Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1891 Nr. 18

Spalte:

456-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braun, Friedr.

Titel/Untertitel:

Erinnerungen an Karl Gerok 1891

Rezensent:

Lindenberg, H.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

455

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 18.

456

lifcher Seite einfach eine pflichtmäfsige Aufgabe der
künftigen Leiter des Gottesdienftes ift, von welcher auch
der Mangel mufikalifcher Vorbildung den Theologen
nicht dispenfirt, und begrenzt den Umfang deffen, was
von einem Theologen in genannter Hinficht als Minimum
gefordert werden mufs. Der erfte Verfuch hierin ift das
Buch freilich nicht. Auch Friedrich Silcher, feiner Zeit
Univerfitätsmufikdirector in Tübingen, las Gefchichte des
Chorals, nach deffen Tod trat Prof. Dr. Palmer in die
Lücke mit einer Vorlefung über die Gefchichte des
Kirchenlieds und Kirchengefangs, welche durch Gefänge
eines extra zu diefem Zweck organifirten Chors illuftrirt
wurden. In Friedberg bildet die Gefchichte des Kirchenlieds
und der Kirchenmufik, fowie die praktifche Einübung
der Kirchenmelodien feit Jahr und Tag ein wefent-
liches Unterrichtsfach, von welchem kein Candidat der
Theologie dispenfirt wird, Orgelfpiel wenigftens facul-
tativ (wie in Tübingen). Neu ift aber die ftrenge Be-
fchränkung des Verf.'s auf das volksthümliche Kirchenlied
felbft, fowie der Umftand, dafs das Hauptgewicht auf die
mufikalifche Anfchauung gelegt wird, wie diefelbe durch die
zahlreichen mufikalifchen Beilagen geboten wird, die fomit
nichtblofs einen erläuternden Anh ang, fondern einen wefent-
lichen Beftandtheil des Buches bilden, deffen erfter darfteilender
Theil erft durch die Beilagen zum vollen Ver-
ftändnifs kommt. Ausgehend davon, dafs das Kirchenlied
die wefentliche Form und Grundlage aller evan-
gelifchen Kirchenmufik bilde, behandelt der Verf. die
Mulik der alten Kirche in gedrängter Kürze. Beim mündlichen
Vortrag werden freilich eingehende Erläuterungen
erforderlich fein, um das, um was es fich handelt, den
mit mangelhafter oder keiner mufikalifchen Vorbildung
ausgerüfteten Theologieftudirenden einigermafsen zum
Verftändnifs zu bringen, namentlich auch ihnen den
wefentlichen Unterfchied zwifchen dem gregorianifchen
Gefang, auf welchem doch der ganze liturgifche Gefang
der lutherifchen Kirche beruht, und dem deutfchen Volks-
liede einleuchtend zu machen, und fo den Punkt aufzuzeigen
, an welchem der (rhythmifche) kirchliche Volks-
gefang fich vom Volksgefange überhaupt fcheidet, die
Grenze, über welche die Rhythmifirung der Kirchenweife
nicht hinausgehen darf, wenn fie nicht in's Profane ge-
rathen, in Widerftreit mit der Gefammtftimmung des
heiligen Raums und des gottesdienftlichen Zwecks kommen
foll. Denn dafs der Verf. unter kirchlichem Volksgefang
nicht einfach die Copie des altdeutfchen Volksgefangs
verftanden haben will, dafs auch er bei aller gefchicht-
lichen Treue die ftilifirende Hand anlegt, zeigt fein Ur-
theil über die langen Anfangs-Noten und manches andere;
er weifs fehr fcharf Stil und Manier der Alten auseinanderzuhalten
, nur vermiffen wir das mafsgebende Princip hiefür,
das fich vielleicht aus der Beziehung des in die Liturgie
einzufügenden Volkslieds auf den mufikalifchen Grundtypus
der liturgifchen Weifen ergeben hätte. Warum
muthen die in ihrer Tonfolge und Bildungsweife dem
gregorianifchen Gefang noch näherftehenden Liedweifen
auch den Laien unwillkürlich kirchlicher' an, als die frei
rhythmifch erfundenen? Warum bedürfen manche der
letzteren der Abfchleifung, um .kirchlich' zu werden?
Es ift doch immer — neben anderen Rückfichten — das
Gefühl für Stil-Einheit, das uns unbewufst leitet. — Be-
fonderen Werth hat das Buch endlich dadurch gewonnen,
dafs es ein Heidelberger Gefangbuch von 1573 zum erften
Mal unter den Quellen verwerthet, fowie ein, den Hymno-
logen bisher gleichfalls nicht bekanntes ,Enchiridion'
herausgegeben durch Mich. Blum in Leipzig, wie W.
glaubt, vor 1529. — Die Angaben find, foweit Referent
zu urtheilen vermag, faft durchweg genau und ver-
läfslich. Kleinigkeiten wie S. 198 Z. 17 (ft. 6. Tact l
7- Takt), S. 226 Z. 4 v. u. ,11 mc suffit de tous mes
maux' find Druckfehler, die fich felbft corrigiren. Möge
das verdienftvolle Buch, das der Breitkopf und Härtel'-
fchen .Mufikalifchen Handbibliothek' fich würdig einreiht

und hoffentlich auch viele Fach-Mufiker für die Urfprünge
der evangelifchen Kirchenmufik intereffiren wird, aller-
wärts fleifsig ftudirt werden!

Darmftadt. H. A. Köftlin.

Kneisel, Prof. Dr. B., Die Weltgeschichte ein Zufall? Ein

Wort an die Gebildeten des deutfchen Volkes. Berlin,
Weidmann, 1891. (IV, 164 S. gr. 8) M. 2. —

Ein vortreffliches Büchlein, über das nicht viel zu
fchreiben, das nur zu empfehlen ift. Es ift im Kleinen
ausgefprochen, was der Grundgedanke von Ranke's
umfaffender Weltgefchichte ift. Es ift auf die Weltge-
fchichte übertragen, was Sohm in feiner bekannten Kir-
chengefchichte geleiftet hat. Aber das ift ihm eigen,
dafs in Auseinanderfetzung mit der Naturwiffenfchaft
und der auf ihr beruhenden mechanifchen Weltauffaffung
der Weltgefchichte als der That der mit Freiheit begabten
Menfchheit unter dem Einflufs nicht nur der unteren,
fondern ,der oberen Umgebung' d. h. Gottes, fomit zugleich
als Gottes That, der wiffenfchaftliche Ort ange-
wiefen wird. Eine eingehende Gelchichtskenntnifs, und
doch keine tiefere, als fie gute Gymnafialbildung gewährt,
wird vorausgefetzt, und mit weitem Blick werden dann
die Punkte nachgewiefen, an denen vor anderen hervortritt
, dafs Gott im Regiment fitzt. Selbftverftändlich
kann man vieles noch hinzuwünfchen, wie z. B. den Umftand
, dafs felbft in den Schlachten meift ein unberechenbares
Etwas, das aber mit den fittlichen Mächten im
Bunde fleht, den Ausfchlag giebt. Auch hätten die dunklen
Blätter der Weltgefchichte, um Einwänden zu begegnen
, mehr berückfichtigt werden können. Doch das
find Kleinigkeiten gegenüber dem Gefammturtheil, dafs
hier Gefchichtsphilofophie und Apologie, beide in ge-
fchichtlicher Form, fo wie fie fein follen, uns geboten
werden.

Leipzig. Härtung.

1. Mosapp. Diak. Dr. Herrn., Karl Gerok. Ein Bild feines
Lebens und Wirkens. Stuttgart, Greiner & Pfeiffer,
1890. (VII, 84 S. m. Lichtdr.-Bild. 12.) M. 1. —; geb.
M. 1. 50.

2. Braun, Hofpred. Dr. Friedr. Erinnerungen an Karl

Gerok. Leipzig, Fr. Richter, 1891. (63 S. m. Bildnifs
u. 2 Abbildgn. 8.) M. 1. —

3. Gerok, Karl, Trost und Weihe. Reden und Predigten.
Stuttgart, Krabbe, 1890. (VI, 302 S. 8.) M. 3. —;
geb. in Leinw. M. 4. —; in Halbfrz. M. 5. —

Die drei hier zufammengeftellten Schriften flehen in
innerem Zufammenhang mit einander; alle drei wollen
das Andenken des im Januar 1890 heimgegangenen
Dichters Karl Gerok lebendig erhalten.

No. 1, urfprünglich ein noch unter dem Eindruck
von Gerok's Tode im Mufeum zu Tübingen gehaltener
Vortrag, der hier in erweiterter Geftalt erfcheint, giebt
einen Ueberblick über das ganze Leben und Wirken
Gerok's. In anziehender Form, vielfach des Dichters
eigene Worte einflechtend, fchildert der Verf. die Lehrjahre
bis zum Eintritt in das Pfarramt in Böblingen,
dann Gerok's 40jährige Wirkfamkeit in Stuttgart, wo er
vom Helfer bis zum Oberhofprediger und Prälaten emporflieg
. In den Bericht über die Lebensführungen ift
an paffender Stelle eine Charakteriftik Gerok's als Prediger
und als Dichter eingefügt. So bietet die kleine
Schrift in engem Rahmen ein lebendiges Gefammtbild
des ,hochbegnadigten, feiten glücklichen Mannnes, des
echten für alles Schöne und Gute warm erglühenden
Menfchen, des wahren, frommen, demüthigen und fanft-
müthigen Chriften, des wirkungsvollen, geiftgefalbten