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Ausgabe:

1890

Spalte:

118-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kawerau, Gust.

Titel/Untertitel:

De Digamia Episcoporum. Ein Beitrag zur Lutherforschung 1890

Rezensent:

Bossert, Gustav

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U7 Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 5. u8

Auffätzen ,Römifch-katholifche Kritik und Wiffenfchaft' Amiaud, Dir. adjoint Arthur, La legende syriaque de Saint
in der Proteft. Kirchenzeitung 1889, Nr. 39 und 40. Was Alexis, l'homme de Dieu. [Bibliotheque de l'ecole des
an fachlichen Ausheilungen feitens Wilpert's übrig hautes-etudes, fasc. 79.] Paris, Vieweg, 1889. (VII,
bleibt, ift gering und geringfügig Es fmd Huchtig- LXXXV, 24 S. u. 72 S. syr. Text gr. 8.) Fr. 7. =0.
Leiten, deren V erbefferung von den Verfaffern ohne > ■ ** ' ' t> ' /•:>«■

weiteres angenommen wird (Hafenclever a. a. O. Nr. 40 Das ,Alexiuslied', eine Dichtung des deutfchen Mittel-

S. 940; vgl. Schultze S. 17), Verfehen, die fich noch zum . alters, erzählt von dem heiligen Alexius, der in einer
Theile aus der Mangelhaftigkeit der Veröffentlichungen . Anwandlung über die Nichtigkeit der Dinge diefer Welt
erklären. Sie treten vollkommen zurück hinter der Menge j den Palaft feines reichen Vaters zu Rom und die Braut
von Ungenauimkeiten, welche die katholifche Realency- i vor der Hochzeit verläfst, zwölf Jahre in Edeffa lebt und
klopädie in lieh bir<ff wie fich Jeder überzeugen wird, ! dann nach Rom zurückkehrt, um unerkannt als viel ge-
der Arbeiten wie den Artikel ,Mofaiken' einer Durchficht ! fchmähter Bettler unter der Treppe des väterlichen Palartes
unterwirft. Es würde unbillig heifsen, über folchen Ar- , den Reft feiner Tage zu verbringen. Bei feinem Tode
beiten der vortrefflichen Beiträge, namentlich von F. X. I läuten die Glocken, und der erftaunten Stadt verkündet
Kraus, zu vergeffen und die gefammte Realencyklopädie eine Stimme, wo der neue Heilige zu fuchen ift. Man
der Unordentlichkeit zu bezichtigen. Es ift aber ebenfo kommt in Schaaren, auch die Kaifer Arcadius und Hono-
ungerecht, wenn Wilpert jene unwefentlichen Unrichtig- j rius. Der Heilige hält in der geballten Fauft die Ge-
keiten als das für die Angegriffenen Charakteriftifche j fchichte feines Lebens, die er kurz zuvor aufgezeich-
heraushebt. um ihre Unwiffenfchaftlichkeit und den Mangel > net bat. Aber nur der hinzutretenden Braut öffnet fich

an wiffenfehaftlichem Ernfte zu erweifen, die Haupt
leiftungen aber, bei denen allein die Frage nach wiffen-
fchaftlicher Behandlung entfehieden werden kann, mit
völligem Stillfchweigen übergeht. Das forgfältige Be-
fchreiben der Denkmäler und gewiffenhafte Zufammen-
tragen von Notizen ift eine nothwendige und nützliche
Arbeit und ich achte für einen Gelehrten das Lob der Genauigkeit
auch hierin als etwas fehr hohes. Aber die wiffen-
fchaftliche Arbeit geht in folcher Thätigkeit noch nicht

die ftarre Hand, und jammernd erfahren fie und die
Eltern, wen fie unter der Bettlergeftalt im Haufe hatten.

Ihre fentimentalen Züge hat diefe Legende wohl erft
in der deutfchen Geftalt bekommen. Amiaud führt aus,
dafs fie am Ende des Mittelalters nur noch ein tkerne
pieux war, das Jeder behandelte, wie er's für gut hielt.
Er felbft hat fich die Aufgabe geftellt, der älteren Ge-
fchichte der Sage nachzugehen, und in diefem Intereffe
hat er die Vita in ihrer erften Form aus fvrifchen Handauf
. Hafenclever und Schultze mögen in einzelnen Fragen fchriften veröffentlicht. Seinen umffchtigenNachweifungen
zu weit gegangen fein, die Anerkennung, dafs fie nach : entnehme ich Folgendes: die urfprüngliche fyrifche Vita
wiffenfehaftlicher Erkenntnifs. nach einem wirklich ge- (3 Handfchriften saec. VI und V) ift bereits um 450 ver-
fchichtlichen Verftändnifs der altchriftlichen Denkmäler fafst, angeblich als das Werk eines Paramonarius d. h.

geftrebt, für deren Auslegung richtige Principien geltend
gemacht und in methodifcher Weife verwendet, mit einem
Worte, dafs fie wiffenfehaftlich gearbeitet haben, wird
ihnen jeder wiffenfehaftlich Verftändigedankbarbezeugen.
Und um die Behauptung der wiffenfehaftlichen Methode
handelt es fich jetzt vor allem in unferer jungen Wiffenfchaft
. Selbft die Art der Beweisführung Wilpert's mit den
Uebertreibungen und abfichtlichen Verfchweigungen, die
Weife der Polemik mit den ungebührlichen Ausfällen und
den Verdächtigungen der wiffenfehaftlichen Aufrichtigkeit
und des religiöfen Gefühles tritt gegen diefe Lebensfrage

Küfters von Edeffa, der den Heiligen felbft gekannt hat,
und allerdings mag der Bericht diefes Mannes die Grundlage
gebildet haben. Nach diefer Vita ift der Heilige
gar nicht nach Rom zunückgekehrt, fondern in Edeffa
geftorben, und was uns erzählt wird, ift ein einfaches
Heiligenleben, bei dem das Legendenhafte nur wenig
hervortritt, hübfeh und anfehaulich vorgetragen. Die
urfprüngliche Lebensgefchichte hat nun aber, und zwar
wahrfcheinlich in Conftantinopel (die Notiz Rom in der
Ueberfchrift der jüngeren Handfchriften ift unrichtig), vielfache
Bereicherungen erfahren, die uns in zahlreichen

zurück. Schultze giebt, nachdem er in der erften Hälfte | griechifchen und lateinifchen Handfchriften vorliegen
feiner Erwiderungsfchrift auf die Unrichtigkeiten fchon I Als endlich die Legende nach Syrien zurückkam, hat
im erften Drittel der Wilpert'fchen Schrift aufmerkfam ; man dort verbucht, die neue Relation mit der alten ausgemacht
hat, an zweiter Stelle Refultate der römifch- j zugleichen. Da ift es ohne dieftärkften Wunderlichkeiten
katholifchen Interpretation der Bildwerke; zuerft zeigt er, | nicht abgegangen. Man hatte den Heiligen mittlerweile
wie einige der römifchen Hauptlehren aus den Monumenten j in Rom enden laffen; und fo fügte es fich, dafs, da man
herausgelefen werden, fodann, ähnlich wie einft Le Blant den Tod in Edeffa nicht fallen laffen wollte, er dort
in feiner lehrreichen Vorrede zu den Sarcophagesdelaville wieder auferftanden fein mufste. Auch war er nach dem
dyArles, welche verfchiedenenBedeutungen einzelnenSym- urfprünglichen Bericht zwifchen 412—435 geftorben; die
bolen innewohnen follen. Derartige Zufammenftellungen neueErzählung verfetzte den Tod fchon in dieZeit zwifchen
beweifen in der That am eindrücklichften, bis zu welcher j 402—417. Diefe und ähnliche Widerfprüche hat der
Ueberfpannung eine vorausfetzungsreiche Unterfuchung | Bearbeiter paffiren laffen.

fortfehreiten kann,welcher die Refultate von Anfang an feft- j Amiaud's genaue Nachweifungen führen Andeutungen
flehen, welche Verwirrung eine Arbeit an den Monumenten ' von Gafton Paris in der Roitiania Tom. VIII (1879) P-
im Gefolge hat, der die archäologifche Nüchternheit und ! 163 aus.

eine gefchichtliche Betrachtungsweife fehlt. Wilpert hat
bei feinen Berichtigungen zu den Symbolen auch nicht
den Fehler der Einzelunterfuchung vermieden. Die altchriftlichen
Symbole laffen fich nur in einer Unterfuchung
über die altchriftliche Gefammtfymbolik behandeln und
diefe nur wieder nach einer Bearbeitung des gefammten
heidnifchen Materiales. Zum Schluffe erkenne ich noch
dankbar an, wie es bei dem Werthe neuer und genauer
Aufnahmen immer gefchehen ift, dafs auch diefe Schrift
Wilpert's die erfte zuverläffige Wiedergabe eines wichtigen
altchriftlichen Bildwerkes enthält, das Mittclftück vom
Sarkophage der Livia Primitiva in Paris nach einem
kapierabdrucke von Edmond Le Blant.

Halle. Johannes Ficker.

Giefsen. G. Krüger.

1. Kawerau, Prof. Dr. Guft., ,Sobald das Geld im Kasten
klingt, Die Seel aus dem Fegfeuer springt'. Ein offener
Brief an Herrn Domkapitular Joh. Rohm in Paffau.
(Freundfchaftliche Streitfragen Nr. 20.) Barmen, Wiemann
, 1890. (22 S. 8.) M. — 20.

2. Kawerau, Prof. Dr. Guft., De Digamia Episcoporum. Ein
Beitrag zur Lutherforfchung. Kiel, Homann, 1889.
(62 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Zur Lutherbiographie hat neueftens Prof. Dr. Kawerau
in Kiel zwei kleine Beiträge geliefert, in denen wir nicht