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Ausgabe:

1891 Nr. 13

Spalte:

323

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wildeboer, G.

Titel/Untertitel:

Die Entstehung des alttestamentlichen Kanons. Historisch-kritische Untersuchung 1891

Rezensent:

Siegfried, Carl

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323

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 13.

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dafsV. eine fyftematifche Darlegung der famaritanifchen
Lautlehre [im Anfchluss daran doch hoffentlich eine ausführlichere
Grammatik des Samaritanifchen überhaupt] und
ein famaritanifches Wörterbuch in Ausficht ftellt, welches
uns zugleich in die gefchichtliche Entwickelung diefer
Mundart einen Einblick gewähren wird. Möchten die
mühevollen Arbeiten des verdienten Verf.'s durch dankbare
Antheilnahme der Fachgenoffen belohnt werden.

Jena. C. Siegfried.

Wildeboer, G., Die Entstehung des alttestamentlichen Kanons.

Hiftorifch-kritifche Unterfuchung. Gotha, F.A.Perthes,
1891. (XII, 164 S. gr. 8.) M. 3.60.

Das vorliegende Werk erfchien zuerft 1889 in hollän-
difcher Sprache und ift vom Unterz. in der theol. Literaturzeitung
von 1889 Nr. 22 angezeigt worden. Jetzt
ift es nach einem vervollftändigten und verbefferten
Handexemplare des Verf.'s von Pfarrer Dr. F. Rifch in's
Deutfche überfetzt worden. Es ift dies fehr dankenswerth,
denn es ift diefem Buche auch in weiteren Kreifen
deutfcher Theologen eine aufmerkfame Benutzung zu
wünfchen, da es viel dazu beiträgt, richtigeren Vor-
ftellungen von der Entftehung des altteftamentlichen
Kanons den Weg zu bereiten. Die Veränderungen diefer
deutfchen Ausgabe find vom Verf. nicht näher bezeichnet.
So weit wir verglichen haben, beziehen fie fich auf den
Stoff der Anmerkungen, in denen mancher literarifche
Nachtrag gegeben und manches Einzelne noch fchärfer
und genauer beftimmt wird. So S.6 zu denUeberfetzungen
von tTHS, S. 9 zu den Prophetenvorlefungen in der neu-
teftamenflichen Zeit, S. 84 Hieronymus über Apokryphen,
S. 148 über Autorität des Kanons u. a. m. Befonders ift
auch das inzwifchen erfchienene Werk von Buhl, Kanon
und Text desA. T.'s vom Verf. in diefer neuen deutfchen
Ausgabe feiner Arbeit berückfichtigt, beziehungsweife berichtigt
worden f. S. 4. 42. 64. 79. 89. 110. 130. 137 u. a.,
was wir für einen wefentlichen Gewinn halten. — Die
Ueberfetzung lieft fich fliefsend. Warum aber S. 117
gegrond mit bafiert ftatt mit gegründet überfetzt ift, fieht
man nicht ein.

Jena. C. Siegfried.

WaXfiot Zokofjteivvoq, Psalms of the Pharisees, commonly
called the Psalms of Solomon. The text newly revised
from all the MSS., edited with introduction, English
translation, notes, appendix and indices by H.E. Ryle,
M. A., and M. R. James, M. A. Cambridge, Univer-
sity Press, 1891. (XCIV, 176 S. gr. 8.) 15 s.

Obwohl O. von Gebhardt längft eine neue Ausgabe
der falomonifchen Pfalmen in Ausficht geftellt hat,
glaubten die Bearbeiter der vorliegenden doch einem
Bedürfnifs entgegenzukommen, indem fie eine leicht zugängliche
, mit Ueberfetzung undCommentar ausgeftattete
Separat-Ausgabe, zunächft für englifche Lefer veranstalteten
. Sie haben damit vollkommen Recht. Denn
wenn auch zu hoffen ift, dafs wir die Gebhardt'fche
Ausgabe in abfehbarer Zeit erhalten, fo wird doch auch
nach dem Erfcheinen derfelben diefe englifche durch die
Reichhaltigkeit ihrer Zugaben ihren Werth behalten.

Die Herausgeber haben fich ihre Arbeit nicht leicht
gemacht, fondern mit grofser Sorgfalt alle ihnen bekannten
Hülfsmittel benützt. Die Angabe auf dem Titel
dafs der Text revidirt fei from all the MSS., hätte freilich
vorfichtiger fo gefafst werden follen, dafs alle bis jetzt
öffentlich bekannten Handfchriften herangezogen worden
find. Die Gebhardt'fche Ausgabe wird hoffentlich bald
den Beweis liefern, dafs die Zahl der exiftirenden noch
etwas gröfser ift. Immerhin haben die Herausgeber
ihren Text auf Grund von vier Handfchriften confti-

tuiren können, während alle bisherigen Ausgaben nur
auf einer, der Wiener, beruhten. Die cditio principe
wird von den Herausgebern als felbftändiger Zeuge behandelt
, obwohl fie deren nahe Verwandtfchaft mit der
Wiener Handfchrift bemerkt haben, ja eine Zeit lang
geneigt waren, die Vorlage der cditio princeps mit der
Wiener Handfchrift für identifch zu halten (p. XXXIV).
Diefe Vermuthung ift ihnen aber wieder unwahrfchein-
lich geworden, als fie durch eine genauere Collation der
Wiener Handfchrift nachträglich darüber belehrt wurden,
dafs manche auffallende Berührungen, die man nach der
Collation Haupt's (bei Hilgenfeld) annehmen mufste,
thatfächlich nicht exiftiren (p. XXXVI). Ref. ift durch
gütige Mittheilungen Gebhardts in den Stand gefetzt,
die Identität beider Handfchriften trotzdem mit Be-
ftimmtheit zu behaupten. Durch Briefe, welche fich noch
handfchriftlich auf der Wiener Bibliothek befinden, ift
feftgeftellt, dafs die Wiener Handfchrift fich längere Zeit
in Augsburg befunden hat, dafs alfo der ,Augsburger
Codex', auf welchem die cditio princeps beruht, mit dem
Wiener identifch ift. Die vier Handfchriften, welche der
neuen Ausgabe zu Grunde liegen, find demnach folgende:
1) Vindoboncnsis (V), für Hilgenfeld's Ausgabe von Haupt
verglichen. Auch Ryle und James haben fich zunächft
an die Angaben bei Hilgenfeld gehalten und darnach
die Lesarten des Codex in den Anmerkungen unter dem
Text mitgetheilt. Erft nachträglich haben fie durch
Rudolf Beer eine genauere Collation erhalten, deren
Refultate am Schluffe der Einleitung S. XCII sq. mitgetheilt
werden. 2) Die Kopenhagener, von Graux
entdeckte Handfchrift(K), konnte von Ryle felbft colla-
tionirt werden, da fie von der Kopenhagener Bibliothek
in liberaler Weife nach Cambridge gefandt wurde.
3) Die Moskauer Handfchrift (M), über welche zuerft
Gebhardt eine Notiz in der Theol. Litztg. 1877, 627 gegeben
hat, ift für die englifchen Herausgeber von dem
Svi'oör/.bg SY.eLorfvt.ai xai XaQtowi^ct^, dem Archiman-
driten Wladimir in Moskau vollständig abgefchrieben
worden. 4) Die Parifer, ebenfalls von Gebhardt aufgefundene
Handfchrift (P=299i A der Nationalbibliothek
f. Theol. Litztg. 1877, 627), wurde von Batiffol colla-
tionirt. Nachträglich konnte James felbft im September
1890 noch kurze Einficht von der Handfchrift nehmen.

Auf Grund diefer Handfchriften, deren Verwandt-
fchaftsverhältnifs die Herausgeber genau feftzuftellen
fuchen (S. XXXI—XXXVII), ift der Text mit grofser
Sorgfalt conftituirt. Die Zahl der Stellen, an welchen
fie einer anderen Lesart folgen als die bisherigen Heraus
geber, ift freilich eine verhältnifsmäfsig nicht grofse,
denn die drei neuen Handfchriften, durch welche fie den
Apparat bereichert haben, find mit der einen bisher bebenützten
ziemlich nahe verwandt. Immerhin ift es
dankenswerth, dafs die Grundlage des Textes durch die
| Bereicherung des Materiales an Sicherheit erheblich ge-
' wonnen hat.

Zur Erläuterung ift 1) eine englifche Ueberfetzung
und 2) ein fortlaufender Commentar beigegeben. Dem
Commentar fieht man es zuweilen an, dafs er für Anfänger
berechnet ift. Da auch die neuen Herausgeber
1 wie die meiften bisherigen Kritiker unfere Pfalmen mit
Recht für die Ueberfetzung eines hebräifchen Originales
halten, fo wird nicht feiten auf den zu vermuthenden
hebräifchen Text zurückgegangen.

Die umfangreichen Prolegomena behandeln in elf
Paragraphen 1) die bisherigen Ausgaben und Unterluchungen
über die Pfalmen, 2) ihre Stellung im Kanon
(hier ift befonders bemerkenswerth, dafs die Pfalmen in
allen Handfchriften zwifchen Weisheit Salomonis und
Jefus Sirach ftehen, alfo einen Beftandtheil des griechi-
! fchen Bibelkanons bilden), 3) die Handfchriften, 4) Ab-
faffungszeit (es ift ficher die Zeit des Pompejus), 5) den
religiöfen Standpunkt im Allgemeinen, 6j die meffianifchen
i Erwartungen, 7) Ort der Abfaffung (Jerufalem), Verfaffer