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Ausgabe:

1890 Nr. 6

Spalte:

143-148

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Usener, Hermann

Titel/Untertitel:

Vita S. Theodosii a Cyrillo Scythopolitano scripta 1890

Rezensent:

Weingarten, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 6.

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den mannigfaltigften Beziehungen die Organifation des
dort betriebenen Cultus. — Ueber Sergius Paulus wäre
jetzt auch noch zu vergleichen: Kellner im ,Katholik'
Jahrg. 1888, Erlte Hälfte S. 389 ff.

Giefsen. E. Schürer.

Das Muratori'sche Fragment in Versen.

Im Anfchlufs an den obigen Bericht über Light- ]
foot's Essays fei auch noch ein intereffanter Artikel über
das Muratori'fche Fragment erwähnt, welchen er unter
feinem Schriftftellernamen J. B. Dunelm in The Academy, 1
Sept. 21, 1889, p 186—188 veröffentlicht hat. Er fucht
darin nachzuweifen, dafs diefes Kanons-Verzeichnifs ur-
fprünglich in griechifchen Verfen gefchrieben ge-
wefen fei. Analogien dafür find ja bekannt. Wir befitzen
noch folche verfificirte Kanons-Verzeichnifse von Gregor 1
von Nazianz und Amphilochius. Die gebundene Form I
follte die gedächtnifsmäfsige Einprägung erleichtern. So
glaubt Lightfoot, dafs auch das Muratori'fche Fragment
fich ungezwungen in griechifche Verfe zurücküberfetzen
laffe, ja dafs an einzelnen Stellen fich folche mit Notwendigkeit
von felbft ergeben. Er fucht dann auch noch
nach dem Verfaffer, und glaubt als folchen Hippolytus
vermuthen zu dürfen. In dem Verzeichnifs von deffen
Werken auf der Hippolytus-Statue zu Rom werden uyöal i
elg mxaag rag ygagpbg erwähnt. Lightfoot hält diefe wöaL j
für identifch mit der Befchreibung des alt- und neutefta-
mentlichen Kanons, von welchem in dem Muratori'fchen
Fragment uns ein Bruchftück erhalten ift. Zur Unter-
ftützung feiner Hypothefe giebt L. drei Proben, von welchen
die letzte hier flehen möge:

zov ös Jloiiuvu
VtVHftl y.aigoig rj/neztgoig sv zfj nöXei
Pwiitj avvsygariiev sniy.attti/ntvov lliov
'liguüg y.ad-tögav zyoös 'Pwiiaiwv nöletog
sxxfaijoittg äöeXcpög wv sjziay.dnov
waz' ovv dvayivway.eiv iiiv, sv d3 Ev.v.Xryjiq
ov ör^ioaievsattaL ocpe zw Xcrijj ygeojv
ovö' sv ngocpr^zaig övvazbv oiös avvzs).s~iv
dnoazöXwv eg ugi&Libv slg zsi.og ygbvwv.
Die Probe fcheint mir nicht gerade geeignet, die j
Hypothefe zu empfehlen. Immerhin verpflichtet uns
Lightfoot's Name, die Sache in Erwägung zu ziehen.

Giefsen. E. Schürer.

Usener, Geh. Reg.-Rath Prof. Dr. H., Sophronii de prae-
sentatiunedomini sermo. Bonn, Univerfitäts-Progr. 1889.
(18 S. gr. 4.)

— Vita S. Theodosii a Cyrille- Scythopolitano scripta. Bonn,
Index Lectionum 1890. (VI S. gr. 8.)

— Vita S. Theodosii abbatis a Theodoro ep. scripta. Bonn,
Univerfitäts-Progr. 1890. (42 S. gr. 8.)

Diefe drei neueften Publicationen Ufener's, dem die
Kirchengefchichte fchon zu reichem Dank für feine reli-
gionsgelchichtlichen Unterfuchungen verpflichtet ift, verdanken
ihr Erfcheinen akademifchen Veranlaffungen. Die
erfte ift das Programm zur Geburtstagsfeier des erhabenen
Gründers der Univerfität Bonn, Friedrich Wilhelm's III;
die zweite ift dem Lectionskatalog für das Sommerfemefter
vorangefchickt; die dritte ift zur Einladung für den 27.
Januar d. J. beftimmt.

Es wird nicht viel Kirchenhiftoriker geben — ich will
nicht unbefcheiden fein —, welche die Luft und die Zeit
haben werden, fich durch diefe Schriften, und namentlich
durch die vita des Theodorus, hindurchzuarbeiten. Und
doch find diefe vitae für uns von hohem Intereffe. Sie
find ein fprechendes Zeugnifs von dem geiftigen Verfall,
der traurigen Geiftesarmuth, dem Mangel an Wahrheits-
finn, welche fich der byzantinifchen Kirche noch ein

Menfchenalter vor Juftinian bemächtigt hatten, wenn
auch das Letztere Niemand überrafchen kann, welcher die
Wahrheitsliebe eines Palladius in feiner Historia Lausiaca
oder die feiner abendländifchen Zeit- und Geiftesgenoffen,
eines Hieronymus und Rufinus kennt.

Unter diefem Gefichtspunkte find die von Ufener
herausgegebenen Documente für uns von unfehätzbarem
Werth; es fei geftattet, fie zu weiterer Kenntnifs der theo-
logifchen Welt zu bringen.

1. Sophronius gehört zwar erft dem 7. Jahrhundert an.
Er war jener Mönch, dann Patriarch von Jerufalem (634),
welcher der von Kaifer Heraklius angebahnten Union mit
den Severianern entgegengetreten war, welche er als Mono-
phyfitismus bekämpfte (vgl. Kurtz, KG. 1890. I, 1. 286).
Ufener hat zwar diefem Sophronius in der Einleitung
keine fehr VertrauenerweckendeEmpfehlungmitgegeben,
aber diefe, wenn man fo fagen darf, Adventspredigt läfst
doch alle Erwartungen hinter fich. Gefuchte Rethorik,
öde dogmatifche, zelotifche Polemik, Mangel an allen
Gedanken, die nur irgend auch nur den Schein herzlicher
oder menfehlich wahrer, innerlicher Betrachtungen an
fich tragen, charakterifiren fie. Was hat wohl die Gemeinde
— wenn von einer folchen in unferem proteftan-
tifchen Sinne überhaupt die Rede fein kann — gehabt
von diefen immer wieder kehrenden und dogmengefchicht-
lich nicht einmal zutreffenden Ereiferungen gegen Ne-
ftorius und Eutyches? Wie viele mögen wohl den haar-
ftraubenden Sectenkatalog (p. 13) verftanden haben —
von Bardefanes, Paulus von Samofata, Sabellius u. f. w.
an bis zu Eutyches und Dioscur? Und wer mag fich wohl
bei diefen griechifchen Philofophen (p. 9) viel gedacht
haben, Anaxagoras, Anaximander, die Stoiker y.zl. Statt
deffen marfchiren das ftvaz^giov, Symeon und Hanna in
unerträglicher Einförmigkeit immer wieder vorbei und
man mufs fich die, für unteren Gefchmack gegenftand-
lofeften Allegorien, wie p. 17, gefallen laffen. Einmal
glaubte ich aufathmen zu können, als ich p. 11 ex. las:
zl ös Xgiozbg ö jiavzaynv nugwv nagaylvezai; das ift doch
ein Gedanke, mit dem fich etwas anfangen läfst, und was
würde Schleiermacher daraus gemacht haben? Bei Sophronius
ift es nur der Uebergang zu der armfeligften
dogmatifchen Erörterung über die wunderbare Geburt
Chrifti.

2. Cyrillus ward im Jahr 530 ein Jünger des h. Satas,
543 zog er fich in die Einöden Paläftina's zurück; feit dem
Juli 544 lebte er im coenobium des Euthymius. Er war
ein fruchtbarer Biograph feiner zahlreichen Mönchsheiligen;
die vita desTheodofiusenthält, wieauchUfener hervorhebt,
nur dürftige Fragmente. Freilich ift auch diefen der
Schwulft der byzantinifchen Kirchenliteratur aufgedrückt.
Von dem Klofter des Theodofius will er beweifen, ,'dzi
evöoxlcc -/.ai ovvegyla zov -9-eov v.ai ovy. ei; ttvd-gtonivvg
aaovöt]g avviazri' Va'10—17. Die Schilderung, wie die
Klöfter auch zu Herbergen fich entwickeln, ift intereffant
und erinnert an das allmähliche Heranwachfen der Francke'-
fchen Anftalten in Halle, nur dafs A. H. Francke nie fo in
die Pofaune geftofsen hat, wie Cyrillus. Manche Stellen,
wie IVa 1 wiederholen gleichfam die faft unerträglich über-
fchwängliche Sprache der ignatianifchen Briefe, in denen
nur Rothe in feiner Jugendzeit glühendfte Inbrunft erblicken
konnte: Theodofius IVa 1 sq. ö a^iofiay.cigiazog
y.ai ovgavoTToXizrig, zö itsya '/.Xsog zfg Halatazlvrjg xai
zov iiovayiY.ov ay^.uazog zö azrtgiyiia y.ai zwv ogüwv
öoyiuizwv ö ozgazrjyng xcci vntgi.iu%og xal zov Ymvoßiay.or
y.avövog ö ödrjyöc yal ngoozäzrjg v.z. Wie ungefund war
doch die Frömmigkeit diefer griechifchen Kirche. Der
nächfte Nachfolger des Theodofius war Sophronius.
Diefer empfing von Manias der VIb 12 sq. ,sv zfjveozrjit
avLmzojiiazL Zivi negnitaiov inb zwv tazgwv eivovyjoirrf,
dann nach Byzanz gegangen und dort Cubicularius, dann
Praepofitus am Hof des Kaifers Anaftafius geworden
war, ungezählte Schätze. Dadurch ward es ihm möglich,
fein Klofter um das Vierfache zu vermehren. Als er fein