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Ausgabe:

1891

Spalte:

311-313

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Trede, Th.

Titel/Untertitel:

Das Heidentum in der römischen Kirche. Bilder aus dem religiösen und sittlichen Lebens Süditaliens 1891

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 12.

312

ein an Le Tellier gerichteter, allem Anfcheine nach
aber auf deffen Beftellung und nach deffen Angaben
gefchriebener Brief. Sehr hübfch ift die Schilderung
einer ,janfeniftifchen Mufterpfarrei', die in dem Dörfchen
Sompuis von Paul Collard, dem Grofsonkel des bekannten
Royer-Collard, organifirt wurde (I, 43). Ein Seitenftück
dazu bildet die Gefchichte des Pfarrers Jacquemont in
der Lyoner Diöcefe (7 1835), die nur viel zu weitläufig
ausgefallen ift (II, I — X15). Vollftändig neu find die Mittheilungen
über eine janfeniftifche' Frauengenoffenfchaft
(ohne Gelübde) für Erziehung und Krankenpflege, die
,Schwertern der heiligen Martha', die unter dem Cardinal
Noailles 1713 gegründet wurde, 1810 von Napoleon I.
eine Bertätigung ihrer Statuten erlangte und dann in
den bedeutendften Parifer Hofpitälern befchäftigt war,
bis fie 1880 erklärte, fie habe ,niemals die neuen Dogmen
annehmen können, die die moderne Kirche den Katholiken
zu glauben vorfchreibe' (I, 99. 266; II, 404). Neben
ihr beftand bis in die neuerte Zeit eine ähnliche kleine
Genoffenfchaft von Schulbrüdern, Les freres Sabourins
(II, 404). Seche berichtet überhaupt forgfältig über alle
Refte des Janfenismus', die fich in Frankreich bis in die
Gegenwart erhalten haben, in Lyon und in verfchiedenen
Departements, namentlich dem der Ifere, auf dem Lande
(I, 145; 11,73. 136)- Im zweiten Bande fpricht er
auch ausführlich von hervorragenden Männern der neueren
Zeit, die, grofsentheils aus alten janfeniftifchen
Familien flammend, ihre Sympathien für die Richtung
von Port - Royal nicht verleugneten: Royer-Collard,
Mole, de Barante, Silvertre de Sacy (vom Journal des
Debats Garcin de Taffy. Das Allermeifte, was er über
diefe, fowie über Lanjuinais, Montlofier u. a. mittheilt,
hat freilich mit dem Janfenismus gar nichts zu thun.
Intereffant ift, was im erften Bande S. 235 über den Ein-
flufs mitgetheilt wird, den Nicole's Essais de inorale bis
in die neuerte Zeit in gebildeten Kreifen geübt haben.
Nur fehr lofe hängen mit dem Janfenismus die übrigens
fehr lehrreichen Abfchnitte des Werkes zufammen, die
von der Constitution civile du clerge und von den con-
ltitutionellen Geiftlichen handeln (I, 116). Dafs die Con-
rtitution und das bekannte, auch in Frankreich wiederholt
gedruckte Freiburger Gutachten über die conftitu-
tionellen Geiftlichen im Elfafs vollftändig abgedruckt
werden, hat wohl nur den Zweck, den Band dicker zu
machen 1). Dankenswerth ift der Abdruck einer ,Cahier
des Jansenistes1 genannten Schilderung der Mifsftände in
der franzöfifchen Kirche um 1789 (I, 279) als Illuftration
zu der eigenen Schilderung von Seche (I, 151). Was über
die Petite eglise, die Gegner des Concordats von 1801
(f. meine Gefch. des Index II, 1019) gefagt wird (I, 213;
II, 116), ift ungenügend. Neu find aber die Mittheilungen
über mehrere kleine Secten, die mit diefer, theilweife auch
mit dem Janfenismus zufammenhängen (II, 118).

In der Vorrede wird noch ein dritter Band, über
die Utrechter Kirche und die von franzöfifchen Appellanten
gegründete Schule zu Rhijnwick, in Ausficht geftellt.

Bonn. F. H. Reufch.

Trede, Th., Das Heidentum in der römischen Kirche. Bilder
aus dem religiöfen und fittlichen Leben Süditaliens.
3. u. 4. Tl. Gotha, F. A. Perthes, 1890 u. 91. (III,
426 u. V, 500 S. gr. 8.) M. 14. —

Die beiden erften Theile habe ich 1890, 182. 452 be-
fprochen. Die beiden vorliegenden find ganz in derfelben
Weife gearbeitet. Dem letzten Theile ift ein ausführliches
, aber nichts weniger als vollftändiges Regifter über
alle vier Theile beigefügt. Vor diefem fleht eine Beil
Das Gutachten und das Verzeichnifs der conftitutionellen Bifcböfe
(I, 323—363) find aus den Essais sur la rdfomte catholique par Bordas-
Dimoulin et F. Ftuet, Paris 1856, abgedruckt. Diefes merkwürdige Buch
giebt eine vollftändigere Darfteilung der betreffenden Punkte.

merkung ,über die Stoffvertheilung nach Capiteln', die
um fo dankenswerther ift, als in dem Buch felbft die einzelnen
Gegenftände in der bunteften Reihenfolge behandelt
werden. Im 3. Theile find die Capitel über die Ver-
brecherinfel Nifida (S. 72), über die Sarkophage und
Grabfchriften (S. 166), über den Cardinal Ruffo (S. 192),
und über die Katakomben bei Neapel (S. 233) die inter-
effanteften, im 4. die Capitel über die Briganten (S. 1),
über Monte Caffino (S. 27), über Wucher und Leihhäufer
(S. 107) und über Hexen- und Zauberwefen (S. 353). Der
Verf. befchränkt fich übrigens nicht auf Süditalien, nicht
einmal auf Italien; er berichtet auch allerlei aus Spanien
(III, 417), Deutfchland (IV, 87. 465) und fogar Haiti (IV,
407). Meines Erachtens hätte er beffer feine Mittheilungen
aus dem antiken Heidenthum wefentlich abgekürzt
und dafür z. B. Alfons Liguori, die h. Filomena
(S. 130; vgl. Deutfcher Merkur 1884, Nr. 28), den Cultus
des Herzens Jefu (IV, 156), das Ignatiuswaffer (IV, 388;
vgl. meine Schrift über den Aberglauben S. 62. 81) u. dgl.
eingehender befprochen.

Befonders unglückliche Combinationen find z. B.: ,An
allen Strafsen, namentlich an den Kreuzungen fieht man
heutzutage das Bild der Madonna, welche in diefer Hinficht
alfo die antike Hecate vertritt' (IV, 208). ,Den
Namen Madonna del buon consiglio (des guten Rathes)
hat die römifche Kirche direct aus dem Heidenthum geborgt
; denn Artemis hatte das Prädicat Aristobule1 (IV,
250). ,Das von St. Ignatius Loyola in Rom bewohnte
Zimmer ift nach antik-heidnifchem Brauch in eine Capelle
verwandelt, wie man dies einft auch mit kaiferlichen
Sterbezimmern that' (IV, 276). ,Zu Cofenza herrfcht feit
uralter Zeit die Sitte, dafs man bei den Heiligenfeften
menfchliche Figuren, aus Honig und Maffe geformt, zum
Verkauf ausbietet. Ob diefe als eine Erinnerung an die
in uralter Zeit ftattgefundenen Menfchenopfer aufzufaffen
find, ift fchwer zu entfcheiden' (III, 210). Am Rhein werden
am Fefte St. Nikolaus alljährlich zahllofe gebackene ^eilige
Männer' und, da im Kalender St. Nikolaus auf St.
Barbara folgt, auch ,heilige Frauen' verzehrt. — Beifpiele
von fonderbarem Durcheinanderwirren disparater Dinge
find: ,Anftatt dem Glauben an Magie und Magier entgegenzutreten
, hat die römifche Kirche denfelben bisher
gefordert. Wie einft den Gebeten des Pontifex und der
Veftalinnen magifche Kräfte beigelegt wurden, fo gilt
dies noch jetzt von dem »Segen«, welcher vom Vatikan
aus fo oft in alle Welt »verfandt« wird, namentlich an
Sterbende. Auch den Rofenkranzgebeten wird magifche
Wirkung beigelegt, fie wirken unbedingt, wie auch Al-
fonfo de Liguori bezeugt. Dem Rofenkranz hat Leo XIII.
den October geweiht. Der Rofenkranz ift bei den Anhängern
des chinefifchen Buddhismus allgemein üblich,
und die Gebete der Priefter werden in den buddhiftifchen
Tempeln ebenfo mechanifch gemurmelt wie in den Kirchen
Italiens. Dr. Pander, ein deutfcher Profeffor in
Peking, hat Ende 1889 in Deutfchland folche und andere
Dinge enthüllt' (IV, 393; ,enthüllt' doch wohl nur denjenigen
, die es nicht fchon längft wufsten). — ,Caglioftro
ift einer unter vielen auf dem Boden der römifchen Kirche
gewachfenen Hexenmeifter [er ift in Rom zum Tode ver-
urtheilt und zu lebenslänglicher Haft begnadigt worden;
f. Index II, 802], welche mit den heidnifchen Zauberern
eine lange Reihe bilden. An der Spitze fleht in grauer
Vorzeit Zoroafter . . . Dann fleht in diefer Reihe Simon
Magus, Apollonius von Tyana, Alexander von Abono-
tuchos. Daran reihen fich die »chriftlichen«, Papft Benedikt
IX., Cecco d'Ascoli, Jeanne d'Arc, Cardano, Noftra-
damus' (IV, 389).

In Mailand fängt der Carneval nicht ,am Sonntag
nach Afchermittwoch an und dauert von da in feiner
uralten Glorie eine ganze Woche' (HI, 12); er geht dort
nicht mit Afchermittwoch, fondern mit dem folgenden
Sonntag zu Ende, weil dort die alte Sitte, mit diefem
die vierzigtägige Faftenzeit zu beginnen, beibehalten ift.