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Ausgabe:

1891

Spalte:

475-476

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Graul, Karl

Titel/Untertitel:

Die Unterscheidungslehren der verschiedenen christlichen Bekenntnisse im Lichte der heiligen Schrift 1891

Rezensent:

Lobstein, Paul

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475

476

Graul. D. Karl, Die Unterscheidungslehren der verschiedenen
christlichen Bekenntnisse im Lichte der heiligen Schrift.
Nebft Darlegung der Bedeutfamkeit und des Zufam-
menhanges reiner evangelifcher Lehre und einem
Abrifs der hauptfächlichnen ungefunden religiöfen i
Richtungen in der evangelifchen Chriftenheit. 12. Aufl.,
hrsg. von Prof. Dr. Reinhold Seeberg. Leipzig,
Dörffling & Franke, 1891. (XVI, 210 S. 8.) M. 1. 6b;
geb. M. 2. —

Diefes Büchlein hat eine lange Gefchichtc durchgemacht
. Im Jahre 1845 ift es zuerft erfchienen. Dann
war es noch fünf Mal dem Verfaffer desfelben, D. Karl
Graul (f 1864) vergönnt, feiner ,Streittaube', wie er das
Büchlein nannte, das Fenfter zu öffnen zum Flug durch 1
die evangelifche Chriftenheit. Nach feinem Tode nahm
fich Dr. Theodofius Harnack (Profeffor in Erlangen und
Dorpat) des verwaiften Büchleins an. Am 23. September '
1889 ftarb Prof. Harnack, und wieder Band das Büchlein
verwaift da. Der neue Herausgeber machte fich die
durch den Erfolg des Wtrkchens nahe gelegte Pflicht,
Kern und Stern desfelben zu erhalten wie fle waren. Da
aber feit dem Jahre 1861 Graul's ,Unterfcheidungslehren'
ftj gut wie ganz unverändert immer wieder herausgege- !
ben worden waren (über das Vaticanum war z. B. noch
nichts zu hören und Pius IX. fafs noch immer auf dem
Stuhle Petri), fo that es vor Allem noth, die Erfchei-i
nungen des kirchlichen Lebens, die feither eingetreten,
neu zu behandeln oder doch eingehender darzuflellen,
fowie manchen feither gewonnenen Einheilten Raum zU
fchaffen. Z.B. die Unfehlbarkeit des Papftes, S. 85—87;
das Vatikanifche Concil und die Altkatholiken S. 88—90;
Charakter der kath. fowie der griech. Kirche, S. 87 fg.,
91 fg.; ruffit'che Secten S. 97—103; Gefchichte der Union
S. 132—135; hieher wurden die Mittheilungen aus der
Concordienformel gezogen, S. 137 fg. Vielfach Erweite-
rungen bei den Secten und Parteien, z. B. Mormonen, j
S. 174 fg.; neu: über Spiritismus S. 177 folg.; Rabbino- ;
witfeh S. 181 fg.; Methodismus und Heilsarmee, S. 187
—197. Bei der Bearbeitung empfand der Herausgeber
das Bedürfnifs, ,auch hie und da eine Spitze und Ecke
abzufeilen, öfter freilich fanden fich folche, die neu
zu feilen waren'. Z. B. Höllenfahrt S. HO—112,
Maria S. 48—49, Heilige S. 55 — 56, ultramontane
Wundermittel S. 57—59, Lebensideal 66—69, reu Kirche
S. 127—128. Der Abfchnitt (S. 1—16) über den Nutzen
und Segen reiner Lehre ift ausfuhrlicher als in den früheren
Ausgaben; ebenfo ift der kurze Schattenrifs des
Zufammenhangs der evangelifchen Lehre durch eine eingehendere
Darftellung erfetzt worden (S. 26—40). Auch
im Einzelnen ift viel gebeffert und ergänzt worden; daher
ift, trotz mehrfacher Kürzungen des alten Textes,
das Büchlein von 154 auf 210 Seiten angewachfen.

,Das vorliegende Werkchen will keine Symbolik fein.
Es ift grundfätzlich nichts gefchehen, um es ftreng wiffen- ■
fchaftlichen Aufgaben gemäfs umzugeftalten. Es hat der
Gemeinde, den Laien, wie man fagt, dienen wollen. Dabei
follte es bleiben auch in diefer vielfach neugeftalteten
Ausgabe'. Vergegenwärtigt man fich die hier ausge-
fprochene Abficht auch des gegenwärtigen Herausgebers,
fo wird man das Befremden darüber nicht unterdrücken
können, dafs Seeberg nicht noch wefentlichere Kürzungen
vorgenommen hat. Ift wirklich dem Laien dadurch gedient
, dafs man ihn mit der theologifchen Scholaftik der
Concordienformel vertraut macht, ihn über die dreifache
Art der Gegenwart Chrifti unterrichtet (S. 108),
den religiöfen Grundgedanken der reformatorifchen
Abendmahlslehre durch theofophifche Zuthaten aus dem
bekannten Buche von Sartorius verdeckt (S. 121 —122),
die in der Concordienformel enthaltenen Worte Luther's
über Zwingli's Alloeofis in grofser Ausführlichkeit mittheilt
(S. 152—155): Der theologifche Charakter des

Büchleins ift unverändert geblieben: fo foll z. B. die Unmöglichkeit
einer wirklichen Union der lutherifchen
und der reformirten Kirche aus der Thatfache darge-
than werden, dafs die reformirte Lehre an den Grundpfeilern
reifst, darauf die Rechtfertigungslehrc ruht (S.
136—137). Es ift zu bedauern, dafs das einfeitige Hervortreten
des polemifchen Intereffes das hiftorifche Ver-
ftändnifs der kirchlichen Confeffionen in bedenklicher
Weife beeinträchtigt. Vor allem aber ift diefes hiftorifche
Verftändnifs bei der Beurtheilung der Secten zu ver-
miffen, welche doch nur aus der Gefchichte recht
begriffen werden können. Auch die Reihenfolge der
behandelten Lehrbegriffe mufs beanftandet werden:
die griechifche Kirche . wird nach der römifchen
behandelt; auf die Darftellung der reformirten Unter-
fcheidungslehren folgt die bunte Serie der kleineren
Kirchenparteien und Secten, Arminianer, Socinianer,
Apokataftiker, Rationaliften, Lichtfreunde, Proteftanten-
verein(l), Mennoniten, Baptiften undNeobaptiften, Quäker,
Swedenborgianer, Irvingianer, Mormonen, Gefellfchaft zur
Sammlung des Volkes Gottes in Jerufalem, Brüdergemeinde
, Methodiften. Ein kurzer Abrifs der hauptfäch-
lichften religiöfen Richtungen in der evangelifchen
Chriftenheit (die laue und halbe Richtung, die katholi-
firende, die orthodoxiftifche, die pietiftifche, die herrn-
hutifirende, die methodiftifche, die myftifche) bildet den
Schlufs des Ganzen. — Ueber ein Buch, das die zwölfte
Auflage erlebt und deffen Eigenthümlichkeiten längft bekannt
find, bedarf es keiner weiteren Notiz; es genügte,
die gegenwärtige Bearbeitung kurz zu charakterifiren und
den wefentlichen Fortfchritt diefer neuen Ausgabe feft-
zuftellen.

Strafsburg i/E. P. Lobftein.

Gloatz, Pfr. Lic. Paul, Sic et non. Die Probleme der
' christlichen Glaubens- und Sittenlehre. Wiffenfchaftlich

erörtert, in dreiGefprächen. Wittenberg, Herrofe, 1890.
(VII, 116 S. gr. 8.) M. 2.—

Die drei Gefpräche handeln über das Wefen des
Chriftcnthums, die chriftliche Erkenntnifs und das chrift-
liche Handeln. Die Unterabtheilungen des erften tragen
die Ueberfchriften: Vergleichung der Confeffionen, Bedeutung
des Stifters, Wefen der Religion; die des
zweiten: Gott der Vater, Der Sohn, Der heilige Geift;
die des Dritten: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Der Inhalt der Gefpräche läfst fich kurz dahin charakterifiren
, dafs über diejenigen Fragen, welche in der
wiffenfehaftlichen Theologie durch das Erfcheinen von
Ritfchl's Rechtfertigung und Verföhnung in den Vordergrund
der Erörterung getreten find, Schleiermacher,
Ritfehl mit feiner Schule und J. A. Dorner fich aus-
fprechen. Der Verfaffer fleht auf Seite Dorner's, bemüht
fich aber möglichft unparteiifch zu fein und fpricht die
Anficht aus (S. VI), dafs die theologifchen Vertreter
aller drei Richtungen einander ergänzend zu gemeinfamer
Arbeit auf Grund des Gemeinfamen fich friedlich zu-
fammenfchliefsen könnten.

In I. a werden die Unterredner darüber einig, dafs
das Wefen des Chriftenthums der Glaube an Chriflus
als Stifter des Reiches Gottes fei, wobei jedoch der die
Anfchauung des Verfaffers vertretende ausdrücklich betont
, dafs die einzelnen Gläubigen durch Chriflus erft
zur unmittelbaren Gemeinfchaft mit Gott kommen
müfsten, ehe fie Glieder des Reiches Gottes werden
könnten.

In I. b. ift es befonders Gegenftand der Verhandlung
, dafs die bleibende Bedeutung Chrifti für die Gemeinde
von Ritfehl in der Erfüllung feiner Berufsaufgabe
gefunden wird. Der Verfaffer meint, in der individuellen
Berufstreue fei die ethifche Aufgabe, wie fie
I im Chriflenthum zu löfen fei, zu eng gefafst. Ja wenn