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Ausgabe:

1891 Nr. 23

Spalte:

564-566

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

W. Dundas Walker über Lightfoot‘s Apostolic Fathers. Part I.: S. Clement of Rome 1891

Rezensent:

Gebhardt, Oscar

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563 Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 23. 564

fchon in demfelben Jahre Burgon aufmerkfam gemacht,
und zwei Jahre fpäter veröffentlichte W. H. Simcox
im American Journal of Philology daraus eine Collation
des Lucasevangeliums Die dem II. Jahrh. angehörige
Hf. zeichnet fich vor der Mehrzahl der Minuskeln durch
eine Anzahl vorzüglicher und für die Gefchichte des
Textes wichtiger Lesarten aus (vgl. z. B. Lc. 3, 23
fq%6/.i£Voc ft. agynitevoc, Lc. 11, 2 sXtjszio zh /zvsiiid aov zn
'iytov iq> inuäg mal y.aO-agiaäzo) rjfiäg) und verdient aus
diefem Grunde untere Aufmerkfamkeit, auch wenn Bur-
gon's Prophezeiung, dafs man fie einft zu den berühm-
teften der Welt rechnen werde, fich nicht erfüllen follte.
Ob fie freilich wichtig genug ift, um zum Gegenftande
einer fo weitläufig angelegten Monographie gemacht zu
werden, wie das vorliegende Buch fie bietet, möchte ich
bezweifeln. Immerhin verdient die Leiftung als folche
unfere volle Anerkennung, und das um fo mehr, als fie
die Frucht von Mufseftunden ift, welche der Verf. feiner
kaufmännifchen Berufsthätigkeit abzugewinnen gewufst
hat. Angeregt zu folchen Studien durch feinen inzwifchen
verftorbenen Freund Burgon, theilt der Verf. den bekannten
textkritifchen Standpunkt1), zugleich aber auch
die peinliche Gewiffenhaftigkeit und Accurateffe des
Meiners, wodurch infonderheit das Hauptwerk desfelben,
über den Schlufs des Marcusevangeliums, ausgezeichnet ift.
Allerdings vermag er den Dilettanten nicht ganz zu verleugnen
, und namentlich in paläographifchen Dingen
vermifst man die nöthige Schulung. Die Abbreviaturen
und Ligaturen S. XI f. find recht ungefchickt nachgebildet,
und an dem, was hier als .intereffant' herausgehoben ift,
wird ein Kenner nichts fonderlich Bemerkenswerthes
finden. Das tachygraphifche « ift dem Verf., wie aus
dem beigefetzten ,sic' erfichtlich, in mnXtiu Mt. 5, 10
anftöfsig gewefen, und durch die Frage, ob Mc. 1, 16
oiiuov = aiiiwvav zu lefen fei, bekundet er feine Unbe-
kanntfchaft mit diefem einft viel gebrauchten Zeichen.
Aehnlich ift es ihm mit dem tachygraphifchen 10 ergangen,
da er Mc. 13, 2 (S. XXV) zwifchen X/D-ov und Xifjg>
fchwankt und Lc. 4, 36 (S. XX) das dafür gebräuchliche
Zeichen anwendet, um die Endung ag in nävxag auszudrücken
, deren tachygraphifche Form damit kaum eine
entfernte Aehnlichkeit hat. Auf mangelhafte paläogra- I
phifche Ausrüftung wird es auch wohl zurückzuführen
fein, dafs der Verf. in der Collation S. 1 ff. oft durch ein
Fragezeichen hat zu erkennen geben müffen, dafs er feiner
Lefung nicht ficher war. Ein folches Schwanken ift erklärlich
, wo es fich um Lesarten der erften bland handelt
, welche nachträglich geändert wurden. Wie aber
foll man fich die Fragezeichen bei Lesarten wie Mt. 1,7
tiaXoiiutv, 7, 17 oiztog, IO, 27 daiiaziov (doiiaxiav?), 14, 8
nrpnßtßao&rjoa, 18, 28 tti zi, 26, 65 fßXaaqyrjiivae, 27, 46
~t.tj.ia. liiia, Mc. 5,6 amov, 11,21 iS^QaVxhj, 12, 18 birr
owzojv, Lc. 7, 8 uOQSv&ztvi [?] u. f. w. erklären, wenn nicht
in der angegebenen Weife? Dafs aber der Verf. auch
hier meift das Richtige getroffen haben wird, zeigen
Fälle wie Mc. 11, 21 und 12, 18, wo zu den in Frage
geftellten Lesarten die ganz unzweideutige Abbreviatur [
4er Hf. in Klammern beigefügt ift. So macht die Collation
im Grofsen und Ganzen den Eindruck der Zuver- j
läffigkeit, zumal, dank der fchon gerühmten Gewiffen- 1
naftigkeit des Verf.'s, der Gedanke an Flüchtigkeitsfehler •
gar nicht aufkommen kann. Und wenn wirklich eine oder

1) Die Eingangsworte des Vorworts find hierfür fo bezeichnend,
dafs ich fie dem Lefer nicht vorenthalten will. Sie lauten: Three and
a half years ago I was in Dean Burgon's study at Chichester. It
was midnight, dark and cold without; he had just extinguished the
lights, and it was dark, and getting cold wiihin, We mounted the
stairs to retire to rest, and his last words of that night have often
rung in my ears since: ,As surely as it is dark no7V, and as certainly
as the sun will rise to-morroiv morning, so surely will the traditional
lext be vindicated and the views I have striven to express be accepted.
/ may not live to see it. Most likely I shall not. But it will come'.
The way is not clear yet, and the sun has not yet risen, but I believe
those words to-day much more than I did then.

die andere Lesart Mifstrauen erregt, wie Mt. 1, 23 l't;n
(ft. t§ti) oder 2, 7 al^ezaaaze (,sic, certl'), fo kann dadurch
der günftige Gefammteindruck nur wenig abgefchwächt
werden.

Auf die Collation des Cod. Egerton 2610 folgen zehn
Appendices, nämlich A: die Befchreibung und Collation
einer im Befitz des Verf.'s befindlichen Evangelienhf.,
B: ein berichtigter Abdruck von Scrivener's Lifte der
Abweichungen zwifchen Steph. 1550, Elzev. 1624, Beza
1565 und dem Complutenfifchen Texte, unter fteter Be-
rückfichtigung von Erasm. 1516fr., Aldus 1518, Colin.
1534, Steph. 1546 fr. und Beza 1582 ff., C: eine vollftändige
Vergleichung der beiden Elzevirdrucke von 1624 und 1633
{jdoubling the number of the real variants hitherto known')
nebft Anführung der mit diefer oder jener Ausgabe über-
einftimmenden Lesarten der fpäteren Drucke, von 1641,
1656, 1662, 1670 und 1678, D: ein Facfimile von Cod.
Paul. 247 (Cath. 210) mit Berichtigung der bisherigen Be-
fchreibungen diefer Hf., E: ein Bericht über einen Befuch
in Cheltenham mit Berichtigungen und Nachträgen zur
Befchreibung der in der Phillipps'fchen Bibliothek enthaltenen
neuteftamentlichen Hff., F: ein Bericht über
einen Befuch der Basler Bibliothek, enthaltend ein Facfimile
von Ew. 2 und eine Collation des Fragments
Apoc. 15, G: ein Bericht über einen Befuch der öffentlichen
Bibliothek in Genua, mit Berichtigungen zu
Cellerier's Collation von Ew. 75, H: ein Bericht über
einen Befuch der Bibliothek des Harvard College in
Cambridge, Maff., mit Nachrichten über die dort aufbewahrten
Bibelhandfchriften, I: Nachrichten über ein
Evangeliftarium (ia) in der Bibliothek des Theologifchen
Seminars zu Andover, J: eine Notiz über 1 Tim. 3, 16
(der Verf. hat drei Stunden darauf verwandt, zu ermitteln
, ob Cod. C an diefer Stelle von erfter Hand OC
oder DU hat; er entfcheidet fich für das letztere). Hiermit
fchliefst das glänzend ausgeftattete Buch, durch welches
fich der Verf. den Dank aller derjenigen verdient hat,
welche auf dem Gebiete der neuteftamentlichen Textkritik
arbeiten.

Berlin. O. v. Gebhardt.

W. Dundas Walker über Lightfoot's Apostolic Fathers. Part I.
S. Clement of Rome. (The Critical Review of theo-
logical and philosophical literature, edited by S. D. F.
Salmond. Vol. I. Edinburgh 1891, p. 285—292).

Obwohl es nicht zu den Aufgaben der Theol. Lit.-Ztg.
gehört, fich mit den in anderen Zeitfchriften erfcheinenden
Recenfionen zu befchäftigen, fo habe ich doch geglaubt,
mir für einige Bemerkungen zu der vorliegenden Anzeige
von Lightfoot's grofser Ausgabe der Clemensbriefe Raum
erbitten zu dürfen. Nicht als ob ich mich berufen fühlte,
diefe Anzeige zu kritifiren und meinerfeits für die darin
vielleicht nicht genug gewürdigten Verdienfte des verewigten
Bifchofs von Durham einzutreten. Der hohe
Werth auch diefes Theils der Apostolic Fathers wird
durch die Anerkennung der Thatfache, dafs das Werk
nicht frei von Mängeln ift, gewifs nicht beeinträchtigt,
und was insbefondere die Ungenauigkeiten anbetrifft,
welche der Recenfent im kritifchen Apparate der Clemensbriefe
aufzeigt (S. 287), fo find es durchweg nur
Verfehen in der Notirung der Lesarten, durch welche
die Conftituirung des Textes felbft nicht berührt wird.
Anders Hände es hiermit, wenn eine Entdeckung die
Probe befteht, welche Herr W. in diefem Zufammen-
hange gemacht haben will, und diefe Entdeckung allein
ift es, womit ich die Lefer der Lit.-Ztg. näher bekannt
machen möchte.

Hatte Lightfoot nach eingehender Prüfung die Unabhängigkeit
des Cod. Constantinop. (C) fowohl als der
fyrifchen Ueberfetzung vom Cod. Alexandr. (A) behauptet,
fo erklärt W. dies für einen Irrthum, fofern bei genauerer