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Ausgabe:

1891 Nr. 12

Spalte:

301-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Texts and Studies. Contributions to biblical and pastristic literature 1891

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 12.

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fodann, welche überfinnlichen Eigenfchaften durch ihre
Geitalt verfinnbildlicht werden follen. Dabei kann der
Verf. mit Gemüthsruhe conftatiren, dafs die Darftellungen
der Cherubim bei Ez., Ap. Joh. und in den Bildwerken
der Stiftshütte und des Tempels von einander
abweichen 18. Diefe Verfchiedenheiten betreffen ja nicht
die Cherubsidee, fondern nur die Cherubsgeftalt; alfo
es handelt fich nur um verfchiedene Allegorieen, die fich
gegenfeitig ergänzen. — Das Refultat des Verfaffers für
die erftere Frage ift: dafs den Cherubim wie Seraphim im
allgemeinen menfchliche Genalt zukommt 32.89, eine Thefe,
zu welcher ihn offenbar auch das Intereffe bringt, alles
Mythologifche, Ethnifche von diefen Wefen fernzuhalten,
vgl. 30. —• Daneben verfolgt Verf. den Zweck, die bisherigen
Ausfagen über Ch. und Ser. zufammenzuftellen und
zu beurtheilen: natürlich eine bunte Gefellfchaft aus allen
Jahrhunderten; auch die fchrecklichften Etymologieen werden
mit allem Ernfte behandelt. Eine Reihe neuerer
Erfcheinungen ift ihm entgangen: Kofters, Theol. Tijds.
XIII, 445 f., Delitzfch, Neuer Comm. zur Genefis 114 f.,
Cheyne, Isaiah II. 296—99, Cornill, Ezechiel u. a. m.

Eine Auseinanderfetzung mit den einzelnen Reful-
taten eines Schriftftellers, dem feine Vorausfetzungen
eine gefchichtliche Erkentnifs des A. T.'s verfperren, würde
wenig Sinn haben. Die beiden Seiten in Delitzfch's
,Neuem Comm. über die Genefis' haben mehr Werth j
als die hundert Nikel's.

Der Stil ift weitfchweifig, mit vielen Wiederholungen,
Vor- und Rückverweifungen, und erfchwert die Leetüre
ungemein.

Halle a. S. Hermann Gunkel.

Texts and Studies. Contributions to biblical and pastristic
literature, edited by J. Armitage Robinson, M. A.
Vol. I. No. 1. Cambridge, at the University Press,
1891. (gr. 8.) 5 s.

Inhalt: The apology of Aristides, edited and translated by J.
Rendel Harris, M. A., with an appendix by J. Armitage Robinson,
M. A. (VII, 118 u. 28 S.)

Wir haben jetzt die Apologie des Ariftides und —
haben fie nicht! Wir haben fie: denn uns fehlt vielleicht
kein Satz, den Ariftides in der Vertheidigungsfchrift
niedergefchrieben hat. Wir haben fie nicht: denn ftatt
des authentifchen Textes haben wir zwei von einander
unabhängige Bearbeitungen desfelben erhalten. Dazu
kommt das fchon früher entdeckte umfangreiche armeni-
fche Fragment, welches aber ebenfalls aus einer Ueber-
arbeitung flammt. Aufs neue tritt uns die Unficherheit
der Ueberlieferung urchriftlicher Texte entgegen. Wieder
ift es kein gediegenes Edelmetall, welches ausgegraben
worden ift, fondern eine Mifchung, die erft im
Schmelzofen gereinigt werden mufs.

Im Frühling 1889 hatte Rendel Harris das Glück,
in dem Katharinen-Klofter auf dem Sinai in der Hand-
fchrift Nr. 16 der fyrifchen Mss. eine Schrift mit dem
Titel .Apologie des Ariftides' zu entdecken. Die Hand-
fchrift ift ein Sammelband moralifcher Tractate, etwa aus
dem 7. Jahrb.. (in zwei Columnen, ein photographifch.es
Fafimile ift beigegeben). An 5. Stelle, zwifchen einer
Abhandlung des h Nilus und einer m. W. unbekannten
Schrift Plutarchs (.011 the subject of a man s bewg asststed
by Iiis enemy'), fteht fol. 931—104!) ,The apology which
Aristides the plülosoplier made before Hadrian the hing
conceming the worship of God'. Die Befchreibung der
Handfchrift (p. 3f.) entfpricht nicht allen Anforderungen.
Sie fcheint nicht gemeffen worden zu fein; auch find
folgende Bemerkungen nicht präcis genug: , Our copy has
suffered somcwliat in the course of time front successive
tmnsscripiions, and needs occasionally the hand of the
eritieal corrector. The language and thought of the zvriter
etre, however. so simple and straightforward, that the

limils of error are much mrrower than they would be in
a docunient where the strueture was nute highly compli-
cated; the unintelligible sentences which accumulate in a
translation so much more rapidly than in the copying of
an original document, are almost entirely absent'. Doch
es wäre undankbar, zu tadeln, ftatt zu danken.

Auch bei aufmerkfamem Lefen der etwa 17 Druckfeiten
umfaffenden Apologie wird man nichts oder faft
nichts finden, was nicht in der erften Hälfte des 2. Jahrhunderts
von einem Chriften gefchrieben fein könnte.
Zugleich beftätigt die Handfchrift die wefentliche Echtheit
des armenifchen Fragmentes, über welches ich in
den Texten u. Unterf. I, 1 S. 107fr. und in Herzog's
REncyklop. XVII2 S. 675 fr. gehandelt habe. Doch nur
die wefentliche Echtheit wird, wie zu erwarten ftand,
beftätigt. Im Einzelnen finden (ich fehr grofse und fehr
zahlreiche Differenzen zwifchen A (Armenier)') und S
(Syrer). In der Mehrzahl der Fälle erfcheint Ä als überarbeitet
, interpolirt und erweitert. Aber es bleiben
doch nicht wenige Stellen nach, in denen vielmehr
S der corrigirte ift. Die beiden Texte er-
fcheinen als völlig unabhängig von einander, und fo wird
die Himpel'fche Annahme aufs neue beftätigt, dafs
A direct aus dem Griechifchen genoffen ift; allein
ganz unabhängig find A und S von einander nicht; denn
beide haben denfelben grofsen Fehler, fofern fie beide
nach dem Satze: ,diefes find die vier Gefchlechter, welche
ich (wir) Dir gezeigt habe (haben), die Barbaren, die
Griechen, die Juden und die Chriften', fofort den andern
anfchliefsen: ,Dem Göttlichen ift das Geiftige zugeordnet,
den Engeln das Feurige, den Dämonen das Wäfferige und
dem Menfchengefchlecht die Erde'. Hier ift entweder
eine Lücke oder — was wahrfcheinlicher ift — eine
Interpolation in beiden Texten anzunehmen.

Doch laffen wir diefe textkritifchen Bedenken einft-
weilen noch auf fich beruhen. Der fyrifche Text bietet
uns fofort in feiner Auffchrift etwas höchft Unerwartetes.
Er trägt zwei Ueberfchriften. Diefe lauten wörtlich
üb er fetzt:

,Deinde apologia, quam Aristides philosophus fe-

cit cor am Hadriano rege pro etil tu dei.
Omnipote nti Caesari Tito Hadriano Antonin o
Augustis et Clementibus a Marciano Aristide phi-
losopho Atheniensi.'2)
Harris hat p. 6ff. diefe Ueberfchriften fehr gründlich
behandelt. Die zweite Ueberfchrift hat, eben weil
| fie die zweite ift, a priori die Gewähr der Echtheit für
fich, und fie ift, wie mich auch Mommfen verfichert hat,
völlig correct gebildet, fobald man nur einige kleine Irr-
thümer befeitigt, die fich leicht einfchleichen konnten.
1) ift das .Omnipotente einfach unerträglich. Es ift na-

1) Das armenifche Fragment ift von den Mechitariften i. I. 1878
(Venedig) aus einem Cod. v. J. 981 edirt, aber fehr fehlerhaft ins La-
teinifche überfetzt worden. Eine zuverläffige deutfehe Ueberfetzung gab
von Himpel i. d. Theöl. Quartalfchrift 1879 s- 28of. 1880 S. logf.
Diefe ift in meinen Texten u. Unterf. a.a.O. S. 110 abgedruckt. Aus
einem Ms. von Edfchmiazin (nicht fpäter als saec. XI.) hat Harris das-
felbe Stück noch einmal mittheilen können (p. 29ff.). Die englifche
Ueberfetzung desfelben ift von Conybeare. Ausdrücklich feien alle,
welche den Armenier für die Textkritik heranziehen wollen, gewarnt,
die lateinifche Ueberfetzung der Mechitariften zu brauchen. Denn fie

I veranlafst zahlreiche Irrthümer. Zu brauchen find nur die Himpel'fche
(A') Ueberfetzung des Cod. Venet. und die Conybeare'fche (A2) des
Cod. Edschmiazin. Beide ftimmen an den meiften Stellen überein, wo

[ die lateinifche Ueberfetzung, die Harris leider p. 27ff. abgedruckt hat,
und die englifche auseinandergehen. Ich habe, wo ich im Folgenden A
lateinifch citire, die Ueberfetzung nach der deutfehen und englifchen be-

I richtigt.

2) In der englifchen Ueberfetzung, die Harris p. 35f. abgedruckt
hat, hat er den Text bereits zurechtgemacht, indem er ftillfchweigend
.Otnnipolenli- in ,7V the Emperor' verwandelt, ftatt der Plurale ,Augustis

j et. Clementibus' den Singular gefetzt, das .et' fortgelaffen und .Clemens'
durch .Pius' wiedergegeben hat. Diefe Aenderungen find fämmtlich m
E. richtig (f. oben); aber Harris hätte fie ausdrücklich auch hier als
folche bezeichnen muffen. Dafs er .to the Emperor in Klammem gefetzt
hat, ift geradezu irreführend; denn der Lefer mufs nun annehmen, dafs
im Text .Caesari' unmittelbar nach ,dei' folgt.