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Ausgabe:

1891 Nr. 23

Spalte:

567-578

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haupt, Erich

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung der hl. Schrift für den evangelischen Christen 1891

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 23.

568

Kritik. Nach der Schrift und den Grundfätzen Luthers
dargeftellt. Strafsburg i/E., Strafsburger Druckerei u.
Verlagsanftalt, 1891. (VIII, 91 S. gr. 8.) M. 1. 50.

4. Haupt, Dr. Erich, Die Bedeutung der heiligen Schrift für
den evangelischen Christen. Bielefeld, Velhagen&Klafing,
1891. (96 S. gr. 8.) M. —. 80.

5. Kier, Propft P. O., Bedarf es einer besonderen Inspirationslehre
? Vortrag. Mit einem Nachwort von Prof.
Dr. Kawerau über Luthers Stellung zur heiligen
Schrift. Kiel, E. Homann, 1891. (32 S. gr. 8.) M. —. 60.

6. Gess, weil. Gen.-Superint. a. D. Dr. W. Fr., Die Inspiration
der Helden der Bibel und der Schriften der Bibel.

Bafel, Reich, 1892. (XX, 438 S. gr. 8.) M 7. —

Die theologifchen Principienkämpfe haben fich in
neuefter Zeit mit vollem Rechte auf die Frage geworfen:
,Wie dünket euch um die Schrift?' Diefe Frage ift in
der That die eigentlich entfcheidende. Auch die Verhandlungen
, die fcheinbar noch mehr im Vordergrunde
flehen und gröfseres Gewicht zu haben fcheinen, wie
z. B. das chriftologifche Dogma, führen fchliefslich immer
auf die Frage zurück, wie weit und in welchem Sinne
die Bibel uns die höchfte Autorität ift. Gerade in und
an der Beurtheilung der heiligen Schrift fcheiden fich
die Geifter. Wenn der berühmte ,breite Graben' zwifchen
den einzelnen theologifchen Richtungen wirklich vorhanden
ift, fo befindet er fich nach dem Urtheil und
Gefühl weiter Kreife an diefer Stelle (Haupt, S. 9).
Denn (und das ift ein zweiter Grund, warum diefe Frage
als die wichtigfte und brennendfte bezeichnet werden
mufs) die Bedeutung der heiligen Schrift ift ein Thema,
welches für die ganze evangelifche Gemeinde von unmittelbarem
Intereffe ift. Der Kampf um die revidirte
Lutherbibel hat auch die Laienkreife ergriffen, und die
jüngften Ereignifse, welche in Kiel und auf der Auguft-
conferenz fich abfpielten, find durch die erbaulichen
Kirchenblätter einem grofsen Leferpublicum — leider nicht
sine ira et studio — verkündigt worden. Wenn man auch
mit gutem Grunde behaupten durfte, dafs die Theologen
die Unruhe in die Gemeinden hineingetragen und
durch agitatorifche Mittel die Erregung der fchwachen
Gemüther erft künftlich erzeugt haben, fo ift es doch
wohl begreiflich, dafs gerade in diefem Punkte die
.Laienorthodoxie' befonders empfindlich ift. Ift fie doch,
zum Theile wiederum durch die Schuld der Theologen,
angeleitet worden, die Lebensfrage des Proteftantismus,
die Frage nach dem Grund und Boden unferes Glaubens,
mit dem Infpirationsdogma zu verquicken: ift es zu verwundern
, dafs, wenn diefes angetaftet wird, auch die
Gewifsheit des Glaubens gefährdet fcheint? Wir dürfen
es defshalb als ein erfreuliches Zeichen begrüfsen, wenn
der Locus de Scriptura sacra eine eingehende, von den
verfchiedenften Seiten her unternommene Bearbeitung
erfährt.

I. Unter den oben zur Anzeige gebrachten Schriften
ift die erftgenannte die ältefte; erft vor Kurzem in deutfcher
Ueberfetzung erfchienen, ift fie unter den franzöfifch
redenden Proteltanten fchon feit längerer Zeit gefchätzt
und verbreitet.

Auf den Antrag des Paftors Vuilleumier, Profeffor
der Theologie in Laufanne, hatte im Jahre 1877 die nationale
evangelifche Union des Cantons Waadt eine Preisbewegung
für die Abfaffung eines populären, das Ver-
ftändnifs Tier Bibel fördernden Werkes ausgefchrieben.
Die durch die Union einftimmig gekrönte Schrift des
Herrn Pfr. Vallotton wurde im Jahre 1882 herausgegeben,
und der fortdauernde Erfolg des Werkes erklärt die fonft
vielleicht etwas auffallende Thatfache, dafs es erft
nach beinahe zehn Jahren in Deutfchland eingeführt
worden ift. Um dem Buche gerecht zu werden, mufs

man fich den populären apologetifchen Zweck defselben
ftets gewärtig halten. „Es ift nöthig und nützlich, dafs
das Buch der göttlichen Offenbarungen der Controlle
einer ftrengen und eingehenden Analyfe unterworfen
werde'. Doch ift des Verf. Methode eine ,ganz ver-
fchiedene'. Er hat fich bemüht, ,die Gipfel des Glaubens
zu erfteigen, und aus diefen heitern Höhen hat er die
religiöfe Wahrheit, welche in der Bibel enthalten ift, ihre
Entwickelung, ihre Gefchichte, ihre Offenbarung durch
Chriftus, ihre Vertheidigung durch die Apoftel, ihren un-
erfchöpflichen Reichthum ins Auge gefafst'. Sein Standpunkt
ift mithin ,in erfter Linie der religiöfe' (S. V).
Nach einer der .allgemeinen Idee der Bibel' gewidmeten
Einleitung, zerfällt Vallotton's Schrift in vier Theile,
welche von den allgemeinen Fragen' (Offenbarung, In-
fpiration, Ltntftehung und Erhaltung der heiligen Schrift,
(S. 24—104), vom .alten Teftament' (105 —227), vom ,neuen
reftament' (228—342), vom .Werth und Gebrauch der
Bibel' (343—392) handeln. Den principiellen Erörterungen
fehlt es an Schärfe und Beftimmtheit. Der Verf. verwahrt
fich gegen die rein intellectualiftifche Auffaffung
der Offenbarung als übernatürlicher Lehre und gegen den
einfeitig transcendenten, d. h. magifchen und mechani-
fchen Infpirationsbegriff. Noch heftiger polemifirt er
gegen ,diejenigen, die fich hauptfächlich an die Dinge der
menfchlichen Ordnung halten und deshalb die übernatürliche
Infpiration der heiligen Schrift leugnen' (S. 67).
Fragt man aber nach der pofitiven Antwort des nach
rechts und links kämpfenden Kritikers, fo mufs man fich mit
allgemeinen Redensarten oder mit rhetorifchen Ergüffen zufrieden
geben. Diebeiden extremen Theorien, welche V. verwirft
, .zerftören die Infpiration, diefes erhabene Bünd-
nifs des göttlichen mit dem menfchlichen Geifte, welches
jedem der beiden feine Freiheit des Handelns beläfst'.
(S. 68) — Dem Apologeten ift in erfter Linie daran
gelegen, in den Inhalt der heiligen Schrift einzuführen.
In diefem Verfuche liegt auch die Stärke und der Werth
feines literarifchen Unternehmens. Mit warmer Reli-
giofität, mit zündender Begeifterung weifs er die Herrlichkeit
der Bibel zu preifen; feine Befchreibung oder
Umfchreibung der in den biblifchen Urkunden enthaltenen
Gefchichtsüberlieferungen und Glaubensgedanken ift
lebendig und anfchaulich; für unfern Gefchmack wäre
das Buch fowohl religiös eindringlicher als rhetorifch
wirkfamer, wenn die überall hervortretende Bewunderung
und Liebe zur heiligen Schrift eine einfachere und nüchternere
Sprache führen wollte. Im Uebrigen fallen die
formellen Mängel hauptfächlich der keineswegs nnilter-
gültigen Ueberfetzung zur Laft. Es wäre ein leichtes,
aber unerquickliches Gefchäft, die zahlreichen Unebenheiten
und Gefchmacklofigkeiten aufzuführen, welche
diefe, auf einen weiten Leferkreis berechnete Ueberfetzung
verunzieren (S. 73: ,1m Centrum der Gruppe,
pflanzt fich ein Mann auf. der in vieler Beziehung alles
dominirt' — S. 176: ,David ift das Modell der Bufse' —
S. 204: ,Ohne diefe Verbindung mit Gott fällt der Menfch
plump zu Boden', u. f. w.). — Offenbar hat der rhetorifche
und erbauliche Charakter des Buchs das Urtheil der Jury
bei der Preisvertheilung beftimmt. Denn fonftige, etwa
wiffenfchaftliche Vorzüge würde man hier vergeblich
fuchen; die fchöne lohnende Aufgabe, die Gemeinde in
das hiftorifche Verftändnifs der heiligen Schrift einzuführen
, hat der beredte laufanner Prediger nicht in Angriff
genommen, gefchweige denn gelöft. Dafs er einer
folchen Aufgabe nicht gewachfen war, wird aus folgenden
Mittheilungen zur Genüge erhellen: ,Dafs Mofes felbft
aus alten oder zeitgenöffifchen Quellen gefchöpft habe,
erklärt er felbft und alles verräth es. Auch erfcheint es
ficher, dafs fein Werk von einem fpäteren Propheten feine
Form empfing, mit einigen Verbefferungen, einigen chro-
nologifchen und geographifchen Daten und Zufätzen.
Aber aus allen angeführten Gründen glauben wir, dafs
| der Pentateuch in feinem ganzen und in feinem innern