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Ausgabe:

1891 Nr. 18

Spalte:

448-449

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beck, Herm.

Titel/Untertitel:

Pilipp Adolf von Münchhausen der Aeltere, ein Lebenszeuge und Laienprediger der luth. Kirche während des 30jährigen Krieges 1891

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 18.

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Max Herold, einen Blick thun. Es ift ein lohnender
Blick: wie tief verwachfen und wie mannigfaltig verflochten
war einft das gottesdienftliche Leben mit dem
gefammten Leben des Reichsbürgers! Welch' eine reiche,
buntfarbige Fülle entfaltete es mit feinen herrlichen Gottes-
häufern, feinen zahlreichen und verfchiedenartigen Gottes-
dienften (42 Wochenpredigten!), die das werktägliche
Leben des Bürgers umfäumten, mit feinen allezeit offen-
ftehenden Kirchen, feinen zahlreichen Geiftlichen (in der
evangelifchen Zeit noch über 40!), die für die gröfste Begehrlichkeit
hinreichten, feinen zahlreichen Kirchen-
Chören und Currenden — bis herab zu dem religiöfen
Anfchauungs-Unterricht, den die biblifchen Darftellungen
in Oel, Stein und Holz dem Vorübergehenden auf Schritt
und Tritt aufnöthigten! Herold führt uns hinein in Nürn-
berg's heilige Stätten, macht uns bekannt mit den Geiftlichen
der Stadt, den mittelalterlichen Gottesdienften, wie
den Cerimonien in den Kirchen und Klöftern; führt uns
eine Fronleichnamsproceffion von 1442 vor, kaiferliche
Trauerfeiern von 1439 ur>d 1519, die Weifen zu taufen,
zu trauen, zu beftatten, um auf diefem Hintergrund deutlich
und recht in concreto zu zeigen, wie die Reformation
in's Beftehende eingriff. Es wird uns die Gottesdienft-
ordnung von St. Sebald und St. Lorenz vorgeführt, die
liturgifche Haltung des Kirchenjahrs, der Predigt-Turnus

— dann eine gottesdienftliche Woche von 1783; wir erfahren
noch viel Intereffantes über mufikalifche Andachten
, Feftcantaten, Kirchenchöre u.a., um zuletzt noch
der Umwandlung Zeuge zu fein, die der Ausgang des
18. Jahrhunderts und der Beginn des 19. Jahrhunderts gebracht
hat, nicht blofs unter dem Einflufs des veränderten
Zeitgeiftes, der trotz des Befehls, den König Friedr. Wilhelm
IV. von Preufsen 1802 gab, auf die Erhaltung reli-
giöfer Bräuche bedacht zu fein, doch wenig Sinn und
wenig Pietät für die Zeugen der Vergangenheit hatte,
fondern auch unter dem Druck fchwerer Zeit, welche
dazu nöthigte, Werthvolles zu Geld zu machen und üch
auch im gottesdienftlichen Leben mit dem Nöthigen zu
begnügen. Von den koftbaren Kirchengewändern wurden
die Perlen abgetrennt und um 2300 fl. an ,drei Juden'
verkauft. 1. April 1805 wurden abgefchafft ,eine über-
flüffige Menge von Feft- und Feiertagen, äufserlichen
Cerimonien, Formeln, Worten und Zeichen', befonders
auch die ,vielen (noch übrigen) Wochengottesdienfte';
waren fie ja ,kein fo grofses Bedürfnifs mehr in unfern
Tagen, wo felbft gemeine Chriften fo manche andre Gelegenheit
haben, ihre Religionskenntnifse zu vermehren'

— wie der Rath in feinem Erlafs zur Entfchuldigung
feines Vorgehens betont. Gewifs vollzog fich damit eine
Entwicklung, die nicht aufzuhalten war: die Ueberfülle
von Gottesdienften war kein Bedürfnifs für eine Zeit, der
die Religion nur ,Wiffen' war; die grofse Mannigfaltigkeit
der Cerimonien und Formen war unverftändlich geworden
, die Mehrzahl der Gottesdienfte mag der rechten
Betheiligung feitens der Gemeinde entbehrt haben und
als opus operatum ftiftungs- und ordnungsmäfsig abgehalten
worden fein — dennoch berührt es wehmüthig,
zu fehen, welch' ein Stück Leben damit hingefunken ift,
und hohe Anerkennung verdient das Bemühen des Verf.'s,
uns die alte Zeit vor die Augen geftellt zu haben, nicht,
um das Alte einfach mit allen feinen Zöpfen und feinem,
nur durch den Grundfatz confervativer Pietät zeitweilig
gerechtfertigten liturgifchen Mechanismus herüberzunehmen
und zu copiren, fondern um bei der Betrachtung
deflen, was damals der Gottesdienft den Alten gewefen
ift, die Frage zu bewegen, was gefchehen kann, der
heutigen Gemeinde den Gottesdienft wieder zu dem zu
machen, was er fein foll: zum Höhe- und Mittelpunkt
des fonntäglichen, zur Feierstunde des gefammten Lebens.

— Die zweite Schrift, urfprünglich eine akademifche Antrittsrede
, ift als Separatabdruck aus dem Jahrbuch der
Gefellfchaft für die Gefchichte des Protestantismus in
Oesterreich, XII. Jahrg., 1. Heft, erfchienen und giebt in

Erläuterung der Kirchenordnung von Joachimsthal aus
I dem Jahr 1551 ein überaus anziehendes, fein abgerundetes,
ein ,überrafchend reiches und feffelndes Cultus- und Cultur-
bild aus der kurzen geistigen und geistlichen Blüthezeit
des Königreichs', das der Verf. mit um fo lebendigerer
Frifche vor uns hintreten läfst, als er es versteht, die
Bestimmungen der Kirchenordnung durch bezeichnende
j Einzelzüge, die den Predigten und Briefen des Mathefius,
! fowie den Archivalien von Stadt und Kirche Joachimsthal
entnommen find, zu beleuchten und Streiflichter auf
die fociale Gestalt und Phyfiognomie der Gemeinde fallen
I zu laffen, auf deren kirchliche Prägung und Ordnung die
1 1551 von Mathefius verfafste, dem Grundtypus nach den
KOO. von Wittenberg, Leipzig und Nürnberg nachgebildete,
in vielen Einzelbestimmungen den localen Verhältnifsen
und Bedürfnifsen der Bergwerks - Gemeinde angepafste
Kirchenordnung abzweckt. Sie läfst uns denn intereffante
Blicke thun in den Stand des sittlichen Lebens, das
neben den Zügen grober Verwilderung die Lichtfeiten
fänftigender evangelifcher Zucht aufweist, fo dafs Mathefius
fchliefslich doch bekennen mufs: ,wenn ich meine Pfarrkinder
mit anderen vergleiche, weifs ich keine frömmeren'
— und dafs zwifchen Pfarrer und Gemeinde, Kirche und
Schule ein patriarchialifch inniges Verhältnifs herrfcht.
Wir erfahren Sitten und Bräuche bei Taufe, Verfpruch
und Ehe, Begräbnifs in der Erstzeit, da die Neuordnung
und kirchliche Einfaffung der aus der hierarchifchen Umklammerung
losgelösten natürlichen Ordnungen fich erst
entwickelte; wir bekommen Kenntnifs von dem reichen
gottesdienftlichen Leben, dem blühenden Schulwefen,
der Armenpflege, und eben damit ein deutliches Bild von
der Art und Weife, wie die neue Ordnung der Dinge die
alte ablöste, nicht umstürzend, fondern langfam umbildend,
fo confervativ und fchonend, dafs felbft viele Bräuche
beibehalten wurden, die fleh mit dem neuen Geilte des
reinen Evangeliums nicht mehr vertrugen. ,Es ift — dies
ift der Eindruck — ein mannigfach bewegtes, bei allem
Sonderbaren, Altmodifchen, Einfeitigen, zum Glück in
weiterer Entwickelung Ueberwundenen erhebendes Bild,
das uns diefes vergeffene und vergilbte Blatt der Kirchen-
Ordnung vor die Augen stellt; welche Fülle von Ein-
und Umficht, von Wiffen und Willen, von Glauben und
Thaten in diefer „fudetifchen Einöde"! Das Silber wurde
hier nicht blofs in der Erde gefchürft!1 — —

Darmstadt. H. A. Köftlin.

Beck, Pfr. Badepred. Herrn., Pilipp Adolf von Münchhausen
der Aeltere, ein Lebenszeuge und Laienprediger der
lutherifchen Kirche während des 30jährigen Krieges.
Würzburg, Hertz, 1890. (III, 82 S. gr. 8.) M. 2.—

Philipp Adolf von Münchhaufen der Aeltere
dürfte den meiften Lefern diefer Zeitung bisher ebenfo
unbekannt gewefen fein wie dem Unterzeichneten. Geboren
im Braunfchweigifchen 1593, gestorben 1657, hat
er trotz den Bitten hoher Gönner Anstellungen im Staatsdienst
regelmäfsig ausgefchlagen und fich ausfchliefslich
der Verwaltung verfchiedener, ihm und feinen Brüdern
gehöriger Güter gewidmet, eine Aufgabe, die um fo mehr
feine volle Manneskraft in Anfpruch zu nehmen geeignet
war, als die fchwierigen Zeitläufte in ihm wie in Anderen
eine Neigung zu einem stillen, zurückgezogenen ,geitt-
1 liehen Leben' aufkommen liefsen, ohne jedoch dafs er
diefer Neigung nachgegeben hätte. Hingegen hat er in
echt lutherifcher Weife fein christliches Priesterrecht im
Kreife der Seinigen, wohl auch feiner Gutsu.nterthanen,
ausgeübt. Eine Frucht der regelmäfsig von ihm gehaltenen
Hausandachten liegt in einem zweitheiligen Erbauungsbuch
vor, welches zuerst 1648 (Hannover), in
zweiter Ausgabe 1676, in dritter 17IO (FVankfurt und
Leipzig) erfchienen ift: I. ,Geiftliche Kindermilch,
Oder Einfältiger Chriften Hausz - Apothek Daraus das