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Ausgabe:

1891 Nr. 17

Spalte:

432

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneider, Wilh.

Titel/Untertitel:

Das andere Leben. Ernst und Trost der christlichen Weltanschauung 1891

Rezensent:

Wetzel, Paul

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Seite 1

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431 Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 17. 432

der göttlichen Abfolutheit zur Freiheit des Menfchen,
die durch die unendliche Sündenfchuld geforderte unendliche
Strafe, die bei gleichbleibender Sünde nothwen-
dig eintretende Verftockung die Ewigkeit der Sünden-
ürafen nothwendig im Gefolge. Dann aber wird befon-
ders aus der Abfolutheit der Gottesliebe und aus der
Energie des Heilswillens, aber auch einmal aus dem Um-
ftand, dafs bei dem geiftigen Charakter der Höllenftrafen
die Gewiffensqual der Reue, diefe Grundbedingung für
das göttliche Erbarmen, gewirkt werde, fodann daraus,
dafs die Unfeligkeit der Verdammten die Seligkeit der
Erlöften beeinträchtigen müffe, die Nothwendigkeit der
Apokataftafis abgeleitet.

Ich verftehe durchaus die Erwägungen, die zur Annahme
der Apokataftafis führen. So oft ich mich me-
taphyfifch in das Wefen und Walten Gottes vertiefe oder
mir vorzuftellen fuche, wie es am Ende des Weltlaufs
fein werde, ift mir die Fortdauer eines gottfeindlichen
Reiches ein unbegreifliches Ding, für das auch der Einwand
, es fei ja das ,Gott Alles in Allem' in der durch
Gott verhängten Unfeligkeit und Ohnmacht der Gottlofen
gewahrt, kein genügender Behelf ift. So ift es mir wohl
verftändlich, wie R. Rothe u. a. zu ihrem Satz von der all-
mälichen Selbftauflöfung des Böfen kommen. Doch fo
entfernt ich bin, den Vorwurf der ,Lieblofigkeit' mit dem
der fittlichen Gleichgiltigkeit zu erwidern, fo fehr bin
ich davon überzeugt, dafs fchon die fittliche Anfchau-
ung der Schrift, nicht einzelne Stellen nur, die man nach
hüben und drüben abwägen kann, gegen die Apokataftafis
ift. Hat der erfchütternde Ernft des Bufsrufes und
das Wehe über die Unbufsfertigen wirklich feine volle
Berechtigung, wenn das, was damit erreicht werden foll,
ohnehin bei jedem erreicht werden mufs, wenn auch die
Unfeligkeit im Jenfeits nur ein Durchgangspunkt ift, den
Trübfalen und inneren Kämpfen diefes Lebens vergleichbar
, aus denen fich die Seligkeit meift um fo bewufster
hervorhebt?

Diefen tiefften Grund gegen die Apok. hat der Verf.
kaum erwähnt, ift ihm auch darum in keiner Weife gerecht
geworden. Wenn man die Strafe der Sünde fühlt,
foll die Reue von felbft folgen, S. 94; aber hat diefe
Reue fittlichen Werth? ,Wir erhalten durch die Apokataftafis
einen wiffenfchaftlich zureichenden Grund für die
perfönliche Heilsgewifsheit' S. 103. Natürlich," aber ift
das evangelifche Heilsgewifsheit, die einfach aus diefer
Allgemeinheit gefolgert wird? Denn wenn hinzugefügt
wird, ficherer fei allerdings ,das erfahrungsmäfsige Ver-
hältnifs zu der Perfon des Heilsmittlers J. Chr.', fo ift das
eine ganz andre Art der Gewifsheit. Ferner foll die Liebe,
die die Seligkeit aller fordert, ,in der Identität der Menfchen -
natur' beruhen; das ift das ,ta twam ast der Buddhiften,
nicht die chriftliche Liebe. So verflachen fich die fittlichen
Begriffe. Ja, fchon die Thatfache, dafs immer die ,Ewigkeit
der Höllenftrafen' in erfte Linie geftellt wird, ftatt
die fchwierigere Frage zu betonen, wie denn die Freiheit
des Menfchen von dem Gott, der fie doch gefchaf-
fen hat, gezwungen werden könne, fich ihm doch noch
zu ergeben, weift daraufhin.

Auch die Fragen, die bei dem Worte ,Apokataftafis'
vor uns auffteigen, find ein Stück der grofsen Antinomie
: ,Gottes Allmacht und menfchliche Freiheit', über
die wir fchwerlich ganz hinauskommen. Nicht als ob
,das Recht theologifcher und philofophifcher Speculation'
darüber beanftandet werden follte,als ob man, folches,Gott
überlaffend' nicht darüber nachdenken dürfe. Aber keine
Speculation darf das einfache chriftliche Bewufstfein
ignoriren und dies fpricht mehr gegen die Apokataftafis
, als für fie — das möchte ich, entgegen der Meinung
des Verf.s, auf das entfchiedenfte behaupten. Seit
Kant ift den fittlichen Forderungen in der deutfchen Wiffen-
fchaft das Recht des Poftulats gewahrt, fie wollen fich
auch das Veto nicht nehmen laffen.

Leipzig. Härtung.

Schneider, Prof. Dr. Wilh., Das andere Leben. Ernft und
Troft der chriftlichen Weltanfchauung. 3., theilweife
neubearb. u. fehr verm. Aufl. von ,Das Wiederfehen
im anderen Leben'. Paderborn, F. Schöningh, 1890.
(XVIII, 530 S. gr. 8.) M. 6. —

Das vorliegende Werk eines katholifchen Gelehrten
fucht feine Lefer im weiteren Kreife gebildeter Chriften
und hat zunächft einen erbaulichen Zweck. 1 .eidtragenden,
die nachTroftgründen derVernunft und des Glaubens fuchen,
wird in reicher Fülle geboten, was ihrem Herzensbedürf-
nifsentfprechen könne, Zweifelnden foll der Weg zur Ueber-
windung ihrer Bedenken gezeigt und durch Zeugniffe aus
geiftlichen und weltlichen Schriften eine Glaubensftärkung
geboten werden. Ausführlich verbreitet fich der Verf. über
die Unfterblichkeitsbeweife und die Verbreitung des Un-
fterblichkeitsglaubens bei allen Völkern, und fucht nach-
zuweifen, wie das ewige Leben eine Forderung des fittlichen
und religiöfen Bewufstfeins ift. Er giebt dann eine
Darftellung der chriftlichen Lehre vom ewigen Leben
und jüngften Gericht, wie der befonderen katholifchen
Lehren vom Fegefeuer, fchildert nach den Ausfprüchen
der Schrift und der Kirchenlehre das Leben im Jenfeits
und geht dann auf die befonderen Beforgnifse und Troft-
bedürfnifse trauernder Herzen ein. Der Verf. weifs feine
Darlegungen in anfprechende Form zu kleiden und vermeidet
bei feinen Darlegungen alle Schärfen, die für
bekümmerte Herzen etwas Verletzendes haben könnten.
Freilich fehlt ihm bei allem Schein der Gelehrfamkeit,
die er durch prunkenden Citatenreichthum zu erwecken
weifs, doch wiffenfchaftliche Schärfe und Nüchternheit.
Seine Schilderungen des Jenfeits verlieren fich ins Phan-
taftifche, feine Troftgründe ftreifen ins Sentimentale herüber
. Von dem Einen Zweck, die Gemüther zu beruhigen,
find alle feine' Ausführungen beherrfcht. So weifs er
auch den fpecififch katholifchen Lehren eine Wendung
zu geben, dafs fie ihrer Spitzen u. Schärfen ganz entkleidet
zu fein fcheinen. Selbft die Lehre vom Ausfchlufs
der ungetauft verftorbenen Kinder von der himm-
lifchen Seligkeit deutet er in einer Weife um, dafs fie
womöglich noch als befonders tröftlich für die Eltern
folcher Kinder erfcheincn foll. Er fchildert die vollkommene
Schmerzlofigkeit derfelben im limbus infantium und
ihren Verkehr mit den Seligen in fo glänzenden P'arben,
dafs es faft verlockend erfcheinen mufs, ihr Loos zu thei-
len. So weifs er bei der katholifchen Lehre auch
Alles zu befchönigen und zu rechtfertigen, aus Allem
Troftgründe für Trauernde abzuleiten. Es läfst fich denken
, wie willkommen ihm zu diefem Zweck insbefondere
die Lehre vom Fegefeuer und vom Heilswerth der See-
lenmeffen fein mufs. Seine Polemik gegen die pro-
teftantifche Lehre ift eine vergleichsweife fehr milde.
Aber freilich entfpringt diefe Milde mehr praktifchen
Rückfichten. Charakteriftifch dafür ift feine Bemerkung
auf S. 482: ,Den Verfuch, die Frage nach der Zahl der
Auserwählten auf das confeffionelle Gebiet zu ziehen,
halten wir für bedenklich. So kann leicht die Berechnung
, nach der Suarez, Franz v. Sales u. a. ohne Weiteres
die Mehrzahl der Katholiken zu den Auserwählten
zählen, in doppelter Rückficht arg gemifsdeutet werden.
Dem Katholiken kann diefe fchmeichelhafte Ausficht
eine fchwere Verfuchung zum pharifäifchen Hochmuth
und zu falfchem Sicherheitsgefühl werden, dem Andersgläubigen
aber wird fie ohne Zweifel Anlafs, die Lehre
von der alleinfeligmachenden Kirche als hart und lieblos
zu verurtheilen'.

Mittweida. Lic. th. Dr. Paul Wetzcl.

Frommel, weil. Generalfuperint. Confift.-R. D. Max,
Pilgerpostille. Predigten für das ganze Kirchenjahr
nach freien Texten. Mit Portr. des Verf.'s und bio-