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Ausgabe:

1891 Nr. 1

Spalte:

13-16

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sdralek, Max

Titel/Untertitel:

Die Streitschriften Altmanns von Passau und Wezilos von Mainz 1891

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 1.

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in eine neue und beffere Reihenfolge gebracht find, ver-
rathen die kundige Hand des Bearbeiters. Im Grofsen
und Ganzen verdient die zweite Abtheilung kaum eine
,vermehrte und verbefferte' Auflage der erften genannt
zu werden. Denn wenn in einem 189O erfchienenen Buche
die Abfchnitte über die deutfche Myftik, über die Katha-
rer, über Wiclif und Hus — um von anderen zu fchwei-
gen — im Wefentlichen einen Text bieten, der 1879
zuerft gedruckt ift, fo ift diefer Text heute nicht mehr
fo gut, als er vor 11 Jahren war. Nicht feiten laffen
felbft die Literaturnachweife eine genügende Rückficht-
nahme auf die neuere Literatur vermiffen. Es find z. B.
Dümmler, Gefch. des oftfränkifchen Reiches, und die
kirchengefchichtlich wichtigen älteren Werke desfelben
Verfaffers, Schrörs, Hinkmar von Reims, Deutfch,
Abälard, Denifle, Die Sentenzen Abälard's (Archiv I),
K. Müller,Die Anfänge des Minoritenordens,Schwabe,
Studien zur Gefch. des zweiten Abendmahlsflreites und
die Arbeiten Ehrle's zur Franziskanergefchichte weder
genannt noch verwerthet. Dafs Döllinger's Secten-
gefchichte nur in den Literaturangaben eine Rolle fpielt,
ift begreiflich; erft bei der Correctur kann fie eingetragen
fein. Von Hauck's Kirchengefchichte Deutfchlands aber
hätte der erfte Band nicht nur genannt, fondern wirklich
verwerthet werden follen. Dasfelbe gilt von den
nur theilweife genannten Arbeiten Denifle's zur Ge-
fchichte der deutfchen Myftik. Selbft da, wo der Herr
Herausgeber ändernd eingegriffen hat, ift die Aenderung
oft unzureichend. So ift z. B. der Abfatz über den
tertius ordo Sti Francisci S. 584 trotz der Aenderungen
nicht richtiger, und derAbfchnitt über den grofsen Gottesfreund
(S. 754) nur verwirrter geworden als früher, und
bei Thomas a Kempis ift gar ein Fehler hineinverbeffert,
denn wenn ftatt Herzog's Angabe, er ftarb 1471 (II,
382), jetzt eingefetzt ift ,er ftarb 1432' (S. 758), fo kann
ich dies nur daraus erklären, dafs bei einem Blick auf
den Artikel ,Thomas' der Real-Encyklop. (XV, S. 599) die
Angabe über den Tod des Johannes a Kempis auf feinen
berühmteren Bruder Thomas bezogen ift.

Die letztgenannten Ausftellungen fchliefsen einen
Vorwurf auch gegen den Herrn Herausgeber ein. In
der zweiten Abtheilung hätte er in der That auch ohne
allzu grofse Mühe in befferer Weife beffern können.
Doch wenn man bedenkt, dafs der Verleger die Mühe
kaum würdigen konnte, welche die neue Auflage eigentlich
erforderte, fo wird man es verftehen und entfchuldigen,
dafs dem Herausgeber beim Fortfehreiten der Arbeit Zeit,
Luft und Frifche zu den ebenfo undankbaren als weit-
läuftigen Studien vergangen find, die für die Neubearbeitung
eigentlich nöthig waren. Nicht der Herausgeber
vornehmlich ift dafür verantwortlich zu machen, dafs
die neue Auflage der Flerzog'fchen Kirchengefchichte
nicht fo freundlich aufgenommen werden kann, als es
dem guten Namen Herzog's entfpricht. Die Schuld trifft
vielmehr den, von dem der Gedanke diefer pofthumen
zweiten Auflage ausgegangen ift, d. h. wahrfcheinlich
den Verleger.

Halle a/S. F. Loofs.

Sdralek, Prof. Dr. Max, Die Streitschriften Altmanns von
Passau u. Wezilos von Mainz. Paderborn, F. Schöningh,
1890. (XI, 188 S. gr. 8.) M. 5. -

Die grofse Auseinanderfetzung zwifchen Kaiferthum
und Papftthum im II. Jahrhundert, welche das Herkommen
als Inveftiturftreit bezeichnet, wird während ihrer
ganzen, zwei Menfchenaltcr umfaffenden, Dauer von einer
in vielen Beziehungen intereffanten Streitfchriften-
literatur begleitet. Der Werth diefer Flugfchriften liegt
nicht in erfter Linie in den hiftorifchen Daten, welche fie
bringen. Der Bericht zeitgefchichtlicher Ereignifse hatte
für die Verfaffer naturgemäfs nur die Bedeutung eines

polemifchen Arguments; daher ihre fparfamen Mittheilungen
. Um fo wichtiger find die Streitfchriften als
Ausdruck der Stimmung jener Zeiten. Unter
diefem Gefichtspunkt betrachtet, bieten fie reiches hiftori-
fehes Material. Sie ermöglichen uns einen reizvollen
Einblick in das Denken und F"ühlen beider Parteien, wie
ihn die Gefchichtsfchreiber des II. Jahrhunderts uns
nicht gewähren. Aus den Flugblättern erkennen wir, wie
die kirchenpolitifchen Mafsnahmen des Papftes und
Königs, wie die Auflöfung aller Ordnung und aller
Rechtsverhältnifse von Zeitgenoffen aufgefafst und beur-
theilt wurde, aus welchen Erwägungen heraus der Gre-
gorianer feinem König den Gehorfam aufkündigte, wie
der Parteigänger Heinrich's die Auflehnung gegen die
Decrete des Oberhauptes der Kirche vor dem eigenen
Gewiffen wie gegenüber den Einwänden Anderer rechtfertigte
. Wir erfahren, wie der Gegenfatz zwifchen den
beiden grofsen Gewalten, Papft und König, fich bis in
die kleinften Kreife des Volkes hinein fortfetzte, wie er
für die Tagespolemik fich in einige wenige Controvers-
fragen concentrirte, welche Antwort fie fanden von beiden
Seiten. — Die Schuld an dem namenlofen Elend, welches
aus jedem diefer Tractate ergreifend zum Lefer
fpricht, wälzte jeder Theil dem anderen zu. Der Beweisführung
dienten vorwiegend theoretifche Erörterungen.
Viel zu abftract und doctrinär, um einen Gegner zu gewinnen
, haben diefelben doch eine hohe praktifche Bedeutung
erlangt. Man ift zunächft nicht geneigt, eine
folche zuzugeftehen, da im Gebiet der Politik nicht
Theorien als ausfchlaggebende Factoren wirken, fondern
die realen Verhältnifse. Aber die theoretifchen Fehden
der Publiciften des gregorianifchen Kirchenftreits waren
gar nicht nur akademifche Erörterungen über das Wefen
des Staates, der Kirche, des Bannes, des Eides u. f. w.
Die Unterfuchung und Entfaltung aller diefer Begriffe
war vielmehr das gefchichtlich gegebene Mittel, eine Neu-
beftimmung und Neuordnung des Verhältnifses von
Kirche und Staat vorzubereiten. Indem die Streitfchriften
die Periode der Compromiffe, welche die letzte
Phafe des Kirchenftreits war, mit vorbereiten helfen,
kommt ihne eine grofse realpolitifche Bedeutung zu. —
Der Tendenz der Flugfchriften, in die Tagespolitik einzugreifen
, correfpondirte ihre Abhängigkeit von befon-
deren Anregungen und Anläffen. Je höher die Wogen des
Streits gingen, um fo zahlreichere Brofchüren treten auf; als
erfter grofser Impuls wirkte die zweite Bannung Heinrich
's. Es fehlt jeder Anhalt, um zu beftimmen, welche
Ausdehnung diefe publiciftifche Literatur gehabt hat.
Die Zahl der erhaltenen beträgt — bei Einrechnung mancher
kirchenpolitifchen Erlaffe und Denkfchriften, welche
den Charakter von Parteiflugfchriften nicht verleugnen
trotz ihres officiellen Urfprungs — etwa fechzig. Der
Umfang der einzelnen ift fehr verfchieden; er fchwankt
zwifchen 4 und 146 Octavdruckfeiten.

Unfere Kenntnifs der Flugfchriften des Inveftitur-
ftreites hat durch das oben genannte Werk Sdralek's
eine höchft dankenswerthe Bereicherung erfahren. Dasfelbe
bietet uns eine bisher unbekannte Streitfchrift,
welche er in dem Benedictinerftift Göttweig in Niederöfterreich
aufgefunden. Ueber die Parteiftellung des Verfaffers
ift jeder Zweifel ausgefchloffen; ein Gregorianer
vom reinften Waffer fpricht aus der Schrift. Nicht minder
ift Zeit und Anlafs der Abfaffung klar. In einer gefährlichen
Krife befand fich die gregorianifche Partei in
Deutfchland i. J. 1085. Die Niederlage auf dem Gerftunger
Convent (Jan.), das energifche Vorgehen der wibertifti-
fchen Generalfynode zu Mainz (Mai), der Tod Gregor's
trafen zufammen. Die drohende Auflöfung der Partei
,durch ein rückhaltlofes Bekenntnifs zu den gregorianifchen
Grundfätzen und durch eine freimüthige Ver-
theidigung der gregorianifchen Sache' zu verhindern, war
der Zweck der Streitfchrift fS. 1—17). — Kenntnifs von
der Exiftenz diefer Flugfchrift hatten Sigebert von