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Ausgabe:

1891 Nr. 8

Spalte:

204-208

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bornemann, W.

Titel/Untertitel:

Unterricht im Christentum 1891

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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203 Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 8. 204

Theol. den Anftofs dazu gegeben hat' (S. 59.) Diefe
Zugeftändnifse wiegen weit fchwerer als die Verdächtigungen
, die natürlich auch hier nicht fehlen. Ritfchl's
Lebensideal foll an die rationaliftifche Devife erinnern:
Gott, Freiheit, Unfterblichkeit. (!) Wenn er fich für das-
felbe auf [nur?] eine Stelle der Auguftana (27.) beruft, fo
war der Gegenfatz zur ,Welt' ,zu den Zeiten des aufkommenden
Pietismus der wichtigere und ift es auch
heute noch. In Luther's Zeiten war das anders'.
Der das gefchrieben hat, mufs wirklich eine fehr un-
fchuldige Kenntnifs vom fittlichen Leben im Reformationszeitalter
haben.

Luther's Lebensideal hat im Proteflantismus in der ;
Stille raftlos fortgewirkt. Die tonangebenden Theologen
haben es officiell nicht vertreten. Der Verf. giebt das
zu. Aber die fynkretiftifche Art feiner Theologie und j
Frömmigkeit läfst ihn das nicht als gefchichtliches Problem
empfinden, ohne deffen Löfung ein Verftändnifs der
Entwicklung des Proteftantismus nicht zu ereichen ift.
Denn ohne ein pofitives und fafsbares Lebensideal kann
nur der Jefuitismus beliehen. Wo es felbftändige Chriften ;
giebt und geben foll, da mufs ihnen ein irgendwie erreichbares
Lebensziel vor Augen fchweben. Aber diefer j
Gegner Ritfchl's hat fichtlich kaum eine Ahnung davon,
dafs der abendländifche Katholicismus nicht in römifcher
Weltmacht, Unfehlbarkeitsdünkel u. dergl. aufgegangen '
ift, dafs Gregor VII und Franz von Affifi — er nennt
fie in armfeligem Spott den erften und zweiten ,Pietiften' —
religiöfe Charaktere waren, vor deren entfchlolfener Welt-
flucht wir allen Grund haben in ftaunender Bewunderung
ftille zu flehen. Während eines vollen Jahrtaufends ift das
Lebensideal diefer grofsen Mönche in das Blut der abend- |
ländifchen Chriftenheit eingedrungen. Kein Stand ift von
ihm unberührt geblieben. Und wie brüchig und fchadhaft
dasfelbe vielfach war und wurde, die Chriftenheit wufste
nicht anders: dies und nichts anderes ift Frömmigkeit. Vergegenwärtigt
man fich diefe gefchichtliche Macht, — eine
Macht der Gedanken und nicht der Politik, der Frömmigkeit
und Andacht und nicht der Selbftfucht und des Unglaubens
—, fo müfste man fich wundern, wenn ihr
Einflufs nicht über Luther hinaus nachweisbar wäre.
Ritfehl hat ihn nachgewiefen. Was Andere vor ihm
angedeutet haben — z. B. v. Hofmann, Theol. Ethik
S. 128. 154. 347 —, hat er in jahrelanger, mühfeliger
Arbeit in feine Einzelheiten hinein zu verfolgen und
aufzudecken gefucht. Unfere Gelehrten werden, will's
Gott, an feiner Gefchichte des Pietismus noch viel berichtigen
, verbeffern, in noch umfaffendern Zufammen-
hängen (England!) und noch tieferem Eindringen in die
culturgefchichtlichen Bedingungen die ganze Erfcheinung
zu würdigen wiffen. In Einem werden fie ihn nicht
übertreffen. Der Verf. hat den traurigen Muth gefunden,
Ritfehl mit Janfsen auf eine Linie zu ftellen (S. 9. 62).
Was aber ihn befremdet und zu Schmähungen fortreifst,
gerade das drängt uns zu freudigem Dank gegen den
geliebten Lehrer. Ritfehl hat nie mit der kühlen Gleichgültigkeit
des ,Hiftorikers' fein Auge den Erfcheinungen
der Vergangenheit als vergangenen zugewandt. Er war
,Theologe' durch und durch, d. h. er wufste, dafs er mit
all feiner Arbeit im Dienft der Kirche flehe, die heute
lebt. Will der Lutheraner, der fo hochmüthig über ihn
richtet, wiffen. was ihn bei feiner Arbeit an der Gefchichte
des Pietismus getrieben hat, fo kann er darüber Auffchlufs
finden in Ritfchl's Schrift ,Schleiermacher's Reden über
die Religion und ihre Nachwirkungen auf die evangelifche
Kirche Deutfchlands' S. 79. 105 u. a. — Der vom Verf.
citirte Tractat Löhes ift Ritfehl fehr wohl bekannt ge-
wefen. S. Rechtf. u. Verf. III, S. 147 ff.

Rumpenheim. S. Eck.

Lasson, Adf, Zeitliches und Zeitloses. Acht Vorträge.
Leipzig, G. Wigand, (1891). (VII, 303 S. 8.) M. 3. —

Diefe Vorträge find, wie das Vorwort berichtet, der
Mehrzahl nach in Frankfurt a. O. gehalten worden, und
möglichft wortgetreu, z. Th. nach überarbeiteten fteno-
graphifchen Nachfchriften, im Drucke wiedergegeben.

Der erfte Theil des Titels der Sammlung bezieht
fich vorwiegend auf die beiden letzten Vorträge (Kaifer
Wilhelm I., Hundert Jahre philofophifcher Gedankenbewegung
), der zweite auf die fechs erften (Geilt und Buch-
ftabe, Werkzeug und Mafchine; ein Gleichnifs, Cultur
und Technik, Auserwählte Rüftzeuge, Symbol und Zeichen,
Sittliche Verantwortlichkeit). Mit Ausnahme des Vortrags
über Kaifer Wilhelm, welcher eine Charakteriftik
der Perfönlichkeit und des politifchen Wirkens des Begründers
des Deutfchen Reiches giebt, alfo hiftorifch-
patriotifchen Inhalts ift, find fie fämmtlich philofophifcher
Natur, in des Wortes weitefter Bedeutung.

Im Vorwort wünfeht der Verf., feine Vorträge möchten
eher vorgelefen als gelefen werden. Ob diefem
Wunfche eine richtige Beurtheilung derfelben zu Grunde
liegt? Ich glaube kaum. Um ,im Familienkreife' wirkungsvoll
vorgelefen zu werden, dazu behandeln fie
zu abftracte Gegenftände, fchweben zu fehr über den
concreten Thatfachen in der Region der farblofen allgemeinen
Begriffe. Das hat für den Hörer etwas Ermüdendes
, bisweilen fogar für den Lefer; fo z. B. gleich
im erften Vortrage, wo von Geift und Buchftabe, Glauben
und Glaubensformeln die Rede ift, ohne dafs wir je
veranlafst würden, in den Streit der verfchiedenen geifti-
gen Richtungen, welchen diefe Worte entfprechen, einen
Blick zu werfen. Diefe Bemerkung foll jedoch die Anerkennung
der Gediegenheit des Inhalts diefer Vorträge
nicht beeinträchtigen. Sie gehen alle darauf aus, der
naturaliftifchen und mechanifchen Weltanfchauung gegenüber
die theiftifche und fpiritualiftifche zu vertheidigen,
den Geift hinter der Hülle des Stoffs, Plan und Abficht
hinter dem fcheinbar Abfichtslofen und Zufälligen auf-
zuweifen, und zwar in warmer und lebensvoller Weife.
Die Sprache ift klar und gefällig. Verf. will feine
Gegenftände nicht fyftematifch und erfchöpfend behandeln
, trotzdem beruhen feine Ausführungen auf einem
folgerichtigen Denken, und find reich an intereffanten
und finnigen Bemerkungen.

Der zweite Vortrag, welcher den Gegenfatz von
Mechanifch und Organifch behandelt, hätte allerdings
, u. E., gewonnen, wenn der Verf. nicht den
von Werkzeug und Mafchine zur Illuftration gewählt
hätte. Der Unterfchied zwifchen diefen beiden Begriffen
ift ein fliefsender, und das Werkzeug ift doch wohl nicht
geeignet, der Mafchine gegenüber als Repräfentant des
Organifchen zu dienen.

Ich verzichte darauf, mit dem Verfaffer über einzelne
Behauptungen, die mir irrig fcheinen, zu ftreiten. Viel
lieber weife ich darauf hin, wie mannigfache Belehrung
und Anregung namentlich die Vorträge: , Cultur und
Technik', ,Symbol und Zeichen' bieten, und wie energifch
die Bedeutung der Perfönlichkeit in den ,auserwählten
Rüftzeugen' vindicirt wird. Treffendes ift auch S. 225 ff.
gegen die determiniftifche Criminaliftenfchule bemerkt.

Möge dies Buch in dem Kreife, dem es beftimmt
ift, dazu beitragen, den Bann zu brechen, den die mit
dem Nimbus der Wiffenfchaftlichkeit umgebenen mate-
rialiftifchen Lehren auf fo viele ausüben.

Bifchweiler i/E. Eugen Ehrhardt.

Bornemann, Prof. geiftl. Infp. Lic. W., Unterricht im

Christentum. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht's
Verl., 1891. (XVI, 301 S. gr. 8.) geb. M. 4.40.

In den letztenjahrzehnten hat die evangelifche Kirche
in Deutfchland für eine der wichtigften Aufgaben ihres