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Ausgabe:

1891 Nr. 10

Spalte:

266-268

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Voelker, Karl

Titel/Untertitel:

Biblisches Lesebuch für evangelische Schulen 1891

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 10.

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den wir durch die Abfchwächung des Gedankens in der
von ihm befolgten Lehre vom ordo salutis nicht befriedigt
. Ebenfowenig wird der Verf. der Heilsbedeutung
der Taufe gerecht. Er folgt der Vorftellung, dafs die
Taufe in uns den Keim eines neuen Lebens pflanze, der
dann anfange zu wachfen, wenn unfer Glaube dazu
komme. Gott pflanzt und unfer Glaube giebt das Gedeihen
! Zunächft ift darauf zu fagen, dafs diefe magifche
Pflanzung nicht weniger magifch wird, wenn man hinzufügt
, dafs erft unfer Glaube fie zum Wachfen bringe.
Die ganze Vorftellung ift nichts anderes als der katho-
lifche Sacramentsbegriff im Zuftand der Entkräftung.
Sodann möge einmal der Verf. das, was nach feiner
Lehre von der Wirkung der Taufe bei Abwefenheit des
Glaubens beliehen bleibt, mit Luther's Lehre im grofsen
Katechismus vergleichen. Nach feiner Meinung bleibt
der von Gott in der Taufe gepflanzte Keim; nach Luther's
Lehre bleibt die von Gott in dem Vorgang der Taufe
dem Empfänger gegebene Zufage. Auf S. 150 will der
Verf. fogar Luther's Schrift de Capt. Bab. für den magi-
fchen Sacramentsbegriff in Anfpruch nehmen. Wenn er
aber die Stelle, die er citirt, vollftändig lieft, fo wird er
die Worte finden: at tunc sacramenta non sua sed fidei
vir tute faciunt, quod faciunt, sine qua nihil prorsus faciunt
(alfo wohl auch nicht eine magifche Pflanzung). Der
Verf. redet häufig fo, als ob nach unterer Lehre der
Glaube lediglich ein Sichaufraffen des Lebensmuthes fei,
ein Glaube ohne objectiven Grund. Das ift doch eine
Uebereilung. Denn er weifs ja, dafs wir den neuen Muth
des Glaubens mit Luther daraus ableiten, dafs unsjefus
Chriftus in feiner gefchichtlichen Erfcheinung zur Offenbarung
der Macht und Liebe Gottes wird. Ift denn das
perfönliche Leben Jefu, das wir in der heiligen Ueber-
lieferung erfaffen und das uns zu der Kundgebung Gottes
an uns wird, kein objectiver Grund des Glaubens? Der
Verf. freilich denkt bei einem folchen fogleich an die
Lehren über die Perfon Jefu Chrifti. Diefe find aber
nicht Grund des Glauben, fonder fie follen fein der Ausdruck
des Glaubens, der in nichts weiter gründet, als in
dem perlönlichen Leben Jefu, das die geiftlich Armen
erfaffen können. Der Verf. wirft mir dabei vor, dafs ich
feine Gefinnungsgenoffen ungerecht behandle, wenn ich
ihre Art des Glaubens als eine Fortfetzung der katholi-
fchen kennzeichne. Sie forderten nicht nur ein Fürwahrhalten
der Lehre, fondern danach auch ein Sichverlaffen
darauf. Als ob ich das nicht gerade berichtet
hätte! Und dafs ich mit dem darauf gegründeten Ur-
theil, dafs dies eben der katholifche Glaubensbegriff fei,
Niemandem Unrecht gethan habe, wird ja jetzt endlich
auch aus dem Lager des Verf.'s offen getagt. E. König
erklärt, die Reformatoren hätten den alten katholifchen
Glaubensbegriff fortgefetzt, und fo fei es recht. Damit
ift der Gegenfatz, der zwifchen uns und unfern Gegnern
obwaltet, auch von ihrer Seite offen herausgeftellt. Damit
ift weiter zu kommen, als wenn über unfer Betonen
des Gegenfatzes als über eine Ungerechtigkeit geklagt
wird. Unbequem mag es fein, ungerecht ift es nicht.
Dem was der Verf. über das Gebet ausfuhrt, ftimme ich
im Ganzen zu. Ich laffe mir auch gern gelagt fein, dafs
das, was ich über das Treiben zum Gebet gefchrieben
habe, der Ergänzung bedarf. Ich wünfchte nur, dafs
der Verf. noch entfchiedener erklärt hätte, dafs ein Gebet
, bei welchem der Beter lediglich eine fubjective
Wirkung in Ausficht nimmt, leere Rederei ift. Wenn
der Chi ift um innere Klärung und Frieden betet, fo meint
er richerlich, dafs er in Gottes Nähe von Gott das erlangen
mochte. Um fo mehr bedauere ich, dafs der Verf.
S. 214 die bisweilen vorkommende Schaufpielerei eines
amtirenden Geiltlichen nicht ftärker verurtheilt hat. Das
wahrhaftige Gebet, das nichts weiter will, als Gott ans
Herz dringen, ift allerdings ein Mittel des h. Geiltes, das
auf Andere wirken wird, wenn er will. Dagegen ift die
feurige Rede, die in Gebetsform die Abficht verfolgt,

Andere mit fich fortzureifsen, überhaupt zu verwerfen.
Jeder Hörer, der noch eine Empfindung für die Heiligkeit
des Gebetes hat, mufs fich tief verletzt fühlen,
wenn er fo etwas merkt. Das innere Leben des fchein-
baren Beters aber mufs den fchwerften Schaden leiden,
wenn er fich fo an der Majeftät Gottes vergreift.

Marburg. W. Herrmann.

Voelker, Rekt. Karl, Biblisches Lesebuch für evangelifche
Schulen. Mit 4 Karten zur biblifchen Gefchichte. Gera,
Th. Hofmann, 1890. (VIII, 544 S. m. 2 Bildern, gr. 8.)
M. 1.25; geb. M. 1.60.

Das vorliegende Buch ift eine Bearbeitung der von
demfelben Verfaffer herausgegebenen ,Schulbibel' für den
Standpunkt und das Bedürfnifs der Volksfchulen. Durch
den Titel ,Biblifches Lefebuch' ift wohl allen Bedenken,
als ob durch einen folchen Bibelauszug die Bibel felbft
verdrängt oder erfetzt werden folle, vorgebeugt. Dem
Bedürfnifs der Volksfchulen ift einmal durch eine noch
ftärkere Verkürzung des biblifchen Stoffes, zum andern
durch eine Reihe werthvoller Beigaben Rechnung getragen
.

Die Verkürzung betrifft naturgemäfs vor allem das
Alte Teftament, während im Neuen Teftament die vier
Evangelien und die Apoftelgefchichte unverkürzt, die
epiftolifchen Schriften wenigftens mit verhältnifsmäfsig
geringen Auslaffungen ericheinen. Von den Beigaben
ift vor allem eine Zufammenftellung des Lebens Jefu hervorzuheben
. Den Lehrern, welche das Buch gebrauchen,
wird ,das Verzeichnifs der für die evangelifchen Volksund
Mittelfchulen beftimmten biblifchen Gefchichten nebft
Leitftellen, Lefeftoffen, Liederverfen und Katechismus-
ftücken zu ihrer Behandlung' befonders willkommen fein.
Ein Wort- und Sachregifter bringt in 510 Nummern die
nöthigften Erläuterungen und bibelkundlichen Belehrungen
. Endlich fehlen auch die für einen gründlichen Unterricht
in der biblifchen Gefchichte unentbehrlichen Karten
nicht. Das Buch macht fomit den Gebrauch einer be-
fonderen biblifchen Gefchichte auf der Oberftufe über-
flüffig, und bietet aufserdem Anleitung zur Concentration
des gefammten Religionsunterrichts, mit Ausnahme der
Kirchengefchichte.

Der von dem Verf. aufgenommene Bibeltext ift
der herkömmliche lutherifche. Nur anftöfsige Stellen find,
der Beftimmung des Buches für die Hand der Kinder
entfprechend, vorfichtig geändert. Auf die Bibelrevifion
ift gar keine Rückficht genommen. Soweit es fich dabei
um eine grundfätzliche Stellungnahme aus fprachlichen
und volkspädagogifchen Gründen handelt, würde es zu
weit führen, bei diefem Anlafs über die Berechtigung
einer folchen ablehnenden Haltung zu rechten. Eine
andere Frage ift die, ob ein Eingreifen nicht wenigftens
an manchen Stellen gerade im pädagogifchen Intereffe
geboten gewefen wäre. Ich erinnere z. B. nur an den
Eingang des Lukasevangeliums, an Act. 13, 10; 17, 11.
22; C. 27, Stellen, die in Luther's Ueberfetzung kaum
verftändlich find, zum Theil geradezu ein falfches Bild
geben. Man wird dagegen nicht mit Recht einwenden
können, dafs man den Kindern den Bibeltext fo geben
muffe, wie fie ihn fpäter in der Bibel felbft finden, da
fie fonft gerade der Anleitung für deffen Verftändnifs
entbehren würden. Sind doch in unferer fo vorfichtig
revidirten Bibel fchon einige von diefen Anftöfsen be-
feitigt. Und was hindert denn, die Kinder darauf hinzuweifen
, dafs an folchen Stellen eine Verbefferung der
Lutherifchen Ueberfetzung vorliege?

Wie an den Text der Lutherbibel, fo hat fich der
Verf. auch an die darin übliche Anordnung der
Bücher gehalten. Nur im mofaifchen Gefetz find hie
und da verwandte Stoffe aus verfchiedenen Büchern zu-
fammengeordnet, und die Bücher der Chronika find in