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Ausgabe:

1890 Nr. 7

Spalte:

166-169

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Saussaye, Chantepie de la

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Religionsgeschichte. 2. Bd 1890

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 7.

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an, und ihr Spiel der Farben und Gedanken ift geiftvoll
und fchön. Glücklich findend und fcharfünnig combi-
nirend ift die literaturgefchichtliche Unterfuchung über
das Blumenräthfel der Königin von Saba. Es handelt
ftch dabei nicht um Entwickelungen gefchichtlicher
Art, fondern nur um Zufammenhänge. Solche zu finden
und zu fixiren ift eine fchon oft in glänzender Weife
(man denke an die Studien zur Complutenfifchen Polyglotte
) bewiefene Stärke des Verfaffers. Eigentlicher
Hiftoriker ift Delitzfch trotzdem nicht. Er entbehrt des
Verftändnifses für die menfchliche Gefellfchaft als Organismus
, für den Staat. Obgleich ihm charakteriftifch ift,
dafs wie die Höhen fo die Tiefen der menfchlichen Gefellfchaft
in befonderem Grade feine Neigung gewinnen,
fehlt ihm wie das Höfifche fo nicht minder das Volks-
thümliche. Für die Gefellfchaft in ihrer Entwickelung tritt
bei ihm auch das Intereffe zurück. Aber die Gefchichte
des Geiftes. die des theologifchen Gedankens nicht aus-
gefchloffen. ift nur erkennbar auf der Folie der Völker-
und Staatengefchichte. Die Erlanger ,Heilsgefchichte'
ift keine eigentliche Gefchichte. Sie befteht darin, dafs
ein im Himmel von vornherein fertiges Gefüge in feinen
einzelnen Gliedern allmählich herniederfteigt in das
Irdifche.

Aus der Eigenart des Inhaltes ift erzeugt die ent-
(brechende Darftellungsart. Delitzfch bewegt fich auch
hier viel in Contraften. Ernft und Scherz flehen dicht
nebeneinander, ebenfo Sublimes und — nie Triviales,
aber eine befondere Art des Entgegengefetzten, die ich
nicht recht zu bezeichnen weifs: es ift ein an fich Gewöhnliches
, welches durch die überrafchende Art feines
Eintrittes den Charakter des Gewöhnlichen verliert.
Keines Irdifchen Geift kann unausgefetzt auf Sphärenhöhen
wandeln, und bei Delitzfch fehlen die Mittellagen.
Aber es ift wunderbar, dafs die Contrafte bei ihm kaum
disharmonifch wirken. Vor allem irgend welcher Hörende
Eindruck entfteht bezüglich der ethifchen und religiöfen
Gehobenheit nie. Das eben zeugt von der Kraft und
Reinheit derfelben. So ift es in feiner Schriftftellerei
wie noch mehr vielleicht in der Vorlefung. Was in
diefen Dingen Natur ift, ift zugleich das einzige Kunft-
mittel, um die ideale Höhe zu behaupten. Freiwillig
Zeiten weife von ihr fich plötzlich herablaffend, kann
Delitzfch's Darftellung bisweilen barock, oder wie man
es nennen will, erfcheinen; aber fie vermeidet confequent
den bekannten verhängnifsvollen Schritt, welcher vom
Sublimen in ein feindliches und doch nahe liegendes Gebiet
führt.

Meine Skizze lieht beinahe aus, als wollte fie eine
Silhouette fein des Autors. Sie will es nicht und wäre
als folche fehr unähnlich. Das vorliegende Buch ift derartig
, dafs man von demfelben nicht reden kann, ohne
zu reden von der Art zu fehen, welche dem Autor
eignet. Nur davon fprach ich. Die Perfon des grofsen
Gelehrten und edlen Menfchen im Schattenriffe darzu-
ftellen, hätte ich Linien zu ziehen, welche ich mit Be-
wufstfein vermied. Auch wie wir fehen, ift freilich ein
Theil von uns felbft. aber nur ein Theil. Habe ich diefen
Theil freimüthig aufgefafst, fo bezeugt doch —■ hoffe
ich — die Freimüthigkeit fich felbft als eine folche,
welche nur auf dem Grunde verehrender Liebe möglich,
da aber auch nothwendig ift. Ich wüfste nicht, wie ich
anders von diefem Buche reden könnte, und der Autor
felbft hat mich zu reden gebeten. Die Bitte von diefer
Seite wird auch Rechtfertigung fein einer Ausnahme, da
ich fonft feit einer Reihe von Jahren wie den Herausgebern
diefer Zeitung fo anderen Autoren die früher von mir
oft in diefen Blättern geübte Recenfenten-Thätigkeit verweigert
habe.

Nur Eines fei im Anfchlufs an das Gefagte zur Cha-
rakterifirung der Perfönlichkeit bemerkt. Man hat oft
in Delitzfch's Behandlung biblifcher Wiffenfchaft einen
Widerfpruch bemerken wollen von freimüthiger Ausübung
der Kritik und ängftlicher Abweifung der Kritik.
Es ift ein Contraft, welcher anderen als Widerfpruch erfcheinen
kann, für Delitzfch felbft es nicht ift. Sein Ur-
theil über die heilige Gefchichte ift nahezu unabhängig
von dem Urtheil über die Quellen. Diefes beruht auf
gewöhnlicher Kritik, jenes auf originaler Intuition. Da
beide eine Art Unabhängigkeit behaupten, fich auf getrennte
Gebiete beziehen, fo gerathen fie für den fo Ur-
theilenden nicht in Conflict. Auf das Facit der Quellenkritik
, nicht auf diefe felbft fällt die Beleuchtung des
unabhängig gewonnenen Gefchichtsbildes. Delitzfch verlieht
es auch hier — und das ift ein Theil von dem
Anziehenden, nicht von dem unbedingt Nachahmungs-
werthen feiner Perfönlichkeit, die Gegenfätze in einer fub-
jectiven Einheit zu verfchmelzen. Diefer durchaus originalen
Perfönlichkeit, welche nachzuahmen niemand un-
geftraft unternehmen könnte, gilt vor anderen das Wort:
,Nicht alles ift an eins gebunden, Seid nur nicht mit
euch felbft im Streit! Mit Liebe endigt man, was man
erfunden, Was man gelernt, mit Sicherheit'.

z. Z. Freiburg i. B., im April 1889.

Wolf Baudiffin.

Chantepie de la Saussaye, Prof. Dr. P. D., Lehrbuch
der Religionsgeschichte. 2. Bd. Freiburg iB., Mohr,
1889. (XVI, 406 S. gr. 8.) M. 9. —

Was feiner Zeit bezüglich der erften Hälfte des nunmehr
vollendeten Werkes gefagt wurde (Jahrgang 1887,
S. 465—469), gilt auch von der vorliegenden zweiten.
Ihr erfter Abfchnitt behandelt die Religion der Perfer
(S. 1—56), welche die arifchen Anfänge in ganz anderer
(S. 5), vielleicht fogar entgegengefetzter Richtung fortgefetzt
haben, als die Inder (S. 20). Die religiöfe Reform
durch Zarathuftra, die erft nach der Scheidung
hinzugekommen (S. 18 f.) und wefentlich in der
Richtung nach dem Monotheismus wirkfam gewefen ift
(S. 32), fchliefst nicht aus, dafs, wie bei allen Culturvöl-
kern, fo auch hier, Vorftellungen und Bräuche, die einer
viel älteren Schicht angehören, dicht daneben angetroffen
werden (S. 26). Einer der älteften und populärften Götter
, Mithra, füllt feine urfprüngliche Naturbedeutung fo
fehr mit ethifchem Gehalt an (S. 2gf.), dafs er noch im
römifchen Kaiferreich Jahrhunderte lang dem Chriften-
thum den Sieg ftreitig machen konnte (S. 270. 291 f. 298).

Ift fchon hier das Beftreben des Verfaffers, der fich
übrigens gegen ausfchweifende Vorftellungen von der
fittlichen Tiefe des Mazdeismus verwahrt (S. 42 f.), darauf
gerichtet, die verfchiedenen Phafen, welche die per-
fifche Religion durchlaufen hat, fo weit es bei der Un-
ficherheit aller Zarathuftra und Avefta betreffenden
Zeitanfätze angeht, von einander zu unterfcheiden, fo
geben die ausführlichen Darftellungen der griechifchen
(S. 57—194) und der römifchen Religion (S. 195—305)
geradezu eine, mehr oder weniger zufammenhängende,
Entwickelungsgefchichte, in deren Verlauf die Phyfio-
gnomie des Objects fortwährendem Wechfel unterliegt.
Zumal bei den Griechen, wo die Religion felbft zwar
die animiftifche Vorftufe fofort überfpringt (S. 79), dafür
aber fpäter oft in einer und derfelben Periode fehr ver-
fchiedenartige Gefichter herauskehrt (S. 84) und ,Alles
durch- und nebeneinander liegt, urfprüngliche Naturan-
fchauungen, rohe Vorftellungen und Sitten, und die
fpätere verklärende Arbeit eines Culturvolkes' (S. 75. 155),
erwachfen daraus für den Gefchichtfchreiber Schwierigkeiten
eigener Art, und man kann auch hier wieder nur
das Gefchick bewundern, womit der ebenfo fachkundige
wie formgewandte Erzähler feine Aufgabe zn löfen verlieht
, ohne den Lefer zu verwirren oder zu ermüden.
Seinem Urtheile zufolge find übrigens die Griechen vor-
zugsweife Weltkinder, also ,nichts weniger, als ein eminent
religiöfes Volk gewefen; ihre Cultur ruht nur fehr