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Ausgabe:

1891 Nr. 12

Spalte:

314-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tiesmeyer, Ludwig

Titel/Untertitel:

Deutsches Kindergesangbuch für Kirche, Schule und Haus 1891

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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3'3

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 12.

314

— Die Santa Venera ift freilich eine wunderliche ^eilige
', aber doch nicht gerade .Frau Venus felbft' (III, 47);
vgl. Index II, 227. — Die Segnung von Kräutern am
Tage Maria Himmelfahrt ift nicht blofs in Tirol üblich
(III, 104); das Feft wird in einigen Gegenden Deutfch-
lands vom Volke geradezu ,Krautweihe' genannt. — IV,
82 ff. unterfcheidet der Verf. nicht die fog. .ewige Anbetung
' des Sacraments und das ,vierzigftündige Gebet';
beide find auch in Deutfchland üblich. Ebenfo wirft er
S. 86 die Verehrung von angeblichen Reliquien des Blutes
Chrifti und das Festutn pretiosissimi sanguinis Christi (am
I. Sonntag im Juli), das mit jenen Reliquien nichts zu
thun hat, durch einander. — Der Reliquien der fieben
makkabäifchen Brüder ,fchämt man fich heutzutage' nicht;
fie werden in St. Andreas in Köln aufbewahrt. — Wenn
in Calabrien ,bei der Namengebung eines Täuflings das
Wort Lupo dem Vornamen des Kindes beigefügt wird',
fo kann daraus doch wohl nicht gefchloffen werden, dafs
dort der Wolf ,eine Art von Heiligenfchein befitzt' (IV,
215). Es giebt eine Reihe von Heiligen, die Lupus
hiefsen. — Muratori gehörte nicht zum ,Lager der Je-
fuiten' (IV, 324).

Bonn. F. H. Reufch.

Weber, Pfr. H., Das neue Gesangbuch für die evangelisch-
reformirte Kirche der deutschen Schweiz. Seine Lieder
und Weifen, auf Grundlage der neuern hymnologifchen
Forfchungen allgemeinfafslich erläutert 4Lfgn. Zürich,
Schulthefs, 1891. (XI, 357 S. 8.) M. 4. —

Die lebhafte Bewegung, welche feit dem Anfang
unferes Jahrhunderts der Herftellung guter Gefangbücher
in den deutfehen evangelifchen Kirchen galt und welche
jetzt faft überall ihren Zweck zur Erbauung der Gemeinde
erreicht hat, ift auch der reform. Kirche der deutfehen
Schweiz nicht fremd geblieben. Seitdem i. J. 1846 zuerft
der Gedanke eines gemeinfamen G.-B. laut geworden
war, ift es befonders dem Herrn Verf. vorliegender Schrift
und feinen unausgefetzten Bemühungen zu danken, dafs
i. J. 1889 die Einigung der Hauptkantone zu einem gemeinfamen
G.-B. und die Einführung desfelben erfolgt ift.

Nach den Mittheilungen in vorliegendem Werke zu
urtheilen, entfpricht das neue G.-B. in Zufammenftellung
und Redaction der einzelnen Lieder durchaus den hymnologifchen
und kirchlichen Grundfätzen, welche fo ziemlich
allgemein als mafsgebend anerkannt und nach denen
auch unfere neuen G.-BB. gearbeitet find. Der kantonalen
Tradition ift allerdings ein weites Feld eingeräumt; wir
finden eine grofse Reihe von Liedern, die in Deutfchland
kein G.-B. enthält, und dadurch gewinnt das fchweizer
G.-B. für uns einen gewiffen fremdartigen Charakter, um
fo mehr, als die Summe aller Lieder nur die Zahl von
353 erreicht. Am wenigflen kann Referent fich mit der
Eintheilung der Lieder einverftanden erklären. Die der
Reihenfolge der Rubriken zu Grunde liegende Idee: Lob
und Anbetung Gottes, Feftlieder, chriftliche Kirche und
chriftliches Leben ift unverkennbar und hat ihr relatives
Recht; allein Lob und Anbetung Gottes erhebt fich bei
Chriften doch erft auf Grund der Heilsthatfachen, welche
die Feftlieder befingen; es wird laut nur innerhalb der
Heilsgemeinfchaft, welche die Lieder unter der Rubrik
.Chriftliche Kirche' zum Inhalt haben, und es ift nichts
Anderes als ein Th e i 1 des ,chriftlichen Lebens', von welchem
die Lieder der letzten Rubrik Kunde geben. Da überdies
in der erften Rubrik: ,Lob und Anbetung Gottes' auch
die Lieder für befondere Zeiten und Verhältnifse gebührlicher
Weife untergebracht find, Morgen- und Abendlieder
, über Familie und Vaterland u. f. w. — und diefe
alle ftehen vorn im G.-B. —, fo verfchwindet der Eindruck
des kirchlichen G.-B.'s faft vor dem eines Liederbuches
zur Privaterbauung.

Das Werk unferes Herrn Verf.'s hat den Zweck, der

Gemeinde ihr neues G.-B. lieb und werth zu machen
und ihr zum Verftändnifs der Lieder und der Melodien
zu verhelfen. Ein überaus glücklicher Gedanke, der aller
Nachahmung werth ift. Zu dem Zweck nimmt der Herr
Verf. alle Lieder der Reihe nach durch, berichtet Biographisches
über die Dichter, die Componiften der Choräle
, legt Rechenfchaft ab, weshalb diefe Strophe ge-
ftrichen, jene verändert fei. Auf eine Einzelerklärung
der Lieder verzichtet der Verf., was wir nur billigen
können; dagegen giebt er die Umftände an, unter denen
jedes Lied gedichtet ift, und der 8. Band der 3. Aufl. der
Gefchichte des Kirchenliedes von E. E. Koch reicht ihm
und durch ihn der Gemeinde manche Notizen dar, welche
den gefegneten Gebrauch und die Wirkungskraft der
Lieder illuftriren. Was der Herr Verf. darbietet, beruht
auf den gefichertften Ergebnifsen der neueren hymnologifchen
Forfchung, es ift, von Kleinigkeiten abgefehen, ge-
fchichtlich wohlbegründet und verräth befonders ein tiefeindringendes
mufikalifches Verftändnifs. Wenn wir den
Wunfeh ausfprechen, dafs die allgemein gefchichtlichen
und literarhiftorifchen Verhältnifse, unter welchen der
Dichter, bezw. der Componift, lebte und wirkte, hätten
herangezogen werden mögen, dafs alfo nicht im Rahmen
der Nummern des G.-B., fondern im Rahmen einer kurzen
Gefchichte des evangelifchen Kirchenliedes die Dichter
und ihre Werke befprochen wären, fo ift kein Zweifel,
dafs der wiffenfehaftliche Werth des trefflichen Buches
dadurch gewonnen haben würde. Ob auch der praktifche
Gebrauchswerth? Darüber möchten wir allerdings das
Urtheil in suspenso laffen.

Auch ausserhalb der Schweiz fei das Buch allen empfohlen
, welche für Kirchenlied und Kirchengefang ein
Intereffe haben.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Tiesmeyer, L., u. P. Zauleck, Paftoren, Deutsches Kindergesangbuch
f. Kirche, Schule und Haus. Grofse Ausg.
mit vollftändiger Begleitung aller Lieder, bearb. von
Mufikdir. H. Putfeh. Bremen, Morgenbeffer, 1890.
(XV, 344 S. 12.) geb. M. 2. 80.

Vorliegende .grofse' Ausgabe des Kindergefang-
buches von Tiesmeyer und Zauleck unterfcheidet fich
von der 1889 erfchienenen, für die Hände der Kinder
beftimmten ,kleinen' Ausgabe nur dadurch, dafs in diefer
nur die Singftimmen, in jener der vollftändige Satz für
Orgel oder Harmonium gegeben ift. Dem übrigen Inhalte
nach find beide Ausgaben gleichlautend. In den
Sonntagsfchulen und Kindergottesdienften find vielfach
Liederbücher in Gebrauch, deren Befeitigung wegen
ihres kindifchen und füfslichen, theilweife fogar gut rö-
mifchen Inhalts durchaus geboten ift. Der Zweck diefes
Werkes der beiden Bremer Paftoren ift, jene fchlechten
Liederbücher durch Darreichung eines guten zu verdrängen
und womöglich in allen deutfehen Sonntagsfchulen und
Kindergottesdienften dasfelbe als gemeinfames einzuführen
. Das Buch ift die Frucht eines langjährigen
Fleifses kundiger Männer; es enthält nicht weniger als
223 Nummern, zur Hälfte Kirchenlieder, zur Hälfte geistliche
Volkslieder. Die Auswahl ift im Ganzen vortrefflich
; der Text der Kirchenlieder fchliefst fich an das
Deutfche Militärgefangbuch an, die Melodien find mög-
lichft urfprünglich und von Meifterhand harmonifirt. Der
Preis — befonders der kleinen Ausgabe, das Exemplar
eingebunden 40 Pf. — ift faft beifpiellos billig.

So weit ift alles gut. Allein der Hauptfache, nämlich
der Idee des Buches, ein gemeinfames Liederbuch
für alle Kindergottesdienfte in Deutfchland zu werden
vermag Referent nicht beizuftimmen. Sie hat zur Vor-
ausfetzung jene vereinsmäfsige Organifation der Sonntagsfchulen
, welche aufserhalb aller kirchlichen Organifation
fteht und über alle kirchlichen localen Grenzen hinaus