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Ausgabe:

1891 Nr. 11

Spalte:

287-289

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sander, F.

Titel/Untertitel:

D. Friedrich Lücke. Abt zu Bursfelde und Professor der Theologie zu Göttingen (1791-1855). Lebens- und Zeitbild 1891

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 11.

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des Laienkelches und der Priefterehe waren, fo hatte der
Kaifer keine Ausficht, diefe Forderungen bei dem Concil
durchzufetzen. Dagegen machte der Papft ihm Hoffnung,
dafs er für feine Perfon jene beiden Forderungen bewilligen
werde, wenn nur erft das Concil gefchloffen fei.
Hierdurch wurde Ferdinand beftimmt, fich in der Frage
der Reform der Curie von Philipp zu trennen, und der
Papft war im Stande, den Schlufs des Concils herbeizuführen
, ohne dafs jene Frage zur Berathung kam. Unter-
defs hatte Ferdinand die geiftlichen Kurfürften und neben
ihnen Salzburg und Bayern für feine beiden Forderungen
zu gewinnen verbucht. Indefs nur bei letzterem, wo
ähnliche Verhältnifse wie in Oefterreich herrfchten, fand
er das gewünfchte Entgegenkommen. Die geiftlichen
Fürften dagegen wollten von der Priefterehe nichts wiffen.
Daher begnügte man fich mit dem Befchlufs, den Papft
nur um die Bewilligung des Kelches zu bitten. Diefer
aber war, feitdem er das Concil nicht mehr zu fürchten
brauchte, wenig geneigt, fich an feine früheren Ver-
fprechungen zu erinnern, fondern verfuchte es auf alle
Weife, fich der Gewährung jener Bitte zu entziehen. Und
als er fchliefslich doch nicht umhin konnte, die Forderung
zu bewilligen, that er es in einer Form, welche das Zu-
geftändnifs fo gut wie aufhob. Denn er knüpfte die Bedingung
daran, dafs die Communicirenden vor dem
Empfang des Kelches erklären müfsten, dafs der wahre
und ganze Leib Chrifti auch unter der Geftalt des Brodes
allein empfangen werde, und dafs die römifche Kirche
nicht irre, wenn fie den Laien den Kelch vorenthalte.
Es kann daher nicht Wunder nehmen, dafs die Bewilligung
des Kelches in einer fo befchränkten Form und
ohne die Geftattung der Priefterehe die Maffe der Bevölkerung
nicht befriedigte. Als Ferdinand unmittelbar
darauf aus dem Leben fchied, zogen es die Meiften vor,
unter Maximilian II. lieber gleich vollftändig zum Pro-
teftantismus überzutreten, als fich mit einer fo geringen
Abfchlagszahlung zu begnügen. Andererfeits thaten die
Jefuiten, welche von Anfang an gegen die Bewilligung
gewefen waren, alles Mögliche, um die Mafsregel rückgängig
zu machen. Unter diefen Umftänden war der
Eifer für die Einführung des Kelches nur gering, und
wo er eingeführt war, kam er alsbald wieder aufser
Uebung. — Im Anhang find 8 auf die Verhandlungen
bezügliche, bisher unbekannte Briefe und Actenftücke
der Erskein'fchen Sammlung abgedruckt.

Weimar. H. Virck.

Sander, Reg.- u. Schuir. F., D. Friedrich Lücke, Abt zu

Bursfelde und Profeffor der Theologie zu Göttingen
(1791—1855). Lebens- und Zeitbild aus der erften
bläffte des Jahrhunderts. Hannover-Linden, Manz,
1891. (VII, 240 S. m. Bild. gr. 8.) M. 6. —

Am 24. Auguft d. J. werden hundert Jahre vergangen
fein, feit Gottfried Chriftian Friedrich Lücke in
Egeln geboren wurde. Diefer Gedenktag hat den Verf.
zur Zeichnung feines Lebensbildes veranlafst. Als Dankopfer
ererbter, fchon ins dritte Glied bewährter Freund-
fchaft ift es dem Gedächtnifs feiner (des Verf.'s) Eltern
gewidmet. Wir aber haben allen Grund, ihm für den
fchönen Beitrag zur Kenntnifs des kirchlichen und theo-
logifchen Lebens in der erften Hälfte unferes Jahrhunderts
zu danken. Er verfügte zu feinem Zweck über eine
reiche Fülle handfchriftlichen, befonders brieflichen Materials
, und hat es meifterhaft verftanden, ebenfo die
glückliche Entwickelung eines fchönen Innenlebens, wie
die wechfelnde, aber durchweg farbenkräftige Scenerie
der gefellfchaftlichen und freundfchaftlichen Beziehungen
feinen Lefern vorzuführen. Er wollte ein wirkliches
Lebensbild zeichnen, und man kann die Selbftbefchrän-
kung nur bewundern, mit der er es wiederholt vermieden
hat, über den Rahmen feiner befonderen Aufgabe hinauszugreifen
. Die mehrfach verfprochenen Ergänzungen
wird er uns hoffentlich wirklich zu bieten Zeit und lAeudig-
keit finden. Nur gegen den Schlufs hin wird der Verf.
Manchem zu kurz erfcheinen — zu kurz wenigftens für
Jeden, der Lücke's Leben mit unwillkürlichem Ausblick
auf die Aufgaben und Wirren kirchlicher und theologi-
fcher Art in unferer Zeit betrachtet.

Das Problem, welches Lücke's und feiner Genoffen,
der ,hochehrenwerthen Gruppe der fog. Vermittlungstheologen
', Leben umfchliefst, tritt in den Worten deutlich
hervor, mit denen D. Petri-Hannover den Lefern

t feines Zeitblattes Lücke's Heimgang anzeigte. Dafs er
den erften kräftigen Hauch des neuen Lebens nach
Göttingen gebracht, wird hier ebenfo willig anerkannt,
wie der Thatfache Ausdruck verliehen, dafs ,Gott es nicht
verliehen hat, dafs ohne Ausnahme Alle, welche im Lande
es mit dem Reiche Gottes ernftlich meinen, mit Lücke
ein Herz und eine Seele bleiben konnten' (S. 239). Als
ein fchmerzliches Gefchick erfcheint es, dafs L.'s Schüler
fich je länger je mehr von ihm ab, einem fchroffen Con-
feffionalismus zuwandten. Der Verf. hat manche Anknüpfungspunkte
hervorgehoben, welche diefe kirchliche
Richtung in L.'s theologifcher Arbeit fand. Der Gegen-
fatz zur Aufklärung tritt bei ihm frühzeitig hervor. Er
ift auch bei ihm das Ergebnifs zweier Factoren: Herrn-
hutifcher Einflüffe in Magdeburg und der tiefen Eindrücke
, welche die Noth und Erhebung des Vaterlandes
übten. Die Macht der gefchichtlichen.Ereignifse weckte
auch das Intereffe an der Gefchichte der Kirche und der
Frömmigkeit der Väter. Die Ausgabe der Apologie der
Auguftana, die mit De Wette begonnene, aber nicht fortgefetzte
Ausgabe von Luther's Werken (,von heimlichen
und geftohlenen Briefen', Vorwort 12. Ausg. 1819; Juli 1819:
Befchlagnahme der Papiere der beiden Welcher und
Arndt's. S. 138), die Theilnahme am Liederfchatz der
lutherifchen Kirche find ebenfo wie die Studien zu einer
Gefchichte der Myftik u. A. Zeugnifse für fein Beftreben,
der Aufklärung gegenüber das Verftändnifs und die
rechte Liebe für den gefchichtlichen Werdegang der
chriftlichen Lehre zu wecken. — ,Nicht lange, und diefe
Zeugnifse wurden in einem ganz anderen Sinne, als Glaubens
- und Lehrgefetze, gegen diefelben Männer angerufen
' (S. 103). Um aber diefen Umfchwung zu verftehen,
weift Verf. wiederholt auf eine Schwäche hin, die nach
f. M. doch nur die Kehrfeite eines grofsen Vorzugs in
L.'s Eigenart gewefen fein foll: den Mangel an Ent-
fchiedenheit im dogmatifchen Urtheil oder ,den Muth
des Ignoramus' (S. 94 f. 187 f. Dahlmann urtheilte: ,es
ift eine liebenswürdige Natur in ihm, aber er hat keine
einfachen Ueberzeugungen, alles complicirt fich ihm').
Allein eine perfönliche Eigenart genügt hier zur Erklärung
offenbar nicht. Denn L. theilte das Schickfal, das
ihn getroffen, mit allen feinen theologifchen Freunden.
Mufs alfo die Erklärung in Bedingungen der gemeinfamen
theologifchen Anfchauung und Lehrart gefucht werden,
fo fällt es doch fchwer, fie der Unfähigkeit oder Unwillig-
keit der Schüler zuzufchreiben. So urtheilte Jul. Müller:
,(Ihre Zuhörer) vermiffen eine fcharfe und fefte dogma-
tifche Entfcheidung des einzelnen Punktes, die man
fchwarz auf weifs getroft nach Haufe tragen kann. Der
wiffenfehaftlichen Bildung ift diefe Forderung gewifs
nicht günftig; aber fie ift einmal Thatfache' (S. 188). Das
heifst doch diefes ganze nachwachfende Theologenge-
fchlecht der Denkfaulheit befchuldigen. Jene dogmatifche
Unentfchiedenheit mufste aber auf die Dauer in diefer
Weife wirken. Denn fie bezog fich nicht etwa auf einzelne
Punkte', fondern geradezu auf die Grundlage des
Syftems oder richtiger des religiöfen Glaubens felbft. In
höchft bezeichnender Weife tritt das in zwei, vom Verf.
fkizzirten, Auffätzen L.'s hervor, die fich mit dem Ver-
hältnifs zwifchen H. Schrift und Kirche befchäftigen
(S. 142. 148 ff.). In dem erften verwirft er Auguftin's be-

| kannten Ausfpruch mit folgender Begründung. ,Den