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Ausgabe:

1891 Nr. 15

Spalte:

372-374

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hase, Karl von

Titel/Untertitel:

Gesammelte Werke. Bd. II, 2 Halbbde.; Bd. IV, 1. Halbbd.; Bd. IX, 2 Halbbde.; u. Bd. XI, 1. Halbbd 1891

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 15.

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was vor Ehudftand und erfetzte es durch feinen Rahmen
und Othniel, ebenfo entfernte er Abimelech und die Ge-
fchichte des Anhangs und fafste alles in feinen Pragmatismus
und feine Chronologie. Ein nachdeuteronomifcher
Redactor aus der Zeit von P trug die verworfenen Ab-
fchnitte mit verfchiedenen Aenderungen wieder nach
und brachte die Zahl der Richter auf 12. Endlich fchien
einem fpäteren Ueberarbeiter Abimelech als Richter nicht
würdig, er entnahm aus 5, 6 den Samgar. ,Es liegt auf
der Hand', bemerkt der Verf. S. 164, ,dafs diefer Ver-
fuch, den gefchichtlichen Hergang aufzurollen und nachzudenken
, nicht in allen Stücken der einzig mögliche
ift. Zwifchen den feftftehenden Hauptpunkten, wozu ich
vor allem die dreifache Redaction rechne, werden fich
viele Einzelheiten anders vorftellen, vertheilen und verbinden
laffen. So nothwendig es mir aber fchien, denjenigen
Aufbau, der fich mir unter allen als der wahr-
fcheinlichfte empfahl, zum Beweife der Möglichkeit einer
zufammenhängenden Vorftellung zu bieten, fo überflüffig
fcheint es mir, alle Möglichkeiten zu erfchöpfen, wo
neben der Vermuthung dem Beweife fo wenig Spielraum
bleibt'. Den Hauptwerth feiner Arbeit fieht der Verf.
alfo nicht in den Einzelheiten des oben formulirten Er-
gebnifses, das fich auch vielfach anders denken läfst,
fondern in der kritifchen Zerlegung der Gefchichten.
Hier bietet der Verf. wieder eine Fülle von feinen
Beobachtungen. Für Kuschan Rischataim möchte ich
entfchieden eine alte Ueberlieferung als Grundlage annehmen
. Wenn Budde annimmt, dafs Ehud feine That
nicht in Jericho, wie es nach dem jetzigen Text Rheinen
mufs, fondern in dem Lande Moab felbft vollbracht hat,
fo ift das entfchieden richtig. Die LXX lieft auch ftatt
des fonderbar abgeriffenen 1X152 Wl 3, 27 xort eyevero
yvixa ql-D-ev 'Aiud sig yqv 'lagaiqi., hat alfo offenbar
einen Text gehabt, der die urfprüngliche Lage der Dinge
noch erkennen läfst. Die Zerlegung der Gideon- und
Abimelechgefchichte ergiebt ein fehr verwickeltes Ergeb-
nifs, ift aber in fehr überzeugender Weife durchgeführt.
Doch fcheint mir die auch von Budde vertretene Annahme
, die Form 'laißql für -5? (9, 26 ff.) weife auf
ein urfprüngliches byaii hin, unhaltbar. Eine folche
könnte von den LXX nur Awßaal wiedergegeben fein.
In zahlreichen Handfchriften fleht 'lioßrid, in einigen
'Qßiqö; das deutet mehr auf die urfprüngliche Ausfprache
"Dj bei den LXX, wozu man einen Gott ergänzen möge.
Die HH., welche die Namen nach M corrigiren, zeigen
obige Formen nicht, fondern Aßtd; man darf alfo die
obigen Formen mit d' für urfprüngliches Gut der LXX
und 3lojßql für einen gewöhnlichen Schreibfehler für
y£lßq6 halten. Sehr werthvoll ift die fcharffinnige Quellen-
fcheidung in Cp. 17. 18 und der Verfuch der Ausfchei-
dung einer älteren Form der Gibea-Gefchichte 19—21.
Obwohl Wellhaufen fchlagend bewiefen hat, dafs die
jetzige Form einer ganz fpäten Zeit angehört, fo finden
fich doch genug Merkmale, welche auf eine ältere Grundlage
hinweifen, die nun Budde mit allem Vorbehalt aus-
zufcheiden verflicht. Dagegen ift mir im ganzen Richterbuch
der Verfuch einer Zutheilung der einzelnen Quellen
zu E und J oft wenig ftringent erfchienen. Das könnte
unbedenklich fein, da der Verf. von dem Mafs der Sicherheit
ftets Rechenfchaft giebt. Aber die angeführten
Wendungen, die auf die eine oder andere Quelle hinweifen
follen, find mir oft zu diefem Zwecke nicht
charakteriftifch genug, und es ift Gefahr vorhanden, dafs
fo die Quellenfcheidung öfters auf eine falfche Fährte
geleitet wird. Mir würde es bei dem jetzigen Stande
der Dinge vortheilhafter erfcheinen, wenn man diefe
Frage, bei der wir doch auf recht unficherem Boden
flehen, noch bei Seite liefse und ohne Seitenblicke auf
diefe beftimmten Quellen fich mit einer möglichft fcharfen
Zergliederung der Erzählungen begnügte. So glaube
ich auch, dafs Budde zu weit geht, wenn er gelegentlich
(S. 127) einmal fagt: ,Der Klang der Rede fcheint mir

auf E zu deuten, doch kann ich ausreichende Beweife
nicht beibringen'. Diefe Bedenken gelten auch, wie mir
fcheint, von den Unterfuchungen zu Samuel, die überall
mit Feinheit und Gründlichkeit geführt find. Während
die Quellenfcheidung in diefem 3. Theil (S. 167—276)
des Werkes ebenfo überzeugend, wie früher, in den
Hauptpunkten geführt ift, reicht auch der glänzende
Scharffinn von Budde nicht aus, die Zutheilung diefer
Quellen zu E und J ausreichend zu begründen. Es ift
allerdings vortheilhaft, mit bekannten Factoren zu
operiren, aber man kann dadurch auch die Unterfuchung
einengen. Abfchnitt A behandelt Sam. I, 1—15. Der
Verf. geht hier von Cp. 8—12 aus, aus denen er zwei
verfchiedene, wenn auch ausgeglichene Erzählungen aus-
fcheidet, die nach dem Orte der Wahl Sauls mit M
(Mispa) und G (Gilgal) bezeichnet werden. Er weift
überzeugend nach, dafs fie völlig felbftändig von einander
find, und geht erft dann auf Cp. 15 und fchliefslich
auf Cp. 1—6. 9—11. 13—14 ein. Dafs M zu E gehört,
dafür bringt er viele gute Argumente bei; wenn er aber
für G mit fteigender Sicherheit an J denkt, fo kann ich
ihm hier nicht folgen. Abfchnitt B behandelt Sam. I, 16,
— II, 8, Abfchnitt C Sam. II, 9 — Könige I, 2. In B
find befonders die gewichtigen Argumente zu beachten,
die Budde dafür beibringt, dafs der Text der LXX befonders
in Cp. 18 nicht der urfprüngliche fei. Es fcheint
in der That, als habe der LXX ein kritifch corrigirter
Text vorgelegen. Doch ift die Sache jedenfalls noch
näher zu prüfen. Auch hier ift die Quellenfcheidung
überall wefentlich gefördert. Im letzten Abfchnitt finden
fich nach Budde nicht mehr verfchiedene Quellen, befonders
keine Spur von E, wohl aber eine deuterono-
miftifche und nachdeuteronomiftifche Redaction. Letztere
trägt, wie im Richterbuch, wieder nach, was die erftere
verworfen hat. Der Verf. verhehlt es fich am wenigften,
dafs gerade in den Büchern Samuelis die kritifche Arbeit
noch ein grofses Feld vor fich hat. Er hat für
diefe Arbeit nicht blofs bedeutende Anregungen gegeben,
fondern auch eine Fülle von Ergebnifsen geliefert, die
fich durch ihre fcharffinnige Begründung eine fteigende
Werthfehätzung erkämpfen werden. Als Fehler in dem
fehr correcten Druck merke ich an: S. 30 Z. 16 lies für
aXwTnqMg älwrtev.ig, S. 206 Z. 5 von unten für D'ÜD

Bielefeld. Joh. Hollenberg.

Hase's, Karl v., Gesammelte Werke. II. Bd., 2 Halbbde.;
IV. Bd., 1. Halbbd.; IX. Bd., 2 Halbbde., u. XL Bd. 1.
Halbbd. Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1890/91. (gr. 8.)
ä Halbbd. M. 5. —

Inhalt: II, I. Kirchengefchichte auf der Grundlage akademifcher
Vorlefungen. 2. Thl. Germanifche Kirche. Mittlere Kirchengefchichte.
I. Halbbd. (VI, 298 S.) — 2. Dasfelbe. 2. Halbbd. Innocenz bis
Luther. Hrsg. v. Gull. Krüger. (V u. S. 299—577.) — IV, 1. Ge-
fchichte Jefu. Nach akademifchen Vorlefungen. 2. Aufl. 1. Abth
(X, 362 S.) — IX. Handbuch der proteftantifchen Polemik gegen
die römifch-katholifche Kirche. 5. Aufl. 2 Halbbde. (X, 728 S.)
— XI, 1. Karl von Hafe's Leben. 1. Abth. Jugenderinnerungen.
Ideale u. Irrthümer. Erinnerungen an Italien in Btiefen an die künftige
Geliebte. (XIII, 230 u. III, 272 S.)

Diefe Gefammtausgabe der Werke Hafe's ift das
fchönfte Denkmal, welches ihm errichtet werden konnte.
Von feiner Familie wird es errichtet — der Verleger und
der Herausgeber, Prof. Krüger, gehören ihr an —, aber
fie können des Dankes und hoffentlich auch der Theil-
nahme weitefter Kreife gewifs fein. Unfere Zeit ift freilich
eine andere geworden, als die, in welcher Hafe aufwuchs
und die er als Mann mitgebildet hat. Aber es
ftünde fchlimm um die heutige Theologie und die heutige
Bildung, wenn fie den Zauber nicht mehr empfände,
der in der Feder des grofsen Hiftorikers lag. Diefe Feder
gab die Eigenart eines Mannes wieder, der ein ,Betrach-