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Ausgabe:

1891 Nr. 24

Spalte:

599-600

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Erhardt, Franz

Titel/Untertitel:

Mechanismus und Teleologie. Eine Abhandlung über die Principien der Naturforschung 1891

Rezensent:

Besser, M.

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599 Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 24. 600

Tradition und die Lehrentfcheidungen der römifchen j liegen, foweit haben wir auch mechanifch-erklärbare VorKirche
je länger defto weiter fich von den Wahrheiten I gänge. Darin liegt aber auch die Grenze jeder mecha-

der heiligen Schrift entfernen, ja ihr vielfach wider-
fprechen; deshalb halten wir es, wie unfere Väter, für
Pflicht des Gewiffens, auf Grund der heiligen Schrift
allem Irrthum in chriftlichen Dingen entgegenzutreten.
Nach den Erfahrungen der letzten 40 Jahre geben wir

nifchen Naturerklärung. Schon für die bewegende Kraft
kommen fpecififche Verfchiedenheiten in Betracht, die
nicht aus der mechanifchen Theorie ableitbar find, die
fie vielmehr nur aus der Erfahrung kennen lernen kann.
Es giebt Gefetze fpecififcher Attraction und Repulfion

die Hoffnung auf, dafs eine Annäherung beider Kirchen j in den Erfcheinungen der chemifchen Affinität, in Elek-

in abfehbarer Zeit möglich fei; wir können nur wünfchen, j tricität und Magnetismus, die nicht aus der Mechanik,

dafs die frommen Katholiken fich in die heilige Schrift fondern nur aus der Chemie und Phyfik erklärbar find,

als das Centrum der uns zugänglichen Offenbarung mehr j und die dennoch mit den Principen der mechanifchen

vertiefen; vielleicht, dafs dann die römifche Kirche aus
ihrer centrifugalen in die centripetale Bewegung zurückkehrt
.

Bonn. E. Sachfse.

Erhardt, Dr. Franz, Mechanismus und Teleologie. Eine Abhandlung
über die Principien der Naturforfchung.
Leipzig, Reisland, 1890. (VII, 160 S. gr. 8.) M. 3. 60.

Vorftehende Schrift tritt in den Streit zwifchen me-
chanifcher und teleologifcher Naturbetrachtung ein mit
der Abficht, die Rechte der teleologifchen Naturauffaff-
ung zur Geltung zu bringen, ohne dadurch die Rechte
des Mechanismus irgendwie zu fchmälern. Vielmehr will
derfelbe die Vereinbarkeit zwifchen Mechanismus und
Teleologie im Gebiet der exacten Naturforfchung nachweifen
, um in zweiter Linie zu zeigen, dafs das Gebiet
der organifchen Naturproducte einer teleologifchen Erklärung
geradezu bedarf. So zerfällt die Schrift in zwei
Abfchnitte, von denen der erfte die Möglichkeit der
Teleologie im Gebiet der Naturbetrachtung erweift,
der zweite aber die Teleologie als Thatfache aufzeigt
im Gebiet der organifchen Natur. Wem es auf princi-
pielle Klärung in der grofsen Streitfrage zwifchen Mechanismus
und Teleologie ankommt, für den ift felbftver-
ftändlich der erfte Abfchnitt von befonderem Intereffe.

Um die Möglichkeit einer teleologifchen Naturbe- j daraus entftanden, dafs entweder die Mechanik verwech-

Naturbetrachtung völlig vereinbar find. Ebenfo nun
(S. 30) würde die Möglichkeit teleologifcher Naturwirkungen
, wenn es dergleichen geben follte, und ihre voll-
ftändige Vereinbarkeit mit den Principien der mechanifchen
Naturbetrachtung auf dem Vorhandenfein fpecififcher
Gefetze der Attraction und Repulfion beruhen.
Auch die etwaige Thätigkeit eines folchen teleologifchen
Princips bei der Entftehung und Erhaltung eines Organismus
wird fich nicht anders als in bewegender Kraft
äufsern können, alfo in diefer Beziehung unter die
mechanifche Naturbetrachtung fallen trotz feiner teleologifchen
Qualität. Die im Organismus enthaltene teleo-
logifche Kraft würde nach folchen Gefetzen fpecififcher
Attraction und Repulfion bewirken, dafs die für das Ent-
ftehen und den Beftand des Organismus fchädlichen Stoffe
abgefiofsen oder wenigftens nicht angezogen, die hierfür
nothwendigen hingegen angezogen und durch die anziehenden
Kräfte nach den Punkten gefchafft würden, an
denen der Organismus ihrer bedarf. Die teleologifche
Kraft würde demnach in ihrer Wirkungsform ebenfo
in die Grenzen der Mechanik fallen, wie chemifche oder
phyfikalifche oder durch Druck und Stöfs hervorgebrachte
Kräfte.

Hiernach fchliefsen fich Mechanismus und Teleologie
nicht aus, noch flehen fie mit einander in Widerfpruch
Vielmehr ift diefer fcheinbare Widerfpruch überall nur

trachtung zu beweifen, erörtert der Verf. zunächft die j feit wurde etwa mit einem unbewufst planlofen GeBedeutung
der Mechanik für die Erklärung der Natur- ; fchehen überhaupt oder dafs die Grenzen derfelben auch
Vorgänge und die Grenzen ihrer Anwendung. Die Mecha- über die Dynamik ausgedehnt wurden, oder dafs die

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nik ift die Wiffenfchaft von den allgemeinen Geletzen
der Bewegung. Ihre Aufgabe ift, die Regeln anzugeben,
nach denen aus dem gegenwärtigen Zuftande der Körperwelt
d. h. aus der Lage der Theile der Materie zu einander
und den zwifchen denfelben wirkenden bewegenden
Kräften jeder beliebige künftige oder vergangene Zuftand
berechnet werden kann. Abgefehen von Raum und Zeit
müffen als unentbehrliche Bedingungen der Mechanik
die bewegende Kraft und das bewegliche materielle Sub

mechanifche Erklärung unrichtiger Weife mit der caufalen
identificirt und dann wiederum unrichtiger Weife in einen
ausfchliefsenden Gegcnfatz zur Teleologie gebracht
wurde. Denn die Teleologie ift der Caufalität weder
nebengeordnet, noch übergeordnet, fondern untergeordnet
. Die teleologifche Erklärung gewiffer Veränderungen
fällt unter den Begriff der caufalen Erklärung; durch das
teleologifche Princip wird die causa nur fpecififch benimmt
. Der falfche Gegenfatz zwifchen Caufalität und

ftrat angenommen werden. Diefen Bedingungen liegen i Teleologie fit hervorgebracht durch den auf Anftoteles
aber als principielle Vorausfetzungen das Gefetz der j zurückzuführenden Unterfchied zwifchen causa efßcuns
Caufalität und der Satz von der Beharrlichkeit der Materie ! und causa finahs, wonach der Zweck als das Zukunftige
zu Grunde, die aus der Wiffenfchaft der Mechanik nicht einen caufalen Einflufs auf das Entftehende ausüben follte,
abgeleitet werden können, während ohne ihre Voraus- ] wahrend doch jede wirkende Udache ihrer Wirkung vor-
fetzung keine mechanifche Naturerklärung möglich ift. 1 hergeht In diefem Sinne giebt es keine causa finalis.
Daraus ergiebt fich, dafs Mechanismus und Caufali- ! Vielmehr ift jede teleologisch wirkende Urfache eine
tät zwei ganz verfchiedene Dinge find, und mit berech- I causa efficiens. .Nicht das Haus als zukünftiges Ganze,
tigter Schärfe wendet fich der Verf. gegen die üble Ge- ; fondern die Vorftellung desfelben und die Abficht, diefe
wohnheit, von einer ,caufal-mechanifchen'Naturerklärung ! Vorftellung in Wirklichkeit umzufetzen, find die Urfache
fo zu reden, als ob die Caufalität fich in den Formen der Entftehung des Haufes' (S 57).

des Mechanismus erfchöpfte oder allein auf das Ge- Ift hierdurch die Möglichkeit einer teleologifchen

fchehen in der Körperwelt fich bezöge. Das Caufalitäts- Naturerklärung und ihre Vereinbarkeit mit mechanifcher
gefetz verlangt vielmehr für jede Wirkung ohne Aus- i und caufaler Naturerklarung nachgewiefen, fo handelt

nähme eine zureichende Urfache und würde auch gelten,
wenn es gar kein mechanisches Geichehen gäbe. Erft
die Allgemeingiltigkeit des Caufalitätsgefetzes verleiht

es fich nunmehr um die Thatfächlichkeit derfelben, die
der Verf. mit gleichem Scharffinn im zweiten Theil auf
dem Gebiete der organifchen Natur nachzuweifen fucht

der Mechanik die Fähigkeit, alle Bewegungsvorgänge ! und m- E. auch nachweift. Die Verfolgung feines Ge

dankenganges hierüber kann jedoch um fo eher unterbleiben
, als das Hauptintereffe doch auf dem principiellen
Nachweis der Vereinbarkeit einer teleologifchen Naturbetrachtung
mit einer mechanifchen und caufalen ruht.

awegungsvorgange

in der Körperwelt zu erklären, und zwar fowohl die Bewegungsvorgänge
in der anorganifchen, wie in der organifchen
Natur (S. 26), in der Technik, wie in der plafti-
fchen Kunft, im Einzelkörper, wie in der Völkergefchichte.

Soweit überhaupt Veränderungen in der Körperwelt vor- I Salbke bei Wefterhüfen (Elbe). M. Beffer