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Ausgabe:

1891 Nr. 21

Spalte:

528-532

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dächsel, K. August

Titel/Untertitel:

Ordnung des öffentlichen Gottesdienstes und der kirchlichen Handlungen 1891

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 21.

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oder Beftrebungen, wie diefelben auch heute noch leben,

— ohne jedoch deshalb ins Schemenhafte zu zerfliefsen
—; fo wird das Hiftorifche erbaulich, die Textfituation
lebendig und jeder kleine Zug derfelben gewinnt unter der
gefchicktenHand des Predigers Bedeutung. Modern ift fo-
dann die Art der Eintheilung: leicht, anfpruchslos und natürlich
tritt fie auf, mitunter nicht einmal angekündigt, feltener
nur emblematifch gefafst (wie S. HO: Die Todtenglocke
eine Sonntags-, Feierabend- und Morgenglocke), lediglich
im Dienfte eines durchfichtigen Aufbaus, einer zielbe-
wufsten Fortbewegung; die gerade in diefem Punkte be-
fonders alterthümliche Waffenrüftung der üblichen Predigtweife
ift definitiv abgelegt. Modern ift die ganze Gedankenbildung
, fofern das ganze moderne Leben in ihr
zur Geltung kommt, alles, was den Zuhörern begegnet,
fie umgiebt oder bewegt, mit hereingezogen wird, aber

— echt homiletifch — um ftets energifch in das Licht
religiöfer Betrachtung geftellt oder, gefchickt und finnig,
als Bild oder als Anknüpfung für das Religiös-Chriftliche
verwerthet zu werden: folche Predigt geht nicht über die
Köpfe, wie fo oft die alte that, weil fie fich in einem
den Heutigen ganz fremden Gedankenkreife bewegte, fondern
fie geht in die Köpfe und Herzen heutiger Men-
fchen. Modern ift endlich die Sprache, frei von aller
Steifigkeit und Zopfigkeit, flüffig, leicht und gewählt,
reich an fchönen und treffenden bildlichen Wendungen,
wie fie einem dichterifch angelegten Gemüth kommen
mögen, und dennoch fromm, dennoch chriftlich, dennoch
biblifch — aber modern und — ohne alle Phrafe.— Vieles
noch liefse fich zum Lobe der M.'fchen Predigten
fagen; ich will hier abbrechen, um nur noch hinzuweifen
auf die Anfprachen bei Eröffnungsfeier des theol. Seminars
und beim Ausflug des ftudent. Guftav-Adolf-Vereins:
wer wiffen will, welcher Geift in der Heidelberger theolog
. Facultät gepflegt wird, lefe diefe beiden.

Die dritte Sammlung ift eine Textferie, welcher der
1. Johannesbrief zu Grunde liegt. 21 Predigten hat Ja-
coby, wohl ebenfalls im Univerfitätsgottesdienfte, über
denfelben gehalten. Vieles von dem, was über die Mehl-
horn'fchen foeben Anerkennendes gefagt worden ift, darf
auch von diefer dritten Sammlung gelten. So ift auch
bei J. die Textauslegung und-Verwerthung fein, tief und
richtig. Er weifs die grofsen Gedanken diefes Briefes
nicht nur zu erfaffen, fondern auch für chriftliche Zuhörer
fafslich darzulegen. Der Inhalt feiner Predigten wird
demjenigen feines Textes gerecht. Die Erfaffung und
Formuhrung des Thema's ift auch hier zutreffend, textge-
mäfs und kräftig, die Geftaltung der Dispofition ohne
jede Künftelei, einfach und klar. Die Gedankenentwickelung
ruht auf einer gefunden und wohldurchdachten Pfy-
chologie, reicher Lebenserfahrung und vielfeitiger Schrift-
kenntnifs; dafs der Verf. auch erfahrener Pädagoge ift,
empfindet man bei der vortrefflichen Predigt über die
Heiligung der Kindheit (S. 37 ff.); die Sprache ift fehr
gewählt, durchgebildet, klar und lebendig. Aus dem
Ganzen fpricht eine Perfönlichkeit, die in Chriftus den
Gottesfrieden gefunden hat, verwandt derjenigen des
Brieffchreibers, ein tiefreligiöfes und zugleich ernft-fitt-
liches Gemüth. Es mag wohl an der Art des Textes
felbft liegen, dafs den Mehlhorn'fchen Predigten gegenüber
hier zwar vielleicht noch mehr Gedankenreichthum,
aber weniger jene Realiftik wahrgenommen wird, die
dort zu den Eigenthümlichkeiten des modernen Predigers
gerechnet wurde: J. bewegt fich faft durchweg in
idealen Regionen; dies und eine — wieder mit dem
Texte zufammenhängende — gewiffe Allgemeinheit der,
allerdings ftets grofsen, Gedanken laffen hie und da we-
nigftens bei fortgefetzter Leetüre den Eindruck der Monotonie
entliehen. Mir fehlt etwas das Eingehen auf
concrete heutige Verhältnifse. Auch ift Jac. nicht jene
poetifche Ader eigen, welche dazu befähigt, auch das
Allgemeine ftets im Einzelnen zu fehen und ftets an
das Einzelne zu knüpfen: er bewegt fich mehr in der

Sphäre des Begriffs als des Bildes. Beides foll kein Vorwurf
fein, fondern nur die Eigenart der Sammlung bezeichnen
. Wie die Hörer verfchieden find und Verfchie-
denes begehren, fo müffen auch die Prediger verfchieden
fein in Beziehung auf ihre Vorzüge. Diejenigen J.'s
fcheinen mir denen des 1. Joh.-Briefs zu entfprechen;
und den erfteren dürften diefelben Mängel zur Seite flehen
wie den letzteren. Der Brief, fo grofsartig-fchön er ift,
ift nicht Jedermanns Sache, wer fich ihn zum Text erwählt
, hat fich eine fchwere Aufgabe geftellt. Diefelbe
darf als von J. mit grofsem Gefchick gelöft bezeichnet
werden. Dazu befähigte ihn neben Anderem auch die
Weitherzigkeit des Denkens, die z. B. in der 8. Predigt
über 2, 18—23 ucn fchön ausfpricht, während die
14. ,der Irrweg der falfchen Propheten' über 4,1—6 allerdings
minder glücklich genannt werden mufs, fofern der
Verfuch, die gnoftifche Irrlehre auch heute nachzuweifen
und aus Weltfinn abzuleiten, nicht gelungen ift, vielleicht
nicht gelingen konnte.

Drei folche Sammlungen anzuzeigen, ift eine Freude;
man braucht an unferer homiletifchen Zukunft nicht zu
verzweifeln, wenn in fo verfchiedenen Zungen fo gleich
gut gepredigt wird.

Heidelberg. Baff er mann.

1. Dächsei, Paft. K. A., Ordnung des öffentlichen Gottesdienstes
und der kirchlichen Handlungen. Im Anfchlufs
an die preufsifche Landes-Agende zum Hilfsbuch bei
deren Gebrauch zufammengeftellt. (Mit 2 Beigaben,
einem liturgifchen Handbuch für die Gemeinde und
einem Kanzelbüchlein für den Geiftlichen.) Berlin,
Wiegandt& Grieben, 1890. (VI, 260 S. Lex.-8.) M.4.—

2. Dächsei, Paft. Aug., Liturgisches Handbuch für die Gemeinde
zum Gebrauch beim öffentlichen Gottesdienft.
Im Anfchlufs an die Ordnung des öffentlichen Gottes-
dienftes und der kirchlichen Handlungen. Berlin,
Wiegandt & Grieben, 1890. (80 S. 8.) M. —. 60.

3. Dächsei, Paft. Aug., Kanzelbüchlein, enthaltend diefonn-
und fefttäglichen Perikopen, die Gefchichte der Zer-
ftörung Jerufalems durch die Römer, fowie Formulare
zu den nach der Predigt zu verrichtenden Dank-
fagungen und Fürbitten. Zum Handgebrauch für
Geiftliche in der preufsifchen Landeskirche zufammengeftellt
. Berlin, Wiegandt & Grieben, 1890. (85 S.
gr. 8.) M. 1. —

I. Die,Ordnung des öff. Gottesdienftes u.f.w.'ift durch
die Verbefferungsbedürftigkeit der landeskirchlichen preuf-
fifchen Agende und durch die Verzögerung der in Ausficht
genommenen Reform derfelben veranlafst. Eine
vollftändige Agende bietet der Herr Verf. dar; er hat
fie fich felbft zufammengeftellt bezw. zufammengefucht und
veröffentlicht fie als verbefferte Auflage feiner i. J. 1880
herausgegebenen ,Agende für die evangelifche Kirche in
den königlich Preufsifchen Landen, nach Mafsgabe der
gegenwärtigen Bedürfnifse überarbeitet und vervollftän-
digt'. Aber weder die Agende von 1880, noch auch diefe
.Ordnung* ift etwa einer zukünftigen Generalfynode als
fchätzbares Material dargeboten, beide Werke find vielmehr
ohne weiteres zur Einführung und zum Gebrauch
beftirnmt; das Anfehen, welches der Herr Verf. in manchen
Kreifen geniefst, wird auch gewifs zahlreiche
Pfarrer, befonders in Schlehen, veranlaffen, hinfort ftatt
der landeskirchlichen officiellen Agende diefe .Ordnung'
des Herrn Verfs. zu gebrauchen. Referent ift zu wenig
in die Geheimnifse des oberen Kirchenregiments eingeweiht
, um ficher beurtheilen zu können, ob ein derartiges
Vorgehen eines einzelnen Pfarrers als erlaubt ange-
fehen wird. Dafs die ftillfchweigende Sanctionirung des-