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Ausgabe:

1891 Nr. 22

Spalte:

552-553

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dyrander, Ernst

Titel/Untertitel:

Das Evangelium Marci, in Predigten und Homilien ausgelegt. 1. Hälfte: Die vier Evangelien 1891

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 22.

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reicht, entweder keine Eindrücke empfangen, keine Wirkungen
ausgehen laffen, oder fie müffen wie wir mit
einem Leibe verfehen fein, zwifchen diefen beiden Vermuthungen
haben wir die Wahl. Verf. aber poftulirt,
dafs jene leiblofen Geiner Einwirkungen von aufsen, Einwirkungen
anderer Wefen empfangen und fo zum Ich
werden. Das Wie diefer Einwirkung zu erkennen, ift
uns nicht nur fehr fchwer, fondern ganz unmöglich, denn
es widerfpricht durchaus aller Erfahrung, und darum ift
diefe Hypothefe unter den drei möglichen am wenigften
wahrfcheinlich. Dennoch glaubt Verf., eine wiffenfchaft-
liche und gewiffe Erkenntnifs diefer antithetifchen Geifter
gefunden zu haben.

Nachdem Verf. fo das Reich der gefchaffenen Welt
durchwandert hat, erhebt er fich zur Erkenntnifs Gottes;
der zweite Haupttheil feiner Arbeit bringt die Theologie
(II, § 10—25). Verf. benutzt zur Erkenntnifs Gottes aus-
fchliefslich den Weg der Caufalität. Der Geift weifs,
dafs er fein Dafein von einer anderen Subftanz hat. Da
er nicht durch Zeugung noch durch Bildung entftanden
ift, fo mufs er durch Schöpfung entftanden fein. Schaffen
kann aber keiner der Weltfactoren, alfo ift ein überweltliches
Sein zu poftuliren: der Schöpfer. Die Frage, ob
diefer Schöpfer ift, wird rafch erledigt: der endliche
Geift denkt fich nicht nur, fondern ift wirklich; darum wird
auch der Schöpfer nicht nur gedacht, fondern ift wirklich;
denn eine wirkliche Subftanz kann nicht durch einen nur
gedachten Schöpfer entftanden fein. Dafs diefer Schöpfer
nur einer fei, ergiebt fich daraus, dafs keine Nöthig-
ung vorliegt, zwei Schöpfer zu poftuliren. Ebenfo fum-
marifch wird der Beweis verfucht, dafs Gott Perfönlich-
keit ift. Es ift unmöglich, den Schöpferwillen, der die
Welt ins Dafein gerufen hat, als unperfönliche Subftanz
zu denken. Wer das faffen kann, der faffe es; kein Ver-
ftändiger wird gefonnen fein, ihm den Vorzug eines
klaren, deutlichen und begründeten Denkens nachzurühmen
. Das ift der ganze Beweis. Hätte Verf. Lotze's
Darlegung über diefe Frage beachtet, fo würde er
Befferes haben fagen können. In § 16 bemüht fich der
Verf, aus dem Begriff der abfoluten Subftanz den theo-
gonifchen Selbftverwirklichungsprocefs zu conftruiren und
dialektifch nachzuweifen, dafs diefe Subftanz fich durch
Thefis, Antithefis und Synthefis zu einer dreifachen Subftanz
mit dreifachem Ichbewufstfein differenziren mufste.
Aber es widerfpricht der Ewigkeit und Unveränderlich-
keit Gottes, ihm einen, wenn auch überzeitlichen Werde-
procefs beizulegen. Gott ift Geift und Leben, aber ein
Werden, eine Entwickelung ift nicht in ihm. Diefe ganze
dialektifche Ausfpinnung ift ohne Werth; wäre fie nicht
geleitet von der heimlichen Rückficht auf das Dogma
von der Trinität, fo könnte fie eben fo gut nachweifen,
dafs in Gott zwei oder vier Subftanzen feien. Jede Entwicklung
der Trinität mufs ausgehen von der Gottheit
des im Fleifche erfchienenen und erhöhten Chriftus; dies
ift die dem chriftlichen Glauben gewiffe Wahrheit, welche
zur Lehre von der Dreieinigkeit führt. Verlaffen wir
den Boden diefer Thatfache, fo gerathen wir in grund-
lofe, gnoftifche Speculationen, die weder dem Chriften
genügen, noch den Ungläubigen überzeugen.

Zuletzt betrachtet Verf. Gott im Verhältnifs zur
Welt (II, § 20—25). Jede göttliche Hypoftafe, indem fie
die beiden anderen anfchaut, bildet den Gedanken des
Nichtich. Diefer dreifache Gedanke wird zum Gedanken
der Nichtichheit Gottes d. h. zum Gedanken der Welt. Der
Gedanke der Welt ift alfo ewig, die Wirklichkeit der
Welt hat einen Anfang. Daher fleht Gott nicht zur
Welt, wie die Subftanz zur Erfcheinung, dies ift der Irrthum
des Pantheismus, fondern wie eine Subftanz zur
anderen.

Durch die Dreiheit in Gott ift die Dreiheit der gefchaffenen
Subftanzen bedingt; indem Gott fich als Thefis
, Antithefis und Synthefis negirt, wird die endliche Thefis
, Antithefis und Synthefis gedacht. So ift die Welt

die Contrapofition Gottes. [Darnach ift alfo der Vater
abgebildet in der naturlofen Geifterwelt, der Sohn in
der geiftlofen Natur, der heilige Geift in der fyntheti-
fcheu Menfchheit] Es ift ein altes und fchönes Bild,
dafs die Welt eine Widerfpiegelung des göttlichen
Wefens fei; aber die Ausführung!, welche Verf. diefem
Bilde giebt, ift weder fchön noch wahr. Nach diefer
Darlegung faffe ich mein Urtheil dahin zufammen: Verf.
hat manche Behauptungen aufgeftellt, die fehr anfechtbar
find und in eine chriftliche Ontologie nicht gehören.
Wo er aber chriftliche Wahrheit entwickelt, da fehlt es
vielfach an einem eindringenden, überzeugenden Beweisverfahren
; diefes wird oft durch einfache Behauptung,
durch rhetorifche Declamation erfetzt. Darum, fo aner-
kennenswerth das Ziel ift, welches er fich gefleckt hat,
fo umfang reich das Wiffen, über welches er verfügt, fo
fehlt doch viel daran, dafs er manche der befprochenen
Probleme zu einem endgültigen Abfchlufs gebracht hat.

Bonn. E. Sachffe.

Dryander, Konfift.-R. Pfr. Ernft, Das Evangelium Marci,
in Predigten und Homilien ausgelegt. 1. Hälfte. [Die vier
Evangelien, in Predigten u. Homilien ausgelegt, hrsg.
v. R. Kögel, 2. Abth., 1. Hälfte.] Bremen, C. Ed.
Müller's Verl., 1891. (X, 359 S. gr. 8.) M. 6. —;
geb. M. 7. 50.

In dem von D. Kögel herausgegebenen Predigtwerke
über die vier Evangelien hat der Herr Verf. die Bearbeitung
des Evangeliums nach Markus, von welcher
die erfte Hälfte vorliegt, übernommen. In 37 Predigten
werden die neun erften Capitel behandelt. Nach den
bisher erfchienenen Bänden zu urtheilen, werden wir in
dem geplanten Werke, deffen Vollendung wir mit
Freude entgegenfehen, ein hervorragendes Zeugnifs geift-
licher Beredtfamkeit empfangen, welches uns in gewiffer
Weife die Höhe der Predigtkunft in unferer Zeit vergegenwärtigt
. Dryander's Buch ift ein würdiges Glied des
Ganzen.

Wir wünfchten freilich dem Werk einen anderen
Titel. Es dürfte doch in der That veraltet fein und deshalb
nur neue Verwirrung anrichten, ,Homilien' als eine
befondere Redegattung hinzuftellen; und wenn Homilien
gar im gegenfätzlichen Unterfchied von .Predigten' eingeführt
werden, fo ift das vollends unftatthaft, ganz ab-
gefehen davon, dafs ein folcher Unterfchied in der Behandlung
derTexte nirgends in dem Buche hervorleuchtet.
Endlich ift es doch gar zu reformirt, das Wefen der
Predigt und Homilie als ,Auslegung' zu charakterifiren;
das gehört einer Zeit an, in der es eine Praktifche Theologie
noch nicht gab und die Befreiung der dem Namen
nach noch ungeborenen Homiletik aus der Knechtfchaft
unter der Rhetorik eins war mit ihrer Subfumtion unter
die exegetifche Theologie. So fchriebA. Hyperius 1553
fein treffliches Buch De formandis concionibns sacris seu
de interpretatione Scripturarum populari. Doch die
Zeiten find vorüber, und ihre Repriftination dient nicht
der Klärung der Sache.

Selbftredend trifft diefe Ausftellung nicht das Predigtbuch
Dryander's, und wir gerathen nicht in Widerfpruch
mit uns felbft, wenn wir als einen der Hauptvorzüge
desfelben die forgfältige und liebevolle Verwerthung des
Textwortes bezeichnen. Wir möchten es gern mit un-
mifsverftändlicher Deutlichkeit ausfprechen, dafs an der
forgfältigen Textverwerthung der bleibende Gewinn felb-
ftändiger Erkenntnifs feitens der Gemeinde durch die Predigt
hängt, dafs fie unter Vorausfetzung normaler Geiftes-
kraft auch das einzige Präfervativ des Predigers ift, auch
bei überwältigender Arbeitslaft fich nicht auszupredigen.
Es ift ja nicht wahr, dafs das wahrheitsgemäfse Aufgeben
der traditionellen Infpirationstheorie eine Entwerthung
der Hl. Sehr, bedeute oder den Prediger nöthige, nur als