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Ausgabe:

1891 Nr. 10

Spalte:

252-255

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schönbach, Ant. E.

Titel/Untertitel:

Über eine Grazer Handschrift lateinisch-deutscher Predigten 1891

Rezensent:

Kauffmann, Friedrich

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251 Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 10. 252

des Arabifchen Unkundige nur zweifeln z. B. § 112
fluctuantem aquam maris und §213 aquam maris undosir—;
S. 8 möchte ich auch die doppelte Datirung nicht als
dreifach falfch verwerfen, fondern vermuthen, dafs beide
Daten der Handfchrift entnommen find und die letzte
1372 p. Chr. die Abfafiung der Abfchrift betrifft, während
anno martyrum 940 = 1223/4 f. Chr. Presbyter Macarius
feine Collection begonnen haben könnte. Es handelt fich
doch um Wichtigeres: ich habe den Eindruck, dafs der
Verf., den Temperament und Jugend ja fehr geneigt zu
ganz beftimmten Entfcheidungen und zum Gebrauch von
Superlativen machen, zu weit geht in der Diagnofe, zu
Vieles in den Can. als unverletzt und echt hinnimmt, zu
fchnell Schlüffe zieht und überhaupt zu wenig Fragezeichen
übrig läfst. Wir follen die C. H. jetzt fo gut
wie unbefchädigt vor uns haben. Kann man angefichts
von Pliilos. 460, 11 —15 glauben, dafs darin von Haufe
aus Beftimmungen über diyaiioi v.ai tglyaiiot unter den
Clerikern fehlten und über den Fall, dafs einer noch als
Cleriker heirathete? War eine fo ftarke Umfchüttelung
der Canones möglich, ohne dafs allerlei verloren ging?
Enthält nicht das als echt Anerkannte manche Spuren
einer jüngeren Zeit, einer Zeit des Verfalls, z. B. die befürchtete
Unaufmerkfamkeit und Gefchwätzigkeit aller
Betheiligten bei gottesdienftlichen Feiern? Bekommen
wir aus den nunmehrigen C. H. in der That ein wider-
fpruchslofes Bild von Verfaffung und Cultusordnung?
Kann die Unklarheit mancher Anordnungen, wie über die
Frühgottesdienfte, von Hippolyt herrühren ? Ach. wählt
das ,a7JoaioXr/.>) xcagäöoaig1 der Hippolytftatue zum Titel
diefer Canones, indem er iiegi yagiauanov wieder davon
ablöft und eine andere felbftändige Schrift fein läfst: ift
diefer Titel nicht die Unwahrfcheinlichkeit felber? Haben
wir überhaupt nöthig, von der Statue eine Ueberfchrift
zu beziehen, um an die Echtheit zu glauben?

Aus der Menge von Differenzen in Auslegung, Ver-
gleichung und Verwerthung des Textes hebe ich einiges
Wenige hervor. § 76 ift qui mcndacia dicit gewifs nicht
an Stelle eines urfprünglichen Wortes für ,Caftrat' getreten
, fondern Mifsverftändnifs von äggrixo7ioi6c, und qui
plebem ad turbas seditionesque commonet ift nicht Gloffe
fondern gleich dem bylayioyog der ÄK-0 und der Const.
Apost. cf. agitator im Can. Arelat. IV. % 98 juniores
feminae virgines quando tempus adest, quo ad gradum
mulierum evehuntur, capita velent wird S. 231 von ihrer
Verheirathung verftanden ; es bezeichnet ihre Gefchlechts-*
reife, und nicht einen antitertullianifchen, vielmehr den
montaniftifchen Standpunkt nehmen hier die C. H. ein.
S. 78 f. foll der einzige Fall vorliegen, wo die Anordnung
der C. H. urfprünglicher ift als die ÄK-0 (dazu ftimmt
doch nicht S. 118 n.). Ich möchte auch hier für die Ur-
fprünglichkeit bei ÄK-0 eintreten. Den Hurenwirth an die
Spitze der Schandgewerbe zu ftellen, war fehr natürlich;
eine fpätere Zeit konnte denfelben weglaffen, zumal bei
den Verhältnifsen der koptifchen Kirche. Dafs die C. H.
ihn § 76 nachbrächten, glaube ich nicht, verliehe die
Nebeneinanderftellung von fornicator und qui quaestum
ex fornicatione quaerit vielmehr vom Lüftling einer- und
von dem, der fremden Lüften gewerbsmäfsig fich hin-
giebt, andererfeits. Noch ficherer indefs ift der ,Unterrichter
der Kleinen' am Platz in der ÄK-O zwifchen
•ftearptxdc und ryioyog; es ift damit urfprünglich nicht
ein Elementarlehrer gemeint, fondern der ehemalige
histrio ,magister et doctor(f) non erudiendorum sedperden-
dorum puerorum', welcher Kinder in Mimik und Schau-
fpielkunft unterweift — vgl. Cypr. ep. II p. 4678". Wenn
C. H. daraus einen Schulmeifter machen, der feine Schüler
täglich auf den dreieinigen Gott hinzuweifen und die
heidnifchen Götter als Dämonen zu bezeichnen hat, trotzdem
aber in der Gemeinde nur gelitten wird si aliam
artem non novit — ein Paffus, der doch auch Ach. etwas
Unruhe macht vgl. S. 141. 170. 219, — fo ift das eben
ein grobes Mifsverftändnifs und auch ohne den Blick auf

die ftarken Widerfprüche zwifchen § 71 und § 72 f. ^ 74 f.
ein Beweis, dafs wir es hier nicht blofs mit Interpolationen,
fondern mit reichlicher Ueberarbeitung zu thun haben.

Eine überrafchende Singularität der C. H., der Satz,
dafs Jemand, der um Chrifti willen gelitten hat, eo ipso
und ohne Ordination Presbyter geworden ift, wird von
Ach. vortrefflich befprochen und gewürdigt; die vermeintlichen
Analogien aber, die er befonders in Cyprians
Briefen 38—40 wahrnimmt, werden überfchätzt; insbe-
fondere fcheint Ach. S. 224 das martyrem cum sacerdote
lectorem Cypr. p. 581, ioff. zu mifsdeuten: der sacerdos
ift Cyprian, mit dem zufammen der martyr-lector der
Gemeinde von Karthago von Gott wiedergegeben werden
foll. Dafs man Märtyrer-Confefforen gern in den Clerus
aufnahm, verfteht fich von felbft, aber in C. H. erfetzt
das Martyrium jede andere Qualification; Cypr. ordinirt
die betreffenden ,Märtyrer' möglichft unter Beobachtung
aller üblichen Formen und hebt ausdrücklich hervor,
dafs fie die für ihr Amt unentbehrlichen Tugenden —
nicht am wenigften die Demuth, summissio — befäfsen,
im Allgemeinen virtus etfides. Ein Beftreben Hippolyt's,
die Tradition gegenüber Neuerungen zu vertreten und
die kirchenrechtlichen Stücke der Paftoralbriefe in feiner
Schrift auszunutzen und fo auf den Schultern der Apoftel
flehend zu erfcheinen, ift S. 253 fr. geiftreich, aber nicht
überzeugend behauptet worden; in diefem Falle hätte
Hipp, es gar zu fein angefangen.

Doch ich breche ab, fo anziehend es ift, mit dem
Verf. zu debattiren. So gewifs die Canones Hippolyti
die aufmerkfamfte, freilich auch vorfichtigfte Berückfich-
tigung feitens der Kirchenhiftoriker verdienen, fo gewifs
darf Niemand, der über altkirchliche Literatur, Verfaffung
und religiöfe Sitte mitfprechen will, achtlos an Achelis'
kühner Studie über diefe Canones vorübergehen.

Marburg. Ad. Jülich er.

Schönbach, Prof. Dr. Ant. E., Ueber eine Grazer Handschrift
lateinisch-deutscher Predigten. Graz, Leufchner
& Lubensky, 1890. (143 S. gr. 8.) M. 3.20.

Aus einer Bertholdhandfchrift in der Biblioteca
Colombina zu Sevilla hatte Denifle, Zeitfchrift für deutfehes
Alterthum XXVII, 303 f. (1883) eine Notiz abdrucken laffen,
die fich auch in einer Hs. des Stiftes St. Peter in Salz
bürg findet und die Veröffentlichung der Rusticani von
Seiten Berthold's folgendermafsen begründet: Istos ser-
mones ea necessitate coactus sunt notare, cum tarnen invitis-
sime hoc fecerim, quod cum predicarem eos in popu/o, qui-
dam simpliccs clcrici et religiosi non intelligentes, in quibus
verbis et sententiis veritas penderet, voluerunt notare sibi
I illa que poterant capere et sie multa falsa notaverunt. Quod
cum ego deprehendissem, timui ne, si talia populo predi-
carentur qualia ipsinotaverant, populus in errorem duceretur
per falsitates tllas et hac necessitate coactus Sunt ipse notare
quod predieavi, ut ad istorum sermonum exemplar alia falsa
et inordinate nolata corrigerentur u. f. w. Bekanntlich ift
Berthold trotz diefes kategorifchen Wunfehes, trotz der
authentifchen Ausgaben feiner Predigten über die Pfufcher
nicht Herr geworden. Schönbach ift jetzt fogar der An-
ficht(S.3Ö), dafs die unautorifirten Sammlungen lateinifcher
Predigten Berthold's die Mehrzahl ausmachen. Der grofse
Landprediger felbft hat nie anders als in der Mutter-
fprache feiner Gemeinde das Gotteswort verkündigt *).
Zahlreiche Zuhörer haben die deutfehen Predigten des
gewaltigen Redners lateinifch niedergefchrieben und
weiteren Kreifen zugänglich gemacht. Dafs dabei Un-
achtfamkeit, Vergefslichkeit, Mifsverftändnifse, Aus-
laffungen, Differenzen der verfchiedenften Art die Origi-

i) Er hat auch in Betreff der Gebete den Wunfeh geäufsert: videtur
tunc utilius, ut taici vulgariter (d. i. deutfeh) addiscant et dicant potius
quam laline, cum raro verba perfecte proferunl, quandoque pro magna
parte corrumpunt.