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Ausgabe:

1890

Spalte:

81-83

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harris, J. Rendel

Titel/Untertitel:

The rest of the words of Baruch: A christian apocalypse of the year 136 a. D. The text revised with an introduction 1890

Rezensent:

Schürer, Emil

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grofse Format ift wohl dem in Originalgröfse beigegebenen
Facfimile zu Liebe gewählt worden.

Berlin. O. v. Gebhardt.

Harris. Prof. J. Rendel. The rest of the words of Baruch:

A Christian apocalypse of the year 136 a. D. The
text revised with an introduction. London, C. J.
Clay & Sons, 1889. (64 S. gr. 8.) geb. 5 s.

Aufser dem griechifchen Buch Baruch und der fyri-
fchen Baruch-Apokalypfe ift uns noch ein drittes Baruch-
Apokryphum erhalten, welches aethiopifch von Dillmann
herausgegeben wurde (unter dem Titel Reliqua
vcrbomm Baruchi, in der Chrestontathza actliiopica Ups.
i866 griechifch aber fchon in einem Menamvi, Venetiis
1609, gedruckt ift und in neuerer Zeit von Ceriani nach
einer Mailänder Handfchrift in den Monumcnta sacra. et
profana t. V, 1, 1868, /. 9—18 abgedruckt wurde (unter
dem Titel Faralipomena Icremiae). Der aethiopifche
Text wurde in's Deutfche überfetzt von Prätorius
(Zeitfchr. für wifienfch. Theol. 1872, S. 230—247) und
von König (Stud. und Krit. 1877, S. 318—338). Der
griechifche Text findet fich in abgekürzter Form vielfach
auch in anderen griechifchen Menäen (Sammlungen von
Heiligen-Biographien nach dem Kalender geordnet) bis
in die neuefte Zeit herein. Pline Ausgabe, welche wiffen-
fchaftlichen Anfprüchen genügte, fehlte aber noch. Line
folche liegt nun in den obigen Publication von Harris
vor, welche mit derfelben mufterhaften Sorgfalt veran-
italtet ift, die wir fchon an feiner Ausgabe der Philo-Frag-
mente zu rühmen hatten (f. Theol. Litztg. 1886, 481).

Harris konnte für feine Ausgabe aufser dem aethio-
pifchen Text und dem Texte Ceriani s noch vier bisher
unbekannte Handfchriften der Bibliothek des
Patriarchates von Jerufalem benützen, von welchen
zwei den vollftändigen Text, zwei einen Auszug darbieten
. Von den Handfchriften des vollftändigen Textes
ift die eine (saec. XI, von Harris mit b bezeichnet) mit
der Mailänder (saec. XV, bei Harris = a) nahe verwandt;
die andere (saec. X, bei Harris = c) repräfentirt eine
felbftändige Texttradition. Diefer letztere Text ftimmt
in der Regel mit dem aethiopifchen und erweift fich als
beffer als der von a -j- b (Harris S. 29 f.). Harris giebt |
daher den Text vorwiegend nach c und aeth., was jedoch 1
nicht ausfchliefst, dafs häufig auch a + b vorgezogen
werden. Der kritifche Apparat ift augenfcheinlich mit 1
grofser Sorgfalt hergeftellt. Entgangen ift Harris eine I
Notiz von Phil. Meyer über eine der tlayytlr/.^ aynh]
zu Smvrna gehörige Handfchrift unteres Apokryphums j
(Jahrbb' für prot. Theologie 1886, S. 373—376). Die
Handfchrift flammt nach Meyer aus dem 16. Jahrhundert,
ift aber nach guter Vorlage gefchrieben. Da die von
Harris benützten Handfchriften drei Claffen repräfentiren
(aeth., c, a + b), fo ift es nicht wahrfcheinlich, dafs eine
Einfichtnahme der Smyrnaer Handfchrift zu wefentlichen
Aenderungen feines Textes Veranlaffung gegeben hätte.

Der griechifche Text umfafst bei Harris S. 47—64.
Die vorhergehenden Seiten (I— 46) find den Prolegome-
nis gewidmet. Diefe geben aufser einer ürientirung über
die Handfchriften (S. 26 ff.) und einigen Einzelunterfuch-
ungen (S. 35 fif.) vor allem auch eine Erörterung über |
die Entftehungsverhältnifse des Buches. In letzterer Hinficht
fcheint mir nun der Verf. nicht glücklich gewefen
zu fein. Um aber ein Urtheil darüber zu ermöglichen,
wird es nöthig fein, hier eine kurze Ueberficht über den
Inhalt des wenig gekannten Büchleins zu geben. Er ift
im Wefentlichen folgender.

Gott verkündigt dem Jeremia, dafs er die heilige
Stadt in die Hand der Chaldäer geben werde; Jeremia
foll daher die heiligen Tempelgeräthe vergraben und mit
dem Volk nach Babylon ziehen, den Baruch aber in
Jerufalem zurücklaffen. So gefchieht es. Jeremia ver-

: gräbt die heiligen Geräthe; die Chaldäer ziehen in die
Stadt ein und führen das Volk fammt Jeremia nach Babylon
ab, während Baruch in Jerufalem zurückbleibt
(c. 1—4). Noch vor der Kataftrophe war ein Aethiopier
Abimelech von Jeremia in den Weinberg des Agrippa
gefchickt worden, um Feigen zu holen und war dort
eingefchlafen. Nachdem er vermeintlich nur ein bischen,
1 in Wahrheit aber 66 Jahre lang gefchlafen hatte, kehrte
er in die Stadt zurück, wo er zu feinem grofsen Er-
ftaunen alles verändert fleht. Ein Greis giebt ihm Auf-
fchlufs über das, was gefchehen ift (c. 5). Abimelech
trifft dann den Baruch und diefer erhält nun von Gott
den Befehl, dem Jeremia zu fchreiben, dafs das Volk die
Fremden aus feiner Mitte entfernen folle. Dann werde
Gott es nach Jerufalem zurückführen. Der Brief des
Baruch fammt einer Probe der 66 Jahre lang frifch gebliebenen
Feigen werden durch einen Adler nach Babylon
gebracht (c. 6). Auf die Botfchaft des Adlers hin,
der fich bei feiner Ankunft in Babylon durch Auferweck -
| ung eines Todten legitimirt, führt Jeremia das Volk zu-
I rück. Diejenigen aber, welche ihre babylonifchen Weiber
nicht verlaffen wollen, werden von Jeremia nicht nach
Jerufalem hereingelaffen. Sie kehren nach Babylon zurück
, werden aber auch dort nicht mehr aufgenommen,
und gründen nun in einer Gegend nicht weit von Jeru-
: falem die Stadt Samaria (c. 7—8). Jeremia bringt in
j Jerufalem ein Opfer dar, finkt während desfelben wie
leblos zufammen, wird aber nach drei Tagen wieder
lebendig und preift nun Gott für die Erlöfung in Chrilto
Jefu. Das hierüber erbofte Volk will ihn fteinigen, kann
diefes Vorhaben aber erft ausführen, als Jeremia felbft
es zuläfst (c. 9).

Wegen der Lobpreifung Jefu Chrifti im letzten Ca-
pitel fcheint die Annahme berechtigt, dafs das Ganze
chrifUichen Urfprungs ift. Eben diefe Annahme (der ich
felbft in einer gelegentlichen Bemerkung in meiner Gefell,
des jüdifchen Volkes II, 644 gefolgt bin) fucht Harris in
eingehender Erörterung durchzuführen. Aber gerade fein
Verfuch einer gründlichen Durchführung ift geeignet,
ftarke Bedenken zu erwecken. Ein Haupt-Intereffe des
Verfaffers geht darauf, dafs die Juden kein connubiuvi mit
heidnifchen Frauen oder Männern eingehen, und fich
überhaupt von heidnifchem Wefen fern halten. Baruch
foll dem Jeremia fchreiben: ' O yevnutvog 6» vfür £tvog,
ucpogiatri'pzio . . ' O in) ucpoQtZöiterog . . oi- in) ttazfXSfj tig
oji» ncliv (6, 13—14). Jeremia belehrt das Volk," rov
unt-ytaDai £•/. ziöv u/.iaytjtinmv zur Itrröiv zr)g Baßv-
hovog (7, 32). Gott befiehlt ihm, dem Volk zu fagen:
0 ttzXwv tm> Kvgiov y.axalenpüro xa toya ztjg BaßiXwvog,
y.al zorg äogevctg zol-g laßövzag et; avxo>v yvvar/.ctg, xai zag
yvvaly.ag zixg kaßoeoctg fif aizwv aiögcig (8, 2). Beim
Uebergang über den Jordan will ,die Hälfte derer, die
geheirathet haben', ihre Weiber nicht entlaffen (8. 4).
Sie werden eben darum von Jeremia nicht nach Jerufalem
hereingelaffen (8, 5). Diefe Verabfcheuung jedes Con-
nubiums mit Heiden ift fpeeififeh jüdifch. Paulus fpricht
fich bekanntlich im 1. Korintherbrief c. 7, 12—13 wefentlich
anders aus; und der Verfaffer des erden Petrusbriefes
ermahnt die Chridinen, welche heidnifche Männer haben,
nicht etwa, dafs fie ihre Männer verlaffen, fondern dafs
fie diefelben durch muderhaften Wandel für den Glauben
gewinnen follen (3, 1). Dies alles hat Harris auch wohl
gefühlt. Um aber den chridlichen Urfprung verdändlich
zu machen, greift er zu einer fchr feltfamen Umdeutung.
Die ffi'rot, die babylonifchen Weiber und Männer, von
deren Gemeinfchaft die Juden fich losfagen follen, find
nicht etwa die Heiden, fondern die orthodoxen Juden,
welche bei ihrem Judenthum verbleiben und den Glauben
an Chridum nicht annehmen wollen (Harris S. 15). Die
Ermahnung richtet fich alfo an die Judenchriden Palä-
dina's. Sie follen von diefer Gemeinfchaft fich losfagen.
Dann werde ihnen auch das Betreten Jerufalems, welches
bekanntlich feit dem hadrianifchen Krieg den Juden ver-

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