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Ausgabe:

1891 Nr. 9

Spalte:

223

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rosin, David

Titel/Untertitel:

Reime und Gedichte des Abraham Ibn Esra. Heft IV 1891

Rezensent:

Dalman, Gustaf

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223

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 9.

224

Und zur Charakterifirung der Verläfslichkeit feiner
ftichometrifchen Notizen greife ich die Columne 5 der
fynoptifchen Tafel S. 394 heraus nebft den zugehörigen
Anmerkungen auf S. 398 f. Man findet hier die Stichenangaben
des Codex Claromont. für die paulinifchen Briefe,
die leider mangelhaft überliefert find. Für Rom. wird
ftatt 1040 (f. S. 159) irrig 950 notirt, wie für II Tim. 288
ftatt 289. Sodann fieht Zahn nicht, dafs bei II Cor. das
verftümmelte . . 70 zweifelsohne in 770 zu ergänzen ift
wenn nämlich Rom. 1040 und ICor. 1060 Stichen zählen),
legt feiner Summirung wieder die falfche Ziffer für Rom.
zu Grunde und erwartet, dafs die Summe aller Stichen des
Apostolus bei Ciarom. ähnlich oder gleich laute wie in
anderen Syftemen — während fie viel gröfser fein mufs,
da Ciarom. durchweg erheblich höhere Zahlen, alfo kleinere
Stichen hat — fetzt nicht minder naiv bei diefer Rechnung
für den Hebräerbrief 703 St. an — foviele wie
Euthalius u. A. zählen, ftatt im Blick auf das fonftige
Verhältnifs mindeftens 800 zu vermuthen — und vergibst
vor allem, dafs ja die Zahlen für Phil. L II Theff.
verloren gegangen find! Mit feiner Correctur der Stichenzahl
für II Tim. 288 (289) in 188 (189) ift auch nichts
genützt; denn das find gegenüber 208 für I Tim. immer
noch viel zu viel, dann müfste man zugleich bei I Tim.
nachhelfen mit 308 ftatt 208. Sollte am Ende blofs eine
Vertaufchung der Zahlen von I und II Tim. vorliegen
und die 3 Paftoralbriefe urfprünglich mit 289, 208 und
140, Philemon mit 50 ausgezeichnet gewefen fein? Mir
fcheint, dafs dann alles in Ordnung wäre.

Hoffentlich erfieht der Lefer aus diefen z. Th. recht
dürren Auseinanderfetzungen, dafs wir im vorliegenden
Abfchnitt von Zahn's Hauptwerk die Ergebnifse einer
auch das fcheinbar Minutiöfe nicht gering achtenden,
vielfeitig oricntirten, aus treuer Forfchung gewonnenen
Gelehrfamkeit vor uns haben, eine Arbeit, die uns mit
Spannung auf die Fortfetzung gerade diefes Bandes
warten läfst, aber nicht eine Arbeit, die dem Verf. das
Recht giebt, feine Mitarbeiter entweder mit Verachtung
zu ignoriren oder fchroff abzufertigen. Zu den Fehlern
eines Credner finden fich bei Zahn durchweg Analogien,
nicht durchweg zu feinen Vorzügen.

Marburg. Ad. Jülicher.

[Rosin, Dr.David,] Reime und Gedichte des Abraham Ihn Esra-

Heft IV. Aufsergottesdienftliche Poefie. Nr. 90—126.
Breslau, Koebner, 1891. (S. i66a—226, gr. 8.) M. 2. —

Unter dem gleichen Titel, aber mit Nennung des
Herausgebers, find Heft I—III (S. 1—166) diefer Sammlung
von Gedichten Ibn Esra's 1885. 87. 88 bei Wilhelm
Koebner in Breslau erfchienen. Heft IV bringt die nicht-
religiöfen Poefien zum Abfchlufs. Der Text ift mit Sorgfalt
kritifch hergeftellt, Ueberfetzung und Commentar
beigegeben. Die Gedichte, obwohl ohne jeden poetifchen
Reiz, find von Werth für die nähere Kenntnifs des Mannes,
den die chriftliche Theologie als den älteften altteftament-
lichen Kritiker nennt. Wir machen aufmerkfam auf die
religionsphilofophifche Weltbetrachtung ,IIai ben Mekitf
S. 167—200, Nachahmung eines ähnlichen Werkes von
Ibn Sina (Avicenna), befonders aber auf die gereimten
Vorreden zum Pentateuchcommentar S. 23—48. 56—73
mit treffender Charakteriftik der gaonäifchen, karäifchen,
allegorifchen (chriftlichen), haggadiftifchen Auslegungsmethode
und der von Ibn Esra felbft angewandten, die
als die ,grammatifch-vernünftige' (im Gegenfatz zur
grammatifch-hiftorifchen) bezeichnet werden mag.

Leipzig. Guftaf Dalman.

Walther, Paft. Wilh., Luthers Bibelübersetzung kein Plagiat.

Leipzig, Deichert Nachf., 1891. (III, 47 S. gr. 8.)
M. —. 80.

Panzer (Litt. Nachr. S. 74 f.) hatte es für etwas
überflüffiges erklärt, diejenigen zu widerlegen, welche
behaupten, Luther habe deutfehe Bibeln des Mittelalters
bei feiner Ueberfetzung zu Grunde gelegt. Naft (Litt.
Nachr. S. XXXVIII) hat durch die Proben bei Göze in
der Hiftorie der Niederfächfifchen Bibeln fich fo weit
überzeugen laffen, dafs er feine Meinung, ,als ob Luther
die altteutfche Bibel bei feiner Ueberfetzung dürfte ge-
nüzt haben1, ehrlich zurückgenommen hat. Umgekehrt
hat fich J. Geffcken (Der Bilder-Catechismus des is.Jahrh.
I, 6) entfehieden, dafs das Zufammentreffen Luther's mit
der alten Ueberfetzung nicht ein zufälliges fein könne.
Ebenfo glaubte Hopf (Würdigung der Lutherfchen
Bibelverdeutfchung S. 23) bei Luther fichere Spuren der
Benutzung feiner Vorgänger nachgewiefen zu haben. Zuletzt
hat namentlich Krafft (Ueber die deutfehe Bibel
vor Luther, Progr. Bonn 1883 S. 18) keinen Zweifel mehr gehegt
,dafs das Zufammentreffen Luther's mit der deutfehen
Bibel des 15. Jahrhunderts kein zufälliges ift'.

Es war nicht zu verwundern, dafs die katholifche
Gefchichtfchreibung derartige hypothetifche Aeufse-
rungen zu Gunften Dietenberger's ausnutzte. Wedewer
(Kirchenlexikon von Wetzer und Welte, 2. Aufl. III, 1741)
rügt es geradezu, dafs man auch von katholifcher Seite Die-
tenberger Benutzung der Luther'fchen Bibelüberfetzung
unrechtmäfsiger Weife angerechnet habe. Dietenberger
habe fich wie Luther der älteren Tradition der katho-
lifchen Bibelüberfetzungen angefchloffen und fo komme
es, dafs Dietenberger mit Luther in vielen einzelnen Ausdrücken
und Wendungen zufammengetroffen fei. Doch
fah fich Wedewer fchon in der Biographie Dietenberger's
(Freiburg 1888) genöthigt, eine directe Abhängigkeit
Dietenberger's von Luther wiederum zuzugeben. Er kann
fich jedoch nicht verfagen, die von proteitantifcher Seite
geäufserte Hypothefe bezüglich der Abhängigkeit der
Lutherbibel dahin zu übertreiben: Luther nahm ganz
ungefcheut den katholifchen deutfehen Text und benutzte
ihn tüchtig, fogar ohne davon ein Wort zu fagen
(S. 174 f.), obwohl er denfelben recht gut gekannt habe.
Es handelt fich betreffs diefer letzten Anfchuldigung um
die bekannte Briefftelle (Enders 3, 271): ,Unterdes werde
ich die Bibel überfetzen, obwohl ich damit eine meine
Kräfte überfteigende Arbeit unternommen habe. Jetzt
fehe ich, was interpretieren heifst, und warum es bisher
von keinem verfucht ift, der feinen Namen bekannt
hätte'. Walther macht in diefem Zufammenhang fehr
treffend die Bemerkung (S. 6): Hätte Luther mit den
von ihm erwähnten namenlofen Ueberfetzungen die voll-
ftändigen Bibeln gemeint, fo würden feine Worte be-
weifen, dafs er fie fehr fchlecht gekannt hätte. Denn
er redet fo, dafs klar wird, er nimmt verfchiedene
Urheber jener Ueberfetzungen an. Wer aber die mittelalterlichen
Bibeln kennt, der weifs auch, dafs nur ein
einziger Ueberfetzer gearbeitet hat, dafs die ver-
fchiedenen Ausgaben nur mehr oder weniger corrigirte
Abdrücke derfelben Arbeit find. Wohl rühren die ver-
fchiedenen Pfalterien und Plenarien von verfchiedenen
Ueberfetzern her, und es ift für den Einfichtigen keinem
Zweifel unterworfen, dafs Luther's Worte fich viel eher
auf derartige Ueberfetzungen von Theilen der Bibel beziehen
, als auf die Gefammtausgaben ').

Um den Nachweis der Abhängigkeit zu liefern, ftellte
man eine Anzahl von Proben aus den in Frage kommenden
Stellen nebeneinander und liefs den Lefer aus Aehn-
lichkeit oder Unähnlichkeit auf Abhängigkeit refp. Selbft-

1) Es giebt mehrere Ilandfchriften deutfeher Bibelüberfetzungen,
welche Autornamen tragen, Berückfichtigung der handfehriftlichen Ueber-
lieferung hat aber bis jetzt Luther noch niemand zugemuthet (vgl. W, Walther
Bibelüberfetzung p. 206).