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Ausgabe:

1891

Spalte:

584-586

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lettau, H.

Titel/Untertitel:

Biblische Geschichte für Schulen 1891

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologilche Literaturzeitung. 1891. Nr. 23.

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perfönlichen Gott, in welchem das Menfchenleben durch
die Gnade einen neuen Ausgangspunkt des Handelns erhält
und fo von Grund aus umgewandelt und erhöht
wird. Mit der antiken Vermengung von Natur und Freiheitwird
hier gebrochen. Durch die ausfchliefsliche Richtung
der Einzelperfönlichkeit auf die abfolute Perfönlich-
keit entfteht ein felbftändiges, keinerlei Beftätigung von
aufsen bedürftiges Reich innerer Erfahrung. Solch'
Wendepunkt in der Entwicklung des menfchlichen Ge-
müthslebens ift um fo bedeutfamer, als A. das gefchicht-
liche und gefellfchaftliche Leben nicht entwerthet, fondern
in feiner Schätzung der gefchichtlichen Kirche als
des Reiches, in welchem durch das Eingehen des Göttlichen
in das Menfchliche die Macht des Böfen gebrochen
ift, es auf das ftärkfte hervortreten läfst. Für das Einzelleben
wie für das der Gemeinfchaft wird hier die Religion
die unbedingte Beherrfcherin der Wirklichkeit.
Die Ausführung freilich ift vielfach problematifch. Der
Vertiefung und Concentration, die das perfönliche Leben
dadurch erfährt, dafs als gut nur gilt, was aus der übernatürlichen
Gefinnung der Liebe zu Gott flammt, und
dafs das Wiffensintereffe fich auf Gott und die Seele
allein richtet, fleht die Verengung zur Seite, dafs das
Hiandeln nicht auf die Breite des Lebens eingeht und
de Geiftesarbeit fich von der Culturaufgabe zurückzieht.
Die Hauptgröfse in dem fittlichen Reich ift nicht Chriftus,
fondern die autoritäreGnadenanftalt und der Gottesftaat
der Kirche. Es ift A. nicht gelungen, das Ewige und das
Gefchichtliche in eins zu faffen, fondern er wechfelt zwifchen
einer zeitlofen und einer gefchichtlichen Betrachtung fo,
dafs bei der erfteren die Gefchichte und die Freiheit zum
Schein, die Gnade zur Willkür wird, bei der zweiten das
kirchliche Inftitut vergöttlicht wird. Doch durch alles
Problematifche wird die Bedeutung der Thatfache nicht
aufgehoben, dafs das Chriftenthum jetzt als ein grofses
Weltfyftem und eine allgemeine Lebensordnung dafteht.
Aber freilich, wenn in diefer Verbindung mit griechifchen
und auch römifchen Elementen das Chriftenthum ftatt
einer Welt unabläffig fortwirkenden Schaffens zu einer
gegebenen und gefchloffenen Welt geworden war, fo war
das eine fchwere Gefahr für die zu ihm gehörige das
ganze Wefen aufbietende Concentration. Sowohl die Gelammtbewegung
der Menfchheit als die eigene Entwicklung
des Chriftenthums mufste mit jenem Abfchlufs
brechen. (Schlufs folgt.)

Giefsen. J. Gottfchick.

Lindenbein, Pfr. Dr. A., Erklärung der Offenbarung des

Johannes. Ein Beitrag zur Förderung ihres Gebrauches
in der Gemeine. Braunfchweig, Schwetfchke &
Sohn, 1890. (II, 182 S. gr. 8.) M. 2. 50.

Eine ,praktifche Exegefe' der Apokalypfe wird uns
in dem vorliegenden Buche dargereicht. Sie ift nicht
nur für den Prediger als eine Hilfe zur Vorbereitung auf
feine Predigt beftimmt, fondern auch für den fchriftfrohen
Theil der Gemeinde, wie das Werk auch feine Entfteh-
ung Bibelftunden verdankt, die der Herr Verf. feiner Gemeinde
gehalten hat. Was Referent in feiner ,Praktifchen
Theologie' (1890) Bd. 1, S. 337h unter dem Titel: ,homi-
letifche Interpretation' dargelegt hat, fehen wir hier für
das fo fchwer verftändliche letzte Buch des N. T's. verwirklicht
. Die praktifche Erklärung, die der Herr Verf. giebt,
erwächft aus gewiffenhafter und ftrenger Exegefe, und
nichts hat vor feinen Augen Gnade, was nicht als Erwerb
der forgfältigengrammatifch-hiftorifchenlnterpretationfich
ausweifen kann. Zum erften Male, fagt der Herr Verf. mit
Recht, wird hier eine Erklärung geboten, die es fich zur
Aufgabe gemacht hat, den Reinertrag der proteftanti-
fchen WilTenfchaft weiteren Kreifen zugänglich zu
machen, der zeitgefchichtlichen Auffaffung folgend die
entfprechende Anwendung zu geben, und nur das darzubieten
, was exegetifch feftfteht. Der Standpunkt des

Herrn Verf.'s ift wefentlich derfelbe, den der Meyer'fche
Commentar zum N. T., diefes ,Standard Work' prote-
ftantifcher Wiffenfchaft, alfo das Handbuch von Düfter-
dieck (4. Aufl. 1887), einnimmt. Den Mifsbrauch, den
verfchiedene Secten mit der Apokalypfe getrieben haben
und treiben und durch den der Segen des Buches vielfach
der Kirche zum Unfegen geworden ift, foll zu rechtem
Gebrauch gewandelt werden.

Dem Herrn Verf. ift die Erfüllung feiner Aufgabe
in vortrefflicher Weife gelungen. Nach einer Einleitung,
welche den Verfaffer, Ort und Zeit der Abfaffung, Inhalt
und Eintheilung des Buches, die Auslegung (zeitge-
fchichtliche, reichsgefchichtliche, endgefchichtliche, — für
die erftgenannte entfcheidetfich der Herr Verf. mit Recht)
und die Beftimmung des Buchs behandelt, folgt die
Exegefe felbft; zuerft wird der betreffende Abfchnitt in
allgemein verständlicher Weife dem Wortfinn nach in-
terpretirt und daran eine die bleibende religiöfe Bedeutung
desfelben entfaltende Darlegung angeknüpft. Der
Lefer hat ftets das beruhigende Bewufstfein, auf feftem,
ficherem Boden zu wandeln, und die Freude an der
Nüchternheit und Keufchheit des Verfaffers verbindet
fich mit der Freude der Erkenntnifs, dafs die Innehaltung
ftrenger wiffenfchaftlicher Methode der Auslegung
dem Reichthum des göttlichen Wortes und gefunder Erbaulichkeit
nicht nur keinen Eintrag thut, fondern diefelbe
auf das hilfreichfte fördert. Dafs Referent in der Auffaffung
einzelner Abfchnitte anderer Meinung ift, hat feine Freude
an der Arbeit des Herrn Verf.'s nicht wefentlich beeinträchtigt
. Dagegen ift es als ein Mangel zu bezeichnen
, dafs die fpecififch judenchriftliche Färbung der
Apokalypfe — auch ein Reinertrag proteftantifcher
Wiffenfchaft — nicht gehörig in Betracht gezogen ift
(befonders in Apoc. 14). Auch auf die Interpunktion
könnte hie und da gröfsere Sorgfalt verwendet fein;
überdies haben fich manche finnftörende Druckfehler ein-
gefchlichen, z. B. S. 31 v. 15 hasft ftatt haft, hasfe ftatt
hoffe; S. 42, Z. 7 v. u. erweift ftatt erreicht; S. 45, Z. Ii
v. u. erwiefen ftatt erreichen; S. 46, Z. 15 v. o. ift das
Wort nicht ausgefallen, und S. 12 haben Z. 6—8 keinen
Sinn u. f. w.

Wenn der Wunfeh des Referenten, dafs das Buch
des Herrn Verf.'s eine weitere Verbreitung unter denen
fände, für welche es geferieben ift, in Erfüllung ginge,
fo würde er darin ein hoffnungerweckendes Zeugnifs
für das gefundeßedürfnifs evangelifcher Gemeinden fehen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Lettau, H., Biblische Geschichte für Schulen. Leipzig,
Ed. Peter's Verl., 1890. (156 S. m. 72 Bildern, meift
nach Schnorr v. Carolsfeld gr. 8.) M. —.55; cart.
M. —.65; geb. M. —.70.

Wenn auf irgend einem pädagogifchen Gebiete des
Guten recht viel, wir wollen nicht gerade zu viel fagen,
gefchieht, fo ift dies auf dem Gebiete der biblifchen
Gefchichte der Fall. Jahr für Jahr erfcheinen immer
wieder neue Handbücher derfelben, feitdem dieZahn'fche
Biblifche Gefchichte, von der Ref. vor geraumer Zeit
einmal ein in New-York gedrucktes Exemplar gefehen
hat, wenn nicht die Allein-, fodoch die Vorherrfchaft
verloren hat. Erfreulich ift, dafs die Herausgeber meiftens
forgfältige, auf die Faffungskraft der Kinder wohl berechnete
Arbeiten liefern, von denen man mit Wohlgefallen
Kcnntnifs nimmt. Es ift uns auch mit der
vorliegenden Biblifchen Gefchichte von H, Lettau fo
ergangen. Schon die Ausftattung derfelben: gefälliges
Format, gutes Papier, guter Einband, fchöner Druck
machen einen befriedigenden Eindruck. Dazu ift fie wie
die badifche biblifche Gefchichte und die von Römheld
verfafste ,mit 72 zumeift aus der Schnorr von Carols-
feld'fchen Bibel entnommenen Bildern' verfehen, deren