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Ausgabe:

1891 Nr. 16

Spalte:

408-410

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Carriere, Mor.

Titel/Untertitel:

Die sittliche Weltordnung 1891

Rezensent:

Hartung, Bruno

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407 Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 16. 408

zurückzukehren, wobei ihm wieder ein Theil derGemeinde
folgte. Doch durfte er feine Wirkfamkeit in Karlshuld
nicht wieder aufnehmen, fondern erhielt nach kurzer
Verwendung als Caplan die Pfarrei Tafertshofen und vom
J. 1839 an die Pfarrei Oberroth, wo er fpäter auch Decan
wurde. Hier lernte er nach einigen Jahren, wie der Ver-
faffer unferer Schrift fagt, ,das Werk Gottes' kennen.
Er wurde nämlich von dem Schotten William Caird auf-
gefucht, der den Continent bereifte, um Propaganda für
die irvingianifchen Ideen zu machen, und es wurde dem-
felben nicht fchwer, ihn dafür zu gewinnen. Bald war er
felbft auf die Ausbreitung derfelben bedacht, ohne jedoch
mit der römifchen Kirche brechen zu wollen, deren Glied
und Priefter er bleiben zu können glaubte. Es kam jedoch
begreiflicher Weife aufs neue zu Conflicten mit der
geiftlichen Obrigkeit, die zuletzt zu feiner Sufpenflon u.
endlich (1857) zu feiner Amtsentfetzung u. Excommuni-
cation führten. Er trat darauf, nachdem er noch eine
Reife nach England gemacht hatte, um ,das Werk
Gottes' näher kennen zu lernen, in den Dienft der ,apo-
ftolifchen' Gemeinden, leitete 11 Jahre lang die Gemeinde
zu Bern, und war dann noch eine Reihe von Jahren
als jEvangelift' thätig, indem er an verfchiedenen Orten
öffentliche Vorträge hielt, bis er im J. 1882 in hohem
Alter ftarb.

Die Art der Darftellung in der vorliegenden Schrift
ift eine fehr anfprechende. Schlicht und einfach, aber
mit innerer Wärme, wird das Leben und die Perfon des
Helden gefchildert. Dennoch kann ich nicht fagen, dafs
ich durch diefe Schilderung mit ungetheilten Sympathien
für denfelben erfüllt worden wäre. Ohne Zweifel zeigt
er fleh als ein ernfter, vom beften Willen befeelter, aufrichtig
nach Wahrheit fuchender Mann, und es macht,
befonders heutzutage, einen wohlthuenden Eindruck,
Menfchen zu begegnen, die fleh nicht von vornherein in
irgend einem Syftem feftgerannt haben, fondern für alle
Wahrheitselemente zugänglich find, woher fle auch kommen
. Aber bei Lutz findet fleh doch nicht blofs diefe
lobenswerthe Offenheit und Empfänglichkeit der Seele
auchfür das, was nicht innerhalb des gewöhnlichen Lebensund
Anfchauungskreifes liegt, fondern er zeigt fleh durch
momentan auf ihn wirkende Einflüffe in fo hohem Grade
beftimmbar, dafs es fehr nahe an Charakterfchwäche
grenzt. Auch in feinen Verhandlungen mit dem bifchöf-
lichen Ordinariat vermifst man oft die volle Klarheit und
Fettigkeit in der Vertretung feines Standpunktes, wenn
ihn auch das Schlufsrefultat als Märtyrer feiner Ueber-
zeugung erfcheinen läfst.

Immerhin weckt das gezeichnete Lebensbild, um
feiner felbft willen, wie um der kirchengefchichtlichen Beziehungen
willen, mit denen es verknüpft ift, unfer Inter-
effe und ift auch durch manches urkundliche Material,
das darin verarbeitet ift, von Werth.

Augsburg. J. Hans.

Tavagnutti, Mario Sig., Katholisch-theologische Bücherkunde
der letzten 50 Jahre. IL Chriftologifche Bibliographie
. III. Mariologifche Bibliographie. Syftema-
tifch nach Materien geordnet und mit einem Autoren-
Regifter verfehen. Wien, Drefcher & Co., 1891. (72
u. 80 S. gr. 8.) M. 1. 40.

Die Fehler, die ich bei der erften Abtheilung, der
Hagiograplüa in der Th. L.-Z. 1890, 656 gerügt habe,
find in diefen beiden Heften grofsentheils vermieden.
Die wiffenfehaftlichen Werke bilden auch in der chrifto-
logifchen Bibliographie eine verfchwindende Minderzahl;
der Verf. fagt im Vorwort, um die Rubriken ,chriftolo-
gffche Chronologie und Ikonographie' einigermafsen voll-
fländig zu geftalten (S. 35. 36 fagt er fogar: ,um fle zu
ermöglichen'), habe er einige wenige Werke akatholifcher
Verfaffer aufnehmen müffen; er hätte diefe als folche

durch ein Zeichen kenntlich machen follen. Auf dem
Titelblatte fteht: ,mit befonderer Berückfichtigung der
Herz-Jefu-Verehrung'; die Titel der darauf bezüglichen
Schriften füllen elf Seiten; es folgen dann noch (S. 25
und 62) fünfzehn Schriften unter der Rubrik: ,Die hlgft.
Herzen Jefu und Mariä in gemeinfehaftlicher Darftellung';
in dem dritten Hefte füllt die Rubrik ,Herz Mariä'
anderthalb Seiten. Noch viel neuer als der Herz-Jefu-
Cultus ift ,die Verehrung des hlgft. Antlitzes (und Hauptes)
Jefu'; S. 12 werden nur fünf Schriften darüber verzeichnet,
die ältefte von 1884. Unter der Rubrik ,Reliquien und
Leidenswerkzeuge Chrifti' flehen auch die Schriften über
den heiligen Rock zu Trier; eine, von L. Hecht, handelt
zugleich über den ,h. Leibrock in Argenteuil' ; neben der
Schrift des Domherrn Wilmowsky und der ,Beleuchtung'
derfelben von A. Rhenanus hätte die 1877 erfchienene
zweite Schrift von Wilmowsky, — fle ift umfangreicher,
als die erfte, —■ erwähnt werden müffen. S. 59 flehen zwei
Berichte über fichtbare Erfcheinungen Chrifti, zu Manfi-
lien [?] u. zu Damaskus, unmittelbar vorher zwei Schriften
über das rothe oder Paffions-Scapulier. Von anderen
Scapulieren wird die Literatur im dritten Hefte S. 49
verzeichnet, aber fehr unvollftändig (vgl. meine Schrift
,Die deutfehen Bifchöfe und der Aberglaube'). Auf dem
Titelblatte des 3. Heftes wird die befondere Berückfichtigung
der ,Rofenkranz-Verehrung' {sie) in Ausficht ge-
flellt. Die Schriften über den Rofenkranz füllen aber
nur sY2 Seite, 9 Seiten die Schriften über die ,Mariani-
fchen Gnadenorte' und über ,Erfcheinungen, Offenbarungen
und Wunder Mariens'. Die (deutfehen) Schriften
über Lourdes allein füllen zwei Seiten; felbft die verkrachten
Gnadenorte Marpingen undMettlenbuch find nicht
übergangen. Befondere Rubriken bilden ,Maria vom
guten Rathe, M. von der immerwährenden Hülfe, M.
vom heiligften Herzen, M. Königin der Engel'.

Dem dritten Hefte ift ein Anhang von mehreren
Bogen mit dem Titel ,Empfehlenswerthe Firmen' beigefügt
. Er beginnt mit der Anpreifung einer ,k. und k.
ausfchliefslich priv. Wafchmafchine, Reib- oder Rumpel-
fyftem'; es folgt eine ,Spezerei-, Wein- und Delikateffen-
Handlung zum fchwarzen Kameel' u. dergl. Diefe Praxis,
nach dem Vorgange der Zeitungen den Büchern einen
Inferatentheil beizufügen, wird hoffentlich keine Nachahmung
finden.

Bonn. F. H. Reufch.

Carriere, Mor., Die sittliche Weltordnung. 2. erweit. Aufl.
Leipzig, Brockhaus, 1891. (XIII, 468 S. gr. 8.)M. 8. —;
geb. M. 9. 50.

Anfang Sept. 1870, als ich aus befonderer Veran-
laffung einen Tag in München war, wurde ich durch
Strafsenanfchläge auf eine öffentliche Verfammlung hin-
gewiefen, in der Prof. Carriere fprechen würde. Die
Unfehlbarkeitserklärung, der gewaltige Krieg, deffen
grofse Siegesbotfchaft eben eingetroffen war, bewegten
die Gemüther. Carriere's zündende Worte, in denen der
glühende Patriotismus des Deutfehen, der fleh nun am
Ziel feines Hoffens fah, und der freie, fittlich ernfte
Geift des Proteftanten von der Warte einer umfaffenden
gefchichtlichen und philofophifchen Bildung zu uns redete,
waren in ihrer Bedeutung wohl nicht allen verftändlich,
die dort beieinander waren, machten aber allgemein den
gröfsten Eindruck. Mir felbft ift jene Stunde in fo be-
deutfamer Zeit unter wefentlich katholifcher, füddeutfeher
Umgebung unvergefslich geblieben. Was ich damals
hörte, war der diefem Werk als Einleitung vorangefchickte
Vortrag über ,die fittliche Weltordnung in den Zeichen
und Aufgaben unferer Zeit'. Das Werk felbft ift weiter
nichts als die wiffenfehaftliche Ausführung der dort gehörten
Gedanken, die zuerft im Jahre 1877, und nun,
wie Verf. auch jüngft fein Jugendwerk ,die philofophifche