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Ausgabe:

1890

Spalte:

123-125

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Soyres, John de

Titel/Untertitel:

Christian Reunion. The Hulsean lectures for 1886 1890

Rezensent:

Eck, Samuel

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123 Theologifche Literaturzeitung. 1890. Kr. 5. 124

wechfel der Reformatoren hätte Heidemann weiter belehrt
, dafs Beyer in Guben nicht erft 1526 thätig war,
vgl. z. B. De Wette 3, 33. Joh. Seifried (S. 230) war
nie Wittenberger Pfarrer, fondern Diakonus, vgl. De
Wette-Seidemann 6, 514. Bei der Schilderung des Prädi-
canten in Sommerfeld Michael Reutter wäre ein Blick
auf Johann Eberlin's Schriften von Nutzen gewefen. —
Das Ziel, das fich Heidemann gefleckt, verdient alle Anerkennung
, wenn man auch nicht fagen kann, dafs er
dasfelbe in vollem Mafs erreicht hat.

Nabern bei Kirchheim u. Teck

(Württemberg). G. Boffert.

Soyres, Rector John de, M. A., Christian Reunion. The

Hulsean lectures for 1886. St. John, N. B., J. & A.
Mc Millan, 1888. ,'X, 96 S. gr. 8.) $ 1. —

Die vier erden diefer Vorlefungen Bellen nach einer
Einleitung, die Butzer und Melanchthon behandelt, die
Unionsbedrebungen des 17. Jahrhunderts dar. 2: Duräus,
Calixt, Grotius; 3 u. 4: Leibniz. Als Beigabe erfcheint
(S. 73—96): The Huguenots and the Chural of England,
a sermon preached before the University of Cambridge
(4. Oct. 85) mit einem zudimmenden Brief von dem nunmehr
verdorbenen Eugene Berfier in Paris. Hier wie
dort beweid der Verf. feine umfaffende gefchichtliche
Bildung, weifs bei aller gedrängten Kürze eine Fülle von
Stoff zu bewältigen, muthet den Lefer durch die Vornehmheit
feines Stils wie feiner Gedanken an und wirkt
zugleich erhebend durch die freudige Zuverficht, mit der
er einen Stoff behandelt, der durch zahllofe unerfüllte
Hoffnungen uns fad zu einem unliebfamen geworden id.

Sein Ausgangspunkt id Melanchthon. DennButzer's
diplomatic method, welche, bei aller Reinheit der Ge-
finnung ihres Trägers, fich gelegentlich zu Kundgrift'en
gedrängt fah, die fad an jefuitifche Cafuidik erinnern,
hat zwar in der Laufbahn des Cyrillus Lukaris einen
glänzenden Sieg davongetragen, aber einen Pyrrhusfieg.
Denn die fchliefsliche Erfolglofigkeit der Lebensarbeit
des Griechen mufs als der Thatbeweis für die Undurch-
führbarkeit diefer im Grunde principlofen Weife von
Unionsbedrebungen gelten. An Butzer's Stelle tritt
Melanchthon. Aber nicht der Mel. der Religions-
gefpräche, noch viel weniger der Begründer einer Phi-
lippidifchen Theologenfchule, fondern, dafs ich's kurz
fage, der Mel. Richard Rothe's. Denn diefer hat in feiner
Heidelberger Rede vom 19. April 1860 das .definitive
word1- über den Charakter des Reformators gefprochen l).
Mel.'s Erbe läfst fich nicht in ein abdractes Sydem einzwängen
. Es bedeht vielmehr in dem allgemeinen Fortwirken
feines Geides, der in leidenfchaftlicher, wiffen-
fchaftlicher Wahrheitsliebe, in der Tiefe perfönlicher
Frömmigkeit (religion), vor Allem in der Liebe und
Duldfamkeit feine bezeichnendden Merkmale hat. Rückwärts
und vorwärts wird dies dahin zufammengefafst,

1) Es wird vielleicht nicht überfluffig fein, die entfcheidenden Sätze
aus diefer Rede in's Gedächtnifs zurückzurufen: S. 4 ,Es war in der Ge-
fchichte des Chriftenthums der grofse Wendepunkt herbeigekommen, in
dem dasfelbe aus dem erften Hauptftadium feiner Entwicklung, dem aus-
fchliefsend religiöfen, d. h. dem kirchlichen, in fein zweites und definitives
hinüberfchreiten wollte, in das religiös-fittliche. m. a. W. in
das weltliche, das ftaatliche'. S. 16 ,Mit dem Humaniften Mel. war
in die fächftfche Reformation ein Element eingepflanzt worden, das ihr
von Haufe aus und insbefondere auch Luther perfönlich fremd war,
die grundfätzliche Richtung überwiegend auf die fittliche Seite am
Chriftenthum'. S. 18 ,Seine [des Melanchthonianismus] Niederlage war
zugleich feine glänzendfte Rechtfertigung und führte die Verheifsung feiner
Wiedererftehung bei fich. Denn nun, nachdem der Eigenfinn, die per-
fönliche Eigentümlichkeit des evang. Chriftenthums Luther's in der Kirche
zu ausfchliefsender Geltung zu bringen, und die unmittelbar der fittlichen
Seite des Chriftenthums zugewendete Richtung aus ihr auszuweifen, fich
durchgefetzt hatte: da war das Ergebnifs ein Zuftand der Erftarrung und
der Erftorbenheit der Kirche, der wohl eine Copie von Luther's
perfönlichem Chriftenthum darfteilte, aber — in einem abfchreck-
enden Zerrbilde'.

dafs er feinen Nachfolgern das überlieferte, which was
noble in Humanistic movement, und dafs als der letzte
Ausdruck diefes Geides die Erkenntnifs theologifcher
Ethik gelten foll.

Indem ich die Mittelglieder zunächd übergehe, komme
ich gleich zu Leibniz, der am ausführhchden behandelt
id. Nachdem die Erfolglofigkeit feiner Beziehungen zu
Bofluet aufgedeckt id, eröffnen die nationalen Be-
drebungen desfelben unerwartete neue Ausfichten. Bei
ihm freilich liegt noch Altes und Neues in einander.
Wie er in einer Uebergangszeit lebt, fo wirken in ihm
mittelalterliche Anfchauungen von Papd und Kaifer fort,
während der neue Gedanke der Nationalität fich noch
nicht überall und völlig aus den Feffeln eines verkehrten
Territorialfydems gelöd hat. Aber aus dem Ideal des
guten Bürden, der der Steward feines Landes id, will
fich doch das Ideal eines chridlichen Staates entwickeln
, der in der Wohlfahrt feiner Bürger fein leitendes
Princip befitzt, welches als abfoluter Imperativ keiner
Concile und Synoden, keiner Bullen und Symbole bedarf.
Das nationale Individuum id den letzten Elementen der
Chemie vergleichbar. Dringt diefe Erkenntnifs, wie nicht
anders zu erwarten id, durch, fo wird zwar nicht eine
Union, aber eine Föderation chridlicher Kirchen als das
Ziel der Entwicklung erhofft werden dürfen. iMen will
understand that tliere are necessary differences in practice
between the Anglican and Gallican, a Germanie and a
Kassian church; but they will be members also of a great
Free Masonry, which will cover all the world, by which
none will be a stranger, who professes and calls lumself
a Christian.

Diefe Dardellung nimmt gar keine Rückficht auf die
eigentlich theologifchen (religiöfen) Anfchauungen und
Leidungen Leibnizens. Mag auch der nationale Gedanke
von noch fo weittragender Bedeutung fein, fo geht es
doch fchlechterdings nicht an, das fpecififch-religiöfe
Element in der kirchlichen Gemeinfchaft als fecundär zu
behandeln. Und es könnte das vielleicht noch gerechtfertigt
erfcheinen, wenn fich nachweifen liefse, dafs L.'s
Theologie keine erkennbare Vorausfetzung feiner Unionsbedrebungen
gebildet und wiederum gerade in diefer
Hinficht keine fpürbare Nachwirkung hinterlaffen habe.
Beides id aber nicht der Fall. Denn feine Werthfehätzung
einer natürlichen Theologie *) und demgemäfs feine
Würdigung der Kirche als einer Gemeinfchaft natürlicher
Religion2) find für feine Unionsbedrebungen Alles eher
als bedeutungslos gewefen. Andererfeits deht ,Die Milderung
der confeffionellen Gegenfätze in Deutfchland',
die Nippold im fridericianifchen Zeitalter mit einem fo
grofsen Aufwand von innerer Theilnahme fchildert (Einl.
in d. K.-G.d. ip.Jahrh.'s [1880] S.274fr.), dafür ein, dafs L.'s
Bemühungen einen unmittelbareren Erfolg erzielt haben,
als derjenige id, auf welchen Soyres rechnet. Diefer Erfolg
allerdings hat nachfolgenden Stürmen nirgends Stand
zu halten vermocht. Er wird alfo in der Gefchichte der

Ii ,Wir kommen faft nie zu einer Feftftellung. Ich verftehe darunter,
dafs man zum minderten einige fefte Punkte beftimmt und abmacht, oder
gewiffe Sätze zur anerkannten Gewifsheit erhebt, um einmal Roden zu
gewinnen und eine Grundlage zum Weiterbauen zu haben. Würden wir
die Gaben Gottes und der Natur heiler anwenden, fo könnten wir die
Wahrheit der Religion trefflich feftftellen, und die Streitigkeiten
wohl endigen, welche die Menfchen trennen und fo viel Unheil in der
Welt anftiften. Was ich alfo verlange, ift dies: man hat zu beginnen
mit der natürlichen Theologie' (cit. bei E. Pfleiderer, G. W. L., als
Patriot u. f. w. [1870]. S. 560 f. vgl. 500 f. 566, auch 400 f. Anm.).

2) ,Sie (die Kirche) hätte auch wohl ohne Offenbarung unter
den Menfchen beliehen und durch Fromme und Heilige erhalten und
fortgepflanzt werden können. Ihr Abfehen ift eine ewige Glückfeligkeit.
Und ift kein Wunder, dafs ich fie eine natürliche Gefellfchaft
nenne, d. h. eine folche, fo die Natur felbft will, mafsen ja auch eine
natürliche Religion und Begierde der Unfterblichkeit uns eingepflanzt.
Diefe Gemeinfchaft der Heiligen ift katholifch oder allgemein
und verbindet die ganze menfehliche Gefellfchaft zufammen.
Kommt eine Offenbarung dazu, fo wird das vorige Band nicht zerriffen,
fondern geftärkt' (ebenda S. 564).