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Ausgabe:

1891 Nr. 22

Spalte:

541-545

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwarzlose, Karl

Titel/Untertitel:

Der Bilderstreit, ein Kampf der griechischen Kirche um ihre Eigenart und um ihre Freiheit 1891

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 22

542

395. Zu rügen ift die mangelhafte Berückfichtigung des
Cod. Cantabrigiensis, von dem erft in den Addenda et Corri-
genda eine vollftändigere Collation mitgetheilt wird, wodurch
der Text an 51 (!) Stellen geändert wird. Auch die
Verzeichnung der Correcturen Pitra's ift nicht zuver-
läffig. (S. 60 fehlen 3, S. 61 ebenfoviele Varianten von
dem Texte Pitra's.) Das äufsere Gewand ift diesmal
nicht fo tadellos, wie wir es fonft bei dem Corpus gewöhnt
find.

Berlin. Erwin Preufchen.

Schwarz lose, Dr. Karl, Der Bilderstreit, ein Kampf der
griechifchen Kirche um ihre Eigenart und um ihre
Freiheit. Gotha, F. A. Perthes, 1890. (VIII, 266 S.
gr. 8.) M. 5. —

Der Verfaffer der vorliegenden Schrift hat fchon mit
feiner philofophifchen Jnauguraldiffertation'(,Die Patrimonien
der römifchen Kirche1, Berlin 1887) und mit einem
denfelben Stoff ausführlicher behandelnden Auffatz in
der Zeitfchrift für Kirchengefchichte (XI, 1. 1889. S. 62
—100) an der kirchenhiftorifchen Forfchung fich betheiligt
. Hier legt er feine Berliner Licentiatendiffertation
vor. Und man darf die Arbeit als ein glückliches Probe-
ftück berufsmäfsiger kirchengefchichtlicher Arbeit be-
grüfsen. Denn glücklich ift die Wahl des Stoffes: aufser
Hefele's PVrfchungen, die längft nicht genug Beachtung
gefunden haben (vergl. den Artikel ,Bilderftreit' der Real-
Encyklopädie von Herzog, auchKurtz, Hafe u.a.), und
aufser Harnacks Dogmengefchichte find nennenswerthe
neuere Arbeiten nicht zu verzeichnen; hier gab es etwas
zu thun. Und glücklich ift auch die Ausführung. Ein
deutlicher Beweis dafür ift, dafs Langen in Anknüpfung
an das Buch Sch.'s in der Beilage zur Allg. Zeitung
(1891, Nr. 164 und 165) ein weiteres Publikum für den
Bilderftreit zu intereffiren gewufst hat. Sch. hat eine
glückliche Anlage zu gefchichtlicher Darfteilung, und
fein Stil ift trotz einiger unfchöner Provinzialismen (vgl.
z. B. das ftete ,Wie' nach einem Comparativ, das ,Wo'
S. 24, Anm. 1) gewandt und lebendig, die Hauptgedanken
des Buches find umfichtig, eindringend und hervorragend
klar dargelegt worden.

Doch kann ich mich hier nicht darauf befchränken,
aus den angegebenen Gründen des Verf.'s Mitarbeit freudig
willkommen zu heifsen. Wenn man fein Buch lediglich
als wiffenfchaftliche Erfcheinung wertet, fo läfst fich
nicht verhehlen, dafs es nicht ebenfo felbftändig als
glücklich und im Ganzen nicht ebenfo gelungen ift als
in feinen Hauptabfchnitten. Die Hauptmaffe des Buches
befchäftigt fich mit der dogmengefchichtlichen Würdigung
des Bilderftreits, und von diefen Abfchnitten gilt in
vollem Mafse das ausgefprochene günftige Urtheil; doch
geben diefe Abfchnitte, wie fchon der Titel ankündigt
(vgl. Harnack Dogmengefchichte II, S. 462), wenig mehr
als eine eingehende und deshalb werthvolle Durchführung
Harnack'fcher Gedanken. Was Schw. aufserdem gebracht
hat, indem er feine Arbeit zu einer Monographie
über den Bilderftreit überhaupt erweiterte, das kann der
Arbeit Hefele's gegenüber, deren Bedeutung Schw. m.
E. nicht genug hervorhebt, als eine Weiterführung der
Forfchung nur in fehr befchränktem Mafse bezeichnet
werden; Schw. ift hier an manchen Problemen vorbeigegangen
, hat es an Exactheit der Methode und an eindringender
Kritik fehlen laffen.

Schon im erften Capitel, das die Entftehung der
Bilderverehrung behandelt (S. 1- 29), hätte Verf. tiefer
bohren können. Ich meine nicht, dafs er an all den Detailfragen
hätte herumarbeiten follen, die er berührt —
und nicht immer, ohne angreifbare Urtheile zu vermeiden
—; die Frage aber hätte er unterfuchen müffen, ob
in der Zeit der aufkommenden Bilderverehrung die
Freunde und die Gegner derfelben fich vertheilen laffen

auf fonft bekannte geiftig oder local zu fondernde Gruppen
in der Kirche, oder ob lediglich der individuelle Ge-
fchmack über die Stellung zu den Bildern entfehieden
hat. Dafs Letzteres nicht der Fall ift, läfst die ver-
fchiedenartige Stellung vermuthen, welche die perfifch-
neftorianifche Kirche einerfeits, die monophyfitifchen
Kirchen andererfeits zum Bilderdienft einnehmen; und in
diefem Zufammenhange gewinnt die bei den früher
neftorianifchen Thomaschriften, aber nicht nur hier, nachweisbare
Tradition ein Intereffe, derzufolge Cyrill die
Bilder eingeführt haben foll (Giefeler. Kirchengefchichte
I, 3. Aufl. § 97, Anm. rr, S. 573). Die Tradition ift ja ge-
wifs irrig, und ebenfo ift es mir zweifellos, dafs die
Bilderfeindfchaft ebenfowenig durch das neftorianifche
Dogma verurfacht ift, als die Bilderverehrung durch das
monophyfitifche, — das Gegentheil liefse fich, wenn man
auf die Argumentation der fpäteren Bilderfreunde achtet,
weit eher begreifen, und Philoxenos v. Mabug war ein
Gegner der Bilder. Dennoch liegt hier ein Problem vor,
das gewifs nicht allein durch den Hinweis darauf be-
feitigt werden kann, dafs die Neftorianer die EntWickelung
in der griechifchen Kirche nur bis 433 mitmachten,
während die Monophyfiten fich erft fpäter ablöften. —
Schw. hat diefe Dinge gar nicht erwähnt, und doch wäre
eine auf fie eingehende Unterfuchung vielleicht von Bedeutung
gewefen für die ganze Beurtheilung der Bilderverehrung
. Denn eine folche Unterfuchung hätte feft-
ftellen können, ob wirklich die Bilderverehrung der
nothwendige Abfchlufs der griechifchen Dogmengefchichte
war, oder ob die Verbindung zwifchen Bilderverehrung
einerfeits, Monophyfitismus und neuplatonifcher
Myftik andererfeits eine mehr zufällige war, d. h. verurfacht
nicht durch das cyrillifche Dogma oder die
areopagitifche Lehre, fondern durch die Richtung der
Frömmigkeit in diefen Kreifen. Die Gegner der Neftorianer
waren im Orient die /Frommen', das Mönchthum
ftand vornehmlich auf ihrer Seite; auch die Bilder fchei-
nen hier fchneller reeipirt zu fein. Woran lag das? Der
allzufchnelle Recurs auf die Confequenz des Dogma's
kann zu neuer Hegelei uns führen; complicirtere Ver-
hältnifse gilt es zu entwirren.

Auch in dem Anhang zu Cap. I, der auf Grund der
literarifchen Quellen des Bilderftreits ,die für die Bilder
gangbaren Vorlagen' behandelt, geht Schw. mit allzu
grofser Nonchalance an einem intereffanten Probleme
vorbei. Er beginnt mit der Bemerkung, nach Gafs,
Symbolik S. 317 fei es im allgemeinen bekannt, dafs ,die
griechifche Lehre' alle gemeifselten, in Stein gehauenen
oder gegoffenen Bildwerke verwerfe. Ift das wirklich fo?
Gafs berichtet a. a. O. zunächft nur über die b(.ioo-/ia
des Metrophanes (Kimmel app. ed. Weifsenborn, S.
162); allein diefe erft in unferm Jahrhundert aus ihrem
Aktengrabe hervorgeholte Privatfchrift des Metrophanes
ift alles andere eher als eine fymbolifche Schrift der
Griechen. Und in der That ift auch hier Metrophanes
ein irreführender Zeuge. Freilich fpricht in der anato-
lifchen Kirche die Sitte durchaus gegen plaftifchen
Schmuck der Kirchen (vgl. auch Gafs S. 328); doch
fehlen gemeifselte, gefchnitzte und getriebene Chriftus-
und Heiligenbilder keineswegs ganz (vergl. z. B. Brock -
haus, die Kunft in den Athosklöftern, Leipzig, 1891,
S. 43 u. 49), ja in der Verklärungskapelle auf dem
Gipfel des Athos nehmen Reliefs die Stelle der Templon-
bilder, die Stelle der Ikonoftas, ein (a. a. O. S. 45 Anm. 1),
und noch die neueren Griechen führen den göttlichen
Auftrag zur Bildung der Cherubim (Ex. 25, 18) und der
ehernen Schlange (Num. 21, 8) zu Gunften der Bilderverehrung
an (vgl z. B. Kagvdog, n didaoxaUa t%
ävaiolixrig swlinaiag, Smyrna 1870, S. 150). Sollten wirklich
im achten Jahrhundert nur gemalte Bilder verthei-
digt fein? Schw. felbft erwähnt (S. 133—135), dafs die
Apologeten Ex. 25, 18 und Num. 21, 8 verwertheten er
felbft berichtet (S. 148), dafs sie in der Statue Chrifti in

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