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Ausgabe:

1891

Spalte:

477-478

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilm, E.

Titel/Untertitel:

Religion und Wissenschaft,. Ein Sühneversuch 1891

Rezensent:

Thoenes, Karl

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Seite 1

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in diefer auch die allgemeine Liebe mitgefetzt werde,
fo habe man doch nur etwas, das auch das Heidenthum
fchon in unzahligen Beifpielen aufzeige. Auch helfe es
nicht, darauf hinzuweifen, dafs der Chrift in feinem
Trachten auf ein überweltliches Reich gerichtet fei und
die dem Chriftenthum cigenthümlichen religiöfen Tugenden
: Gottvertrauen, Demuth und Geduld bewähre. Denn
jene Ueberweltlichkeit möchte nicht mehr als Erhebung
über die Natur und ihren Mechanismus befagen, und diefe
Tugenden feien fo wenig nur chriftlich, dafs Gottvertrauen
auch fchon bei Confucius und Sokrates, Demuth
in der griechifchen Tugend des Mafshaltens und Geduld
bei Sokrates, Ifaak u. a. gefunden werde. Die volle
chriftliche Moralitiit fliefse aus der Liebe zu Chrifto her,
welche das Kennzeichen feiner wahren Jünger bleiben
müffe.

Der Verfaffer fcheint zu meinen, dafs Lieder wie:
Befiehl Du Deine Wege u. a. auch von Heiden hätten
gedichtet werden können, und überfieht, dafs auch die
von ihm an die Stelle der Berufstreue gefetzte Liebe
ihr Analogon im vorchriftlichen Menfchenleben findet.
Ueberdies ift es felbftverftändlich, dafs die von dem
Chriften geforderte Treue in feinem Beruf an der Liebe
zu Gott und zu Chrifto ihre Seele haben mufs. Ritfehl
felbft (vgl. 3. A. III. S. 560) fagt ja geradezu, dafs der
Glaube an Chriftus und Gott unter den Umfang des
Begriffs der Liebe falle, weshalb auch Thomas die Liebe
zu Gott mit Recht das Wefen des Glaubens genannt
habe.

Befonderen Werth legt der Verfaffer noch darauf,
dafs Jefu die univerfalfte Individualität zukommen müffe.
Allein das Urtheil Ritfchl's über die fpeculative Con-
ftruetion eines Centraiindividuums, dafs der Idee eines
folchen die wiffenfehaftliche Reife, der religiöfe Kern
und die Bewährung in den Zügen des Lebensbildes Chrifti
fehle, fcheint mir durch die Ausführungen der beiden
andern Unterredner nicht widerlegt zu fein.

Indem ich davon abfehe, die noch folgenden Verhandlungsthemen
im einzelnen zu befprechen, faffe ich
mein Urtheil dahin zufammen, dafs wohl kein ungenannter
Ritfchlianer durch den Verfaffer fich für überwunden
anfehen, fondern eher aus der philofophifch-theologifchen
Art feiner Gedankengänge Veranlagung nehmen möchte,
die von Ritfehl geforderte Ausfcheidung der Metaphyfik
aus der Theologie erft recht gut zu heifsen. Im übrigen
giebt die Arbeit des Verfaffers mancherlei Anregung
und ermöglicht eine erfte ürientirung über die behandelten
Fragen auf die leichterte Weife.

Lennep. Lic. Dr. Thon es.

Wilm, F., Religion und Wissenschaft. Ein Suhneverfuch.
Leipzig, Fock, 189O. (63 S. gr.8.) M. 1.—

Der Verfaffer fchliefst den letzten Abfchnitt feiner
Schrift, der vom Unfterblichkeitsglauben handelt, mit
folgenden Sätzen: ,Wer in der Kraft des göttlichen
Geiftes demüthig ohne eigenfinnige Ueberhebung über
feine Mitmenfchen die barmherzige Liebe in feinem
Herzen pflegt und fie in Uebereinftimmung und mit
Benutzung der Bildung und Wiffenfchaft in die Menfch-
heit hinein trägt, der hat das ewige Leben und ift vom
Tode zum Leben durchgedrungen. Die Wiffenfchaft
mit der Religion im Bunde macht uns frei und fromm.
Sie hat den Buchrtaben völlig überwunden, wozu das
neue Tertament nur theilweife im Stande gewefen war,
da es ja ftatt des Gefetzes das Dogma in die Welt brachte.
Weg daher mit dem Buchrtaben der Bibel, der da
tödtet und auf dem der Fanatismus und die Intoleranz
von Judenthum und Chriftenthum beruht, Verpflichtung
der Geiftlichen auf die wiffenfehaftliche Auslegung der
Bibel und ihren Geift allein, der da ift der Glaube an
einen lebendigen, felbrtbewufsten und hilfreichen Gott,
Selbftändigkeit der einzelnen Gemeinden in der Wahl

ihrer Geiftlichen und Freiheit der religiöfen Anfchau-
ungen!! Das ift die Verhöhnung von Religion und Wiffenfchaft
und zugleich wahres evangelifches Chriftenthum.
Das Judenthum hat der Welt den Monotheismus gegeben
, das Chriftenthum die Verehrung Gottes im Geift
und in der Wahrheit, die moderne Bildung dagegen die
richtige Erkenntnifs Gottes und des wahren Menfchen-
geiftes auf Grund der durch Luther und Zwingli gewonnenen
Gewiffensfreiheit. — Gefetz, Evangelium und
moderne Bildung in ihrer Verfchmelzung find die Zu-
fammenfaffung von Moral, Gemüth und Vernunft und
ihrer gefchichtlichen Entwicklung zu der allgemeinen
Menfchheitsreligion der Humanität und Liebe. Das
Alte Teftament hat die Liebe zum Nächften als
Volksgenoffen in die Welt gebracht, das Chriftenthum
fie zur Liebe zu den Glaubensgenoffen aus allen
Völkern erweitert, aber erft die moderne Cultur und
Bildung fie zur allgemeinen Menfchenliebe ohne Anfehen
der Perfon erhoben, wie dies vielleicht von Chriftus in
dem Gleichnifs vom barmherzigen Samariter fchon an-
1 gedeutet, aber in der Kirche felbft von Paulus an bis
heute niemals zur Ausführung gekommen ift, wenigftens
gegen die Ketzer. Nicht nur der Buchftabe tödtet,
fondern auch der Glaube. Jeder Glaube ift unduldfam,
weil er das Ungewiffe für Gewiffes gehalten haben will,
nur die Liebe macht lebendig. Der Glaube ändert
fich und vergeht, aber die Liebe bleibet, und zwar nicht
nur im Jenfeits (1. Kor. 13), fondern auch auf Erden.
Unter diefem Zeichen werden wir fiegen!'

Die von Wilm dargebotene wiffenfehaftliche Begründung
der in diefen Sätzen enthaltenen Beorderung, zur Ver-
! föhnung von Religion und Wiffenfchaft an die Stelle des
Buchftabens der Bibel die Verpflichtung der Geiftlichen auf
j eine wiffenfehaftliche Auslegung zu fetzen, ift trotz des
Verfaffers Bekanntfchaft mit den Refultaten der moder-
! nen wiffenfehaftlichen Kritik der Bibel, die verhältnifs-
I mäfsig ausführlich vorgetragen werden, fo dilettantifch
[ und oberflächlich, dafs ich mich einer Skizzirung der-
felben enthalte. Wie leicht er mit feinem Urtheil über
wichtigfte Punkte abfchliefst, geht z. B. daraus hervor,
! dafs er das Gebot der Feindesliebe für eine Ueber-
treibung erklärt und aus dem Grunde dem Heilande ab-
| fpricht, weil in deffen Strafreden gegen die Pharifäer
nichts von einem Liebesaffect zu fpüren fei. Der Verfaffer
will Religion und Wiffenfchaft verföhnen, da beide
j keine fich ausfchliefsenden Gegenfätze feien und zum
I Segen der Menfchheit zufammengehen müfsten; aber
was ihm von der Religion übrig bleibt, ift fo abftract
und abgeblafst, dafs allerdings, wie er wünfeht (S. 41),
Proteftanten, Juden und Katholiken auf den ins Auge
gefafsten Reft fich einigen könnten, aber in demfelben
< fchwerlich innere Befriedigung finden würden. Und was
die Wiffenfchaft angeht, fo ift Wilm der Meinung, dafs
| fie durchaus moniftifch fein müffe, urtheilt aber nichts
i defto weniger, dafs der Glaube an einen lebendigen,
denkenden und helfenden Gott, der als abfoluter Geift
der Welt und dem Menfchengeifte immanent fei und
dabei doch fein Selbftbewufstfein nicht aufgegeben habe,
von folcher Wiffenfchaft zugegeben werde. Man fieht,
j der Verfaffer berührt fich in vielen Beziehungen mit dem
j Herrn von Egidy, und als Zeichen der Zeit ift auch
I feine Schrift zu betrachten. Aber der Dilettantismus
| von Egidy's klebt auch ihm an, und diefer wird die be-
I flehende kirchliche Gefammtlage in Deutfchland wohl
nicht aus den Fugen bringen.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Schoell, Stadpfr. Emft, Der jesuitische Gehorsam. Ausden
Quellen dargelegt, beurtheilt, nach feinen Konfequen-
zen gefchildert und mit Bezug auf die gegenwärtigen
Verhältnifse in der römifch-katholifchen Kirche be-