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Ausgabe:

1891 Nr. 14

Spalte:

354-355

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krüger, G. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Sammlung ausgewählter kirchen- und dogmengeschichtlicher Quellenschriften, als Grundlage für Seminarübungen. 1. Hft 1891

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 14.

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tümliche Stellung dem Prieftercodex gegenüber, in dem er
alte, demjahviften und dem lilohiften ebenbürtige Gefchich-
ten, und nachexilifche, mit der Gefetzgebung eng verbundene
haggadifche Stücke unterfcheidet,diegefetzlichen Ab-
fchnitte aber in die exilifche und nachexilifche Zeit im ganzen
verfetzt. Es wäre fehr erwünfcht, dafs er feinen Standpunkt
eingehender begründete. Leviticus XVIII {sie) —
XXVI ift nachezechielifch, von einem Schüler des Propheten
auf Grund von deffen Schriften verfafst Ereilich
find die für diefe Zeitbeftimmung angeführten
Gründe — Erwähnung des Hohenpriefters, des aaronidi-
fchen Priefterthums, des Verfammlungszeltes, der levi-
tifchen Städte—nicht ftichhaltig. Das Deuteronomium, die
unter Jofia fabricirteThora, ift ein völlig einheitliches Werk,
das fich urfprünglich von Cap. IV, 45 bis Cap. XXVIII
erftreckte und wohl in einem Zuge, innerhalb weniger
Tage, gefchrieben worden ift. Jeremia, die Seele des
ganzen Betruges, ift der Verfafferfchaft ftark verdächtig.
Hierüber liefse fich Vieles fagen. Auch find der weitgehende
Gebrauch der Pfalmliteratur und das Capitel
über die Anavim zu erwähnen. Sehr viel Feines und
Intereffantes Iteht in den Abfchnitten über die Zufammen-
arbeitung der zwei Erzählungen von der heiligen Ge-
fchichteund die literarifche Thätigkeit unter Hiskya,
über die neue Thora und die literarifche Thätigkeit unter
Jofia, über die Reftaurationspläne, die priefterliche Thora
und die literarifche Arbeit während des Exils. Ueberall
bekundet fich ein fehr feines Gefühl von den Bedingungen
, unter denen die hebräifche Literatur entftanden ift,
ihrem allmählichem Werden, und dem Unvermögen der
Kritik, im Detail die Ueberarbeitungen, die Correcturen,
die Einfälle des Calamus jener heiligen Scribenten nach-
zuweifen.

Im Vordergrund der Gefchichte des behandelten
Zeitraums ftehen die grofsen Propheten. Bei der erften
Leetüre bleibt man ftutzig. Der Eine oder der Andere
ift fogar in Zorn gerathen und hat feine befte Feder genommen
, um den Verwegenen zu züchtigen, der ihm
feine Propheten verdorben {Lc prophetisme israelite juge
par M. Renan, von C. Piepenbring, in der Vit chietiennc,
März und April). Das iit allerdings richtig, dafs ein
Skeptiker nicht gerade am betten angethan ift, um über
die Propheten zu fchreiben, ebenfowenig als über Jefus.
Nur ein folcher kann den Gefchmackfehler begehen, von
der dummen Bewunderung {la sötte admiratioti) Jere-
mia's für die Rekabiten, von feiner erheuchelten Mäfsi-
gung und feiner gezierten Schwacheit oder beffer Schüchternheit
zu fprechen, ihn einen mit einem unverföhn-
lichen Jefuiten gepaarten Felix Pyat zu nennen — was
mehr als ein Gefchmackfehler ift—, oder von dem einfältigen
Traume Ezechiel's zu reden, dafs die Chal-
däer einen Einfall in Aegypten machen würden {commc
l'avait niaisement reve Ezechiel}. Trotzdem ift ihm weder
Sympathie für die Propheten noch Verftändnifs der-
felben abzufprechen. Darüber mag man ihm nicht fehr
böfe werden, dafs er fie mit den modernen radicalen
Zeitungsfchreibern des ausgelaffenften Styles vergleicht
und fie eine Bande von Heulern nennt (S. 277, Jerusalem
possedait une bände de ccs liurleurs, quon ne peut
comparer qu'aux journalistes radicaux de nos jours et qni
rendaient tont goiivernenient impossible). Refpectvoll ift
das nicht, aber cum grano salis verftanden, ift doch
etwas Wahres daran. Anderfeits, wie weifs Renan die
Herrlichkeit ihres Berufs und die Wichtigkeit ihrer Er-
rungenfehaften zu würdigen; wie fchön fpricht er z. B.
vom grofsen ungenannten Propheten, ,mit dem wir auf
der Höhe des Berges find, von wo aus man Jefum erblickt
auf dem Gipfel eines andern Berges, und dazwischen
ein gar tiefes Thal'! Wie weifs er mit Jeremia
zu fühlen, den er fonft als einen Fanatiker mifshandelt,

0 Dürfte ich bitten, S. 431 meinen Namen in Anmerkung 1 zu ver-
fetzen?

| während er König Manaffe wegen feiner Duldfamkeit

! feiert, und wie wehmüthig fpricht er, bei der Schilderung
feiner politifchen Rolle, von jenen graufamen Augenblicken
, wo kein Mittel ift zwifchen einem verhafsten
Verftand und einer durch die Vaterlandsliebe geforderten
Verblendung; von jener Aufrichtigkeit, durch welche
man fich leicht, in den grofsen nationalen Unglücksfällen
, den Anfchein eines Verräthers und Feindes des
Vaterlandes giebt, und der Patriot, der es verfucht, die
Macht des Fremden feinen Mitbürgern zu Gemüthe zu

I führen, immer für einen Freund des Fremden gilt! Und

j anderfeits, haben wir nicht allzufehr die Gewohnheit, die
Prophetengeftalten zu idealifiren, z. B. von Jeremia nur
die Glanzfeite, nicht ,die Nachtfeite' zu fehen, ebenfo
wie man fich, mutatis mutandis, lange Zeit nicht hat ent-
fchliefsen können, anzunehmen, dafs die efchatologifchen
Ideen feiner Zeit Jefu gar nicht fo fremd waren, feine
Anflehten vergeiftigte, und das, was einen jüdifchen Bei-

1 gefchmack hatte, den Jüngern zufchrieb? Daher find
Renan's Propheten nicht allein äufserft lebendige, fon-

j dem auch in mancher Hinficht naturgetreuere Gehalten,
aber deswegen nicht wahrer. Er fchildert fie mit ihren

[ Falten und Runzeln, aber ohne genügendes Verftändnifs
für die Grundbedingung ihres Auftretens und Wirkens, das
Wefen des Prophetismus, das Berührtfein vom göttlichen
Geift. Doch kann man von Renan billig verlangen, dafs
er von den Propheten fpreche wie Reufs?

Und bei alledem, bei aller lächelnden Ironie, bei
aller liebenswürdigen Skepfis, durchzieht diefes Buch,
das jene Helden des Glaubens und der That zum Haupt-
gegenftand hat — auf die Schilderung des focialiftifchen
Charakters ihres Wirkens fei noch aufmerkfam gemacht
— ein tiefes Leid. In grofsen Lettern ift Jeremia 51, 58 im
Text und in der Ueberfetzung abgedruckt. Erhebend
wirkt das Buch nicht, fondern vielmehr deprimirend;
fein Optimismus klingt falfch, die Skepfis behält die
Oberhand; die Lehren vom unbewufsten werdenden Gott
und vom Wahne des Jenfeits find nicht dazu angethan,
dem gegenwärtigen Gefchlccht, noch dem kommenden
Kraft, Muth und Aufopferungsfinn einzuflöfsen, wiewohl
der Verfaffer ausruft: Wehe denen, von welchen Paulus
fpricht, qui spem Hon liabent! und es anerkennt, dafs es
noch nicht gelungen ift, die beiden Poftulate zu entbehren,
den Gott des Semiten und die perfönliche Unfterblich-
keit des Ariers.

Strafsburg i.E. L. Horn.

Sammlung ausgewählter kirchen- und dogmengeschichtlicher
Quellenschriften, als Grundlage für Seminarübungen
hrsg. unter Leitung von Prof. Dr. G. Krüger. 1. Hft.
Freiburg i/Br., J. C. B. Mohr, 1891. (gr. 8.) M. 1.50.

Inhalt: Die Apologieen Juflins des Märtyrers, hrsg. von Prof.
Lic. Dr. G. Krüger. (X, 84 S.)

Es ift ein recht dankenswerthes Unternehmen, wenn
Prof. Krüger in Giefsen und die Verlagsbuchhandlung
von J. C. B. Mohr in Freiburg mit vorliegendem Heft
eine Sammlung von Einzelausgaben patriftifcher Schriften
eröffnen, die zugleich gut und billig find, fo dafs man
ihre Anschaffung jedem Studenten zumuthen kann. Wie
erfreulich wäre es, wenn mit Hülfe diefer Sammlung
unfer Theologengefchlecht fich wieder mehr an das Studium
kirchen- und dogmengefchichtlicher Quellenfchriften
gewöhnte! Für 1,50 Mk. erhält man hier einen Text der
Apologien Juftin's des Märtyrers in klarem Druck — nur
die r find oft ganz oder theilweife abgefprungen — auf
gutem Papier, und noch einige angenehme Zugaben.
In einer Einleitung orientirt Krüger aufs Knappfte über
die Schriftftellerei der Apologeten, den Lebensgan" und
die literarifchen Arbeiten Juftin's, feine Bedeutuno- für
die verfchiedenen Zweige der theologifchen Wiffenfchaft
und fpeciell über die Entftehungsverhältnifse feiner Apo-