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Ausgabe:

1891

Spalte:

465-467

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gautier, Lucien

Titel/Untertitel:

La mission du prophète Ezechiel 1891

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Ericheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 19. 19- September 1891. 16. Jahrgang.

Gautier, La mission du prophete Ezechiel
(Siegfried).

Wen dl and, Neu entdeckte Fragmente Philos
(Schürer).

Weifs, Die Johannes-Apokalypfe (Schürer).

Meyer, Kritifch exegetifcher Kommentar Uber
das Neue Teftament, 4. Abth. Der Brief an
die Römer, 8. Aufl. neu bearb. von Weifs
(Schürer).

Gottlieb, Ueber mittelalterliche Bibliotheken
(v. Gebhardt).

Graul, Die Unterfcheidungslehren der verfchie-
denen chrifllichen Bekenntnifse, 12. Aufl. von
Seeberg (Lobftein).

Gloatz, Sic et non. Die Probleme der chrifllichen
Glaubens- und Sittenlehre (Thoenes).

Wilm, Religion und Wiffenfchaft (Thoenes).

Schoell, Der jefuitifche Gehorfam (Reufch).

Cracau, Die Liturgie des heil. Johannes Chryfo-

flomus (Köftlinl.
Vinet, Ausgewählte Predigten und Reden

(Achelis).

Ho ff mann, Sünde und Erlöfung, zwölf Predigten
(Achelis).

Menzel, Vier Stiftungspredigten über die Auf-
erftehung der Todten (Achelis).

Fricke, Aus dem Feldzuge 1806 (Köftlin).

Gautier, Luden, La mission du prophete Ezechiel. Lausanne
, G. Bridel & Cie., 1891. (376 p. 8.) fr. 3. 50.

und im erneuerten Israel nur einen Nasi will. Von d ie
fem Nasi freilich will uns der Verf. Wunderdinge glauben
machen, denn er ift nach S. 362 nichts geringeres
Der Verf. hat nicht für Theologen von Profeffion als der Vorläufer des Meffias. Da fcheint der Verf. doch
gefchrieben, fondern für Gebildete, insbefondere für 1 46, 18 überfehen zu haben. Der Nasi ift bei Ez. nur
Studirende aus dem franzöfifchen Sprachgebiet (S. 8 f.) j ein unvermeidliches Uebel. — Die fymbolifchen Hand-
und wir bezweifeln nicht, dafs fein Buch für diefe Kreife j lungen hält der Verf. durchweg für thatfächlich ausge-
eine anziehende Leetüre fein werde. Anderen möchte | führte. Alfo Ez. hat wirklich 390 Tage auf der linken
bisweilen die rhetorifche, hie und da faft predigtmäfsige ; und dann 40 Tage auf der rechten Seite gelegen (c. 4,
Weitfchweifigkeit der Ausführung läftig fallen (S. 68 f. j 5. 6) d. h., bemerkt der Verf., er lag nur fo unbeweglich
239. 255 f. 313 ff. 327 ff. u. a.). Gelehrten Apparat ftellt I feft zur Vifitenftunde (S. 93 ,011 pourrait conjeclurer que
der Verf. nicht zur Schau, obwohl er ihn offenbar gründ- j le propliete pouvait s'aecorder quelque repit ou quelque

lieh ftudirt hat. Auf S. 44 ff. vermifst man die Erwähnung
der feltfamen Anficht von Seinecke über
Ezechiel (Gefch. des Volkes Israel 2. Thl. 1884 S. 1—20,
48. Er fetzte ihn ins 2. Jahrh. a. Ckr), S. 118 f. fehlen

changement, lorsqtiü etait seid, reservant sa positure sytn-
bolique pour les /teures oü il avait des visiteurs, des temo-
ins). Das würde den Propheten in eine Reihe (teilen mit
einigen neueren Hungerkünftlern, denen nachgefagt wurde.

mehrere neue Reconftructionsverfuche des Salomonifchen i he hätten verhohlen Nahrung zu fich genommen. Soll
Tempels wie die von O. Wolff, Th. Friedrich 1887, fo- | eine derartige theologifche Auslegung etwa die Achtung vor
wie diejenigen von Stade, deffen Gefchichte der Verf. I der Bibel erhöhen? — In diefer Weife hindert den Verf.
doch fonft fleifsig durchgearbeitet hat (zum Salomoni- feine theologifche Voreingenommenheit faft überall an der
fchen Tempel vgl. Bd. 1, S. 326—330, zum Ezechieli- ! Erkenntnifs der einfachen hiftorifchen Wahrheit und treibt
fchen Bd. 2, S. 45—51). Doch dies fällt bei dem Zwecke, j ihn in abenteuerliche und unnatürliche Erklärungen hinein,
den fich der Verf. vorgefetzt hat, nicht fo fchwer ins j So müht er fich damit ab, es zurechtzulegen, wie es denn
Gewicht und betrifft jedenfalls nur Einzelheiten. — Be- gekommen fei, dafs der Plan des Propheten betreffs der
denklicher ift für uns, was aber dem Verf. in fogen. po- Anlage des Tempels, des Tempelfluffes und der Wohn-
fitiven Kreifen gerade grofses Lob eintragen wird, der fitze der Stämme nicht ausgeführt fei. Anftatt nun einMangel
einer echt hiftorifchen Betrachtungsweife. Hat man fach zu geftehen, dafs er eben ein Phantafiegemälde und
von einer Seiteher den Ez. offenbar zu fchwarz angeftrichen, , in diefer Weife überhaupt unausführbar war, werden S.
fo malter ihn nun ganzweifsund fucht allen undjedenVor- ! 129 Serubabel und fogar Herodes auf die feltfamfte Weife
wurf von ihm abzuwälzen, indem er fich dabei auf den entfchuldigt, dafs fie nicht nach Ez.'s Bauplan gearbeitet
Standpunkt der bekannten theologifchen Apologetik ftellt, ; haben. Jener mit Mangel an Geld, diefer mit dem Um-
welche alles zurechtlegt, ausgleicht, für alles Gründe hat, j ftande, dafs er ja eben nur einen Umbau vornehmen
alles ins Schöne malt und dabei an den Lefer Zumu- ■ konnte; vgl. auch S. 143 f.: der Tempel würde fo gebaut
thungen ftellt, die mehr Geduld und Nachgiebigkeit vor- ! fein, wenn Israel damals Gottes Willen gethan hätte! —
ausfetzen, als der Unterzeichnete wenigftens aufzubringen ; Dafs Gog und Magog nicht kamen, wird S. 317 damit
vermag. Was foll man dazu fagen, wenn S. 218 ff. I entfchuldigt, dafs die Juden nach der Rückkehr nicht
358 ff. in Bezug auf das Fehlen des Hohenpriefters in | eine folche innere Erneuerung erfahren hätten, um mit
Ez.'s cultifchen Einrichtungen gefagt wird, diefer habe j Hülfe Jahve's der heidnifchen Weltmacht trotzen zu
wohl vom Hohenpriefter gewufst, ihn aber abfichtlich ! können. — Dafs in den Orakeln über die Weltmächte
ausgelaffen {il l'a supprime ä dessain) aus Rückficht auf Babel fehlt, wird S. 286 f. damit begründet, dafs es mit
den Nasi, der an die Spitze des ganzen Cultus treten i Babel ohnehin bald ausgewefen fei, [was gerade hätte
folle; während doch der Nasi bei Ez. nur den Laien ge- j Veranlaffung zu einem Orakel geben follenj und dafs es
genüber gewiffe Ehrenvorrechte geniefst, fonft aber fo ; fehr unklug gewefen wäre, die deportirten Juden gegen
wenig an der Spitze des Cultus fleht, dafs er c. 46, 2. ihre Herren aufzureizen [eine fehr wenig prophetifche
nicht in den Opfervorhof hinein darf, fondern nur an der | Rückficht]. Zu derartigen Ungeheuerlichkeiten verleitet
Schwelle der örtlichen Vorhalle zufehen darf, wie die | eine Theologie, die alles um jeden Preis rechtfertigen
Priefter fein eigenes Brand- und Dankopfer darbringen. ! will und die von prophetifchen Orakeln nur eine ganz
Was foll man fagen, wenn behauptet wird, Ez. ftelle das ; äufserliche Vorftellung hat. —

Königthum fehr hoch, weil er in den Parabeln 17. 19.34 ! Wie foll man fich das zurechtlegen, was S. 144 be-
fich mit den zeitgefchichtlichen Königen viel befchäftigt, hauptet wird: Ez.'s Orakel vom Tempel fei nicht uner-
während er doch in Wirklichkeit dasfelbe heftig angreift füllt geblieben; es habe in Chrifto feine geiftliche Er-
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