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Ausgabe:

1891 Nr. 8

Spalte:

209-210

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scholl, Carl

Titel/Untertitel:

Gegen Rom und römische Anmassung! Zur Abwehr und Warnung 1891

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Seite 1

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2(X) Theologifche Literaturzeitung. 1S91. Nr. 8. 210

liehen Zeit den Eintritt des Chriftenthums in die Welt
unter Bedingungen dargeftellt, denen keine für uns mögliche
Erfahrung entfpricht, d. h. alfo doch wohl unter
Bedingungen, die für wahr gehalten werden müffen, ,ehe
jemand foll glauben dürfen'. Dafs aber das ein Zaun
ift, mit dem der Verf. das Evangelium verzäunt, ergiebt
fich daraus, dafs diefe Anfchauung ihre Schatten auch
auf die für die Gegenwart mafsgebenden Ausführungen
des Verf.'s wirft. Wir bedürfen einer doppelten Gabe,
einer, welche aufserordentliche Männer ausrüftet, einer
zweiten, welche uns lehrt, das Evangelium als Evangelium
zu bezeugen. Diefes Evangelium ifl aber doch wohl
Jefus Chriftus felbft. Wie aber werden wir es anfangen,
Ihn einer Zeit zur Anfchauung zu bringen, die keine
Wunder foll erleben dürfen, wenn der Satz des Verf.'s
zu Recht befteht: ,bei dem Herrn Chriftus find Wunder
die Regel, kein Wunder thun Ausnahme'? Der Erfahrung
unferer Zeitgenoffen könnte er alfo nur da an-
fchaulich werden, wo er fich in feiner Wirkfamkeit in
das Gebiet der Ausnahmen verliert. Was aber das Erfte
anlangt, fo überträgt der Verf. folgerichtig feine fchroffe
Scheidung zwifchen Naturordnung und Wunder auch auf
das Gebiet des menfehlichen (chriftlichen) Geifteslebens.
.Barnabas war weniger als Paulus, nicht weil Paulus von
Natur begabter gewefen wäre, fondern weil ihm ein Werk
anvertraut war, für welches er auch fonderlich von oben
ausgerüftet war' (ebenfo Luther, Wichern u. a.). Nicht
nur ift diefer Gegenfatz unwahr, denn die Ausrüftung
von oben fchliefst die Naturbegabung ein und ift ohne
die letztere gar nicht denkbar; fondern die Hoffnung auf
die Gabe aufserordentlicher Männer wird hier zu einem
leeren Traum, weil ihre ,Ausrüftung' als eine dritte unbekannte
Gröfse neben Naturbegabung und Evangelium
auftritt. Denn an die gefchichtlichen Bedingungen der
Erziehung kann natürlich nicht gedacht werden.

Rumpenheim. S. Eck.

Scholl, Carl, Gegen Rom und römische Anmassung! Zur Abwehr
und Warnung. Berlin, Lüftenöder, 1890. (VII,
291 S. gr. 8). M. 3.—

Diefer frifche und fröhliche Aufruf: ,Gegen Rom und
römifche Anmafsung!' verdient infofern befondere Beachtung
, als er weder von proteftantifcher, noch altkatho-
lifcher, fondern von freireligiöfer Seite ausgeht. Der Ver-
faffer, fchon nahezu fiebzig Jahre alt, aber geiltig noch
fehr lebendig, war früher Prediger der freireligiöfen Gemeinde
in Mannheim und fteht jetzt in demfelben Berufe
in Nürnberg. Aus feinen Monatsblättern: ,Es werde
Licht!' hat er diefe ,Gefammelte Streitfchriften' zufammen-
geftellt, die fich, wie er in dem Vorwort bemerkt, nach
zwei Seiten hin richten: einmal gegen ,die nicht geahnte
Stärkung des Machtgefühls der römifchen Hierarchie
und die Schärfung des confeffionellen Gegenfatzes',
dann gegen ,die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber
jeder ernfteren, principiellen Befchäftigung mit Fragen
der „Religion"'. Beide von ihm mit vollftem Rechte bekämpften
Erfcheinungen betrachtet der Verf. als ,die
fchwerwiegendflen Folgen des unfeligen, leider nur fo-
genannten und defswegen vollftändig verfehlten „Kulturkampfes
". Was die Gleichgültigkeit gegenüber religiöfen
Fragen anbetrifft, fo war fie fchon vorher vorhanden,
die Stärkung des Machtgefühls der römifchen Hierarchie
aber und die Schärfung des confeffionellen Gegenfatzes
haben, darin pflichten wir Herrn Scholl vollftändig bei,
feit dem ,unfeligen Culturkampfe' wefentlich zugenommen.
Hat doch, woran nicht oft genug erinnert werden kann,
kein einziger katholifcher Theologe das fogenannte
,Kulturexamen' gemacht, während unfere wackern jungen
Leute das unendliche Vergnügen hatten, eine für fie
höchft unnöthige Prüfung zu beftehen! Und nun vollends
jetzt die Sperrgeldervorlage, die man von confervativer

Seite, ftatt kräftig abzulehnen, fchwächlich zu verbeffern
fucht! Wenn es fo fortgeht, werden wir auch noch die
Rückkehr der ,guten Väter' der Gefellfchaft Jefu erleben,
deren Staatsgefährlichkeit Harnack jüngfthin in Nr. 4
diefer Zeitung fchlagend nachgewiefen hat.

Die vorliegenden Abhandlungen, deren im ganzen
16 find, befchäftigen fich meiftens mit der eigentlichen
Kirchenpolitik der Gegenwart, zum Theil auch mit hifto-
rifchen Gegenftänden. Die letzteren, wie z. B. Friedrich
IL, der Hohenftaufe, im Kampfe mit dem Papft-
thum', ,Wahrheit und Dichtung von Canoffa' beruhen
auf fleifsigen, gefchichtlichen Studien; unter den erfteren
möchten wir befonders den aus dem Jahre 1881 herrührenden
Auffatz: ,Roms neuefte Kriegserklärung' anerkennend
hervorheben. Er enthält eine fcharfe Kritik
der Encyclica vom 29. Juni desfelben Jahres, in welcher
bekanntlich die Reformation als Urfache der Revolution,
des Communismus, Socialismus und Nihilismus bezeichnet
wurde. Zugleich wird die Reformation fammt
ihren Trägern mit Sachkenntnifs warm und gefchickt
vertheidigt. Nicht minder lefens- und beherzigenswerth
ift die Arbeit: ,Römifche Anmafsung und — Deutfche
Geduld (1885)', in welcher fich eine recht gute Erörterung
über Matth. 16, 18. 19 findet; doch geht der Verf.
zu weit, wenn er fchliefslich meint, die Stelle von den
Himmelsfchlüffeln fei erft in fpätererZeit in das Matthäusevangelium
gekommen, ,wo die römifchen Bifchöfe für
ihre herrfchfüchtigen Beftrebungen dem leichtgläubigen
Volk gegenüber einer Rechtfertigung bedurften' (S. 193)*
Leo I. ift es gewefen, der Matth. 16, 18. 19 nicht etwa
in den Text einfehob, wohl aber, wie keiner feiner Vorgänger
auf dem bifchöflichen Stuhle Rom's, zur Begründung
des römifchen Primats benutzte und zugleich Luc.
22, 32. Joh. 21, 15. 17 mit heranzog. — Durch fämmtliche
kirchenpolitifchen Abhandlungen des Verf.'s zieht fich wie
ein rother Faden der richtige Gedanke hindurch, dafs
Leo XIII. vorfichtig zu nehmen und keineswegs für einen
,Friedenspapft' zu halten fei. Des näheren ift dies auf
S. 194 ff. ,Eine Friedensbotfchaft aus Rom' (1886) ausgeführt
. Ref. ifl mit diefer Anfchauung vollftändig
einverftanden und nicht weniger auch mit einer anderen
Meinung, nämlich mit der, dafs ,der Jefuitismus in der
ganzen römifchen Hierarchie vor uns fleht' (S. 19), ohne
aber daraus den Schlufs zu ziehen, dafs das gerade gegenwärtig
wieder fo viel befprochene Gefetz gegen die
Jefuiten von 1872 beffer nicht erlaffen worden wäre, wie
in dem Auffatze: ,Die Bekämpfung des Jefuitismus' (1873)
ausgeführt wird. Verf. fieht in dem Ge fetze wefentlich
nur eine Polizeimafsregel, die fich als unzulängiieh er-
weifen würde und verlangt dagegen eine kraftvolle,
muthige Vertheidigung der ftaatlichen Intereffen gegen
die Hierarchie felbft. Das Richtige wird fein, das eine
zu thun und das andere nicht zu laffen, alfo in diefem
Falle, der Hierarchie nicht gefällig zu fein, anderfeits
aber zu halten, was man hat, nämlich ein Staatsgefetz,
das den Staat gegen einen ftaatsgefährlichen Orden
fchützt, deffen Ideal die Herrfchaft des Papftes über die
ganze Welt ift, deffen Moral Wahrhaftigkeit und Treue
gefährdet, deffen Unduldfamkeit nirgends deutlicher aus-
gefprochen ift, als in der noch lange nicht genug bekannten
Stelle der Imago primi sacculi: ,So lange der
Odem des Lebens in uns wohnt, werden wir zur Vertheidigung
der katholifchen Herde gegen die Wölfe
bellen. Der Same des Haffes ift uns eingeboren. Was
Hamilcar dem Hannibal war, das war uns Ignatius. Auf
feine Anftiftung hin haben wir an den Altären ewigen
Hafs gefchworen'. Die Bewegung, die gegenwärtig für
Aufrechterhaltung des Gefetzes von 1872 durch die
Herzen aller patriotifch gefinnten Deutfchen, auch durch
die Herzen vieler wackeren Katholiken geht, legt für
unfere Auffaffung lautes und kräftiges Zeugnifs ab.

Crefeld. F. R. Fay.