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Ausgabe:

1891

Spalte:

525-528

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mangold, Wilh.

Titel/Untertitel:

32 Predigten, gehalten in den Jahren 1846-1882 1891

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 21. 526

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fchauung kennen zu lernen. Schon die packenden Reden
des Savonarola Lenau's erwecken das Verlangen,
den gefchichtlichen Savonarola als Prediger zu belau-
fchen. Und wenn man das Urtheil Chrifllieb's (H. R. E.2
XVIII, 508J hört: ,Der bedeutendfle Kanzelredner unter
den Vorreformatoren, ja neben Bernhard und Berthold
der gewaltigfle Prediger des M.-A. überhaupt ifl der
Märtyrer von Florenz', fo mufs man fich wundern, dafs
wir bisher immer nur auf die Bruchftücke in den Werken
über Savonarola und auf die Uebertragung von Rapp
(1839) angewiefen waren, zumal befonders die italienifche
Urfprache die Reden den meiften Theologen unzugänglich
macht. Dem Uebelftand wird durch vorliegendes
Bändchen einigermafsen abgeholfen, obwohl der Herausgeber
in Auswahl und Ueberfetzung gerade an die bisher
vorhandenen Uebertragungen fich anfchliefst, theilweife fie
leider nur einer ,ftarken Revifion' unterwirft. Jedoch hat
er bei der Auswahl feinen eigenen Zweck. ,Soweit dies
im engen Rahmen möglich, follte Savonarola nicht blofs
in verfchiedenen Momenten feines Lebens, bei Behandlung
verfchiedener Gebiete, in feiner Art der Darfteilung,
fondern auch nach feiner Lehre gezeigt werden'. Deshalb
theilt er nach einleitender Monographie (XXX S.)
und Literaturangabe chronlogifch geordnet in den Ab-
fchnitten V und VIII eine Reihe gröfserer und kleinerer
Predigtausfchnitte und elf meift auch gefchichtlich be-
deutfame Predigten mit. Gewöhnlich find auch letztere
nicht ohne Auslaffungen, deren Inhalt in der Regel kurz
angegeben wird. Trotz der vielen für den Lefer unferer
Tage Hörenden Dinge, vor allem des p. 60 ausdrücklich
motivirten verfchiedenen Schriftfinnes, wirken die Reden
unmittelbar erbauend und ergreifend, vgl. z. B. II, die
fchöne Epiphaniaspredigt über Mth. 2, 1—2 oder XI,
die gewaltige Predigt ,über die Kunft gut zu Herben'.

XIII. Ohne Zweifel gebührt dem Roflocker Heinrich
Müller (f 1675), der mit Recht neben Joh. Arndt und
Chr. Scriver geltellt wird, ein Platz in diefer Sammlung.
Echte Volkstümlichkeit und fchlagenden, knappen Ausdruck
kann unfere predigende Generation neben anderem
von ihm lernen, und folche Belehrung dürfte wohl
nicht überflüffig fein. — Der vorliegende Band bringt
acht, fich über je 10—20 Druckfeiten erHreckende Predigten
, zwei Leichenpredigten und eine Anzahl kurzer
Auszüge aus der cvangelifchen und apoHolifchen ,Schlufs-
kette und Kraftkern'. ,Bei der Auswahl wurden mög-
lichH alle Sammlungen von Predigten Heinrich Müller's
gleichmäfsig berückfichtigt, und die Predigten nach dem
Wortlaut des Originals (abgefehen von der Schreibweife)
wiedergegeben'. Die mitgetheilten Reden find aus der
feHlichen Hälfte des Kirchenjahres genommen; deshalb
ifl eine Auswahl von Predigten aus der Trinitatiszeit ,für
einen in einer fpäteren Serie etwa erfcheinenden II. Band
vorbehalten'. — In der Angabe der ,Literatur' iH H. R.
E.1 citirt; feltfamerweife beHeht aber zwifchen der Monographie
und dem Artikel von H. Beck in H. R. E.2
eine derartige Berührung, dafs ganze, ohne Anführungszeichen
gedruckte SatzHücke wörtlich übereinHimmen. —
Mithin mufs man fich bei diefer ,Predigt der Kirche'
über mancherlei wundern. Es wäre fchade für das an
fich gewifs nützliche und dankenswerthe Unternehmen,
wenn fortgehende Mängel in der Herausgabe zu einem
berechtigten Widerfpruch gegen dasfelbe führen müfs-
ten. — Die gefällige Ausflattung der Bändchen bei
billigem Preife wird mit gutem Grunde vielfeitig anerkannt
.

St. Goar a/Rhein. O. Everling.

1 Mangold, Confifl.-R. Prof. Dr. Wilh., 32 Predigten, gehalten
in den J. 1846—82. Mit Vorwort von Superint.
Polscher. Marburg, Elwert, 1891. (IV, 253S.gr. 8.)
M. 2. 40.

2. Mehlhorn, Lic. Dr. Paul, Heidelberger Universitätspredigten
. Leipzig, J. A. Barth, 1891. (VIII, 260S.gr. 8.)
M. 3. 60; geb. M. 4. 40.

3. Jacoby, Prof. Univ.-Pred. Dr. Herrn., Der erste Brief
des Apostels Johannes, in Predigten ausgelegt. Leipzig,
Fr. Richter, 1891. (III, 179 S. gr. 8.) M. 2. 80.

In Nr. 1 haben wir ein Vermächtnifs des am 1.
März v. J. heimgegangenen Prof. Mangold vor uns, das
zunächH Denjenigen ohne Zweifel werthvoll fein wird,
welche dem Verewigten perfönlich nahe geflanden oder
etwa als feine Schüler den Einfiufs feines GeiHes an fich
erfahren haben. Gerade von feinen wiffenfehaftlichen
Lehrern empfängt man ja befonders gern ein Wort, das
— Hatt von dem, was fie wiffen — von dem, was fie innerlich
find, Kunde giebt. Bei diefer Sammlung kommt
noch, um fie auch für weitere Kreife anziehend zu
machen, der UmHand hinzu, dafs fie vermöge ihrer Anlage
einen Blick in die homiletifche Flntwickelung des
Predigers geHattet. Mit der anfängerhaften erfien Can-
didatenpredigt vergleiche man die letzte vom Jahre
1882: wie viel reifer in der Erfaffung des Lebens, wie
viel reicher an eigenen Gedanken, wie viel freier und
gewandter in der Textanwendung, wie viel klarer und gei-
fliger in der theologifchen (befonders chriflologifchen)
Pofition! Und doch, was zwifchen inne liegt, weifl einen
einheitlichen, feflen, klaren Typus auf. Als Charakte-
riflika können bezeichnet werden: gewiffenhafte, tiefeindringende
, gefchickte Textbenützung, welche überall die
Grundlage der Predigt bildet; eine leichte, meifi ungezwungene
und ebenfalls aus dem Text fliefsende Dispo-
fition (deren Ankündigung jedoch durchweg von etwas
Heifen Formen umgeben iH); eine energifche Tendenz,
jeweils das Subjective, Pfychologifche, Innerlich- und
Praktifch-Religiöfe an Text und Gegenfiand herauszukehren
; eine warme, gewählte aber einfache, von Phrafe
und Rhetorik freie Sprache; hinter all dem eine durchgebildete
Perfönlichkcit, mit eigenem religiöfen Leben,
mit gefunder und ernder religiöfer Erfahrung. Solchen
Eigenfchaften kann die Wirkung nicht fehlen; diefelbe
iH nirgends hinreifsend, aber Hill und befcheiden, eben
deshalb erbaulich — für Alle; denn vom Profeffor iH
nichts zu verfpüren und Polemik oder auch nur fcharfes
Hervorkehren des eigenen Standpunktes fehlt, richtiger
Weife, fad ganz.

Was Nr. 2 betrifft, fo mufs ich vorausfehicken, dafs
es fchwer fällt, als Kritiker von folchen Predigten aufzutreten
, deren wirklich andächtiger Zuhörer man gewe-
fen id. Referent befindet fich in diefem Falle Mehl-
horn's Predigten gegenüber. Uebrigens dürfte es
nicht das fchlechtede Zeugnifs für Predigten fein, wenn
fie auch Denjenigen, welcher berufsmäfsig gewöhnt iH,
dem von der Kanzel erfchallenden Worte mit kriti-
fchem Ohr zu laufchen, innerlich erfaffen, erheben (auch
über die Kritik) und ganz wie einen fondigen Chriden
erbauen. Dafs Referent dies feinerfeits mit Dank von
den M.'fchen Predigten bekennen kann, ifl alfo auch
fchon eine Art Kritik. Zu ihr fei auch noch eine Andeutung
deffen hinzugefügt, worin nach Meinung des
Ref. die Vorzüge diefer ,Univerfitätspredigten', welche
doch keineswegs nur für Univerfitätsangehörige geeignet
find, beflehen dürften. Diefelben laffen fich wohl dahin
zufammenfaffen, dafs M. ein moderner Prediger im
guten Sinne des Wortes id. Modern id das Textver-
fländnifs; mit allen Mitteln heutiger theologifcher Wif-
fenfehaft, die jedoch nur dem Theologen bemerklich
wird, gewonnen, ifl es vollkommen frei von jenen unberechtigten
Eintragungen einer altmodifchen ,praktifchen
Exegefe', aber auch von allen künfllichen Preffungen des
Einzelausdrucks oder Einzelvorgangs; die innere Ge-
fchichte in der äufseren fpielt die Hauptrolle, die einzelnen
Figuren find Repräfentanten ganzer Richtungen