchichte Jefu von Nazara (nicht — ,eth') und:
Gefchichte Jefu, Baldenfperger, Das Selbflbewufstfein
Jefu u. f. w., und die in den Jahrb. f. prot. Theol. (1881,
p. 385—413) veröffentlichte treffliche Monographie Aug.
Werner's, Die Gebete Jefu und Jefu Lehre vom Gebet
nach den Evang., pravail objectij et d'une extreme con-
cision, qualite assez rare chez un Allemand' Eine
Kenntnifs und Benutzung mein es ,Der Wiederkunftsgedanke
Jefu' würde den einfehlägigen Ausführungen K.'s
(vgl. p. 21 f. 28) auch nichts gefchadet haben. — Als die
von ihm erflrebte und — fügt Ref. bei — befolgte
Methode bezeichnet der Verf. ein möglichft unparteiliches
und unbefangenes, ausfehliefslich auf die Er-
forfchung der gefchichtlichen Wahrheit gerichtetes,

weder von einer dogmatifchen Theorie, noch von einer
herrfchenden Philofophie beeinflufstes Verfahren, mit
einem Wort: die ftreng wiffenfehaftliche Methode.

Die Abhandlung felbft fodann zerlegt fich in 2
Haupttheile: ij Jefus im Gebet' (p. 13—26), 2> ,Die Lehre
Jefu über das Gebet' (p. 27—46); und dem Ganzen ift
als Anhang noch eine kurze und fchöne ,Conclusion'
(P- 47-49) beigegeben.

Im erften Haupttheile (Jefus im Gebet), den
Koenig nach der Regel, man müffe zur Beurtheilung
des Werthes einer rcligiöfen Belehrung eines Menfchen
xomprendre d'abord, qi/elles experiences hont amene a
la conviction, qu'il veut conimumquer' (p. 13), mit Recht
der Lehre Jefu vom Gebet voranftellt, werden — foweit
wir fehen — in Vollftändigkeit fämmtliche (ynoptifche
Stellen (p. 13—23), in denen wir Jefus im Gebet begriffen
finden, und aus J ohannes (p. 23—26) die Stellen:
11, 41—42; 12, 27 f. und cap. 17 behandelt. Als Refultat
werden feflgeftellt: 1) Schwere Kämpfe und Verfuchungen
Jefu (die erft mit feinem Tode endigen) infolge feines
Eingehens auf den meffianifchen Beruf; 2) Beftändiger
Sieg Jefu mitteilt des Gebetes. Denn das Bewufstfein
der göttlichen Vaterfchaft treibt Jefum in's Gebet
hinein; und die herrliche Frucht des letzteren ift die
vollkommene kindliche Unterwerfung unter den
Willen des him ml ifche n Vat ers, in welcher wiederum
die unzerftörbare Kraft feiner Bewahrung vor jeder
Niederlage und feines dauernden Sieges über alle Verfuchungen
gelegen ift.

Im zweiten Haupttheile (Lehre Jefu vom Gebet)
wird die Nothwendigkeit des Gebetes, die Kritik des
falfchen (pharifäifchen) Gebetes, die Erhörung des Gebetes
(wobei wohl auch Mtth. 10,29 £ eme mittelbare Verwer-
thung verdient hätte), ferner die ausfchliefslich johanneifche
Formel ,beten im Namen Jefu' (die doch wohl etwas zu
äufserlich als ,prier a la place de Jesus' gedeutet wird,
p. 38), endlich der Geift des chriftlichen Gebetes — expli-
cirt insbefondere am Vaterunfer — kurz, aber fachgemäfs
und gut erörtert. Hierauf wendet fich Koenig dem
Gebete des Herrn felbft [bei dem bezüglich des Textes
und Contextes der Verfaffer mit beachtenswerthen Gründen
, p. 40—43, im Gegenfatz zu den meiden Kritikern,
bei Mtth. ,les traces d'une plus haute antiquite que chez
Lud erblickt und la plus grande valeur au texte, qui est le
plus pres de horiginal, sc. arameen zugefteht], diefem
admirable modele de vraie priere chretienne' (p. 39), eingeht
ml zu. Er charakterifirt dasfelbe als zugleich einfach
und grofs und als ein wahres Resume der ganzen
Lehre Jefu über das Gebet, gleichfehr der Herrlichkeit
Gottes und dem Heile des Menfchen gerecht werdend.

,Elle (sc. das Vaterunser) bannit tonte pensee egoiste de la
part de tkommt et exprime un etat d'ame absolument
soumis a la volonte divine C'esl pourquoi eile restera le
document le plus vrai et le plus autlientique de la religion
de Jesus' (p. 46).

Der gewandt und lichtvoll fchreibende Verfaffer hat
Alles, was fich über die behandelte Materie exegetifch
und biblifch-theologifch fagen läfst, kurz und concis,
treffend und meift auch richtig zufammengeftellt und —
ohne eigentlich Neues zu bieten — den Gegenftand
doch felbftändig und fehr anregend reproducirt. Koenig's
Studie über das Gebet kann daher, Alles in Allem genommen
, Denen, welche über das Gebet zu handeln
haben, als eine fehr brauchbare und den Stoff glücklich
zufammenfaffende Monographie empfohlen werden. Wir
würden uns freuen, dem Verfaffer noch öfters auf den
Pfaden N. T.licher Exegefe und Theologie zu begegnen.

Friedberg i. He ff. Wilh. Weiffenbach.