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Ausgabe:

1890 Nr. 26

Spalte:

645-648

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sack, Israel

Titel/Untertitel:

Die altjüdische religion im Uebergange vom Bibelthume zum Talmudismus 1890

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 26.

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Beide, fowohl der Strateg von Machaerus als die Stra- j fliefsend, wenn auch nicht frei von fhlifhfchen Fehlern,
tegen des Araberkönigs, gehorchten den Anordnungen Das hiftorifche Bild, wie es der Verfaffer .eefchaut' hat

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der Frau und unterflützten ihre Reife. Die Lesart rote
— ifroTElfj ift lediglich eine Conjectur der editio prin-
ceps, die von jeder handfchriftlichen Bezeugung verlaffen
ift. Und daraufhin hat man mühfame Combinationen
aufgeteilt und umfangreiche hiftorifche Controverfen gepflogen
!

In den Erörterungen über die Lage von Tiberias
und anderen Städten am See Genezareth ift neuerdings
mehrfach die Behauptung aufgeftellt worden, dafs die
warmen Quellen, welche Jofephus Vita 16 und Bell. lud.
II. 21,6 erwähnt, andere feien als die von ihm Antt. XVIII,
2, 3 und Bell. lud. IV, i, 3 erwähnten. Erftere hätten
in Tiberias («V TißsQiddi) gelegen, letztere aber bei einem
Orte Emmaus oder Ammaus, welcher nicht identifch fein
könne mit Hamatha, dem rabbinifchen Namen der
Thermen von Tiberias. Diefe Identität fei fchon der
verfchiedenen Namensform wegen nicht möglich. Nun
war aber bereits aus den Collationen Hudfon*s, Haver-
kamp's und Cardwell's bekannt, dafs an beiden Stellen
(Antt. XVIII, 2, 3; Bell. lud. IV, I, 3) einzelne Handfchriften
Au.uaitnvg haben; und nach Niefe's Apparat
zu Antt. XVIII, 2, 3 kann kein Zweifel fein, dafs er diefe
Form mit Recht in den Text aufgenommen hat (nur
eine Handfchrift hat aufiaovg, zwei Handfchriften ctfifia-
Itm g, die Epitome und der alte Lateiner ctfiaOovg). Das
Bedenken wegen der Namensform ift damit erledigt.
Aufserdem möchte ich nochmals daran erinnern, dafs es
lediglich auf Unkenntnifs der Thatfachen beruht, wenn
man aus dem iv Tißegtddi gefchloffen hat, dafs die
Quellen innerhalb der Stadtmauer gelegen haben müffen.
Jenes heifst weiter nichts als ,im Gebiet von Liberias'
und kann fehr wohl gefagt werden, auch wenn die
Quellen eine Stunde von der Stadt entfernt waren (f. die
Bcweife in meiner Gefchichte II, 127). Ich halte es daher
für zweifellos, dafs an allen vier Stellen diefelben Thermen
gemeint find, nämlich die noch heute etwa lj2 bis
3'4 Stunden füdlich von Tiberias liegenden; und dafs
das alte Tiberias an derfelben Stelle lag wie das heutige

entrollt fich anfehaulich vor dem Blick des Lefers.

Der Ausgangspunkt ift das babylonifche Exil. Von
da an verfolgen wir die innere Entwickelung des jüdifchen
Volkes bis zur Begründung des Talmud, d. h. bis zum
Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Chr. Im Zufam-
menhang mit der inneren Entwickelung werden auch die
Hauptwendepunkte der politifchen Gefchichte behandelt.
Als den treibenden Factor der ganzen Entwickelung betrachtet
der Verfaffer den Gegenfatz der priefterlichen
und der prophetifchen Richtung. Der alte Streit beider,
den die Exulanten mit in's Exil nahmen, drehte fich ,um
die echte Thora, ob die Jehovaverehrung hauptfächlich
im Opfercult und Priefterwefen oder in Tugend,
gegenfeitiger Liebesbethätigung und im Walten
des Rechts beftehe' (S. 29, sie! Die zuletzt genannten
Punkte find alfo die charakteriftifchen Merkmale der
prophetifchen Richtung!). Die priefterliche Partei fand
im Exil einen feften Anhalt an Ezechiel (S. 30ff.); die
prophetifche an Deutero-Jefaja, für welchen ,die
ethifche Religiofität Ifrael's die Hauptfache' ift. ,Er fieht
deffen Beftimmung nur in der Handhabung von Tugend,
Menfchenliebe und Gerechtigkeit' (S. 38). Durch den
Kampf beider Parteien ift nun die weitere Entwickelung
beftimmt. Beide haben fich unter den wechfelnden Ver-
hältnifsen fehr mannigfaltig geftaltet, umgebildet, modi-
ficirt. Sie haben fich bald fchroff bekämpft, bald wieder
einander genähert. Von jeder hat lieh wieder diefe oder
jene Sonderrichtung abgezweigt; und indem diefe wieder
Compromiffe gefchloffen oder einzelne Elemente von
einander aufgenommen haben, find wieder neue Bildungen
entftanden. Immer aber ift es der Widerftreit
beider Strömungen, der die Entwickelung beftimmt.

Eine wichtige Einrichtung nach dem Exil war die
Gründung der grofsen Synagoge. ,Wir befitzen nämlich
,eine, wenn auch mangelhafte Tradition, dafs in der
folgenden Zeit bis in's dritte Jahrhundert v. Chr. hinein
,ein Collegium unter dem Namen: „Die Männer der
,grofsen Synagoge" in Jerufalem funktionirte, und fo

Ueber das berühmte ,Zeugnifs' des Jofephus von J ,können wir mit Sicherheit annehmen, dafs diefe

Chrifto (Antt. XVIII, 3, 3) bringt Niefe's Ausgabe keine
neuen Auffchlüffe. Dafs es in den wenigen und verhält-
nifsmäfsig jungen Handfchriften, die wir haben, überall
fteht, kann nicht auffallen, da ja fchon Eufebius die
Stelle in feinem Jofephustexte gelefen hat.

j^jej E. Schürer.

Sack, Israel, Die altjü'dische Religion im Uebergange vom
Bibelthume zum Talmudismus. Berlin, Dümmler's Verl.,
1889. (XVI, 612 S. 8.) M. 7. —

.Diegefchichtliche Kritik bedarf der Intuition',
diefes Wort Abraham Geiger's wird S. 15 vom Verf. beifällig
citirt; und im Geifte A. Geiger's ift fein ganzes
Buch gefchrieben. Der jüdifche Talmudismus und die
chriftliche Dogmatik find ihm gleich antipathifch. Er

macht fich zur Regel, von feiner Forfchung jeden Ein- I derfelben zur Folcre (S r?a ff>

r-__ _.. i n___u„._____A.xf:_ t4.. t r , fnVanfigenten der

,Inftitution ebenfalls eine Schöpfung Efra's und Nehe-
,mia's und in der Conftitution mit enthalten war, die der
König fanetionirte' (S. 100). Ich führe diefen Satz wörtlich
an, weil er für die ,kritifche' Methode des Verfaffers
charakteriftifch ift. Auf Grund einer ,mangelhaften Tradition
' nimmt er ,mit Sicherheit' etwas an, was felbft
diefe mangelhafte Tradition nicht fagt! Und er durch-
fchaut auch noch den Zweck der ganzen Einrichtung.
,Durch die Schaffung diefes Regierungsraths wurde der
,Willkür des Hohepriefters in der Verwaltung eine hohe
,Schranke gefetzt, wenngleich er demfelben, wie es
,anders nicht fein konnte, präfidirte' (S. 100). In diefem
Stil geht nun die Gefchichtfchreibung weiter. Die Männer
der grofsen Synagoge find die eigentlichen Schöpfer
des Pentateuches, in welchen die Thoroth beider Parteien
Aufnahme fanden (S. 104 fr.). Der dadurch herbeigeführte
Friede zwifchen beiden Parteien hatte eine Umbildung

flufs der jüdifchen oder chriftlichen Dogmatik fern zu Prophetenpartei oder der Jehovafürchtigen' fchloffen den

halten und die Dinge einzig und allein aus dem Stand- Verein der .Frommen' (Chafidim), welche die in der

punkt aefchichtlicher Kritik zu betrachten' (S. 466). Thora enthaltenen Opfervorfchrifte n verwarfen

Aber -1 die oefchichtliche Kritik bedarf der Intuition! (S. 127). Diefe kühne Behauptung, dafs die Chafidim den

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Von diefem Mittel macht unfer Verfaffer einen womöglich
noch reichlicheren Gebrauch als fein Meiner. Mit
fouveräner Freiheit werden die Quellen behandelt; gut
verbürgte Nachrichten als Legenden verworfen; werthlofe,
fpät-rabbinifche Meinungen als fefte Fundamente für den
Aufbau des hiftorifchen Gebäudes verwendet — alles in
durchaus zwanglofer Auswahl, je nachdem es dem Gefüge
des durch .Intuition' gewonnenen Ganzen willig dient
oder nicht. Dabei wird der Leier nicht durch allzuviel

priefterlichen Opfercult, infonderheit die Thieropfer, verwarfen
und ihn durch blutlofe Ceremonien, z. B. die
Wafferlibation beim Laubhüttenfeft, erfetzen wollten, ift
ein Fundament der folgenden Darftellung (S. 231, 246,
248). Sie ift die eigenfte Erfindung des Verfaffers und
beruht auf der .Intuition', dafs die Chafidim mit den
fpäteren Effäern identifch find. In Wahrheit wiffen wir
von den Chafidim umgekehrt, dafs fie das legitime
Priefterthum des Haufes Aaron, alfo doch gewifs auch

gelehrtes Beiwerk ermüdet. Die Darftellung ift glatt und I deffen Cultus, anerkannten (I Makk. 7, 13—14).