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Ausgabe:

1891 Nr. 10

Spalte:

248-249

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Havet, Ernest

Titel/Untertitel:

Ètudes d‘histoire religieuse. La modernité des prophètes 1891

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 10.

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zählt Sit-n. feine Rettung aus der Sintflut, das befte Stück
des ganzen Epos, zum Glück auch am beften erhalten.
Die Wiedergabe des Verfaflers weicht hier nur feiten
von der letzterfchienenen, der Jenfen's in feiner ,Kosmologie
', ab. Der Schlufs der Tafel erzählt, wie Izdubar
durch Sit-n. geheilt wird, auf der Rückfahrt mit deffen
Schiffer Arad-Ea die Lebenspflanze gewinnt und (durch
einen Dämon?) wieder verliert, endlich in Erech wieder
ankommt. XII. Wie es fcheint, nur auf Izdubar's Klagen
und Bitten, giebt Nergal, der Gott der Unterwelt,
den Eabani los, und in einem Wechfelgefang unterhalten
fleh die beiden Freunde über das Schickfal der Todten
in der Unterwelt. Die Mahnung, pietätvoll die Todten
zu ehren, fcheint dem Verf. die Moral des Epos zu fein,
weil das traurige Schickfal derer, die unbeerdigt bleiben,
mit düfteren Farben gefchildert wird. — Es folgen S. 45
—56 eingehende Anmerkungen zu der Wiedergabe des
Epos, S. 57—73 Zufätze über anderweite Beziehungen
der Ltar und des Izdubar. Mancherlei Belehrung ift
daraus zu fchöpfen, auch für das A. T., ich erinnere nur
an den Tammuz-Mythos und die Hierodulie. Uebrigens
ift es rühmend hervorzuheben, dafs Verf. nur behutfam
an altteftamentliche Gegenftände rührt. Auch er läfst
(wie z. B. Kofters 1885) beide biblifche Sintfluthberichte
unmittelbar aus verfchiedenen babylonifchen Faffungen
fchöpfen, wofür ja mancherlei fpricht. In der Thatfache,
dafs im vorliegenden Keilfchriftbericht das Waffer vom
Meere aus das Land überfchwemmt, findet Verf. die Be-
ftätigung für J. D. Michaelis' Vermuthung ü*a ftatt Q"va
in Gen. 6, 17. 7, 6 (S. 37 f.). Dagegen ift 1) zu erinnern,
dafs dies hebräifch a'li JÜ heifsen müfste, und 2) dafs
die Fluth bei P. eben nicht aus dem Meere, fondern aus
den Luken des Himmels und den Quellen der Urfluth
kommt. Es mufs alfo bei 0715 fein Bewenden haben.

Angehängt find 4 Tafeln in Keilfchrift, Facfimile der
letztaufgefundenen Izdubar - Bruchftücke, mitgetheilt von
Prof. Haupt. Möchte es Haupt vergönnt fein, die mög-
lichfte Vervollftändigung des fchönen Denkmals, dem er
feit lange die hingebendfte Arbeit widmet, zu erleben.

Strafsburg iE. K. Budde.

Brugsch, Heinr., Die biblischen sieben Jahre der Hungersnoth

nach dem Wortlaut einer altägyptifchen Felfen-In-
fchrift. Mit 32 autogr. Taf. u. 5 Holzfchn. Leipzig,
Hinrichs, 1891. (III, 162 S. gr. 8.) M. 5. —

Soll ich die Tragweite diefer anziehenden Schrift
für die biblifche Wiffenfchaft kennzeichnen — und nur
darin befteht meine Aufgabe — fo kann ich mich nicht
kürzer faffen, als indem ich feftftelle, dafs die beiden
erften Worte ihres Titels eigentlich hätten wegbleiben
follen, und zwar nach den eigenen Ergebnifsen des berühmten
Verf.'s. Die umfangreiche Infchrift, von dem
amerikanifchen Aegyptologen Chas. E. Wilbour zu Anfang
1890 auf der Felfeninfel Sehel zwifchen Philä und Ele-

Ehantine entdeckt, berichtet allerdings von einer grofsen
lungersnoth in Aegypten, dadurch verurfacht, dafs das
Steigen des Niles neben Jahre lang ausblieb. Der König,
der davon in der erften Perfon berichtet, heifst Dsr, ift
nach Brugfch als Glied der 3. Dynaftie bekannt, auf der
Königstafel von Abydos der 16. König von Menes an,
gleich dem Tofertafls des Manetho. Das führt auf
+ 3000 vor Chr., alfo in eine Zeit, die mit der Jofeph's
nicht das Geringfte zu thun hat. Abgefafst aber ift die ,
Infchrift ungefähr 3 Jahrtaufende fpäter. ,Das dritte
Jahrhundert vor Chr. dürfte als die höchfte Grenze ihres
Alters angefehen werden, wobei es nicht ausgefchloffen
ift, dafs ihre Abfaffung vielleicht fogar bis in die erften
Jahrhunderte nach dem Anfang unferer chriftlichen Zeitrechnung
herunter gerückt werden könnte' (S. 159). Wahr-
fcheinlich ift die Infchrift von der Brüderfchaft der fo-
genannten Baflliften, die auf der Infel Sehel Zufammen-

künfte hielt, gefälfeht, um fleh Vorrechte zu erwerben;
denn ihr eigentlicher Kern befteht darin, dafs König
Tofertafis dem auf der Infel heimifchen Gotte Chnubis
zum Dank für die verheifsene Wiederkehr des Niles
fämmtliche Einkünfte aus dem ringsum liegenden Gebiete
überweift (S. 97. 156 ff.). Die Infchrift beweift alfo ficher,
dafs 7 Jahre Ausbleiben des Niles einer religiöfen Brüderfchaft
der Ptolemäerzeit nicht zu wunderbar erfchienen,
um darauf ihre Fälfchung zu gründen; das will aber doch
wenig fagen. ,Dafs man noch in den Zeiten der Ptole-
mäer von einem Ereignifs unheilvoller Art Kunde hatte,
das unter einem alten Könige in Aegypten eingetroffen
war und deffen Erinnerung zwei Jahrtaufende nicht aus-
zulöfchen vermochten', ift fchon ein kühner Schlufs. Aber
auch darin würde noch keine ,Denkmalbeftätigung der
in der Schrift überlieferten fieben Hungerjahre unter dem
Pharao Jofeph's' (S. 162) liegen; der weiteft gehende
Schlufs, der erreichbar ift, wäre der, dafs fchon die
biblifchen Schriftfteller auf derfelben Sage von der fieben-
jährigen Hungersnoth unter König Tofertafis fufsten, die
diefer Fälfchung zu Grunde gelegt wäre; natürlich würde
damit die Jofephgefchichte noch weniger feft flehen, als
auf ihren eigenen Füfsen. Dafs aber ebenfogut jene
Sage mit der Infchrift gefälfeht fein kann, liegt auf der
Hand; felbft das wäre angefichts der Abfaffungszeit nicht
ausgefchloffen, dafs die biblifche Erzählung dazu mitgewirkt
hätte.

Immerhin wird, wer fleh durch den irreleitenden Titel
des Buches zu feiner Erwerbung beftimmen läfst, durch
den reichen gefchichtlichen, geographifchen, culturge-
fchichtlichen Inhalt der Schrift einigermafsen entfehädigt
werden.

Strafsburg i/E. K. Budde.

Havet, Emest, Etudes d'histoire religieuse. La modernde des
prophetes. Paris, Calmann Levy, 1891. (V, 264 S.
gr. 8.) Fr. 5. -

Der am 21. Dec. 1890 geftorbene Verf. des hier angezeigten
Buchs war Profeffor am College de France in
Paris. Die vorliegende Arbeit erfchien bereits 1889 in
der revue des deux mondes Juli S. 516—579, Aug. S.
799—830 und ift von dem Unterz. im theol. Jahresbericht
von Lipfius Jahrg. 1889 S. 37 kurz beurtheilt worden.
Hier liegt fie in Buchform vor, vermehrt durch ein noch
vom Verf. herrührendes kurzes Vorwort (p. III—V) und
ein biblifches Stellenregifter (S. 253—264). — Der von
dem Verf. nach p. V felbftgefchaffene Ausdruck modernde
will fagen, dafs die Propheten nicht fo alt feien, als
fie fleh den Anfchein geben und als man ihnen bisher
geglaubt habe, fondern dafs ihre Werke dem Ende des
zweiten Jahrhunderts angehören. Es ift alfo die Kritik von
Vernes, die hier auf die äufserfte Spitze getrieben er-
fcheint. Vereinfacht ift die Sache dadurch, dafs der
ganze Inhalt der prophetifchen Schriften im Wefentlichen
auf die Ereignifse der Zeitgefchichte von 150 a. Chr. ab
bezogen wird. Der richtige Gedanke, dafs die biblifchen
Texte Interpolationen auch aus diefer Periode erhalten
haben, wie z. B. Jef. 19, 18ff., erfcheint hier ins Ungeheuerliche
übertrieben. Das Recept des Verfahrens ift fehr
einfach: Affur ift das feleucidifche Syrien, Aegypten das
ptolemäifche Reich, die Drangfale des Sanherib und des
Nebukadnezar find die Kämpfe der makkabäifchen Zeit,
der Mefflas ift Simon Makkabäus. Die Gefchichten der
Königsbücher haben keine Beziehung zu den entfprechen-
den der Prophetenbücher. Shebna z. B. ift bei dem
Propheten ein anderer als dort. Bei Jefaia ift mit dem
dser dl habbajit der chef de la maison sc. de Jehova,
des Tempels, gemeint. Der Prophet denkt alfo hier an
den Sturz des Priefters Menelaos und der an feine Stelle
tretende Eljakim ift Alkimos (1 Macc. 7, 9). Ebenfo
geht die Weisfagung Jeremia's über Jojakim auf Mene-