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Ausgabe:

1891

Spalte:

578-583

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Die Lebensanschauungen der grossen Denker. Eine Entwickelungsgeschichte des Lebensproblems der Menschheit von Plato bis zur Gegenwart. (Anfang.) 1891

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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578

felbft in die Tiefe der Wahrheit haben wir alfo dem
Urheber diefes Briefes fchwerlich zuzufchreiben' (S. 129—
130). ■— Viel fchwieriger und verwickelter wird das fo
geftellte Problem in Bezug auf das Alte Teftament. Denn
hier verlaffen uns einige der von dem Verfaffer felber
gegebenen Winke; dafür treten aber als Directive
die Ausfprüche Chrifti und der neuteftamentlichen
Schriftfteller über die Männer und die Schriften des Alten
Teftamentes zum Erfatz auf. Nicht alle Schriften des
Alten Teftaments find infpirirt; es gilt dies von dem
Buch Efther, der Chronik, dem Prediger, der Spruchdichtung
, einer Reihe von Pfalmen, dem Hohenlied, den
Gefchichtsbüchern von den Königen bis hinauf zujofua,
endlich von den fünf Büchern des Gefetzes, denn fowohl
für die Gefchichte des Wirkens Mofis als auch für die
Gefchichten der Patriarchen drängt fichdem Umbefangenen
die Frage auf: ,wozu Infpirirtheit der Erzähler vorausfetzen
, da doch Treue der menfchlichen Ueberliefer-
ung und endlichenVerzeichnung genügend war, die Herbeiziehung
des heiligen Geiftes für die Erzählung aus unferer
Fleifcheswelt vernünftiger Begründung entbehrt' (S. 184).
Der höchfte Grad der Infpirirtheit kommt den Propheten
zu; doch in welche Noth geräth der Befchreiber der
Inspiration bei dem Buche Daniel! Die Stellung Jefu
zu diefem Buche müfste unbedingt auf deffen infpirirtheit
' zurückfchliefsen laffen; aber die Wirklichkeit und
hiftorifchen Merkmale bezeugen, dafs ,ein Ungenannter
aus der Antiochuszeit das, was er zu fagen hatte, in die
babylonifche Zeit zurückdatirte'. Und nun höre man,
ob die gottlofe Kritik je über ein biblifches Buch
empfunden und geurtheilt hat, wie der von unfern Con-
fervativen fo gerühmte Generalfuperintendent der Provinz
Pofen: ,Neben dem Zweck, fich felbft zu verbergen,
hatte er den andern, feinen Ausfprüchen erhöhte Ueber-
zeugungskraft zuzuwenden, indem fie fchon vor vier
Jahrhunderten durch den frommen Daniel gefchehen
feien, der fogar dem gewaltigen Nebucadnezar, hernach
auch dem Meder Darius fo tiefe Ehrfurcht abgerungen
habe. Es wäre vergeblich, diefes Verfahren gegen den
Makel des frommen Betruges zu fchützen. Offenbar lag
dem Urheber des Buches viel daran, fein Volk zu überzeugen
, dafs vielmehr Daniel der Urheber fei, und er fchlug
zu diefem Ziele wohl überlegte Wege ein. W ir Chrilten
würden uns der ihm gewordenen Offenbarungen
herzlicher freuen, wenn er fich diefes Truges
enthalten hätte' . . . (S. 388—389). Und endlich der
beruhigende Schlufs diefer fehr eingehenden und langgedehnten
Unterfuchung über das Danielbuch: ,Aus dem
frommen Betrug des Danielbuches zu folgern, dafs auch
der zweite Brief des Petrus, mehrere des Paulus fälfch-
lich mit diefen Namen fich fchmücken mögen, heifst
den Unterfchied des neuteftamentlichen Innewohnens des
Geiftes von dem altteftamentlichen Anhauchen des Geiftes
nicht verftehen' (S. 389). Diefem Specimen entfpricht
das ganze Werk von Gefs. Es fehlt demfelben nicht
an feinen religiöfen und pfychologifchen Bemerkungen, an
erbaulichen Ergüffen, an geiltreichen Piinfällen J aber nichts
deftoweniger ift fein ganzes Unternehmen als ein höchft
bedenkliches zu bezeichnen, von welchem zu fürchten
ift, dafs es mehr fchaden und verwirren als belehren
und erbauen wird. Das geringfte Uebel hieran ift der
totale Mangel an hiftorifchem Sinn, welcher aufs leb-
haftefte an die treffenden Bemerkungen Haupt's über
den Schriftgebrauch der Secten erinnert; kritifche Sorgen
find dem Verfaffer fo gut wie fremd; wo folche auftauchen
, werden fie kurzer Hand erledigt. Ueber die neuere
Evangelienforfchung bemerkt G.: ,Zu welcher Menge
von Albernheiten diefe Erklärungsweife führt, hat Godet
in drei Auflagen feinesLucascommentars mit unermüdlichem
Fleifse und fiegreicher Klarheit gezeigt, wofür man allerdings
in Deutfchland noch wenig geneigt fcheint, die
Augen aufzuthun' (S. 125—126). Die Erörterungen über
das Alte Teftament haben meiftens v. Orelli zum Gewährsmann
. Viel fchlimmer als der Mangel an hiftorifchem
Sinn ift die zügellofe Willkür, mit welcher die Frage um
die ,Infpirirtheit' der Bibel geftellt und die ganze Unterfuchung
geführt wird; die angeblich a posteriori den
Texten abgewonnenen Kriterien find durch die dogmati-
firende Subjectivität des Verfaffers eingegeben und getragen
. Unzählige Male kehren Wendungen wie diefe:
,Es ift nicht einzufehen, warum hiefür das Wunder der >
Infpiration nöthig war' . . . ,Wir haben keinen Grund
anzunehmen, dafs hier eine fonderliche Infpirirtheit ftatt-
gefunden hat' . . . Diefes taftende Fragen nach dem
geiftgewirkten oder rein weltlichen Urfprung der bi-
blifchen Bücher, diefes Abfprechen über das Durchleuchtet-
fein, das Angehauchtwerden, das Erfülltfein und Einwohnen
des Geiftes, diefe ,fchwarmgeifterifche' Bearbeitung
der Heiligen Schrift, wie fie Luther zweifellos
nennen würde, fetzt nicht nur feitens des in die Geheim-
nifse der göttlichen Leitung und Berufung eingeweihten
Exegcten (416—420: Ueber die göttliche Abficht bei der
Bildung unferes neuen Teftaments in feiner jetzigen
Geftalt) eine nicht geringe Anmafsung voraus; fie mufs
in den einfältigen Gemüthern ein Gefühl der Unficher-
heit und Rathlofigkeit erwecken, welches mehr dazu beitragen
dürfte, die Bibel zu entwerthen und ihr Anfehen
zu untergraben, als die fchwerften Anftöfse der hiftorifchen
Kritik. Fürwahr ein feltfames Schaufpiel! Was
ift die von fo vielen Geiftlichen und Laien perhorres-
zirte Quellenfcheidung, was die als hochmüthiges Meiftern
der Schrift verpönte biblifche Wiffenfchaft im Vergleich
zu jenem uncontrollirbaren Verfahren des Herum-
pflückcns an der Schrift und des Phantafirens über die
Schrift? Und doch bleibt es dabei: Kier ift ein Ketzer,
Gefs ein vindex dogmatis! So grofs ift die Verwirrung,
fo verhängnifsvoll ,die Nothlage der Gegenwart'! Aus
diefer kann uns nur eine Theologie heraushelfen, welche
uns ,den evangelifchen Weg weift, wie die chriftliche
Gemeinde in allen ihren Gliedern nicht nur das fich
wieder gewinnen kann, was unfere Väter an der heiligen
Schrift gehabt haben, fondern noch Gröfseres davon zu
haben im Stande fein wird, als es jenen vergönnt war'
(Haupt, S. 96).

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Eucken, Prof. Rud., Die Lebensanschauungen der grossen
Denker. Eine Entwickelungsgefchichte des Lebensproblems
der Menfchheit von Plato bis zur Gegenwart
. Leipzig, Veit 6k Co., 1890. (VIII, 496 S. gr. 8.)
M. 10. —

Wer für die Aufgabe einer Auseinanderfetzung des
Chriftenthums mit den Mächten des modernen Cultur-
lebensVerftändnifs hat, wird ausEucken's Schriften reichen
Gewinn ziehen. Eucken ift tief davon durchdrungen,
dafs bei dem Fortfehritt der Culturbewegung und der
Specialwiffenfchaften heute der lebendige Menfch, der
Menfch als Ganzes zu kurz kommt und dafs doch die
Lage der Zeit mit ihrer Erfchütterung der letzten Ueber-
zeugungen und mit ihren neuen Aufgaben, insbefondere
der focialen, ein energifches Aufnehmen der Frage nach
dem Sinn und Werth des Dafeins unabweisbar fordere.
Im Gegenfatz zum Naturalismus, der allen Geiftesgehalt
des menfchlichen Dafeins gefährdet, und zum Intellectua-
lismus, der das Leben feines tieferen Gehaltes entleert
vertritt er eine Welt- und Lebensanfchauung, deren
Centraibegriff die mit einem weltüberlegenen, eigenen
Geiftesgehalt ausgeftattete Perfönlichkeit, die Perfönlich-
keit im Sinne des Chriftenthums ift. Und er begründet
fie, indem er feinen Standort in der Gefchichte nimmt
und dort das Aufkommen und Sichdurchfetzen der lebendigen
Kräfte aufweift, die in ihr eine über die Veränderlichkeit
und Relativität des blofs Gefchichtlichen hinausliegende
geiftige Welt fchaffen und durch ihr thatfächliches