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Ausgabe:

1891 Nr. 17

Spalte:

434-435

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Faber, Wilh.

Titel/Untertitel:

Wartburg und Kyfhäuser. Festreden, aus besonderen kirchlichen und patriotischen Anlässen gehalten 1891

Rezensent:

Kühn, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 17.

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graphifchem Anhang, Bremen, Müller's Verl., 1890.
(XIV, 652 S. gr. 8.) M. 7. 20.

Dies Predigtbuch ift noch vom Verfaffer felbft zu-
fammengeftellt, auch mit der fchönen Widmung an den
Bruder und mit dem Vorwort verfehen, aber fchon unter
dem Namen auf dem Titelblatt ift zu lefen, dafs der
Band erft nach feinem Tode fertiggeftellt wurde. Auch
die meiften im Anhang S. 615—652 gebrachten Beigaben
find erft nach Max Frommel's Tode gefprochen oder
gefchrieben wurden. So ift die Pilgerpoftille ein letztes
Vermächtnifs des Verf.'s und eine fchöne Ergänzung der
früheren Predigtbände, Herzpoftille und Hauspoftille,
welche einen grofsen und dankbaren Leferkreis gefunden
haben. Während jenen beiden die Flvangelien und Epi-
fteln zu Grunde lagen, enthält diefer Predigten über freie
Texte für das ganze Kirchenjahr. Es ift ein ftattlicher
Band mit 74 Predigten und dem Anhang, welcher aufser
den Gedächtnifspredigten und Nachrufen auch ein Stück
Lebensgefchichte des Verfaffers bringt, wie er fie am
Tage feiner 25jährigen Amtsführung der Gemeinde in
Ifpringen erzählt hat: .Führungen Gottes' —ein Zeugnifs
perfönlichen Glaubenslebens und ein werthvolles Stück
Paftoraltheologie. Zur Rechtfertigung des freien Textes,
,des Gaftes neben der Hausmutter ,der Perikope', theilt der
Verfaffer eine intereffante Verordnung des Gottesdienftes
für die Stadt Celle vom Jahre 1689 mit. Von feiner Textwahl
läfst fich rühmen, dafs fie ihre eigenen Wege geht
und doch dem Gedanken des Kirchenjahres folgt. So
werden die 6 erften Sendfehreiben der Offenbarung an den
6 Epiphaniasfonntagen ausgelegt. Die Himmelsleiter I
Mofe 28 wird am 2. Weihnachtsfeiertage auf Chriftum gedeutet
: .durch ihn kommt Gott zu uns herab, durch ihn
fteigen wir zu Gott hinauf. Für die erften Trinitatisfonn-
tage find 4 Predigten über I Mofe 6, I—8 aufgenommen,
welche freilich erft für die Adventszeit beftimmt gewefen
zu fein fcheinen, aber auch an jener Stelle am Platze
find. Am Sonntag Cantate bildet der Befuch der Königin
von Saba I Könige 10 den Text, Thema: finget dem
Herrn ein neues Lied -— wunderbar ift wahrlich der Herr,
und feiig feine Knechte'. Zum 23. n. Trin. handelt die
Predigt über Jeremia 18, 7—17 von den grofsen Grund-
fätzen der göttlichen Politik, von ihrem grundleglichen
Gefetz und ihrer Durchführung in der Gefchichte. Weniger
befriedigend erfcheint die Textwahl zum Reformations-
feft, Jakobi 5, 12, wo ,ja' und mein' aus dem Text herausgenommen
find und dazu das Thema aufgeftellt ift: Unfer
Lobgefang und unfer Feldgefchrei am Fefte der Reformation
. Auch diefe Proben laffen fchon ahnen, dafs der
Verfaffer über einen grofsen Reichthum der Schriftverwendung
gebietet, welcher auch in der Ausführung der
Predigten nicht feiten überrafchend fich geltend macht.
Die Anlage der Predigt zeigt eine gewiffe gleichmäfsige
Feierlichkeit. Meißens geht dem Text ein .Auftritt'
voran, deffen Ausgangspunkt bei einem anderen Prediger
beforgen laffen könnte, dafs die Aufmerkfamkeit
der Zuhörer dadurch nicht angeregt würde. Die Dispo-
fition wird nach dem Text forgfältig vorbereitet, ausführlich
und deutlich zum Ausdruck gebracht, das Sufpirium
nicht vergeffen. Während man nach Fr'.s perfönlicher Er-
fcheinung und nach feinen übrigen Schriften erwarten follte,
dafs auch in feinen Predigten eine ungezwungenere,
freiere Art der Bewegung fich finden würde, tragen doch
diefe alle den ausgeprägten Stempel der feierlichen Cul-
tushandlung. Im übrigen aber darf man fagen, dafs
der Verf. auf formale Correctheit nicht zu viel Werth
legt; weder die Dispofition noch die ganze Ausführung
mufs durchaus richtig und vollftändig fein. Dafür ift
aber auch alles, was der Prediger fagt, geift- und lebensvoll
, und auch der Lefer mufs ihm den weihevollen Ernft
nachfühlen. Vorwiegend lehrhaft, haben die Predigten
ihre Stärke in der Auslegung des Worts. Die Sprache
ift concret, oft plaftifch, und bei aller confeffionellen Ent-

fchiedenheit zeigt die Darlegung eine eingehende und
tiefe Vertrautheit mit den biblifch-theologifchen Begriffen
und einen grofsen Reichthum der Beziehungen zu allen
Gebieten des geiftigen Lebens. Die Anwendung be-
fchränkt fich mehr auf das perfönliche geiftliche Leben
der Hörer, aber trifft den rechten Ton in muftergiltiger
Weife. Ueberall tritt dem Lefer das Bild einer gereiften
und hochgebildeten homiletifchen Perfönlichkeit entgegen
, welche auch durch diefe Poftille in der Gemeinde
noch lange fegensreich wirken wird.

Halle a/S. A. Wächtler.

Fischer, F. Herrn., Die Feste des HErrn und Seiner Kirche.

Beleuchtet in zehn Vorträgen. Leipzig-Reudnitz,
Protze, 1890. (V, 83 S. 8.) cart. M. 1. —; geb.
M. 1. 80.

In zehn Vorträgen behandelt der Verf. die heilsge-
fchichtliche Bedeutung folgender chriftlicher Fefte: Advent
, Chriftfeft, Befchneidung und Darftellung Jefu, Grün-
donnerftag, Charfreitag, Oftern, Himmelfahrt, Pfingften und
— Allerheiligen. Diefer letzte Vortrag und die Widmung
des Ganzen an Herrn Dr. E. Rofsteufcher bezeichnen das
Lager, aus welchem die Gabe kommt. Aber diefer be-
fondere Standpunkt tritt nur noch in dem Vortrage über
Pfingften an einigen Stellen hervor; im Uebrigen kann
das über die einzelnen Fefte Gefagte als gut evangelifch
gelten. Jedes Feft wird nach feinen Beziehungen zu dem
Heilsrath Gottes gefchildert, die altteftamentliche Vor-
gefchichte, wo eine folche vorliegt, wird klar entwickelt
und das Ganze fchlägt den Ton der gewöhnlichen Predigt
an, fo dafs eigentlich nicht recht erfichtlich ift, warum
der Verf. nicht diefe Bezeichnung gewählt hat, zumal
überall auch Textauslegung vorhanden ift. Die kir-
chengefchichtliche Seite der Sache ift ganz unberückfichtigt
geblieben.

Dresden. Dr. phil. B. Kühn.

Faber, Superint. Wilh., Wartburg und Kyffhäuser. Feft-
reden, aus befonderen kirchlichen und patriotifchen
Anläffen gehalten. Magdeburg, Creutz' Verl., 1891.
(VIII, 226 S. gr. 8.) M. 3. —; geb. M. 4. —

Diefe Sammlung von Feftreden des neuernannten
Hof- und Dompredigers zu Berlin wird mit vielfacher
Theilnahme aufgenommen werden. Er hat unter die
Ueberichrift Wartburg 13 Feftreden bei kirchlichen, unter
die andere Kyffhäufer 8 dergleichen bei patriotifchen
Anläffen geftellt. Wir entnehmen diefe Eintheilung zur
Erklärung des Buchnamens dem Titelblatte felbft; denn
dieverfchiedenen Redegattungen, Predigt, F"eftrede, Volksrede
find in beiden Abtheilungen vertreten und Kirchliches
u. Patriotifches geht fortwährend in einander über,
wie es bei den Kaifer-Gedächtnifspredigten des zweiten
Theiles und bei den Feftpredigten zu kirchlichen Ver-
fammlungen im erften Theile gar nicht zu umgehen war.
Der Herausgeber befitzt eine ganz hervorragende red-
nerifche Begabung, die fich an altclaffffchen, aber auch
an modernen ausländifchen Muftern gebildet hat; und
mit diefer Begabung geht zufammen eine in ihrer
Art bewundernswerthe Kunft, Bild und Gegenbild einander
gegenüber zu ftellen, das Packende und Zündende
aufzufinden und an die rechte Stelle zu fetzen, das, was
Zeit und Ort darbieten, zu ergreifen und in Gleichnifsen
zu verwerthen. Die bei folcher Anlage immer vorhandene
Verfuchung, zu künfteln und mit Worten zu fpie-
len, ift in der Regel fiegreich überwunden worden; doch
fehlt es auch nicht an Ausnahmen. In ihrer ganzen urfprüng-
lichen Machtfülle bricht die Rednergabe namentlich bei
allen Volksreden hervor, die ohne Zweifel des Verfaffers
vornehmfte Leiftungen find. An ihnen kann man