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Ausgabe:

1891 Nr. 7

Spalte:

180-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schrempf, Christoph

Titel/Untertitel:

Die christliche Weltanschauung und Kants sittlicher Glaube. Eine religiöse Untersuchung 1891

Rezensent:

Reischle, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 7.

180

Abfchnitt (,Wundergefchichten des Neuen Teftamentes'
29—52) wird an einigen Beifpielen gezeigt, ,in welcher
Weife etwa den Kindern die biblifchen Wundergefchich-
ten zum Verftändnifs gebracht werden können'. Eiti letztes
Capitel (53—79: ,Gefchichten des Neuen Teftamentes') will
anfchaulich machen, ,wie die biblifche Gefchichte nach
Auscheidung der Wundergefchichten fich etwa ausnehmen
würde', und will durch die dort gegebene Zufammen-
flellung den Nachweis führen, dafs es ,ein Irrthum ift
wenn man die Wundergefchichten als einen wefentlichen
Beftandtheil der biblifchen Gefchichte betrachtet und die
Befürchtung hegt, diefelbe werde nach deren Abtrennung
farblos oder dürftig werden'. — Im erften Abfchnitt
vermiffe ich eine klare Stellungnahme zum religiöfen
Problem und eine richtige Werthfchätzüng der in Jefu
Chrifto gegebenen göttlichen Offenbarung, durch welche
der Chrift das Wirken Gottes als unteres Vaters erfafst
und erkennt. ,Unfere tiefften Herzensbedürfnifse, untere
Sehnfucht nach Gott, unfer Verlangen nach Frieden und
Verföhnung, unfer Dürft nach Gerechtigkeit, Leben und j
Seligkeit, fie finden ihre Befriedigung ficherer, wenn wir in 1
ihnen felbft die Stimme deffen hören, der fie in unfere Na- |
tur gelegt hat, uns feine Liebe zu offenbaren, als wenn wir
erft aufser uns die Bürgfchaft fuchen, dafs wir uns auf ihn
verlaffen dürfen und keine Täufchung zu finden brauchen'
(S. 11). Wir glauben in der That, und zwar mit unferen Reformatoren
, dafs diefe Bürgfchaft, diefes pignus miseri-
cordiae divinae aufser uns liegt, nämlich in dem Lebenswerke
Chrifti als der Pleilsthat Gottes für uns und an uns. Da
nun nach evangelifcher Auffaffung Wort Gottes (Offenbarung
) und Glaube Correlatbegriffe find, fo ift nicht zu verwundern
, dafs der einfeitigen Beftimmung des Offenbarungsgedankens
auch ein mangelhafter Glaubensbegriff
entspricht. Jener ,freie, auf fich felbft gegründete, mit
unferem gefammten Glaubensleben in Finklang flehende
Glaube' (S. 14) entbehrt denn doch der feften Grundlage,
fobald mir in den Anfechtungen und Nöthen des äufseren
und inneren Lebens nicht immer wieder die Thatfache
gegenwärtig wird, welche mir den Muth zu folchem
Glauben ftets aufs Neue belebt und ftählt, und mich den
Gott finden läfst, der mich aus aller Bedrängnifs und
Sünde in die Gemeinfchaft feiner Gnade und Liebe erhebt
. Es will mir Rheinen, als ob der Verf. unfern Blick zu
ausfchliefslich auf die Erlebnifse unferes eigenen Inneren
lenke und der Gefahr nicht ausgewichen fei, den Glauben
auf das fchwache und enge Ich zu ftellen. — Ueber den
Wunderbegriff enthält die Schrift treffende Bemerkungen.
An Rothe's weife und echt evangelifche Mahnung erinnern
die Worte S. 16: ,Die imftande find, ohne innere
Störung das Wunder zu ertragen, ja ihre Freude daran
haben und ihren Troft darin finden, follen wenigftens gerecht
über andere urtheilen lernen und zu begreifen fuchen,
dafs chriftliche Gefinnung auch ohne Wunderglauben
möglich und vorhanden ift'. Doch hat der Verf. m. F.
nicht klar genug gezeigt, dafs der Wunderbegriff nicht
ein wiffenfehaftlicher, fondern ein religiöfer Begriff ift,
darum find auch die Confequenzen aus der principiell
gefafsten Unterfcheidung beider Gebiete undeutlich geblieben
. — Mancher, der durch die grundlegenden Erörterungen
des Büchleins nicht ganz befriedigt gewefen,
wird vielleicht eher den praktifchen Ausführungen beipflichten
; doch wird man die Frage erheben dürfen, ob
der von dem Verf. empfohlene und gehandhabte Grund-
fatz nicht zu einfeitig gefafst und zur Geltung gebracht
worden ift: ,wir werden die biblifchen Wundergefchichten
am beften würdigen, wenn wir fie als Dichtungen
zu verftehen fuchen . . . Das Volk ift hier der
eigentliche Dichter.' (S. 19. 20). Ob nun aber die aus
diefem Princip gezogenen Folgerungen die Lehrer überzeugen
werden, ob die auf die acht Schuljahre vertheilte
, ftufenweife fich entfaltende Belehrung und Aufklärung
über die biblifchen Wundererzählungen im Schulunterrichte
praktifch durchführbar ift, bezweifelt der Verf.

! felber, er beruhigt fich aber bei der Erklärung: ,Es liegt
mehr daran, dafs ein Gedanke richtig, als dafs er zeit-

gemäfs fei' (S. 26). — In eine eingehende Befprechung
der im zweiten Abfchnitt dargebotenen und ausgeführten
Beifpiele einzutreten, mufs ich mir vertagen. Unter drei
Titel (Jefus das Kind, Jefus der Heiland, Jefus der Verklärte
) ftellt der Verf. eine Auswahl von Wundergefchichten
, die er als Gleichnifse und bildliche Einkleidungen
religiöfer Gedanken behandelt. Dafs die hier
entworfenen ,Nutzanwendungen' nicht alle gleich einleuchtend
und glücklich find, verfteht fich von felbft;
auch möchte man bedauern, dafs der Verf. uns nur ganz
fkizzenhafte Beiträge zur Löfung der Aufgabe gegeben
hat; allein, trotz diefer Ausheilungen, wird nicht nur der
Lehrer, fondern auch der Prediger hier eine Fülle von
werthvollen Winken und Anregungen finden, für welche
er dem über einen reichen Schatz chriftlicher Erfahrung
verfügenden Verf. von Flerzen danken wird. — Der letzte
Abfchnitt ift in feiner nüchternen Zufammenftellung dadurch
intereffant, dafs er aufs Neue zeigt, wie die durch
Straufs angeregte, über die Glaubwürdigkeit oder Un-
glaubwürdigkeit der biblifchen Wundergefchichten ftrei-
tende Kritik und Apologetik fich auf einem unfruchtbaren
Boden bewegte, und wie es noth thut, vor Allem
aus der in feinem Zeugnifs fich bekundenden geiftigen
Stellung Jefu fein Gefchichtsbild und fein Lebenswerk
zu erfaffen. — Wenn der Verf. erklärt, ,dafs er für diejenigen
gefchrieben hat, denen es felbft an der nöthigen
Klarheit über den behandelten Gegenftand fehlt und
nicht wiffen, wie fie es den Kindern fagen follen, ohne
fie zu gefährden' (S. 27), fo wird man wohl behaupten
dürfen, dafs die ausgefprochene Hoffnung für Manche
nicht unerfüllt bleiben wird.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Schrempf, Pfr. Lic. Chr., Die christliche Weltanschauung
und Kant's sittlicher Glaube. Eine religiöfe Unter-
fuchung. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht's Verl.,
1891. (XIV, 54 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Das Lefen des Schriftchens von Schrempf ift in
manchen Beziehungen eine unbehagliche Arbeit. Schon
wegen der Form derfelben. Ein Vorwort von 9 Seiten
fpricht fich hauptfächlich über die religiöfe Stimmung
aus, in welcher die Schrift gedacht und gefchrieben ift,
und warnt davor, die chriftliche Religion hauptfächlich
unter dem Gefichtspunkt zu betrachten, dafs fie dem
Menfchen ein höchftes Gut darbiete und dadurch einem
Bedürfnifs desfelben entfpreche. Es folgt der zufam-
menhängende Auffatz über das im Titel genannte Thema
auf 36 Seiten. Anmerkungen füllen die letzten 18 Seiten:
in ihnen begründet der Verf. ,einige materiale Abweichungen
von Kant's Anfchauungen', zu denen er fich bei
feiner Darftellung eines auf Kant fufsenden fittlichen Glaubens
veranlafst Iah; er giebt zu diefem Behuf kritifche
Auseinanderfetzungen über verfchiedene Punkte der Kant'-
fchen Ethik und Ethikotheologie, dazu noch Erläuterungen
über einzelne Stücke der chriftlichen Ethik. Da die
Anmerkungen manches enthalten, was für den Beweisgang
der Abhandlung felbft wichtig ift (z. B. Anm. 5 auf
S. 41, der zweite Theil von Anm. 8 auf S. 44), fo ift
dem Lefer zugemuthet, das Auseinanderliegende zufam-
menzufchauen, was ein ruhiges Behagen beim Lefen
nicht aufkommen läfst.

Dafür forgt aber auch der Inhalt des Schriftchens.
Unerbittlich gräbt der Verf. nach den tiefften Wurzeln
der Probleme, und wenn er den Verdacht hegt, man halte
aus Bequemlichkeit irgend ein Stück auf dem Acker der
Theologie für genügend bebaut und gepflegt und glaube
fich weitere Arbeit erfparen zu dürfen, fo wühlt er das-
felbe erbarmungslos auf. In diefer Beziehung wird das
an die Spitze geftellte Urtheil zu einem Lob des Büch-