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Ausgabe:

1891 Nr. 18

Spalte:

452-453

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rundle-Charles, Elisabeth

Titel/Untertitel:

Drei Märtyrer des 19. Jahrhunderts. Studien aus dem Leben eines Livingstone, Gordon und Patteson 1891

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 18.

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Zeilen in diefem Rahmen gewidmet werden. Ganz verfehlt
ift aber die Zerlegung der vom Süden ausgehenden
Bewegung in die drei Gruppen der Stundiften, Chriften,
Baptiften, deren jede in einem befonderen Cap. abgehandelt
wird. Denn die erften nennen fich fo gut wahre
oder evangelifche Chriften, wie die an zweiter Stelle Genannten
, und die obwaltenden Unterfchiede find ganz
untergeordneter Art. Nicht viel anders fteht es aber [
auch zwifchen ruffifchen Baptiften und Stundiften. j
Zwifchen deutfchen Stundenbrüdern und Baptiften mag
man eine fcharfe Grenzlinie ziehen. Denn jene find nur
der Hinneigung zum Separatismus verdächtig, dem diefe
offen huldigen. Diefer Unterfchied hat aber für die
Ruffen keine Bedeutung mehr, da die Trennung von der
orthodoxen Kirche, alfo der offene Separatismus, für
beide Gruppen vollzogene Thatfache ift. Nun ift es bei
einem orthodoxen Schriftfteller freilich ganz verftändlich,
wenn er beide fcharf gegen einander abgrenzt, denn ihm
erfcheint die Anerkennung des Taufacts durch die
Baptiften wie eine Rückkehr zur Anerkennung heils-
nothwendiger Riten, während die nicht-wiedertäuferifchen I
Stundiften ihm als reine Nihiliften vorkommen, die nichts
,Objectiv-religiöfes' mehr gelten laffen1). Aber für den
evangelifchen Beobachter mufs doch diefer äufsere Unterfchied
, auch wenn er zu heftigften Kämpfen Anlafs giebt,
weit zurücktreten hinter der grundfätzlichen Ueberein-
ftimmung, die in der Werthung der ,Bekehrung' und der
aus ihr folgenden chriftlichen Lebensauffaffung beide
Gruppen einigt. Die wefentlich identifche religiöfe
Phyfiognomie diefer engverfchwifterten Sectenbildungen
kommt alfo in der gefonderten Darftellung der drei I
Gruppen nicht zu ihrem Recht, wie auch weder der
methodiftifche Einflufs, dem Pafchkoff feine Erweckung
verdankt, gewürdigt ift, noch die Bemühungen des letzteren
um eine Einigung der getrennten Gruppen (St. Petersburg
1884) Erwähnung finden. Ein Vergleich aber ftundiftifcher
Verfammlungen mit pietiftifchen ecclcsiolis in ecclesia ift
zwar fehr bequem aber wenig zutreffend. Denn dabei
wird überfehen, dafs der Pietismus fich ebenfo auf die
kirchliche Vergangenheit ftützt, wie der Stundismus offen
mit ihr bricht, indem er gerade alles, was der Orthodoxie
als befonders werthvoll erfcheint, rundweg verwirft:
Ueberlieferung, Hierarchie, Myfterien, Heilige, Bilder.
Was bleibt nach diefen Abzügen noch von orienta-
lifchem oder ruffifchem Chriftenthum übrig? Hier ift der
Separatismus nicht eine Möglichkeit, fondern eine Noth-

1) So gerade behandelt die Sache der ruffifche Priefter Arfenij
Roshdeftwenfky in feiner (ruffifchen) Monographie: ,Der Süd-
ruffifche Stundismus' (Petersburg 18S9). Seine bezüglichen Ausführungen
find fo bezeichnend, dafs ich mir erlaube hier einige Salze wörtlich
wiederzugeben: S. 173: ,In diefer ganzen Arbeit (der Bekehrung und I
Lebenserneuerung nach den „Idealen des Evangeliums") war überaus wenig j
Pofitives, fie zeichnete fich durch ihren überwiegend verneinenden Charakter
aus. Dabei aber konnte es nicht lange bleiben; man konnte fich nicht
mit der blofsen Verneinung begnügen. Zudem mufsten die früheren reli-
giöfen Ueberlieferungen, die das Bedürfnifs nach einer rituellen Seite
des Glaubens grofsgezogen hatten, fich wieder geltend machen. So beginnt
eine rückläufige Wendung im Leben der Sectirer; es zeigt fich bei
einigen das Bedürfnifs, irgend etwas Pofitives zu belitzen. Dies Pofitive
gab der Baptismus'. S. 175: ,Als die Führer fie von der rechtgläubigen
Kirche losgeriflen hatten, hatten fie den Gedanken von der
Nutzlofigkeit der Riten kräftig entwickelt — und nun zeigt fich dennoch
der Ritus wieder; allerdings nicht in der früheren Form, aber eben doch
der Ritus: die Sectirer nehmen die zweite Taufe an' . . . S. 177: ,Balaban
und Kowalj (die nicht-täuferifchen Stundiften) haben in gewiffem Sinne
die Logik für fich: von der blofsen Verneinung ausgegangen, meinten fie
unter Ablehnung der rituellen Seite fich auf jene befchränken zu können.
Die Baptiften hingegen gaben zwar eine Aenderung der urfprünglichen
(rein-geiftigen) Gefichtspunkte zu, befafsen aber dafür doch irgend etwas
Beftimintes, Pofitives'. — Uebrigens ift diefe Monographie des ruffifchen
Priefters ausgezeichnet nicht nur durch die Reichhaltigkeit actenmäfsigen
Qullenmaterials, fondern auch durch ein fehr löbliches Streben nach ob-
jectiver, wenn man will, vorurtheilslofer Darfteilung. Er leugnet nicht,
dafs der Stundismus auf Schäden in feiner eigenen Kirche hinweift. Aber
felbftverftändlich fucht er diefe weder im Dogma, noch im Ritus, noch
in der Verfaffung. Sie liegen allein in einer etwas unvollkommenen An-
paffiing diefer unveränderlich-vollkommenen Mächte an die zeitliche und ;
räumliche Lage der ruffifchen Gefellfchaft.

wendigkeit. Denn der Fortfehritt, den der Stundismus
der Kirche zumuthet, mufs ihr als ein Sprung in's Un-
gewiffe erfcheinen. Wird die mächtige Staatskirche fich
von diefen Bauerngemeinden zu einem folchen zwingen
laffen? Ich meine, auch bei aller Theilnahme, die man
ihnen mit Freuden entgegenbringt, wird man fich vor
einer fo argen Uebertreibung hüten müffen, wie fie in
der Behauptung des Verf.'s fteckt, dafs ,viele Einzelne
aus ihnen den proteftantifchen Glaubenshelden des Reformationszeitalters
würdig an die Seite geftellt werden
können'. Hätte er ftatt deffen anWaldenfer oderBöhmifche
Brüder erinnert, fo würde ich nichts dagegen einzuwenden
haben. Uebrigens aber hat er auch hier völlig unter-
laffen, den focialen Boden zu kennzeichnen, auf dem die
Bewegung verläuft. Irre ich nicht, fo dürfte die Aufhebung
der Leibeigenfchaft, im Anfchlus daran die
Nothwendigkeit fich nach Muftern freien Bauernlebens
umzufehen, für das Verftändnifs des Stundismus nicht
minder wichtig fein, als Bibelverbreitung und pietiftifche
Frömmigkeit.

Rumpenheim. S. Eck.

Rundle-Charles,Elifabeth, Drei Märtyrer des19. Jahrhunderts.

Studien aus dem Leben eines Livingftone, Gordon
und Pattefon. Autorifierte Ueberfetzung von Elifa-
beth Klee. 3. Aufl. Anklam, A. Schmidt's Verlag,
1890. (168 S. gr. 8.) M. 2.50; geb. M. 3.—

In kurzen Zügen fchildert die Verfafferin das Leben
und Wirken der drei ,Märtyrer' David Livingftone,
Charles George Gordon, John ColeridgePattefon.
Wie fie aber zugleich eine unmittelbar erbauliche Tendenz
verfolgt, fo ift ihr Abfehen überall in erfter Linie auf
die Darfteilung der Frömmigkeit ihrer Helden gerichtet.
Sie hat fich damit eine überaus lohnende Aufgabe geftellt
. Aber bei der Durchführung derfelben vermifst
man vielfach ein fchärferes Betonen der unterfcheidenden
Grundzüge im Chriftenthum der drei Männer. Durchwegs
fieht man fich vor die höchften, allgemeinften chriftlichen
Gefichtspunkte geftellt. Es entfpricht dem, dafs
die katholifch-chriltliche Vergangenheit mehr Vergleichungspunkte
für die Darftellung bietet, als der Prote-
ftantismus. Während man kaum einem bekannten Namen
aus der Gefchichte des letzteren begegnet, begrüfsen den
Lefer um fo häufiger Andere als chriftliche Idealgeftaltcn:
die Mönche der Thebaide, der Mönch Telemachus,
St. Bernhard, St. Franziskus, St. Xavier, Katharina von
Siena, gar die Jungfrau von Orleans (S. 3. 4. 22. 27. 76.
85. in. 143). Es wäre dagegen gar nichts zu erinnern,
wenn innerhalb der Gleichung die tiefgreifenden Unterfchiede
mit gleicher Entfchiedenheit hervorgehobenwären.
Da das aber kaum der Fall ift, fo entbehrt die Zeichnung
vielfach der Schärfe, der charakteriftifch ausgeprägten
Züge. Irre ich nicht, fo trifft diefer Vorwurf am wenigften
das Bild des Generals Gordon. Denn in der That, die
,myftifche Glaubensanfchauung', welche die Verfafferin
ihm wiederholt nachrühmt (S. 89. 96. 104), rückt feine
Frömmigkeit vielfach in die Nähe der genannten Heiligen.
Gerade beim Vergleich mit den beiden anderen Lebensbildern
wird man den Eindruck nicht los, als ob, bei
aller Verwandtfchaft des Lebensziels und der opferfreudigen
Thatkraft, ein weltflüchtiger Zug den Helden
von Chartum von Livingftone und Pattefon trenne (vgl.
S. 76 f. 89. 95. 108 u. a.). Denn die tiefe und doch
durchweg freudig gefärbte Frömmigkeit diefer beiden
Männer, wird, meine ich, erft voll verftändlich, wenn
man fie derjenigen Entwickelung des englifchen Prote-
ftantismus eingliedert, die ihr Gepräge von den ,Chrift-
lich-Socialen' empfangen oder diefen verliehen hat. Die
Verfafferin felbft legt diefen Gedanken nahe (vgl. S. 4 f.
IO. 19. 45. 125. 143 u. a.). Aber fie verfolgt ihn nicht fo
weit, als es möglich und wünfehenswerth wäre.