Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1891 Nr. 22

Spalte:

547-548

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gestrin, E.T.

Titel/Untertitel:

Die Rechtfertigungslehre der Professoren der Theologie Joh. Tob. Beck, O.F. Myrberg und A.W. Ingmann 1891

Rezensent:

Sachsse, Eugen

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

547

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 22.

548

Auch die Gefchichte der Ketzereien, unter feinen
wiffenfchaftlich fein follenden Büchern wohl das fchlech-
tefte, taxirte er fehr hoch: es fei ein fehr nützliches Werk,
nicht nur für Geiftliche, fondern auch für weitere Kreife;
es enthalte in Kürze das, was viele ältere und neuere
Schriftfteller in vielen Bänden fagten, und werde bei
dem Publicum Beifall finden, vielleicht mehr als alle
feine anderen Bücher ; ein ähnliches Buch gebe es jetzt
in der Kirche nicht (p. 410. 414. 437).

Liguori bemühte fich für den Abfatz feiner Bücher;
einer feiner Patres verkaufte fie mit feinem Vorwiffen
nicht gegen baar, fondern gegen Meffen (per via di
messe, p. 332; ,fonft würde er nicht viele abfetzen', wird
p. 113 beigefügt), d. h. die Käufer übernahmen es, fo
viele Meffen zu lefen, dafs die dafür gezahlten Stipendien
, die der Verkäufer behielt, den Preis deckten.1)
Unter den Geiftlichen feiner Diöcefe waren freilich
manche, bei denen lateinifche Bücher nicht anzubringen
waren, a cui puzza la lingua latina (p. 55.211).

Bonn. F. H. Reufch.

Gestrin, Propft Paff. E. T., Die Rechtfertigungslehre der
Professoren der Theologie Johs. Tob. Beck, 0. F. Myrberg
und A. W. Ingman, geprüft und beleuchtet von mehreren
evangelifchen Theologen und v. E. T. G. Ueber-
fetzung. Berlin, Wiegandt & Grieben, 1891. (127 S.
gr. 8.) M. 1. 60.

Tobias Beck und feine Rechtfertigungslehre fcheint
in Schweden Anhänger gefunden zu haben. Als folche
werden Prof. Myrberg in Upfala und Ingman in Hel-
fingfors genannt; nach den Citaten, welche aus ihren
Schriften angeführt werden, fcheint der Vorwurf begründet
zu fein und Verf. bemüht fich nachzuweifen, dafs
diefe Lehre der heil. Schrift und den Bekenntnifsen der
luth. Kirche widerfpricht. Darin hat er ohne Zweifel
Recht Es ift nicht ftreitig, in welcher Abfolge derfub-
jective Heilsprocefs verläuft: Gott bietet dem Sünder
Gnade und Vergebung an; wenn der Sünder fie im Glauben
ergreift, wird er in den Stand der Kindfchaft verfetzt
und aus diefer Gemeinfchaft mit Gott empfängt er
die Kraft der fittlichen Erneuerung. Aber ftreitig ift,
aus welchem Factor wir die Gewifsheit unteres Heiles
fchöpfen. Luther fagt: allein aus dem angebotenen
Gnadenwillen Gottes und dem Lebenswerke Chrifti, dadurch
die Menfchheit angenehm gemacht ift. Die römifche
Kirche fagt: aus der zunehmenden Gerechtigkeit unteres
Wandels, welche ebenfalls eine Wirkung Gottes ift. Da
aber die Heiligung des Wandels nicht ohne eigene Mitwirkung
gefchehen kann, fo hängt hier die Vergebung
der Sünden von unferem Verhalten ab, d. h. die Selbft-
gerechtigkeit wird aufgerichtet. Andererfeits ift die Heiligung
immer mangelhaft, alfo ift die Heilsgewifsheit gegründeten
Zweifeln ausgefetzt und der Friedensftand der
Gotteskinder wird nicht erreicht. Darum ift es Grundlehre
des Evangeliums, dafs wir, um Heilsgewifsheit zu
zu erlangen, allein auf Gottes Gnade und Chrifti Werk
fchauen dürfen; der heilige Wandel ift die Folge des
gerechtmachenden Glaubens. Nun ift nicht zu leugnen,
dafs diefe Wahrheit ganze Zeiten und Länder zur fittlichen
Schlaffheit, zu einem trägen Vertrauen auf Gnade
verleitet hat, und daher erklärt fich der vielfache Wider-
fpruch, den fie auch auf evang. Gebiet immer wieder erfährt
. Aber wenn man der fittlichen Schlaffheit dadurch
begegnet, dafs man die Gewifsheit des Heils von dem
fittlichen Verhalten abhängig macht, dann treibt man die
Teufel durch Beelzebub aus; in der Abficht, zur Heiligung
anzufpornen, richtet man die Gerechtigkeit aus den

1) Näheres über dielen Unfug f. im Rhein, (deutfchen) Merkur 1872,
219. 235; 1876, 178. Dafs er bei den Redemtoriften im Schwange war,
war längft bekannt; dafs er fchon zu Liguori's Zeit aufgekommen und
von diefem geduldet wurde, war wenigftens dem Recenfenten neu.

Werken wieder auf und giebt die Grund- und Kernlehre
des Evangeliums auf. Ich kann daher den Ausführungen
des Verf/s nur beipflichten.

Bonn. E. Sachffe.

Weber, Thdr., Metaphysik. Eine wiffenfchaftliche Begründung
der Ontologie des pofitiven Chriftenthums.
2. Bd.: Die antithetifchen Weltfaktoren und die fpe-
kulative Theologie. Gotha, F A. Perthes, 1891.
(VIII, 587 S. gr. 8.) M. 9. -

Bereits im Jahrgang 1889 diefer Zeitung Sp. 59 habe
ich eine kurze Inhaltsangabe des erften Bandes und ein
vorläufiges Urtheil über denfelben gegeben. Mit diefem
zweiten Bande liegt das Werk abgefchloffen vor, und
nunmehr läfst fich erft feflftellen, wie weit der Herr Verf.
feine Aufgabe gelöft hat. Er hat fich die Aufgabe gefleht
, den wiffenfchaftlichen Beweis für die Ontologie
des pofitiven Chriftenthums zu geben. Er will in wahrhaft
wiffenfchaftlicher Art die antichriflliche Denkweife
der Gegenwart, wie fie in materialiftifchen und panthei-
flifchen Syftemen ihren Ausdruck findet, als eine verfehlte
klar und deutlich aufzeigen. Daher ift die Arbeit
trotz ihrer apologetifchen Tendenz keine Apologie der
chriftlichen Grundanfchauungen, fondern eine philofo-
phifche Metaphyfik, d. h. Verf. fetzt nicht die Wahrheiten
des Chriftenthums als bewiefen voraus, um fie
gegen Einwürfe irgendwelcher Art zu vertheidigen, fondern
er will den Gegnern des pofitiven Chriftenthums
den wiffenfchaftlichen Nachweis erbringen, dafs die Ontologie
des Chriftenthums wahr und jede andere Ontologie
verfehlt ift. Er läfst daher in feinen Beweisführungen
die chriftlichen Erfahrungen der Gläubigen aufser
Betracht, als welche für feine Gegner nicht vorhanden
find, und nimmt fein Material lediglich aus den Erfahrungen
und Thatfachen, welche jedem denkenden Men-
fchen zugänglich find. Gewifs hat der Verf. Recht, dafs
dies ein hohes Ziel ift. Prüfen wir denn, ob und wie
weit er diefes Ziel erreicht hat.

Verf. geht aus von der Thatfache des menfehlichen
Selbftbewufstfeins. Aus der Erfahrung, dafs der Geift in
allem Wechfel der Zuftände als identifch beharrt, folgt,
dafs er eine beharrliche Subftanz mit verfchiedenen Attributen
, eine felbftändige Monas ift mit wechselnden Er-
fcheinungen. Daraus folgt, dafs die Kategorie von Subftanz
und Accidenz nicht nur eine fubjective Denkform
ift, fondern objective Geltung hat. Dasfelbe folgert er
für die Kategorie von Urfache und Wirkung aus der
Thatfache, dafs der menfehliche Geift Urheber von Veränderungen
ift.

Damit ift der fubjective Idealismus Kant's überwunden
und der Geift als Ding an fich nachgewiefen.
Aus der Subftantialität des individuellen Geiftes folgert
dann Verf. feine Unfterblichkeit. Wie wird diefer Beweis
erbracht? Zunächft wird uns verfichert, dafs jede
Subftanz wie jedes Realprincip aus und durch fich felbft
fchlechthin unvergänglich fei, felbft der Abfolute könne
den Geift nicht wieder zu nichte machen. Sodann wird
hingewiefen auf den Ausfpruch der Alten: keine Subftanz
kann auf irgend eine Weife wieder zu nichts werden
. Endlich wird die Erfahrung vorgeführt, dafs der Geift
fchon in diefem Leben zeitweife den Ichgedanken verliert
(im Schlaf, in der Ohnmacht), aber immer wieder denfelben
aufnimmt, wenn die Urfachen des Unbewufstfeins
befeitigt find. Und aus diefen Vordcrfätzen wird ge-
fchloffen: verliert der Geift die UnVergänglichkeit nicht,
folange er mit dem Leibe vereint ift, wie könnte und
follte er fie dann im Tode des Menfchen einbüfsen? Ob
Verf. damit wirklich feine Gegner überwunden hat? ob
diefer Schlufs wirklich die Fortdauer des Menfchengeiftes
fo unwiderleglich beweift, wie Verf. hofft? Dafs eine
Subftanz unvergänglich fei, ift nicht bewiefen, fondern