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Ausgabe:

1890 Nr. 4

Spalte:

76-81

Autor/Hrsg.:

Codex S. Ceaddae Latinus, Evangelia SSS. Matthaei

Titel/Untertitel:

Marci, Lucae ad cap. 3. 9 complectens, circa septimum vel octavum saeculum scriptus, in ecclesia cathedrali Lichfieldiensi servatus 1890

Rezensent:

Gebhardt, Oscar

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 4.

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1886, 73. 1888, 499). Die beiden folgenden follen die
zweite Hälfte derfelben bringen. Da aber für diefe noch
einige Collationen nöthig waren, hat Niefe inzwifchen
als 5. Band die Bücher contra Apionem folgen laffen.

Die Aufgabe der Textkritik ift bei diefen leider eine
verhältnifsmäfsig einfache. Denn es giebt, wie Niefe
nachgewiefen hat, überhaupt nur eine in Betracht
kommende griechifche Handfchrift, den Lauren-
Hanns plut. 69 cod. 22, saec. XI. Der Text hat hier im
zweiten Buche (II, 5—9 nach der gewöhnlichen Capitel-
Eintheilung) eine grofse Lücke, die aber fchon in der
Vorlage der Handfchrift vorhanden gewefen war. Die
Exiftenz der Lücke wird in der Handfchrift durch eine
Randbemerkung conftatirt; ihren Umfang können wir
durch die alte lateinifche Ueberfetzung feftftellen. Eine
Collation diefes Laurentianus, welche für Bigotius angefertigt
worden war, ift fchon in Hudfon's Ausgabe benützt
. Für die von Gutfchmid beabfichtigte Ausgabe
beforgte Erwin Rohde eine Collation. Niefe hat aber
die ganze Handfchrift auch felbft wieder verglichen.

Aus diefem Laurentianus flammen nun alle anderen
vorhandenen Handfchriften, nämlich: 2) Hafniensis saec.
XV, 3) Schleusingensis saec. XVI, 4) Parzsmus saec. XVI,
5) Laurentianus plut. 28 cod. 29. Sie haben alle nicht nur
die grofse Lücke, fondern auch die übrigen Text-Eigen-
thümlichkeiten mit dem Laurentianus saec. XI gemeinfam,
und weichen von ihm nur durch eigene neue Fehler ab.
Ja an einer Stelle fehlt in allen vier fpäteren Handfchriften
genau eine Zeile des Laurentianus, die ohne
Zweifel durch Abirren des Auges beim Abfchreiben des
Laurentianus ausgefallen ift. Eben damit ift zugleich
der Beweis geliefert, dafs die vier Handfchriften nicht
felbftändige Copien des Laur. find, fondern Copien einer
Abfchrift desfelben. Niefe hält es für wahrfcheinlich,
dafs der Hafnienfis die Vorlage der übrigen gebildet hat.
Die editio princeps ift nach Gutfehmid's Vermuthung aus
dem Schleufingenfis genoffen (Niefe proleg. p. X sq.).

Eine werthvolle Ergänzung des textkritifchen Apparates
bieten die umfangreichen Citate bei Eufebius,
namentlich in der Praeparatio evangelica (Buch VIII—X),
einige auch in der Kirchengefchichte und in der Chronik.
Für die Fragmente in der Praep. evang. hat fich Niefe
nicht mit Gaisford's Ausgabe begnügt, fondern fich von
einigen Haupthandfchriften Collationen verfchafft {Parisinus
gr. 465, Laurentianus plut. 6 cod. 9, Venetus gr. 341
— der berühmte Arethas-Codex Parisin. 451 enthält nur
die fünf erften Bücher der Praep. evang., kommt daher
für die Citate aus Jofephus nicht in Betracht). Das Ver-
hältnifs unferes, im Laurentianus überlieferten, Jofephus-
Textes zu dem des Eufebius wird von Niefe fehr eingehend
erörtert {proleg. p. XI—XXI). Das Refultat ift
für den Laurentianus fehr ungünftig. Sein Text erweift
fich vielfach als ein ftark emendirter, während Eufebius
vorwiegend die beffere Ueberlieferung darftellt. An
einigen Punkten ift die Unterfuchung allerdings ziemlich
complicirt, da die Eufebius-Handfchriften felbft ftark auseinander
gehen. Niefe glaubt nachweifen zu können, dafs
eine der Eufebius-Handfchriften (der Venetus) an manchen
Stellen bereits einen nach dem Laurentianus corri-
girten Text gebe. Die umfafftnde Unterfuchung von
Heikel über die Handfchriften der Praeparatio (Heikel,
De praeparationis evangelicae Eusebii edendae ratione,
Helsingforsiae 1888; vgl. Theol. Litztg. 1888, 345. 349)
fcheint Niefe entgangen zu fein.

Der dritte Hauptzeuge für den Text unferes Werkes
ift die alte lateinifche Ueberfetzung, welche auf
Veranftaltung des Caffiodorus, alfo im 6. Jahrhundert,
angefertigt ift {Cassiodor. de institutione■ div. lit. c. 17). Sie
ift für das grofse Stück, welches im griechifchen Texte
fehlt (II, 5—9), unfer einziger Zeuge, da auch Eufebius
hier im Stiche läfst. Die Handfchriften derfelben zerfallen
in zwei Claffen: eine, welche den vollftändigen
Text bietet, und eine, welche am Ende des erften und

Anfang des zweiten Buches eine grofse Lücke hat. Zur
erften Claffe gehören der Bodleianus Canonicianus n. 148
(von welchem Niefe eine von Gutfchmid angefertigte
Collation benützen konnte) und der Corsinianus n. 839
(von welchem Niefe eine von Kukula gemachte Collation
hatte). Zur anderen Claffe gehört der Laurentianus
plut. 66 cod. 2 (von welchem Niefe eine in Gutfchmid's
Auftrag gemachte Collation zur Verfügung ftand). Einige
andere find fporadifch herangezogen. — Ueber den Werth
der lateinifchen Ueberfetzung urtheilt Niefe, dafs ihr Text,
wie an Alter fo auch an Güte in der Mitte ftehe zwifchen
Eufebius und Laurentianus {p. XXII: Iiis tot exemplis de-
monstratur L^atinum ut aetate sie gradu et virtute medium
quendam inter Laurentianum et Eusebium locum cepisse,
ut huic quidem cedat, Laurentianum vero integritate et virtute
superet). Freilich gilt dies Urtheil nicht vom Lateiner
felbft, fondern von dem griechifchen Text, welcher dem
Lateiner vorgelegen hat. Die Ueberfetzung ift mit wenig
Sorgfalt gemacht, fo dafs wir für diejenigen Stücke,
welche wir nur lateinifch haben, übel berathen find.

Am Schluffe der Prologomenap. XXV sq. giebt Niefe
auch eine kurze Ueberficht der bisherigen Ausgaben.
Die von Gutfchmid geplante ift nicht über mancherlei
Vorarbeiten hinausgekommen. Sehr hart — aber freilich
nicht unberechtigt — ift Niefe's Urtheil über die Arbeit
von J. G. Müller (1877), deffen zwar fleifsige aber unglaublich
nachläffige Stofffammlung uns doppelt bedauern
läfst, dafs Gutfchmid nicht dazu gekommen ift,
diefe intereffante Schrift des Jofephus mit einem fachlichen
Commentar auszurüften. Die mannigfaltigen
Gegenftände derfelben wird nicht leicht wieder ein Hifto-
riker fo gleichmäfsig und mit folcher Meifterfchaft be-
herrfchen, wie es Gutfchmid gethan hat.

Giefsen. E. Schür er.

1. Old-Latin Biblical Texts: No. III. The four Gospels from
the Munich ms. (q) now numbered Lat. 6224 011 the
royal library at Munich, with a fragment from St.
John in the Hof-Bibliothek at Vienna (Cod. Lat. 502),
edited, with the aid of Tifchendorf's transcript (under
the direction of the Bishop of Salisbury) by Henry
J. White, M. A. With a facsimile. Oxford, at the
Clarendon Press, 1888. (LVI, 166 S. 4.) 12 s. 6 d.

| 2. Le Palimpseste de Fleury. Fragments du Nouveau Testament
en Latin publies par Samuel Berger. (Revue
de Theologie et de Philosophie et Compte rendu des
principales publications scientifiques sous la direction
de M. H. Vuilleumier et de M. J.-F. Astie. Vingt
et unieme annee. Lausanne 1888, p. 545—582, mit
1 Taf. 8.)

3. Stutgardiana versionis sacrarum scripturarum Latinae an-
tehieronymianae fragmenta edidit atque adnotationibus
criticis instruxit Ernestus Ranke. Praecedit eiusdem
Carmen gratulatorium Bononiensi Universitati nomine
Rectoris atque Senatus Academici Marburgensis dedi-
catum. Wien, Braumüller, 1888. (VIII, 28'S., 2 Taf.
gr. 4.) M. 2. -

Codex S. Ceaddae Latinus, Evangelia SSS. Matthaei, Marci,
Lucae ad cap. III. 9 complectens, circa septimum vel
octavum saeculum scriptus, in ecclesia cathedrali Lich-
fieldiensi servatus. Cum codice versionis vulgatae
Amiatino contulit, prolegomena conscripsit F. H. A.
Scrivener, A. M., D. C. L., LL. D. Hendoni apud
Trinobantes Vicarius, Ecclesiae Cathedralis Exoniensis
Prebendarius, Collegii SS. Trinitatis apud Cantabri-