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Ausgabe:

1891 Nr. 11

Spalte:

285-287

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Saftien, Karl

Titel/Untertitel:

Die Verhandlungen Kaiser Ferdinand I. mit Papst Pius IV. über den Laienkelch und die Einführung desselben in Österreich 1891

Rezensent:

Virck, H.

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285 Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. II. 286

und Einflufs bedeutendften Cardinälen, wie dem Cardinal
v. Ferrara, Santa Fiore und andern beflehen. Im 3. Ca-
pitel lernen wir das Cardinalscollegium kennen, deffen
einzelne Mitglieder uns in Bezug auf ihre Herkunft, Bildung
, Lebenswandel, Charakter, Fähigkeiten und Partei-
ftellung gefchildert werden. Die nächften 4 Capitel be-
fchäftigen fich mit der Wahl felbft. Die erfte Periode
erhält ihren Charakter durch die Verbindung der Führer
der franzöfifchen und fpanifchen Partei, Ferrara's und
Santa Fiore's, die zur Vereitelung der Wahl Carpi's ge-
fchloffen wurde. Während der 2. Periode handelt es fich
um die Candidatur des Cardinais v. Mantua, die fowohl
von P"errara als von Santa Fiore unternützt wird. Darüber
kommt es zu einer Spaltung der fpanifchen Partei,
indem Caraffa und Farnefe mit ihrem Anhang Santa Fiore
den Gehorfam verweigern, wobei fie einen Rückhalt an
dem fpanifchen Botfehafter Vargas finden. Nachdem die
Candidatur Mantua's durch eine Erklärung Phiüpp's II.
befeitigt ifl, fcheint die Entfcheidung nunmehr bei Caraffa
zu flehen, um deffen Unterftützung daher jetzt ein eifriges
Werben von Seiten der Franzofen beginnt. Nur
durch grofse Verfprechungen, welche ihm Vargas macht,
ohne dazu vom König autorifirt zu fein, wird er bei der
fpanifchen Partei feilgehalten. In fich gefchloffen, ver-
fucht diefe nun für fich allein und im Gegenfatz zu den
Franzofen ihre Candidaten durchzubringen. Da aber
zeigt es fich, dafs fie dazu nicht die Macht hat. Diefe
Erkenntnifs und die grofse Ermüdung der Cardinäle führt
endlich zu einem Vergleich zwifchen Franzofen und Spaniern
, deffen Refultat die Wahl Medici's ifl. In einem
Schlufscapitel fchildert der Verf. die Laufbahn Medici's
bis zu feiner Wahl und widerlegt dann die Behauptung
Mocenigo's, dafs der Grofsherzog Cofimo von Florenz
den Papfl gemacht habe. Dem gegenüber fafst Müller
fein Urtheil dahin zufammen, dafs die Wahl Medici's als
ein Compromifs und eine Reaction gegen den Pontificat
Paul's IV. aufzufaffen fei. — Angehängt find der Abhandlung
ein Excurs über die hauptfächlichflen Quellen, einige
Bemerkungen über den Sturz Caraffa's unter Pius IV.,
den Müller vornehmlich aus dem hochfahrenden Benehmen
Caraffa's während der Wahl herleitet, und eine
Befprechung der Abhandlung Lottino's über die Papfl-
wahlen. —

Der Verf. der zweiten oben genannten Schrift Hellt
die Verhandlungen dar, welche dazu führten, dafs Papfl
Pius IV., dem Andringen Kaifer Ferdinand's I. nachgebend
, für die deutfehen und öfterreichifchen Länder
am 16. April 1564 den Laienkelch bewilligte. Er hat zu
diefem Zweck aufser dem gedruckten Material auch noch
eine Anzahl bisher unbekannt gebliebener Actenftücke
benutzt, welche fich in der Erskein'fchen Sammlung des
1 Müller, Dr. Thdr., Das Konklave Pius' IV. 1559. Hifto- Kgl. Staatsarchivs zu Hannover befinden. Die Veran-
rifche Abhandlung. Gotha, F. A. Perthes, 1889. j laffung zu dem Schritt des Kaifers gab die fchwierige
/m 0 c o - -vn Lagei in welcher er fich feinen Ständen gegenüber be-

(VII, 278 b. gr. 8.) Mk 4. — I fand Auf den Landtagen von is62 u. 63 forderten die

2. Saftien, Dr. Karl, Die Verhandlungen Kaiser Ferdinand I. j öfterreichifchen Stände geradezu, nach der Augsburger
mit Papst Pius IV. über den Laienkelch und die Ein* Confeffion leben zu können, und felbft die Prälaten
führung desfelben in Oefterreich. Mit archivalifchen j "eilten dem Kaifer am 24. Januar 1562 vor dafs Priefter-

n ., /-■•4..- tt , u ic. r>____„„i,n t 1 * ehe und Laienkelch geftattet werden müfsten. Unter

Be.lagen. Gottingen, Vandenhoeck & Ruprechts Verl, diefen Umftanden fürchtete Ferdinand einen allgemeinen
1890. (85 S. gr. 8.) Mk 1. 60. Abfall von der alten Kirche, wenn man dem nicht durch

Die Schilderung des faft 4 Monate langen Conclaves rechtzeitige Zugeftändnifse vorbeuge. Er nahm daher
Pius' IV. beruht auf einer forgfältigen Verarbeitung des jene Forderungen unter die Reformationsartikel auf,
tfefammten darüber veröffentlichten Quellenmaterials und welche er dem Tridentiner Concil im Juni 1562 zur Beeiniger
noch ungedruckten Berichte aus dem Archiv zu rathung unterbreiten liefs, und gerade von ihrer Bewilli-
Simancas. Eingeleitet wird die Abhandlung durch eine gung hoffte er die bellen Erfolge für die Hebung des
zufammenfaffende Darltellung des Pontificats Paul's IV. Katholicismus in Deutfchland. Da aber das Concil am
Dann entwickelt der Verf. die Motive, welche die Politik 17- Sept. 1562 die Entfcheidung in der Kelchfrage dem
der Mächte gegenüber dem Conclave beflimmen: König t Papfl anheimftellte, fo trat an den Kaifer die Frage heran,
Ferdinand's, Frankreichs, Spaniens und der italienifchen ob er feine Forderung auch ferner an das Concil oder
Fürftenhöfe' von Ferrara, Mantua und Florenz. Zugleich an den Papfl Hellen folle. Er entfehied fich fchliefslich
macht er uns mit den Verbindungen bekannt, welche 1 für das letztere. Da nämlich König Philipp von Spanien
zwifchen den einzelnen Höfen und den durch Anfehen und die GeiHlichkeit feines Landes entfehiedene Gegner

Robert von Genf, der nachmalige Clemens VII. Inter-
effant ifi die Haltung der Italiener. Sie liefsen fich von
beiden Parteien umwerben in der Hoffnung, einen der
Ihrigen auf den Thron zu bringen. Mit der gallifchen
Partei fcheint fogar eine Art Compromifs zu Stande gekommen
zu fein, dahin gehend, dafs je nach der GeHaltung
der Dinge im Conclave auf einen der italienifchen
oder etnen der gallifchen Cardinäle die Stimmen beider
Parteien vereinigt werden follten. Die Italiener haben
jedenfalls am längHen der Wahl Prignani's WiderHand
geleinet. Diefer kam durch, weil die gallifche Partei
fchliefslich doch nicht gefchloffen Himmte. SelbH Robert
von Genf glaubte in diefem Halbfranzofen feine Rechnung
finden zu können. — Unbcugfam war nur Orfini.
Er war es, der die Unfreiheit der Wahl behauptete und
fich weigerte, feine Stimme abzugeben. Er hatte ficher
gehofft, durch den Einflufs der Römer auf den Thron
zu kommen; und foweit es ihm nicht gefährlich feinen,
hatten feine Anhänger die Volksbewegung gefchürt. Als
alles nichts half, machte er den Vorfchlag einer Scheinwahl
. — Eine befondere Aufklärung verdient noch die
Haltung des Limoufiners Vernio. Nach den Mittheilungen
des ihm naheflehenden Bifchofs Bartholomaeus von Re-
canati und Macerata fuchte er fich von der eigenen Partei
loszumachen. Allein vorläufig waren ihm noch die Hände
gebunden. Er konnte nur ein verdecktes Spiel fpielen.
Wie es fcheint, unterzeichnete er auch das Manifefl von
Anacni gegen feinen Willen. Jedenfalls mahnt diefe
Nachricht zur Vorficht bei der Einordnung der Cardinäle
in die einzelnen Parteien. In dem Colleg haben immer
perfönliche Intereffen eine grofse Rolle gefpielt.

Die Befchäftigung mit diefen Zeiten hat mich wieder
von der Nothwendigkeit einer fyflematifchen Aufnahme
der in den Quellen gebotenen Perfonalnotizen überzeugt.
Die einzige fichere Grundlage für eine Gefchichte des
Schisma und der Reformconcilien ifl eine Statiflik aller
in Betracht kommenden Perfonen. Nur eine folche liefert
uns die unentbehrliche Handhabe für die richtige Werth-
beurtheilung der Quellen. Die geringfle Forderung aber,
welche in diefer Beziehung an Arbeiten aus der Zeit des
Schisma geflellt werden mufs, ifl die eines vollfländigen
Perfonenregiflers. Daran hat es auch Souchon fehlen
laffen, von G. gar nicht zu reden. — Es müfste fich auch
von felbfl verliehen, dafs hier nur auf der breiteflen po-
litifchen Unterlage die kirchliche Frage behandelt werden
kann, insbefondere, dafs eine Gefchichte der Wahl Urbans
VI. mit den innern Verhältnifsen der römifchen
Commune und des römifchen Adels zu rechnen hat.

Marburg i. H. Bernhard Befs.