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Ausgabe:

1891 Nr. 18

Spalte:

459-460

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walther, Paul

Titel/Untertitel:

Desiderien betreffend den Religionsunterricht 1891

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Seite 1

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459

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 18.

460

das Glaubensleben Abraham's ift, als eine feltene Leiftung
betrachtet fein will. Aber der Subjectivismus Kiekegaard's,
von dem bei reichlichem Studium feiner Werke ein gut
Stück auf den Verfaffer übergegangen ift, hat ihn hin
und wieder in Tiefen der feelifchen Unterfuchung hinuntergeführt
, wohin die biblifchen Berichte keinen Weg
zeigen und der Lefer nur gezwungen folgt. Wenn der
Verf. als Keim des fpäteren Glaubensverhältnifses zwi-
fchen Abraham und dem Gott der Verheifsung den Lebenswunfeh
des fchon 75 Jahre alten Erzvaters erkennt, in
Kindern und Kindeskindern fortzuleben, und die Bereitwilligkeit
, es nunmehr mit Gott zu wagen, da fich keine
menfehliche Ausficht auf Erfüllung jenes Wunfehes mehr
bot, fo mag einem dramatifchen Dichter eine folche
Motivirung nachgefehen fein, aber in einer biblifchen
Charakterftudie ift fie gewagt, weil fie jedenfalls nur zum
Theil wahr, möglicherweife aber überhaupt nicht wahr
ift. In der Charakteriftik Jakob's finden wir mit Befriedigung
die bei Andern fo oft vermifste ftarke Betonung
des Unterfchiedes zwifchen Frömmigkeit und Sittlichkeit,
nur fehlt die ebenfo nöthige Beweisführung, dafs wahre
Sittlichkeit im Sinne der biblifchen Ethik mit wahrer
Frömmigkeit ftets zufammengeht: der gewöhnliche mora-
lifche Menfch mit feiner tadellofen Aufsenfeite ift in der
That auch fittlich untüchtiger, als der fromme mitfammt
feinen Schwächen und Fehltritten. Jedenfalls ift das Buch
fehr lefenswerth.

Dresden. Dr. phil. B. Kühn.

Walt her, Paft. Paul, Desiderien betreffend den Religionsunterricht
. Ein ernftes Wort zur Reformfrage. Wittenberg
, Herrofe, 1891. (58 S. gr. 8.) M. —.75.

Der Titel des vorliegenden Schriftchens ift etwas allgemein
gehalten. Wenn man näher zufieht, ergiebt es
fich, dafs der Verfaffer, der an einer Arbeits- und einer
Erziehungsanftalt fleht (S. 21), vorzüglich den Religionsunterricht
in der Volksfchule im Auge hat. Aus reicher
Erfahrung in der Praxis, der eine gründliche Kenntnifs
der auf diefen Gegenftand bezüglichen Literatur zur Seite
geht, find diefe Wünfche hervorgegangen, die fich einesteils
auf den zu behandelnden Stoff, biblifche Gefchichte
und Katechismus (S. 6—25), anderntheils auf die Art und
Weife, alfo die Methode der Behandlung (S. 25—58) beziehen
. Rückfichtlich der Auffaffung der biblifchen Ge-
fchichten wird geltend gemacht, dafs diefelbe noch viel
zu viel von der Vorausfetzung der .Verbalinfpiration' ausgehe
und eine freiere werden müffe, wie an dem Schöpfungsberichte
, der Erzählung von Adam und Eva im Paradiefe
und ihrem Falle, fowie an den zahlreichen Anthropomor-
phismen und Anthropopathismen in fachgemäfser Weife
erläutert wird. In Betreff der Wundererzählungen wird
bemerkt: ,dafs, wie auch fonft die Meinungen betreffs
der biblifchen Wundererzählungen aus einander gehen
mögen, ihre Deutung als Gleichnifse im Unterrichte jedenfalls
nicht zu unterlaffen fein dürfte' (S. 12). Wenn alle
Wunder fo gedeutet werden follen, vermögen wir dem
Verf. nicht beizuftimmen, namentlich nicht rückfichtlich
der Wunder Jefu, die unter den neueren Theologen kaum
einer richtiger beurtheilt hat, als Richard Rothe in feinen
trefflichen Ausführungen: ,Zur Dogmatik'.

Was den Katechismus anlangt, fo geben wir dem
Verf. recht, wenn er mit den noch immer fich vermehrenden
Bearbeitungen des lutherifchen Katechismus fich nicht
befreunden kann (S. 17). Er will an die Stelle derfelben
eine Bearbeitung der chriftlichen Lehre für die Schule
fetzen, bei welcher der Katechismus Luther's zu feinem
vollen Rechte kommen foll, ohne aber die Grundlage
derfelben zu bilden. Alles ,fpecififch Theologifche und
Dogmatifche' foll dabei vermieden werden. Aber, möchten
wir fragen, enthält denn der kleine Katechismus Luther's,
welchen der, der reformirten Kirche angehörige Vinet

f. Z. für den beften erklärte, den es gebe, wirklich fo
viel ,fpecififch Theologifches und Dogmatifches'r Eine
Vergleichung mit dem Heidelberger wird den grofsen
Unterfchied beider Lehrbücher fofort aufzeigen und dar-
thun, wie wenig dogmatifch, wie durch und durch volks-
thümlich Luther redet. Die ,Bearbeitungen' haben vieles
hineingetragen, was gar nicht darin fleht.

Das zweite Defiderium bezieht fich auf die Behandlung
des vorliegenden Stoffes, vornehmlich der biblifchen
Gefchichte. Dievon denHerbartianernbetonte ,denkende
Betrachtung und Durchdringung des Stoffes' wird
(S. 26) an erfter Stelle hervorgehoben, ohne dafs die 5
Formalftufen angenommen würden (S. 38). Diefe denkende
Durchdringung des Stoffes ift dem Verf. indeffen noch
nicht das Wichtigfte. ,Die biblifche Gefchichtsftunde foll
doch in erfter Linie Religionsftunde fein . . . Darum
ift aus jeder Gefchichte der religiös-fittliche Gehalt
herauszuheben' (S. 28). Wie das zu machen fei, wird
in fehr anfprechender Art an verfchiedenen Beifpielen:
Abraham und Eliefer, David und Goliath, Hochzeit zu
Kana, fowie an der Gefchichte vom zwölfjährigen Jefus
im Tempel dargethan (S. 28—34). Die Art der Behandlung
hat uns fehr an die auch von Walther empfohlenen
,Unterredungen über die biblifchen Gefchichten von
Niffen' erinnert. Mit Recht fagt der Verf. von feiner
Methode: ,Nichts vertrete ich weniger, als Zerfplitterung,
Zerfahrenheit und Ordnungslofigkeit. Nur dafs ich nicht
vorwiegend das Ganze der Gefchichte als folches gleichfam
den Schauplatz des unterrichtenden Handelns fein laffe,
fondern ich wähle mir kleinere Terrains innerhalb des
Ganzen, ich benutze jeden einzelnen Zug der Gefchichte
gleich liebevoll und faffe bald hier, bald da inmitten der
Erzählung zufammen und bringe je unter einen Hauptgedanken
, wo eben etwas zufammenzufaffen ift . . . So
ergiebt fich zuletzt ein harmonifcher Bau'. So ,mündet'
dann wie von felbft der biblifche Gefchichtsunterricht ,in
den' nach der Anficht des Verf.'s (an die Stelle des bisherigen
Katechismusunterrichtes tretenden) ,fyftematifchen
Religionsunterricht aus'. Die Methode wird, weil fie
richtig ift, auch dann fich bewähren, wenn man den
Katechismus beibehält.

Crefeld. F. R. Fay.

Bibliographie

von Cuttos Dr. Johannes Müller.

Berlin W., Opernplatz, Königl. Bibliothek.

iEcutfdic Hitcrntur.

Zeitfchrift f. wiffenfehaftliche Theologie. Hrsg. v. A.Hilgen feld. General-
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gr- 8-) . 5- -

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Nürnberg, Raw, 1891. (81 S. gr. 8.) 1. _

Chriftoterpe, neue. Ein Tahrbuch, hrsg. v. E. Frommel, W. Baur u.
R. Kögel. Bremen. C. E. Müller, 1891. (V, 379 S. 8.) 4. —;
geb. 5. —; m. Goldfehn. 5. 20; Liebhaberausg. in Halbfrzbd. 12. —
Bibliothek theologifcher Klaffiker. Ausgewählt u. hrsg. v. evangel. Theologen
. 35—38. Bd. Gotha, F. A. Perthes, 1891. (8.) geb. 32.40

Inhalt: 35. 36. L. Hüffeli's Wefcn u. Beruf d. eyangelifch-chriftlichen
Geiftlichen. Mit e. Einleitg. verfetten v. A. Klas. 3. u. 4. Bd. (VIII, 239
u. VIII, 230 S.) — 37. 38- Chriilliche Sittenlehre in Vorlefungen (Winter-
femefter 1822—1823) v. F. Sch ieier macher. Aus Nachfchriften hrsg. v.
L. Jonas (1843). 2 Tie. (VII, 265 u. V, 264 S.)
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