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Ausgabe:

1891 Nr. 8

Spalte:

200-203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulze, Gust. Carl

Titel/Untertitel:

Pietismus, Ritschl‘sche Theologie und Luthertum 1891

Rezensent:

Eck, Samuel

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199

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 8.

200

befonders wichtig, intereffant und neu die Thatfache
hervor, dafs die zuerft in der zweiten und in noch
fchärferer Faffung in der dritten Ausgabe auftretende
bekannte 80. Frage über den ,Unterfchied des Abendmahls
des Herrn und der päpftlichen Meffe' auf ausdrücklichen
kurfürftlichen Befehl hinzugefügt worden ift,
nachdem es Olevian gelungen war, den Fürften von
dem Vorhandenfein einer empfindlichen ,Lücke' in der
1. Ausgabe und von der Nothwendigkeit ihrer nachträglichen
Ausfüllung zu überzeugen (vgl. p. 116 ff.).

In der letzten ,Einleitung' (IV), p. 133—166, benimmt
der Verf. den dogmatifchen Charakter des H. K.
und Hellt über denfelben drei leitende Sätze auf:

1) der H. K. trägt einen entfchieden proteftan-
tifchen Charakter, wie fich dies in der unbedingten
Betonung der rettenden Gottesgnade und der fie aufnehmenden
menfchlichen (sola) fides, in der Anerkennung
des heiligen Evangeliums als der einzigen Bekundung und
Quelle des chriftlichen Glaubens, in der centralen
Stellung Chrifti als des einzigen Seligmachers, und in
der Hervorhebung ,der Gemeinde' als der Wohn- und
Werkftätte des heiligen Geiftes unverkennbar verräth.

2) Der H. K. ift aber, genauer betrachtet, eine
Frucht fpeciell des reformirten Proteftantismus.
Es zeigt fich dies in der ausgeprägten Tendenz des
Büchleins, unter Beifeitefchiebung aller menfchlichen
Autorität, nur die göttliche Autorität der Bibel (die für
den Unwiedergeborenen eine Offenbarung des göttlichen
Willens und eine Widerfpiegelung des menfchlichen
Sündenelendes, für den Wiedergeborenen Richtfchnur
für fein fittliches Handeln ift) anzuerkennen, fowie in dem
heftigen Widerftand gegen jede magifche Auffaffung
der Religion, wider Creatur-Vergötterung (Bilder und
dsgl.) u. a. m. Andere Merkmale, die G. geltend macht,
wie z. B. die unauflösliche Verbindung von Glauben und
Werken, die Betonung des ftreng fittliehen Charakters
der Religion, u. a. dgl. vermag Ref. nicht als fpeeififeh
reformirte Charakteriftika anzuerkennen.

3) Die letzte und wichtigfte Thefe über den dogmatifchen
Charakter des H. K. lautet: Derfelbe, ein ,ens
stii genetis' auf dem reformirten katechetifchen Gebiete,
trägt einen entfchieden foteriologifch-biblifchen
Charakter, den er in erfter Linie dem tiefgehenden
unmittelbaren und mittelbaren Einfluffe Bullinger's
verdankt, fodafs, ftatt von ,Philippismus' oder Kalvinismus
' bei dem H. K. zu reden, mit viel gröfserem Rechte
Bullinger als der geiftige Vater des H. K. bezeichnet
werden könnte. Befonders erblickt G. den erwähnten
Charakter des H. K. in der Art, wie diefer feinen leitenden
Gedanken von dem chriftlichen Heil mit der — von den
Zürichern flammenden — reformirten ,Mutter-Idee vom
Gnadenbund Gottes und der Gemeinde' verbindet und
das ganze religiöfe Denken und Leben der in der heiligen
Schrift beurkundeten Gottesoffenbarung in der Gefchichte
unterftellt.

Wir fcheiden von der Schrift Gooszen's mit dankbarer
Anerkennung für feinen ebenfo intereffanten als
werthvollen Beitrag zu der leider noch immer nicht ge-
fchriebenen Gefchichte des evangelifchen Katechismus
und mit dem Wunfeh, noch weiteren ähnlichen Arbeiten
aus feiner gründlichen Feder zu begegnen. In einer
Zeit, wo fo Viele mühelos und fchnell und nicht einmal
immer gefchickt ihre literarifchen Fläfchlein aus den von
Anderen gegrabenen Röhrbrunnen theologifcher Wiffen-
fchaft füllen, ift es eine wahre Luft und Freude, einer fo
durch und durch wiffenfehaftlich gehaltenen und gründlich
gearbeiteten Leiftung zu begegnen.

Friedberg i./Heffen. Wilh. Weiffenbach.

Acta et decreta sacrorum conciliorum recentiorum. Col-
lectio Lacensis. Auetoribus Presbyteris S. J. e domo
B. M. V. sine labe coneeptae ad Lacum. Tomus

VII. Acta et decreta sacrosaneti oecumenici concilii
Vaticani. Accedunt permulta alia documenta ad con-
cilium ejusque historiam spectantia. Cum indieibus
septem voluminum totius collectionis. Freiburg i/Br.,
Herder, 1890. (XX S. u. 1942 Sp. gr. 4) M. 26. —

Diefer Band, der 7. und letzte der 1869 begonnenen
Laacher Concilienfammlung, nach dem Tode des Herausgebers
der früheren Bände, P. Gerhard Schneemann
(f 20. Nov. 1885), von feinem Ordensgenoffen Theodor
Granderath fertig geftellt, ift die reichhaltigfte
Sammlung von Actenftücken zum Vaticanifchen Concil,
die es bis jetzt giebt, fo viel ich fehe, durchaus correct
gedruckt, mit ausführlichen Regiftern verfehen, überhaupt
mit der dankeswertheften Sorgfalt edirt. Das
Hauptverdienft der Sammlung befteht darin, dafs man
hier das Material zufammen hat, welches bisher nur
zerftreut und an theilweife nicht leicht zugänglichen
Stellen zu finden war. Was an ungedrucktem Material
mitgetheilt wird, wie die Sp. 1643 ff. mitgetheilten Berichte
, ift nicht gerade von fehr grofser Bedeutung; am
intereffanteften ift der Brief von vierzehn deutfehen Bifchöfen
an Pius IX. d. d. Fulda 4. Sept. 1869 (Sp. 1196). Auch
ift zu conftatiren, dafs J. Friedrich's Documenta ad illu-
straudum Concilium Vaticanum (Nördlingen 1871, 2 Abtheilungen
) neben diefem Bande noch ihren Werth behalten
, namentlich weil von den die päpftliche Unfehlbarkeit
betreffenden Actenftücken nicht nur die von
Bifchof Ketteier vertheilte Quaestio und die nicht gehaltene
Rede des Erzbifchofs Kenrick, fondern, was
weniger leicht zu- begreifen ift, auch die beiden fehr
intereffanten Synopses analyticae observationum, quae a
patvibus factae fuerunt (bei Friedrich II, 179—289) in die
vorliegende Sammlung nicht aufgenommen find.

Bonn. F. H. Reufch.

Schulze, Paft. Guft. Carl Alb., Pietismus, Ritschl'sche
Theologie und Luthertum. Hannover, Feefche, 1890.
(64 S. gr. 8.) M. 1. —

Diefe Abhandlung, entftanden aus einem Vortrag,
den der Verf. auf der vorjährigen Ofterconferenz in
Gnadau gehalten hat, ift ein höchft erfreulicher Beleg für
die Verwirrung, welche Ritfchl's Gefch. d. Piet. in den
Kreifen der ,fymboltreuen Lutheraner' hervorgerufen
hat. Es überrafcht ja nicht, dafs der Verf. mit dem
Geftändnifs beginnt, wenn er ein Werthurtheil hätte ausdrücken
wollen, würde er neben Luthertum und Pietismus
den Ritfchlianismus überhaupt nicht genannt haben.
Denn diefe Theologie ,kommt dem Bedürfnifs des
Menfchen entgegen, in feiner unveränderten, natürlichen
Eigenart fortzugehen' (S. 6). Ihre Erfolge find begreiflich
, ,denn ein Chriftenthum ohne Chriftus ift bei der
Mehrzahl immer beliebt gewefen' (S. 44). Nimmt man
hinzu, dafs gegen ,diefe traurige Theologie, diefen be-
klagenswerthen Theologen' der ,Vorwurf der Diesfeitig-
keit' nicht ohne Grund erhoben wird, fo müffen in der
That ,Ritfchl und feine echten Schüler trotz aller
orthodox klingenden Worte für Irrlehrer im ganzen
herben Sinn des Wortes gehalten werden' (S. 63. 7).
Schon Lipfius hat das bezeugt. Der Verf. ,wufste es
aber auch ohne ihn'. Er kann darum die fchwierige
Aufgabe, Ritfchl's Kritik des Piet. zu kritifiren, mit
voller Gewifsheit des Erfolges unternehmen, ,weil endgültig
der fefte Standpunkt im rechten Centrum doch
mehr bedeutet, als alle noch fo grofse Gelehrfamkeit,
Belefenheit und Begabung' (S. 11).

In diefem rechten Centrum flehen nach dem Vorwort
die fymboltreuen Lutheraner. ,Die übrigen pofitiven
Richtungen in unferer Kirche find als Vertreter des die
Bekenntnifse bei Seite fetzenden Pietismus Ritfehl gegenüber
zu fehr Partei'. Jenen aber hilft eine kühne, wenn