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Ausgabe:

1891 Nr. 11

Spalte:

290-292

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Friedr.

Titel/Untertitel:

Zur Reform des evangelischen Kultus. Briefe und Abhandlungen 1891

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Seite 1, Seite 2

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. II.

290

Schriftkanon — fo referirt Sander — hat die Kirche
felbft erft nachher feftgeftellt. Dennoch ift für uns kürzer,
ficherer und verftändlicher der Beweis, dafs die Schrift,
wäre fie auch nicht in der Kirche, ein glaubwürdiges
Buch, als dafs die Kirche in ihrer jeweiligen Ge-
flalt eine untrügliche Richterin über das Evangelium fei'.
D. h. die durch wiffenfchaftliche Kritik feftzuftellende
.Glaubwürdigkeit' der Schrift foll die Grundlage des Glaubens
und der Kirche abgeben. Der andere Auffatz bietet
L.'s Antwort auf eine Streitfchrift F. Delbrück's gegen
ihn und feine Bonner Collegen. Derfelbe hatte Leffing's
Anficht über das Verhältnifs zwifchen regula fidei und
Schrift zu erneuern gefucht. L. ging in feiner Erwiderung
forglos auf die Frageftellung des Gegners ein. ,Hat fie
(die Kritik) denn nun den Kanon des N. T. etwa auf-

gelöft?--Gerade je tiefer fie geforfcht, je fchärfer

fie gefchieden, je kecker fie gezweifelt hat, defto mehr
ift fie zu dem gewiffen Wiffen gelangt, dafs der N. T.
Kanon nicht nur im Ganzen, fondern nach Ausfcheidung
einiger fpäterer Zufätze auch im Einzelnen völlig echt
ift, und dafs die alte Kirche fich in der Conftitution des-
fel'ben im Wefentlichen nicht geirrt hat'. L. verfügt ja
einerfeits über eine Anfchauung von dem ,authentifchen
Evangelium in der Schrift' und fein gefchichtlicher Sinn
hat ihm andererfeits die Einficht vermittelt, dafs ,der Kanon
aus einer weit umfangreicheren Maffe heiliger und frommer
Schriften durch Sichten und Ausfeheiden erft allmählich
zu einem feften Kerne verdichtet ift' (S. 90).
Aber von diefen Erkenntnifsen wagt L. nicht, den ent-
fcheidenden Gebrauch zu machen. Die Infpiration ift
aufgegeben, die Kritik in ihre Rechte eingefetzt, aber
trotzdem bleibt L. nun bei der Schrift, dem ,Buch' flehen,
deffen Glaubwürdigkeit von menfehlichem Irrthum oder
Scharffinn abhängt und das der Kirche zur Grundlage
dienen foll, wiewohl es eine Schöpfung derfelben ift. —
An diefem einen Fall wird deutlich, dafs fo auf die
Dauer weder der Glaube noch die Wiffenfchaft gedeihen
konnten. Es waren nur die Perfönlichkeiten Lücke's und
feiner Genoffen, nicht die Sache felbft, welche hier Glaube
und Wiffenfchaft in gleicher Schwebe erhielten. Den
Schülern fchien jener mehr werth als diefe. Und waren
fie mit diefer Schätzung nicht im Recht?

Aber L.'s Lebensarbeit hat über diefen Ausgang
hinaus fortgewirkt. Ich meine damit weder feine eigentlich
wiffenfehaftlichen Leiftungen noch feine Theilnahme
an chriftlichem Vereinsleben, an äufserer und innerer
Miffion1). Seine Theologie, eben als folche, in ihrer
.dogmatifchen Unbeftimmtheit', hat fich fchliefslich im
Lager der Confeffionellen doch behauptet oder durchgefetzt
. Wir Jungeren wenigftens, indem wir diefes Buch
lefen, fehen uns merkwürdig oft an theologifche, fpeciell
dogmatifche Erfcheinungen unferer Tage erinnert. Aber
ein Unterfchied tritt dabei deutlich hervor und wirft auf
die ehrwürdigen Gehalten der früheren Vermittlungstheologen
ein verföhnendes Licht. Durch L.'s ganzes
Leben hindurch zieht fich der entfchloffenfte Widerfpruch
gegen alles Parteitreiben in Kirche und Theologie: ,Das
Wort der Offenbarung ift mir ebenfo theuer als Jedem,
der es bekennt. Aber im Verftehen desfelben fuche ich
die Wahrheit und nehme fie, wenn fie mir einleuchtet,
von Jedem, unbekümmert, ob der Mann, bei dem ich
fie finde, ein Rationalift oder Pietift oder fonft etwas ift,
mein Freund oder mein Feind. Das ift meine Orthodoxie
' (S. 201. vgl. 170. 218. 225. 228. 145 f.: die, wefent-
lich von L. verfafste, Ankündigung der .Studien und
Kritiken'). Dies Erbe L.'s haben die Schüler allerdings
bis heute anzutreten unterlaffen.

Rumpenheim. S. Eck.

1) Was den Namen anlangt, fo ftimmt Sander, S. 221, überein mit
Uhlhorn, Gefch. d. Liebesthätigkt. III, S. 354.

Assembler generale de la societe evangelique de Geneve,

tenue le 26 Juin 1890, ä l'oratoire. 59*mc anniversaire.
Geneve, Impr. Wyss et Duchene, 1890. (80, XXXII S.
gr- 8.)

Diefer Bericht liegt zur Befprechung in der Theol.
Litztg. vor. Die den Beftimmungen der Gründer gemäfs
.kirchlich neutrale' Gefellfchaft widmet fich einer dreifachen
Arbeit. Sie unterhält eine Ecole de tlieologie, der
im Vorjahr 60 Schüler und 5 dauernd angeftellte Pro-
fefforen angehörten, und betreibt, faft ausfchliefslich in
Frankreich, ein ausgedehntes Evangelifations- und Col-
portagewerk, jenes durch 12, diefes durch 72 Angeftellte.
Die Gefammteinnahmen, gegen die Vorjahre ftark zurückgegangen
, beliefen fich auf 172,291,25 Fr., die Ausgaben
auf 191,165,97 Fr. Die leitenden Männer laffen aber unter
dem verwirrenden Eindruck diefer Zahlen den Muth
nicht finken. Und fie haben ein Recht dazu. Ueber die
wiffenfehaftlichen Leiftungen der theologifchen Schule
ift ja dem Fernftehenden kein Urtheil möglich, wohl
aber kann diefer Bericht ein naheliegendes Vorurtheil
zerftreuen. Im reglement d'admissiou lautet Art. I: ,il
faut que le postulant soll converti de coeur a Dieu1 und
Art. 3 ,le postulant devra exposer par ecrit les circon-
stances de sa conversion'. Das lautet für uns fremdartig.
Aber der Schlufs auf einen irgendwie pietiftifch engen
Geift der Anftalt wäre überaus voreilig und die einleitende
Rede des Vorfitzenden, Prof. Ruftet, dürfte genügen,
ihn als unbegründet zu erweifen. Ueberall die fociale
Frage. Auch hier. Aber wie wird fie hier behandelt!
Ich kann mir nicht verfagen, einige Sätze wörtlich wiederzugeben
, um deren willen ich dankbar bin, diefen Bericht
gelefen zu haben: Eh quoi! la liberte, la justice,
la vraie egalite, l'independance de la consciencc reli-
gieuse, l' ajfranchissement de la societe civile de toute do-
mination spirituelle, la destruetion de tous les esclavages,
la protection des mineurs et des faibles, la partieipation
plus large de tous a tous des droits, la destruetion de la
misere et de l'ignorance, la realisatiou pratique de la
grande loi de la solidarite, la fin des haincs nationales
et des guerres, le regne de la paix, quoi, tous ees progres
que revendiquent avec des cris de colere la grande armee
des proletaircs, ne sont-ils pas insrits depuis dix-huit Steeles
dans lesparolesdu Maitre, et n'est-cc pasparceque
l'Eglise les repete par la bouche de tous ses serviteurs
qu'ils ont penetre dans les wasses et qu'elles tu ri-
clament l'accomplissement aujourd''hui1 Oui, c'est le
christianisvie qui, en revelant ä V'komme sa dig-
uite, a excite en lui tous ses besoius. L'erreur de
Pkomme, sa redoutable erreur, c'est d'en poursuivre la rea-
lisation sans Christ, hors de Christ, eontre Christ, parce-
qiiil ignore, helasl et l'Eglise, Messieurs, l'Eglise estelle
entierement innocente de cet oubli, que jfesus-
Christ seul peut en etre le realisateur?

Das ift eine Sprache, auf die man im Jahresbericht
einer folchen Gefellfchaft nicht gefafst ift. Und wenn
nichts Anderes, fo wird man aus ihr doch Diefes folgern
dürfen: eine Anftalt, in der ein folcher Geift lebt, hat
mit pietiftifcher Engherzigkeit nichts zu thun.

Rumpenheim. S. Eck.

Spitta, Friedr., Zur Reform des evangelischen Kultus. Briefe
und Abhandlungen. Göttingen, Vandenhoeck & Ru-
precht's Verl., 1891. (VIII, 140 S. m. 1 Abbildg. gr. 8.)
M. 2 40.

Diefes anregende Buch kann jedem, der fich für den
evang. Cultus intereffirt, nur wärmftens empfohlen werden.
Die leichte, lebendige Schreibart, wie fie nicht allein den
16 Briefen, fondern auch den 5 Abhandlungen eignet
macht die Leetüre zu einer angenehmen, auch für Laien'
welche fich über die evangel. Cultusfrage erft zu unter-